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Kollektivvertrag für Startups -- Was du wissen musst

Felix Lenhard 11 min Lesezeit
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Kollektivvertrag für Startups -- Was du wissen musst

"Wir sind ein Startup, da gilt kein Kollektivvertrag" -- diesen Satz höre ich leider viel zu oft. Die Wahrheit: In Österreich sind rund 98% aller Arbeitsverhältnisse von einem Kollektivvertrag erfasst. Und ja, das betrifft auch dein Startup.

In diesem Beitrag erkläre ich dir, wie du den richtigen Kollektivvertrag findest, was er für dein Startup bedeutet und wie du ihn sogar als Vorteil nutzen kannst.

Was ist ein Kollektivvertrag?

Ein Kollektivvertrag (KV) ist eine Vereinbarung zwischen der Arbeitgeberseite (Wirtschaftskammer) und der Arbeitnehmerseite (Gewerkschaft). Er regelt:

  • Mindestgehälter -- unter die du nicht gehen darfst
  • Sonderzahlungen -- Urlaubs- und Weihnachtsgeld
  • Arbeitszeit -- Normalarbeitszeit und Überstundenzuschläge
  • Kündigungsfristen -- teilweise abweichend vom Gesetz
  • Reisekosten und Zulagen -- je nach Branche
  • Weiterbildungsansprüche -- in manchen KVs geregelt

Warum der KV auch für dein Startup gilt

Die Zugehörigkeit zum Kollektivvertrag richtet sich nicht nach deiner Selbstbezeichnung als "Startup", sondern nach deiner Mitgliedschaft in der Wirtschaftskammer. Und die ist in Österreich für fast alle Unternehmen Pflicht.

Sobald du ein Gewerbe anmeldest, wirst du Mitglied der WKO. Deine Fachgruppenzugehörigkeit bestimmt, welcher KV für dich gilt.

Wichtig: Der KV gilt automatisch -- du musst ihn nicht "anwenden" oder "unterschreiben". Er gilt kraft Gesetz.

Den richtigen KV finden

Schritt 1: Fachgruppenzugehörigkeit prüfen

Dein Gewerbeschein bestimmt deine Fachgruppe. Die gängigsten für Startups:

Startup-TypTypische FachgruppeKollektivvertrag
SaaS / SoftwareUBIT (Unternehmensberatung, Buchhaltung und IT)KV für Angestellte im UBIT
E-Commerce / HandelHandelKV für Handelsangestellte
Gastronomie / FoodGastronomieKV für Hotel- und Gastgewerbe
Produktion / HardwareGewerbe und HandwerkVerschiedene KVs je nach Branche
Medien / ContentWerbung und MarktkommunikationKV für Werbung und Marktkommunikation

Schritt 2: Verwendungsgruppe bestimmen

Innerhalb des KV gibt es verschiedene Verwendungsgruppen (auch Beschäftigungsgruppen genannt). Die Einstufung richtet sich nach der tatsächlichen Tätigkeit, nicht nach dem Jobtitel.

Beispiel KV UBIT (IT-Bereich):

StufeBeschreibungMindestgehalt 2027 (ca.)
ST1Einfache Tätigkeiten, Berufseinsteiger2.783 EUR
ST2Qualifizierte Tätigkeiten mit Erfahrung3.180 EUR
SpezTSpezialtätigkeiten, Experten3.495 EUR

Hinweis: Die genauen Beträge können sich durch jährliche KV-Verhandlungen ändern. Prüfe immer die aktuelle Version.

Schritt 3: Vorrückungen beachten

In vielen KVs gibt es Biennalsprünge -- automatische Gehaltserhöhungen nach einer bestimmten Anzahl von Berufsjahren. Das bedeutet: Deine Personalkosten steigen automatisch, auch ohne individuelle Gehaltsverhandlungen.

