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Warum Risikobereitschaft nicht bedeutet, leichtsinnig zu sein

Felix Lenhard 8 min Lesezeit
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Sind Gründer Zocker?

Es gibt ein hartnäckiges Bild: Gründer sind Menschen, die alles auf eine Karte setzen, ihren Job kündigen, ihre Ersparnisse verbrennen und hoffen, dass es klappt. Risiko als Lebensstil. All-in oder nichts.

Dieses Bild ist nicht nur falsch -- es ist gefährlich. Es hält vorsichtige, kluge Menschen davon ab, zu gründen, weil sie sich nicht als "Risiko-Typ" sehen. Und es verleitet andere dazu, tatsächlich leichtsinnig zu handeln, weil sie glauben, das gehöre dazu.

Wir haben bei Startup Burgenland über 40 Startups begleitet. Die erfolgreichsten Gründerinnen und Gründer in unserem Portfolio sind keine Zocker. Sie sind Risiko-Manager. Sie gehen Risiken ein -- aber kalkuliert, bewusst und mit Absicherung.

Dieser Post räumt mit dem Mythos auf und zeigt dir, wie du Risiko richtig einschätzt und managst.

Was ist der Unterschied zwischen Risiko und Leichtsinn?

Die Unterscheidung ist einfacher, als sie klingt:

Kalkuliertes Risiko: Du kennst den Worst Case, du kannst ihn tragen, und du hast einen Plan, falls er eintritt. Du gehst das Risiko ein, weil der erwartete Nutzen den möglichen Schaden überwiegt.

Leichtsinn: Du kennst den Worst Case nicht -- oder du ignorierst ihn. Du hast keinen Plan B. Du hoffst einfach, dass es gut geht.

Ein konkretes Beispiel: Ein Gründer, der seinen Job kündigt, seine Ersparnisse in eine ungetestete Idee steckt und hofft, dass innerhalb von sechs Monaten Kunden kommen -- das ist Leichtsinn. Ein Gründer, der nebenberuflich startet, seine Idee mit echten Kunden validiert, einen finanziellen Puffer von sechs Monaten aufbaut und erst dann in Vollzeit wechselt -- das ist kalkuliertes Risiko.

Das Ergebnis kann in beiden Fällen gleich sein: Erfolg oder Scheitern. Aber der Prozess ist fundamental anders. Und der Prozess bestimmt, wie oft du dich erholen und es erneut versuchen kannst.

Warum verwechseln so viele Leute Risiko mit Mut?

In der Startup-Kultur wird oft eine gefährliche Gleichung aufgemacht: Wer mehr riskiert, ist mutiger. Wer mutiger ist, verdient Erfolg. Also: Je mehr du riskierst, desto besser.

Das ist Unsinn. Mut ist nicht die Abwesenheit von Vorsicht. Mut ist die Fähigkeit, trotz Unsicherheit zu handeln -- aber mit offenen Augen.

Bei uns im Coaching sehen wir regelmäßig Gründer, die stolz erzählen, wie viel sie "auf's Spiel setzen". Sie tragen das wie ein Abzeichen. Aber wenn wir nachfragen -- "Was genau ist dein Worst Case? Wie lange reicht dein Geld? Was passiert, wenn die ersten Kunden nicht kommen?" -- wird es oft still.

Das ist kein Mut. Das ist Verdrängung.

Die wirklich mutigen Gründer sind die, die sich dem Worst Case stellen, ihn durchrechnen und trotzdem starten. Weil sie wissen, dass der Worst Case tragbar ist.

Wie kalkulierst du Risiko richtig?

Hier ist ein Framework, das wir bei Startup Burgenland in unseren Coaching-Sessions verwenden. Es hilft dir, jede größere Entscheidung systematisch zu bewerten:

Schritt 1: Definiere den Worst Case konkret

Nicht als Gefühl ("Es könnte alles schiefgehen"), sondern als Zahl. Wie viel Geld verlierst du maximal? Wie viele Monate? Was passiert mit deiner Karriere, wenn es nicht funktioniert?

In den meisten Fällen ist der reale Worst Case deutlich weniger dramatisch als der gefühlte. Besonders in Österreich: Du hast eine Krankenversicherung über die SVS, du kannst über die Kleinunternehmerregelung steuerlich begrenzt starten, und das Gründerprivileg schützt dich in den ersten drei Jahren vor bestimmten Haftungsrisiken.

Schritt 2: Unterscheide reversible von irreversiblen Entscheidungen

Das ist einer der wichtigsten Denkrahmen für Gründer. Die meisten Entscheidungen sind reversibel: Welche Zielgruppe du ansprichst, welchen Preis du verlangst, welchen Marketingkanal du nutzt, welchen Namen du wählst. Bei reversiblen Entscheidungen gilt: schnell entscheiden, schnell korrigieren. Geschwindigkeit schlägt Perfektion.

Irreversible Entscheidungen sind seltener: Rechtsformwahl (GmbH vs. Einzelunternehmen), große Investitionen, langfristige Mietverträge, Gesellschafterverträge. Bei diesen lohnt sich gründliches Nachdenken, professionelle Beratung und ein zweiter Blick.

Die Faustregel: 90% deiner Gründungsentscheidungen sind reversibel. Behandle sie auch so.

