Österreich hat eine neue Rechtsform -- und sie ist für Startups gemacht
Seit 1. Jänner 2024 gibt es in Österreich eine neue Gesellschaftsform: die Flexible Kapitalgesellschaft, kurz FlexCo (offiziell: FlexKapG). Sie wurde im Rahmen des österreichischen Gesellschaftsrechts-Änderungsgesetzes 2023 eingeführt -- und sie löst ein Problem, das Startups seit Jahren beschäftigt.
Die GmbH, bisher die Standard-Rechtsform für Kapitalgesellschaften, war nie für schnell wachsende Startups konzipiert. Starre Gesellschaftsanteile, hohe Formvorschriften bei Anteilsübertragungen, keine einfache Mitarbeiterbeteiligung. All das machte die GmbH für innovative Unternehmen umständlich.
Die FlexCo ändert das. Sie kombiniert die Haftungsbeschränkung einer Kapitalgesellschaft mit der Flexibilität, die Startups brauchen. In diesem Post erklären wir dir, was die FlexCo kann, worin sie sich von der GmbH unterscheidet und für wen sie geeignet ist.
Wichtiger Hinweis: Die FlexCo ist relativ neu, und die Praxis entwickelt sich laufend. Für deine individuelle Gründung solltest du unbedingt einen auf Gesellschaftsrecht spezialisierten Anwalt oder Steuerberater konsultieren.
Was ist die FlexCo?
Die FlexCo ist eine eigenständige Kapitalgesellschaft nach österreichischem Recht. Sie steht zwischen der GmbH und der Aktiengesellschaft (AG) und wurde speziell für die Bedürfnisse von wachstumsorientierten Unternehmen und Startups entwickelt.
Die wichtigsten Eckdaten:
- Stammkapital: Mindestens EUR 10.000 (davon EUR 5.000 bei Gründung einzuzahlen)
- Haftungsbeschränkung: Ja -- wie bei der GmbH haftest du nur mit deiner Einlage
- Notariatspflicht: Ja, der Gesellschaftsvertrag muss notariell beurkundet werden
- Firmenbuch-Eintragung: Pflicht
- Rechtsform-Zusatz: "FlexCo" oder "FlexKapG"
Warum braucht Österreich eine neue Rechtsform?
Die ehrliche Antwort: Weil die GmbH für Startups in bestimmten Punkten einfach nicht mehr zeitgemäß war.
Problem 1: Mitarbeiterbeteiligung war umständlich
Bei einer GmbH konntest du Mitarbeiter nur schwer am Unternehmen beteiligen. Jede Anteilsübertragung brauchte einen Notariatsakt. Das war teuer, langsam und für ESOPs (Employee Stock Option Plans) praktisch unbrauchbar.
Problem 2: Starre Anteilsstruktur
GmbH-Anteile waren wenig flexibel. Es gab nur eine Art von Geschäftsanteil. Unterschiedliche Stimmrechte, Gewinnverteilungen oder Vetorechte für verschiedene Gesellschaftergruppen -- all das musste über komplizierte Gesellschaftsvertragskonstruktionen gelöst werden.
Problem 3: Internationale Investoren scheuten die GmbH
Internationale VCs und Business Angels kennen flexible Strukturen aus Delaware (LLC, C-Corp) und London (Ltd). Die starre österreichische GmbH war für sie oft ein Dealbreaker. Viele österreichische Startups gründeten deshalb Holding-Strukturen im Ausland.
Was kann die FlexCo, was die GmbH nicht kann?
Unternehmenswert-Anteile (UWA)
Das ist die wichtigste Neuerung: Die FlexCo kennt neben den klassischen Geschäftsanteilen auch Unternehmenswert-Anteile (UWA). Diese Anteile:
- Berechtigen zur Teilnahme am Gewinn und am Liquidationserlös
- Haben kein Stimmrecht (können aber durch den Gesellschaftsvertrag Stimmrechte erhalten)
- Können ohne Notariatsakt übertragen werden -- ein Abtretungsvertrag mit notarieller Beglaubigung der Unterschriften genügt
- Sind ideal für Mitarbeiterbeteiligung (ESOP/VSOP)
Was das für dich bedeutet: Du kannst endlich unkompliziert und kostengünstig Mitarbeiter am Unternehmen beteiligen. Statt EUR 2.000-3.000 pro Notariatsakt für jede Anteilsübertragung reicht eine beglaubigte Unterschrift. Das macht ESOPs in Österreich erstmals praktikabel.