Die häufigsten KVs für Startups im Detail

KV UBIT (IT und Beratung)

Der mit Abstand häufigste KV für Tech-Startups. Wichtige Eckpunkte:

  • Normalarbeitszeit: 38,5 Stunden/Woche
  • Sonderzahlungen: 13. und 14. Gehalt (je ein Monatsgehalt)
  • Überstundenzuschläge: 50% (Normalfall), 100% (Sonn- und Feiertag)
  • All-in-Verträge: Möglich, Deckungsprüfung erforderlich
  • Reisekostenregelung: Im KV geregelt

Mehr zur Gestaltung deines Arbeitsvertrags findest du im vorherigen Beitrag.

KV Handel

Relevant für E-Commerce-Startups:

  • Normalarbeitszeit: 38,5 Stunden/Woche
  • Besonderheit: Öffnungszeitenregelung, Samstagszuschläge
  • Mindestgehälter: Differenziert nach Beschäftigungsgruppen und Berufsjahren
  • Lehrlinge: Eigene Lehrlingsentschädigung

KV Werbung und Marktkommunikation

Für Marketing- und Kreativ-Startups:

  • Normalarbeitszeit: 38,5 Stunden/Woche
  • Besonderheit: Kreativzuschläge, Regelungen zu Überstunden bei Projektarbeit
  • Flexibilität: Relativ startup-freundliche Regelungen

Was der KV für deine Gehaltsstruktur bedeutet

Mindestgehälter einhalten

Du darfst niemals unter dem KV-Mindestgehalt zahlen. Das gilt auch, wenn dein Mitarbeiter freiwillig zustimmt. Ein Verzicht auf KV-Ansprüche ist unwirksam.

Überzahlung als Gestaltungsinstrument

Die meisten Startups zahlen über dem KV-Minimum -- und das ist gut so. Die Differenz zwischen KV-Minimum und tatsächlichem Gehalt nennt man Überzahlung oder Ist-Gehalt.

Vorteil der Überzahlung:

  • Bei KV-Erhöhungen wird die Überzahlung oft "aufgesogen" -- dein Gesamtaufwand steigt weniger stark
  • Du hast Spielraum für individuelle Leistungsanreize
  • Dein Gehaltsangebot ist attraktiver als der Mindestlohn

Rechenbeispiel: KV-Erhöhung und Aufsaugung

PositionBetrag
KV-Mindestgehalt alt2.783 EUR
Ist-Gehalt (vereinbart)3.500 EUR
Überzahlung717 EUR
KV-Erhöhung (z.B. 4%)+111 EUR auf KV-Minimum
Neues KV-Minimum2.894 EUR
Ist-Gehalt (unverändert)3.500 EUR
Neue Überzahlung606 EUR

Achtung: Ob die KV-Erhöhung auf das Ist-Gehalt durchschlägt oder nur auf das KV-Minimum, hängt vom konkreten KV ab. In vielen KVs gibt es Ist-Gehaltsklauseln, die eine Erhöhung des tatsächlichen Gehalts vorschreiben.

Sonderzahlungen -- 13. und 14. Gehalt

In Österreich sind Urlaubs- und Weihnachtsgeld Standard. Die meisten KVs sehen je ein volles Monatsgehalt als 13. und 14. Gehalt vor.

Steuerlicher Vorteil

Sonderzahlungen werden in Österreich begünstigt besteuert -- mit einem festen Steuersatz von 6% (bis zur Jahressechstelgrenze). Das macht sie für Arbeitnehmer besonders attraktiv.

Fälligkeit

  • Urlaubsgeld (13. Gehalt): In der Regel vor Beginn des Haupturlaubs (oft im Juni/Juli)
  • Weihnachtsgeld (14. Gehalt): In der Regel im November/Dezember

Budgetplanung: Rechne diese Sonderzahlungen von Anfang an in deine Personalkosten ein. Es sind nicht 12, sondern 14 Monatsgehälter pro Jahr. Mehr zur Lohnverrechnung für Startups findest du in einem eigenen Beitrag.

KV-Fallen für Startups

Falle 1: Falscher KV angewendet

Dein Startup bietet SaaS an, aber du hast einen Handelsbetrieb angemeldet? Dann gilt der Handels-KV, nicht der UBIT-KV -- auch wenn du eigentlich Software entwickelst. Die Fachgruppenzugehörigkeit entscheidet, nicht die tatsächliche Tätigkeit.

