Kollektivvertrag für Startups -- Was du wissen musst
"Wir sind ein Startup, da gilt kein Kollektivvertrag" -- diesen Satz höre ich leider viel zu oft. Die Wahrheit: In Österreich sind rund 98% aller Arbeitsverhältnisse von einem Kollektivvertrag erfasst. Und ja, das betrifft auch dein Startup.
In diesem Beitrag erkläre ich dir, wie du den richtigen Kollektivvertrag findest, was er für dein Startup bedeutet und wie du ihn sogar als Vorteil nutzen kannst.
Was ist ein Kollektivvertrag?
Ein Kollektivvertrag (KV) ist eine Vereinbarung zwischen der Arbeitgeberseite (Wirtschaftskammer) und der Arbeitnehmerseite (Gewerkschaft). Er regelt:
- Mindestgehälter -- unter die du nicht gehen darfst
- Sonderzahlungen -- Urlaubs- und Weihnachtsgeld
- Arbeitszeit -- Normalarbeitszeit und Überstundenzuschläge
- Kündigungsfristen -- teilweise abweichend vom Gesetz
- Reisekosten und Zulagen -- je nach Branche
- Weiterbildungsansprüche -- in manchen KVs geregelt
Warum der KV auch für dein Startup gilt
Die Zugehörigkeit zum Kollektivvertrag richtet sich nicht nach deiner Selbstbezeichnung als "Startup", sondern nach deiner Mitgliedschaft in der Wirtschaftskammer. Und die ist in Österreich für fast alle Unternehmen Pflicht.
Sobald du ein Gewerbe anmeldest, wirst du Mitglied der WKO. Deine Fachgruppenzugehörigkeit bestimmt, welcher KV für dich gilt.
Wichtig: Der KV gilt automatisch -- du musst ihn nicht "anwenden" oder "unterschreiben". Er gilt kraft Gesetz.
Den richtigen KV finden
Schritt 1: Fachgruppenzugehörigkeit prüfen
Dein Gewerbeschein bestimmt deine Fachgruppe. Die gängigsten für Startups:
| Startup-Typ | Typische Fachgruppe | Kollektivvertrag |
|---|---|---|
| SaaS / Software | UBIT (Unternehmensberatung, Buchhaltung und IT) | KV für Angestellte im UBIT |
| E-Commerce / Handel | Handel | KV für Handelsangestellte |
| Gastronomie / Food | Gastronomie | KV für Hotel- und Gastgewerbe |
| Produktion / Hardware | Gewerbe und Handwerk | Verschiedene KVs je nach Branche |
| Medien / Content | Werbung und Marktkommunikation | KV für Werbung und Marktkommunikation |
Schritt 2: Verwendungsgruppe bestimmen
Innerhalb des KV gibt es verschiedene Verwendungsgruppen (auch Beschäftigungsgruppen genannt). Die Einstufung richtet sich nach der tatsächlichen Tätigkeit, nicht nach dem Jobtitel.
Beispiel KV UBIT (IT-Bereich):
| Stufe | Beschreibung | Mindestgehalt 2027 (ca.) |
|---|---|---|
| ST1 | Einfache Tätigkeiten, Berufseinsteiger | 2.783 EUR |
| ST2 | Qualifizierte Tätigkeiten mit Erfahrung | 3.180 EUR |
| SpezT | Spezialtätigkeiten, Experten | 3.495 EUR |
Hinweis: Die genauen Beträge können sich durch jährliche KV-Verhandlungen ändern. Prüfe immer die aktuelle Version.
Schritt 3: Vorrückungen beachten
In vielen KVs gibt es Biennalsprünge -- automatische Gehaltserhöhungen nach einer bestimmten Anzahl von Berufsjahren. Das bedeutet: Deine Personalkosten steigen automatisch, auch ohne individuelle Gehaltsverhandlungen.
