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Was bedeutet es wirklich, Unternehmer zu sein?

Felix Lenhard 8 min Lesezeit
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Was stellen sich die meisten unter Gründen vor?

Wenn du an Unternehmer denkst, hast du wahrscheinlich ein Bild im Kopf: jemand, der morgens aufsteht, wann er will, seine eigenen Regeln macht und mit einer genialen Idee die Welt verändert. Vielleicht noch ein Bild von einer Bühne, einem Pitch, einem Handschlag nach einer erfolgreichen Finanzierungsrunde.

Das Bild ist nicht falsch. Aber es zeigt ungefähr 2% des Alltags.

Wir haben bei Startup Burgenland über 40 Startups durch unser Programm begleitet und mit über 300 Gründerinnen und Gründern gesprochen. Und wenn wir eines gelernt haben, dann das: Die romantische Vorstellung vom Unternehmertum hat wenig mit der Realität zu tun. Nicht weil Gründen schlecht wäre -- sondern weil es anders ist, als die meisten erwarten.

Dieser Post ist kein Motivationstext. Er ist eine ehrliche Bestandsaufnahme. Damit du weißt, worauf du dich einlässt.

Was macht ein Unternehmer den ganzen Tag?

Die kurze Antwort: Entscheidungen treffen. Unter Unsicherheit. Jeden Tag. Oft mehrmals.

Das klingt abstrakt, also machen wir es konkret. Hier ist, was ein typischer Tag in den ersten zwei Jahren einer Gründung aussieht -- basierend auf dem, was wir bei unseren Startups im Burgenland und darüber hinaus beobachten:

  • Morgens: Du checkst deine Zahlen. Website-Traffic, Verkäufe, Anfragen. Oft sind die Zahlen nicht so, wie du sie dir vorgestellt hast. Du musst entscheiden: Ist das ein Problem oder normale Schwankung?
  • Vormittags: Du telefonierst mit einem potenziellen Kunden. Er hat Einwände, die du nicht erwartet hast. Du musst entscheiden: Passt dein Angebot nicht, oder hat er einfach noch nicht verstanden, was du anbietest?
  • Mittags: Du bekommst eine E-Mail von einem Lieferanten. Die Kosten steigen. Du musst entscheiden: Weitermachen, Lieferant wechseln oder die Preiserhöhung an Kunden weitergeben?
  • Nachmittags: Dein Mitgründer will Feature X bauen. Du willst Feature Y. Ihr seid euch uneinig. Wer hat recht? Keiner von euch weiß es -- ihr müsst trotzdem eine Entscheidung treffen.
  • Abends: Du sitzt vor einem leeren Dokument und sollst einen Förderantrag schreiben. Du bist müde. Niemand zwingt dich, es jetzt zu machen. Aber die Deadline ist in drei Tagen.

Das ist Unternehmertum. Nicht die Bühne. Nicht der Pitch. Sondern ein endloser Strom von Entscheidungen, bei denen du nie alle Informationen hast und trotzdem handeln musst.

Warum reden so wenige ehrlich darüber?

Weil es nicht gut verkauft. "Unternehmer sein ist hart, unsicher und oft einsam" ist keine Schlagzeile, die Klicks bringt. Aber es ist die Wahrheit.

In unserer Erfahrung bei Startup Burgenland gibt es drei Dinge, die Gründer regelmäßig überraschen:

1. Die Einsamkeit der Entscheidung

Als Angestellter hast du einen Chef, der die finalen Entscheidungen trifft. Als Gründer bist du diese Person. Das klingt nach Freiheit -- und ist es auch. Aber Freiheit bedeutet auch: Wenn es schiefgeht, gibt es niemanden, dem du die Schuld geben kannst.

Wir sehen in unseren Coaching-Sessions regelmäßig Gründer, die zum ersten Mal mit dieser Last konfrontiert sind. Es ist nicht die Arbeit, die sie fertig macht. Es ist die ständige Verantwortung.

2. Die Geschwindigkeit der Veränderung

Dein Plan von gestern ist morgen veraltet. Dein wichtigster Kunde springt ab. Ein neuer Mitbewerber taucht auf. Die Förderung, auf die du gezählt hast, wird abgelehnt.

Gute Unternehmer zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie den perfekten Plan haben. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie schnell umplanen können. In der Fachsprache nennt man das einen Pivot -- eine strukturierte Kurskorrektur. Die Fähigkeit, einen Pivot zu erkennen und umzusetzen, ist oft wichtiger als die ursprüngliche Idee.

3. Die Lücke zwischen Vision und Alltag

Du gründest, weil du eine Vision hast. Aber 90% deiner Zeit verbringst du nicht mit der Vision. Du verbringst sie mit Buchhaltung, E-Mails, Lieferantengesprächen, SVS-Beiträgen und Formularen.

Das ist kein Bug -- das ist das Geschäft. Die erfolgreichsten Gründer, die wir kennen, sind nicht die mit der größten Vision. Es sind die, die bereit sind, die langweiligen Teile genauso ernst zu nehmen wie die spannenden.

Was unterscheidet einen Unternehmer von einem Angestellten?