Flexible Anteilsklassen
Die FlexCo erlaubt verschiedene Klassen von Geschäftsanteilen -- mit unterschiedlichen Rechten und Pflichten. Das kennt man aus der angelsächsischen Welt als "Classes of Shares":
- Class A: Gründeranteile mit vollem Stimmrecht
- Class B: Investorenanteile mit Liquidationspräferenz
- UWA: Mitarbeiteranteile ohne Stimmrecht
Diese Flexibilität macht Finanzierungsrunden einfacher und sauberer.
Vereinfachte Anteilsübertragung
Bei klassischen GmbH-Anteilen brauchst du für jede Übertragung einen Notariatsakt. Bei der FlexCo reicht für Geschäftsanteile ein Abtretungsvertrag mit notariell beglaubigten Unterschriften -- das ist günstiger und schneller. Für UWA genügt ebenfalls die notarielle Beglaubigung der Unterschriften.
Was kostet eine FlexCo-Gründung?
Die Kosten sind vergleichbar mit einer GmbH-Gründung:
| Position | Kosten (ca.) |
|---|---|
| Notariatsakt (Gesellschaftsvertrag) | EUR 1.500-3.000 |
| Firmenbuch-Eintragung | EUR 300-500 |
| Steuerberater (Gründungsbegleitung) | EUR 500-1.500 |
| Stammkapital-Einzahlung | EUR 5.000 |
| Gesamt | EUR 7.500-10.000 |
Der Unterschied liegt nicht in den Gründungskosten, sondern in den laufenden Kosten für Anteilsübertragungen. Wenn du planst, Mitarbeiter zu beteiligen oder mehrere Finanzierungsrunden zu drehen, sparst du mit der FlexCo langfristig erheblich.
FlexCo vs. GmbH: Der direkte Vergleich
| Kriterium | GmbH | FlexCo |
|---|---|---|
| Stammkapital | EUR 35.000 (privilegiert: EUR 10.000) | EUR 10.000 |
| Bareinlage bei Gründung | EUR 5.000 (privilegiert) | EUR 5.000 |
| Anteilsarten | Eine Klasse | Geschäftsanteile + UWA |
| Anteilsübertragung | Notariatsakt | Notarielle Beglaubigung |
| Mitarbeiterbeteiligung | Umständlich und teuer | Einfach über UWA |
| Flexible Anteilsklassen | Nein | Ja |
| Haftungsbeschränkung | Ja | Ja |
| Besteuerung | KöSt 23% | KöSt 23% |
| Mindest-KöSt | EUR 500/Jahr | EUR 500/Jahr |
| Bekanntheitsgrad | Sehr hoch | Noch gering |
Für wen ist die FlexCo geeignet?
Ideal für Startups mit Investoren-Plänen
Wenn du weißt, dass du Venture Capital oder Business Angel-Investments aufnehmen willst, ist die FlexCo die bessere Wahl als die GmbH. Die flexiblen Anteilsklassen machen Finanzierungsrunden einfacher und international verständlicher.
Ideal für Teams mit Mitarbeiterbeteiligung
Wenn du Top-Talente anziehen willst und ESOPs als Instrument nutzen möchtest, ist die FlexCo praktisch Pflicht. Die UWA machen Mitarbeiterbeteiligung in Österreich erstmals wirtschaftlich sinnvoll.
Gut für Co-Founder-Teams
Wenn du mit einem oder mehreren Co-Foundern gründest und unterschiedliche Beteiligungsmodelle brauchst (z. B. ein Gründer bringt mehr Kapital, der andere mehr Arbeit), ermöglicht die FlexCo flexible Strukturen.