Die häufigsten KVs für Startups im Detail
KV UBIT (IT und Beratung)
Der mit Abstand häufigste KV für Tech-Startups. Wichtige Eckpunkte:
- Normalarbeitszeit: 38,5 Stunden/Woche
- Sonderzahlungen: 13. und 14. Gehalt (je ein Monatsgehalt)
- Überstundenzuschläge: 50% (Normalfall), 100% (Sonn- und Feiertag)
- All-in-Verträge: Möglich, Deckungsprüfung erforderlich
- Reisekostenregelung: Im KV geregelt
Mehr zur Gestaltung deines Arbeitsvertrags findest du im vorherigen Beitrag.
KV Handel
Relevant für E-Commerce-Startups:
- Normalarbeitszeit: 38,5 Stunden/Woche
- Besonderheit: Öffnungszeitenregelung, Samstagszuschläge
- Mindestgehälter: Differenziert nach Beschäftigungsgruppen und Berufsjahren
- Lehrlinge: Eigene Lehrlingsentschädigung
KV Werbung und Marktkommunikation
Für Marketing- und Kreativ-Startups:
- Normalarbeitszeit: 38,5 Stunden/Woche
- Besonderheit: Kreativzuschläge, Regelungen zu Überstunden bei Projektarbeit
- Flexibilität: Relativ startup-freundliche Regelungen
Was der KV für deine Gehaltsstruktur bedeutet
Mindestgehälter einhalten
Du darfst niemals unter dem KV-Mindestgehalt zahlen. Das gilt auch, wenn dein Mitarbeiter freiwillig zustimmt. Ein Verzicht auf KV-Ansprüche ist unwirksam.
Überzahlung als Gestaltungsinstrument
Die meisten Startups zahlen über dem KV-Minimum -- und das ist gut so. Die Differenz zwischen KV-Minimum und tatsächlichem Gehalt nennt man Überzahlung oder Ist-Gehalt.
Vorteil der Überzahlung:
- Bei KV-Erhöhungen wird die Überzahlung oft "aufgesogen" -- dein Gesamtaufwand steigt weniger stark
- Du hast Spielraum für individuelle Leistungsanreize
- Dein Gehaltsangebot ist attraktiver als der Mindestlohn
Rechenbeispiel: KV-Erhöhung und Aufsaugung
| Position | Betrag |
|---|---|
| KV-Mindestgehalt alt | 2.783 EUR |
| Ist-Gehalt (vereinbart) | 3.500 EUR |
| Überzahlung | 717 EUR |
| KV-Erhöhung (z.B. 4%) | +111 EUR auf KV-Minimum |
| Neues KV-Minimum | 2.894 EUR |
| Ist-Gehalt (unverändert) | 3.500 EUR |
| Neue Überzahlung | 606 EUR |
Achtung: Ob die KV-Erhöhung auf das Ist-Gehalt durchschlägt oder nur auf das KV-Minimum, hängt vom konkreten KV ab. In vielen KVs gibt es Ist-Gehaltsklauseln, die eine Erhöhung des tatsächlichen Gehalts vorschreiben.
Sonderzahlungen -- 13. und 14. Gehalt
In Österreich sind Urlaubs- und Weihnachtsgeld Standard. Die meisten KVs sehen je ein volles Monatsgehalt als 13. und 14. Gehalt vor.
Steuerlicher Vorteil
Sonderzahlungen werden in Österreich begünstigt besteuert -- mit einem festen Steuersatz von 6% (bis zur Jahressechstelgrenze). Das macht sie für Arbeitnehmer besonders attraktiv.
Fälligkeit
- Urlaubsgeld (13. Gehalt): In der Regel vor Beginn des Haupturlaubs (oft im Juni/Juli)
- Weihnachtsgeld (14. Gehalt): In der Regel im November/Dezember
Budgetplanung: Rechne diese Sonderzahlungen von Anfang an in deine Personalkosten ein. Es sind nicht 12, sondern 14 Monatsgehälter pro Jahr. Mehr zur Lohnverrechnung für Startups findest du in einem eigenen Beitrag.
KV-Fallen für Startups
Falle 1: Falscher KV angewendet
Dein Startup bietet SaaS an, aber du hast einen Handelsbetrieb angemeldet? Dann gilt der Handels-KV, nicht der UBIT-KV -- auch wenn du eigentlich Software entwickelst. Die Fachgruppenzugehörigkeit entscheidet, nicht die tatsächliche Tätigkeit.