Schritt 3: Berechne die Opportunitätskosten

Risiko hat zwei Seiten. Es gibt das Risiko des Handelns -- was du verlieren kannst, wenn es schiefgeht. Und es gibt das Risiko des Nicht-Handelns -- was du verlierst, wenn du nie startest.

Die meisten Menschen überschätzen das erste und ignorieren das zweite. Aber frag dich ehrlich: Was kostet es dich, in fünf Jahren immer noch davon zu träumen, statt es ausprobiert zu haben? Was ist der Preis der Untätigkeit?

Schritt 4: Baue Sicherheitsnetze

Kluge Gründer springen nicht ohne Netz. Sie bauen Sicherheitsnetze, bevor sie springen:

  • Finanzieller Puffer: Mindestens drei bis sechs Monate Lebenshaltungskosten als Reserve. Das gibt dir Ruhe und Entscheidungsfreiheit.
  • Nebenberuflicher Start: In Österreich kannst du neben deinem Job gründen. Nutz das. Teste deine Idee, bevor du alles auf sie setzt.
  • Förderungen: Der EUR 10.000 Gründungszuschuss bei Startup Burgenland ist nicht rückzahlbar und erfordert keine Eigenkapitalabgabe. FFG-Innovationschecks und AWS-PreSeed-Förderungen reduzieren dein finanzielles Risiko weiter.
  • Netzwerk: Mentoren, Coaches und andere Gründer fangen dich auf, wenn es schwierig wird. Du musst das nicht alleine durchstehen.

Welche Risiken solltest du eingehen -- und welche nicht?

Nicht jedes Risiko ist gleich. Hier ist eine Orientierung:

Eingehen (hohes Potenzial, tragbarer Worst Case):

  • Zeit investieren, um eine Idee zu validieren
  • Erste Kunden ansprechen, obwohl das Produkt noch nicht perfekt ist
  • Einen Pitch halten, obwohl du nervös bist
  • Nebenberuflich gründen, während du deinen Job behältst
  • Kleine Beträge in Prototypen oder Tests investieren

Vermeiden (hohes Risiko, schwer reversibel):

  • Alles Ersparte in eine ungetestete Idee stecken
  • Einen langfristigen Mietvertrag unterschreiben, bevor du Kunden hast
  • Einen teuren Mitarbeiter einstellen, bevor der Umsatz das trägt
  • Dich verschulden, um eine Idee zu finanzieren, die noch nicht validiert ist

Die Unterscheidung ist nicht schwarz-weiß. Aber die Grundregel hilft: Geh Risiken ein, die dich schlauer machen, auch wenn sie scheitern. Vermeide Risiken, die dich ruinieren, wenn sie scheitern.

Was wir bei unseren Startups beobachten

In fünf Jahren Startup Burgenland haben wir ein klares Muster gesehen: Die Startups, die scheitern, scheitern selten am Risiko. Sie scheitern an der falschen Art von Risiko.

Sie investieren zu früh zu viel in Dinge, die noch nicht validiert sind. Sie mieten Büros, bevor sie Kunden haben. Sie stellen ein, bevor der Umsatz stabil ist. Sie verbrennen Geld für Marketing, bevor sie wissen, welche Botschaft funktioniert.

Die erfolgreichen Startups -- ob in Eisenstadt, Wien oder Graz -- gehen genauso viele Risiken ein. Aber sie gehen sie in der richtigen Reihenfolge ein. Erst validieren, dann investieren. Erst testen, dann skalieren. Erst lernen, dann committen.

Der Risiko-Selbsttest

Bevor du die nächste größere Entscheidung triffst, stell dir diese fünf Fragen:

  1. Was genau ist der Worst Case? (In konkreten Zahlen, nicht als Gefühl.)
  2. Kann ich den Worst Case tragen? (Finanziell, emotional, beruflich.)
  3. Ist diese Entscheidung reversibel? (Wenn ja: schnell entscheiden.)
  4. Was kostet mich das Nicht-Handeln? (In einem Jahr? In fünf Jahren?)
  5. Habe ich ein Sicherheitsnetz? (Puffer, Plan B, Unterstützung.)

Wenn du mindestens vier von fünf Fragen mit Ja beantworten kannst, ist das Risiko wahrscheinlich kalkuliert. Wenn nicht, arbeite zuerst an den Lücken.

Dein Aktionsplan

Nimm die eine Entscheidung, die du gerade aufschiebst -- die Gründungsidee, der Kundenkontakt, der Pitch -- und lauf sie durch die fünf Fragen oben. Schreib die Antworten auf. Nicht im Kopf, sondern auf Papier.

Du wirst feststellen: Die meisten Risiken, die dich aufhalten, sind kleiner als du denkst. Und die Risiken, die du vermeiden solltest, sind andere als du vermutest.

Wenn du tiefer in die Gründerentscheidung einsteigen willst, lies Die fünf größten Denkfehler vor der Gründung. Und wenn du wissen willst, welche Eigenschaften erfolgreiche Gründer auszeichnen, findest du das in Die fünf Eigenschaften, die erfolgreiche Gründer gemeinsam haben.

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Startup Burgenland unterstützt Gründerinnen und Gründer mit individuellem 1:1 Coaching -- vom ersten Gedanken bis zum Scale-up. Seit 2026 bieten wir maßgeschneiderte Begleitung ohne Batch-Zwang und ohne fixen Zeitrahmen. Wenn du dein Risiko kalkulieren und den ersten Schritt planen willst -- ein formloses E-Mail genügt.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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