Weniger geeignet für Solopreneure
Wenn du allein gründest, keine Investoren planst und keine Mitarbeiter beteiligen willst, bietet die FlexCo kaum Vorteile gegenüber der GmbH. Die GmbH ist etablierter, besser bekannt und es gibt mehr Erfahrung bei Notaren, Steuerberatern und Banken.
Was sind die Risiken und Nachteile der FlexCo?
Neuheit
Die FlexCo existiert erst seit 2024. Das bedeutet: wenig Rechtsprechung, wenig Praxiserfahrung, manche Steuerberater und Notare sind noch nicht voll vertraut. In Wien und den Landeshauptstädten findest du Spezialisten -- am Land kann es schwieriger sein.
Bekanntheit bei Geschäftspartnern
"GmbH" kennt jeder. "FlexCo" noch nicht. Manche Geschäftspartner, Banken oder Kunden könnten die Rechtsform nicht kennen und erst nachfragen. Das ist kein rechtliches Problem, aber ein praktisches.
Komplexität des Gesellschaftsvertrags
Die Flexibilität der FlexCo hat einen Preis: Der Gesellschaftsvertrag muss sorgfältiger gestaltet werden. Verschiedene Anteilsklassen, UWA-Regelungen, Stimmrechte -- all das muss klar definiert sein. Ein auf Gesellschaftsrecht spezialisierter Anwalt ist hier keine Option, sondern Pflicht.
Umwandlung bestehender GmbHs
Eine bestehende GmbH kann in eine FlexCo umgewandelt werden -- und umgekehrt. Aber der Prozess ist nicht trivial und mit Kosten verbunden. Wenn du bereits eine GmbH hast und keine Mitarbeiterbeteiligung planst, ist eine Umwandlung möglicherweise nicht nötig.
Was wir bei Startup Burgenland empfehlen
In unserem Coaching diskutieren wir die Rechtsformwahl intensiv. Unsere Position zur FlexCo:
Wenn du ein Startup mit Wachstumsambitionen gründest, Investoren ansprichst oder Mitarbeiter beteiligen willst -- prüfe die FlexCo ernsthaft. Sie löst reale Probleme, die die GmbH seit Jahren hat.
Wenn du allein startest und erstmal validierst -- beginne mit einem Einzelunternehmen. Die Rechtsform kannst du später anpassen, wenn dein Geschäftsmodell steht und du weißt, welche Struktur du brauchst.
Ich erinnere mich an ein Startup in unserem Coaching, das zuerst eine GmbH gegründet hatte und dann einen ESOP aufsetzen wollte. Die Kosten für die notariellen Anteilsübertragungen an fünf Mitarbeiter hätten EUR 10.000-15.000 betragen. Mit der FlexCo wäre es ein Bruchteil davon gewesen. Sie haben schließlich auf die FlexCo umgestellt -- der Aufwand hat sich gelohnt.
Von der Theorie in die Praxis
Wenn die FlexCo für dich in Frage kommt, mach Folgendes:
- Sprich mit einem auf Gesellschaftsrecht spezialisierten Anwalt. Nicht jeder Notar oder Steuerberater kennt die FlexCo im Detail. In Wien gibt es bereits Kanzleien, die sich darauf spezialisiert haben.
- Kläre deine Beteiligungsstrategie. Bevor du eine Rechtsform wählst, musst du wissen: Willst du Investoren? Willst du Mitarbeiter beteiligen? Gründest du allein oder im Team?
- Schreib uns bei Startup Burgenland. Wir helfen dir, die richtige Rechtsform für dein Vorhaben zu finden -- und vermitteln dir Spezialisten aus unserem Netzwerk.
Einen umfassenden Vergleich aller Rechtsformen findest du in Rechtsformvergleich: GmbH vs. e.U. vs. FlexCo vs. OG. Und wenn du die Grundlagen der GmbH verstehen willst, lies GmbH gründen in Österreich: Der komplette Leitfaden.
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Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.