Lösung: Prüfe deine WKO-Zugehörigkeit und lass dich gegebenenfalls umgruppieren.
Falle 2: Falsche Einstufung der Mitarbeiter
Ein Junior-Developer in ST1, obwohl er eigentlich qualifizierte Tätigkeiten ausführt? Das kann teuer werden, wenn der Mitarbeiter die korrekte Einstufung einfordert -- rückwirkend.
Lösung: Stufe nach der tatsächlichen Tätigkeit ein, nicht nach dem Gehalt, das du zahlen willst.
Falle 3: Vorrückungen vergessen
Wenn dein Mitarbeiter nach 2 Jahren in die nächste Gehaltsstufe vorrückt, musst du das KV-Minimum entsprechend anpassen. Vergisst du das, entsteht eine Nachzahlungspflicht.
Falle 4: Überstundenpauschale ohne Deckung
Viele Startups vereinbaren eine Überstundenpauschale oder All-in. Wenn die tatsächlichen Überstunden die Pauschale übersteigen, musst du nachzahlen -- inklusive Zuschläge.
Der KV als Wettbewerbsvorteil
Klingt paradox? Ist es aber nicht:
1. Transparente Gehaltsstruktur
Der KV gibt dir ein Rahmenwerk für faire Gehälter. Du musst nicht jedes Gehalt einzeln verhandeln, sondern kannst dich am KV orientieren und eine klare Überzahlungspolitik festlegen.
2. Rechtssicherheit
Wenn du den KV einhältst, bist du auf der sicheren Seite. Das spart dir Rechtsstreitigkeiten und Nachzahlungen.
3. Employer Branding
"Wir zahlen über KV" ist ein starkes Signal an Bewerber. Es zeigt, dass du faire Arbeitsbedingungen bietest und den gesetzlichen Rahmen ernst nimmst.
4. Verhandlungsbasis
Der KV ist eine objektive Grundlage für Gehaltsverhandlungen. Statt willkürlicher Zahlen kannst du sagen: "Deine Einstufung ist ST2, und wir zahlen 15% über KV."
Praktische Tipps für den Alltag
- KV-Text besorgen: Lade den aktuellen KV-Text von der WKO-Website herunter
- Jährliche Updates: KVs werden jährlich verhandelt -- prüfe Anfang jedes Jahres die neuen Mindestgehälter
- Lohnverrechnungsbüro einbinden: Ein gutes Lohnverrechnungsbüro kennt deinen KV und prüft automatisch die korrekte Einstufung
- Betriebsvereinbarungen: Ab 5 Mitarbeitern kann ein Betriebsrat gegründet werden -- informiere dich rechtzeitig
- WKO-Beratung nutzen: Die WKO bietet kostenlose Beratung zu KV-Fragen
Zusammenfassung
Der Kollektivvertrag ist kein Hindernis für dein Startup, sondern ein Rahmenwerk, das Klarheit schafft. Wenn du ihn verstehst und richtig anwendest, wird er vom vermeintlichen Bürokratiemonster zum verlässlichen Werkzeug.
Die wichtigsten Punkte:
- Finde deinen KV über deine WKO-Fachgruppenzugehörigkeit
- Stufe korrekt ein -- nach tatsächlicher Tätigkeit
- Zahle über KV -- das gibt dir Flexibilität und macht dich attraktiv
- Plane 14 Gehälter -- Sonderzahlungen nicht vergessen
- Prüfe jährlich -- KV-Erhöhungen und Vorrückungen berücksichtigen
Was du jetzt tun kannst
Bei Startup Burgenland unterstützen wir dich bei der Auswahl und Anwendung des richtigen Kollektivvertrags für dein Startup. Hol dir jetzt den Gründungszuschuss und mach dein HR-Management zum Wettbewerbsvorteil.
Weiterführende Artikel
- Geringfügige Beschäftigung für Startups nutzen
- Kündigung und Auflösung richtig umsetzen
- HR-Tools und Payroll-Software für Startups in Österreich
Dieser Beitrag ist Teil der Serie "Arbeitsrecht und HR in Österreich" auf Startup Burgenland. Alle Beiträge findest du in unserem Blog.
Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.