Nicht Intelligenz. Nicht Kreativität. Nicht einmal Risikobereitschaft.

Der größte Unterschied, den wir in unserer Arbeit beobachten: Unternehmer handeln unter Unsicherheit. Angestellte warten auf Klarheit. Das ist keine Wertung -- beides hat seinen Platz. Aber es ist der fundamentale Unterschied.

In einem Angestelltenverhältnis bekommst du einen Auftrag, du führst ihn aus, du bekommst Feedback. Die Feedback-Schleife ist kurz und klar.

Als Unternehmer baust du etwas, von dem du nicht weißt, ob es jemand will. Du investierst Zeit und Geld, bevor du weißt, ob sich die Investition lohnt. Du triffst Entscheidungen auf Basis von 30% der Informationen, die du eigentlich bräuchtest.

Das ist nicht für jeden. Und das ist okay.

Was sagt das über dich aus, wenn du trotzdem gründen willst?

Es sagt, dass du bereit bist, Unbequemlichkeit gegen Gestaltungsfreiheit einzutauschen. Und das ist der eigentliche Deal des Unternehmertums: Du gibst Sicherheit auf und bekommst dafür die Möglichkeit, etwas nach deinen Vorstellungen aufzubauen.

In Österreich ist diese Entscheidung besonders interessant, weil das Sicherheitsnetz vergleichsweise gut ist. Die SVS bietet eine Krankenversicherung. Das AMS hat Programme für den Übergang in die Selbstständigkeit. Landesförderungen wie bei uns im Burgenland können den finanziellen Druck in der Anfangsphase reduzieren. Und die Kleinunternehmerregelung bis EUR 55.000 Umsatz senkt die bürokratische Hürde.

Du musst also nicht ins Bodenlose springen. Aber springen musst du trotzdem.

Was wir unseren Startups sagen

Wenn jemand in unser Coaching-Programm kommt und fragt: "Bin ich der Typ zum Gründen?", antworten wir meistens mit einer Gegenfrage: "Bist du bereit, zwei Jahre lang hart zu arbeiten, ohne zu wissen, ob es sich auszahlt?"

Das ist die ehrlichste Frage, die wir kennen. Und die Antwort darauf sagt mehr aus als jeder Persönlichkeitstest.

Die gute Nachricht: Du musst nicht alles von Anfang an können. Unternehmertum ist ein Handwerk, das man lernt -- nicht ein Talent, das man hat oder nicht hat. Unsere erfolgreichsten Startups haben nicht mit perfekten Fähigkeiten gestartet. Sie haben mit der Bereitschaft gestartet, zu lernen und sich anzupassen.

Was Unternehmertum NICHT ist

Lass uns auch aufräumen, was Unternehmertum nicht bedeutet:

  • Nicht: Alles alleine machen. Die besten Gründer holen sich früh Unterstützung -- durch Co-Founder, Mentoren, Coaching-Programme oder einfach durch ein gutes Netzwerk.
  • Nicht: Rund um die Uhr arbeiten. Ja, die ersten Monate sind intensiv. Aber Dauerstress ist kein Erfolgsrezept, sondern ein Rezept für Burnout. Systeme und Routinen schlagen Willenskraft.
  • Nicht: Immer die beste Idee haben. Unternehmertum ist zu 10% Idee und zu 90% Umsetzung. Eine mittelmäßige Idee mit exzellenter Umsetzung schlägt eine brillante Idee ohne Umsetzung. Jedes Mal.
  • Nicht: Reich werden. Manche Gründer werden wohlhabend. Die meisten nicht. Was fast alle bekommen: eine Erfahrung, die sie als Mensch verändert.

Der nächste Schritt

Wenn du nach dem Lesen dieses Posts immer noch gründen willst -- gut. Dann bist du mit offenen Augen dabei, und das ist die beste Voraussetzung.

Hier sind drei Dinge, die du diese Woche tun kannst:

  1. Sprich mit einem Gründer. Nicht über seine Erfolge, sondern über seinen Alltag. Frag: "Was machst du den ganzen Tag?" und "Was hat dich am meisten überrascht?" Du wirst mehr lernen als aus jedem Blogpost.

  2. Überprüfe deine Motivation. Lies dazu unsere 7 Fragen, die dir Klarheit geben -- besonders Frage 7 zur Motivation ist aufschlussreich.

  3. Informiere dich über Unterstützung. Gründen heißt nicht, alles alleine zu machen. Ob WKO-Gründerservice, unser 1:1 Coaching bei Startup Burgenland oder Programme in Wien, Graz oder Linz -- das Ökosystem ist da. Nutze es. Und wenn du noch unsicher bist, ob dein Vorhaben ein Startup oder eine Selbstständigkeit ist, hilft dir unser Post Startup oder Selbstständigkeit weiter.

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Startup Burgenland begleitet Gründerinnen und Gründer mit individuellem 1:1 Coaching -- von der Idee bis zum Scale-up. Ursprünglich als Incubator und Accelerator gestartet, bieten wir seit 2026 maßgeschneiderte Begleitung ohne fixen Zeitrahmen. Wenn du wissen willst, was Gründen für dich konkret bedeuten würde -- schreib uns ein formloses E-Mail.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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