Lösung: Prüfe deine WKO-Zugehörigkeit und lass dich gegebenenfalls umgruppieren.

Falle 2: Falsche Einstufung der Mitarbeiter

Ein Junior-Developer in ST1, obwohl er eigentlich qualifizierte Tätigkeiten ausführt? Das kann teuer werden, wenn der Mitarbeiter die korrekte Einstufung einfordert -- rückwirkend.

Lösung: Stufe nach der tatsächlichen Tätigkeit ein, nicht nach dem Gehalt, das du zahlen willst.

Falle 3: Vorrückungen vergessen

Wenn dein Mitarbeiter nach 2 Jahren in die nächste Gehaltsstufe vorrückt, musst du das KV-Minimum entsprechend anpassen. Vergisst du das, entsteht eine Nachzahlungspflicht.

Falle 4: Überstundenpauschale ohne Deckung

Viele Startups vereinbaren eine Überstundenpauschale oder All-in. Wenn die tatsächlichen Überstunden die Pauschale übersteigen, musst du nachzahlen -- inklusive Zuschläge.

Der KV als Wettbewerbsvorteil

Klingt paradox? Ist es aber nicht:

1. Transparente Gehaltsstruktur

Der KV gibt dir ein Rahmenwerk für faire Gehälter. Du musst nicht jedes Gehalt einzeln verhandeln, sondern kannst dich am KV orientieren und eine klare Überzahlungspolitik festlegen.

2. Rechtssicherheit

Wenn du den KV einhältst, bist du auf der sicheren Seite. Das spart dir Rechtsstreitigkeiten und Nachzahlungen.

3. Employer Branding

"Wir zahlen über KV" ist ein starkes Signal an Bewerber. Es zeigt, dass du faire Arbeitsbedingungen bietest und den gesetzlichen Rahmen ernst nimmst.

4. Verhandlungsbasis

Der KV ist eine objektive Grundlage für Gehaltsverhandlungen. Statt willkürlicher Zahlen kannst du sagen: "Deine Einstufung ist ST2, und wir zahlen 15% über KV."

Praktische Tipps für den Alltag

  1. KV-Text besorgen: Lade den aktuellen KV-Text von der WKO-Website herunter
  2. Jährliche Updates: KVs werden jährlich verhandelt -- prüfe Anfang jedes Jahres die neuen Mindestgehälter
  3. Lohnverrechnungsbüro einbinden: Ein gutes Lohnverrechnungsbüro kennt deinen KV und prüft automatisch die korrekte Einstufung
  4. Betriebsvereinbarungen: Ab 5 Mitarbeitern kann ein Betriebsrat gegründet werden -- informiere dich rechtzeitig
  5. WKO-Beratung nutzen: Die WKO bietet kostenlose Beratung zu KV-Fragen

Zusammenfassung

Der Kollektivvertrag ist kein Hindernis für dein Startup, sondern ein Rahmenwerk, das Klarheit schafft. Wenn du ihn verstehst und richtig anwendest, wird er vom vermeintlichen Bürokratiemonster zum verlässlichen Werkzeug.

Die wichtigsten Punkte:

  • Finde deinen KV über deine WKO-Fachgruppenzugehörigkeit
  • Stufe korrekt ein -- nach tatsächlicher Tätigkeit
  • Zahle über KV -- das gibt dir Flexibilität und macht dich attraktiv
  • Plane 14 Gehälter -- Sonderzahlungen nicht vergessen
  • Prüfe jährlich -- KV-Erhöhungen und Vorrückungen berücksichtigen

Was du jetzt tun kannst

Bei Startup Burgenland unterstützen wir dich bei der Auswahl und Anwendung des richtigen Kollektivvertrags für dein Startup. Hol dir jetzt den Gründungszuschuss und mach dein HR-Management zum Wettbewerbsvorteil.

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Dieser Beitrag ist Teil der Serie "Arbeitsrecht und HR in Österreich" auf Startup Burgenland. Alle Beiträge findest du in unserem Blog.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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