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Warum die meisten Menschen nie gründen -- und was du daraus lernen kannst

Felix Lenhard 8 min Lesezeit
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Warum gründen so wenige Menschen?

In Österreich werden jährlich rund 30.000 neue Unternehmen gegründet. Klingt viel? Im Verhältnis zur Bevölkerung ist es wenig. Die große Mehrheit der Menschen, die jemals über eine Gründung nachgedacht haben, tut es nie.

Nicht weil sie keine Ideen hätten. Nicht weil ihnen das Geld fehlt. Und nicht weil der Markt keine Chancen bietet.

Wir haben bei Startup Burgenland über 300 Bewerbungen gescreent und über 40 Startups begleitet. Dabei haben wir etwas Interessantes beobachtet: Die größte Hürde ist fast nie eine externe. Sie ist intern. Es sind Denkbarrieren, die Menschen davon abhalten, den ersten Schritt zu machen.

Dieser Post zeigt dir die fünf häufigsten Barrieren -- nicht damit du dich schlecht fühlst, wenn du dich wiedererkennst, sondern damit du sie als das erkennst, was sie sind: überwindbare Hindernisse.

Barriere #1: Perfektionismus -- "Es muss erst perfekt sein"

Die häufigste Barriere, die wir sehen. Gründer, die monatelang an einem Business Plan, einem Prototyp oder einer Marke arbeiten, bevor sie irgendjemanden davon erzählen. Die noch ein Feature einbauen, noch eine Analyse durchführen, noch einen Kurs belegen -- bevor sie starten.

Perfektionismus fühlt sich produktiv an. Du arbeitest ja. Du lernst ja. Aber in Wahrheit ist es Aufschub in Verkleidung. Du schiebst den Moment hinaus, in dem du dich dem Urteil des Marktes aussetzt.

Warum es eine Falle ist: Perfektionismus basiert auf der Annahme, dass du Fehler vermeiden kannst, wenn du genug vorbereitest. In der Gründung stimmt das nicht. Dein erster Plan wird falsch sein. Dein erstes Produkt wird unfertig sein. Dein erster Pitch wird holprig sein. Das ist kein Scheitern -- das ist der Prozess.

Was stattdessen funktioniert: Setz dir eine Deadline. Nicht für die Fertigstellung, sondern für den ersten Test. Zeig dein unfertiges Produkt zehn potenziellen Kunden. Halte deinen Pitch vor einem Spiegel und dann vor drei echten Menschen. Der Schmerz des Unperfekten ist kurzfristig. Der Schmerz des Nie-Angefangen-Habens ist dauerhaft.

Barriere #2: Angst vor dem Scheitern -- "Was, wenn es nicht klappt?"

Die zweitgrößte Barriere. Und in Österreich besonders ausgeprägt. Wir haben kulturell ein anderes Verhältnis zum Scheitern als etwa die USA. Wer in Österreich mit einem Unternehmen scheitert, trägt diesen Makel oft noch Jahre später -- in der Wahrnehmung des Umfelds und oft auch in der eigenen.

Wir sehen das in unseren Erstgesprächen im Burgenland und ganz Österreich: Gründer, die alle Voraussetzungen mitbringen, aber nicht starten, weil sie sich fragen: "Was denkt meine Familie? Was sagen die Kollegen? Was, wenn ich alles verliere?"

Warum es eine Falle ist: Du vergleichst den Worst Case des Gründens (Scheitern, Geldverlust, Gesichtsverlust) mit dem Best Case des Nicht-Gründens (sicherer Job, Stabilität). Aber das ist kein fairer Vergleich. Der echte Vergleich ist: Worst Case Gründen vs. der Preis des Nicht-Gründens. Und der Preis des Nicht-Gründens ist: Du erfährst nie, ob es funktioniert hätte.

Was stattdessen funktioniert: Definiere deinen Worst Case konkret. Nicht als vages Gefühl, sondern als Zahl. Wie viel Geld kannst du maximal verlieren? Wie viele Monate? Was passiert dann? In den meisten Fällen ist der reale Worst Case deutlich weniger dramatisch als der gefühlte. Besonders in Österreich: Du hast eine Krankenversicherung über die SVS, du kannst nebenberuflich starten, und die Kleinunternehmerregelung begrenzt das finanzielle Risiko.

Barriere #3: Warten auf den richtigen Zeitpunkt -- "Noch nicht jetzt"

"Ich gründe, wenn die Kinder größer sind." "Ich gründe, wenn ich genug Geld gespart habe." "Ich gründe, wenn ich den richtigen Co-Founder finde." "Ich gründe nach meiner nächsten Beförderung."

Wir hören diese Sätze ständig. Und wir verstehen sie. Gründen ist ein großer Schritt, und es fühlt sich vernünftig an, zu warten, bis die Bedingungen stimmen.

Warum es eine Falle ist: Die Bedingungen stimmen nie perfekt. Es gibt immer einen Grund zu warten. Und je länger du wartest, desto höher werden deine Opportunitätskosten -- das Gehalt, das du aufgibst, wird mit der Karriere größer, die Lebenshaltungskosten steigen, die Verantwortung wächst.

Die erfolgreichsten Gründer in unserem Programm haben nicht gewartet, bis alles perfekt war. Sie haben mit dem gestartet, was sie hatten -- und den Rest unterwegs organisiert.

Was stattdessen funktioniert: Starte nicht in Gedanken, sondern in der Tat. Du musst nicht kündigen. Du musst kein Unternehmen anmelden. Du musst nur den ersten echten Test machen. Führe fünf Gespräche mit potenziellen Kunden. Erstelle eine Landing Page. Mach einen Lean Canvas. Das kostet dich ein Wochenende, nicht deine Karriere. Und es gibt dir echte Daten, auf deren Basis du die große Entscheidung treffen kannst.

Barriere #4: Überschätzung der Vorbereitung -- "Ich muss erst noch X lernen"

"Ich muss erst einen MBA machen." "Ich muss erst Programmieren lernen." "Ich muss erst mehr über Marketing wissen."

Lernen ist gut. Aber Lernen als Voraussetzung fürs Gründen ist eine Falle, weil das meiste, was du für die Gründung brauchst, lernst du nur durch das Gründen selbst.

Warum es eine Falle ist: Die relevanteste Ausbildung für Gründer ist die Praxis. Kein Kurs, kein Buch, kein Studium bereitet dich vollständig auf die Realität vor -- weil jede Gründung einzigartig ist. Was du brauchst, lernst du am schnellsten, wenn du es brauchst.

Bei Startup Burgenland sehen wir das regelmäßig: Gründer mit einem perfekten theoretischen Fundament, die trotzdem an der Praxis scheitern. Und Gründer ohne formale Ausbildung, die durch Learning by Doing schneller vorankommen als jeder Absolvent.

Was stattdessen funktioniert: Lerne just in time, nicht just in case. Du brauchst jetzt kein Steuerrecht. Du brauchst jetzt kein Performance Marketing. Du brauchst jetzt die Antwort auf eine Frage: Gibt es jemanden, der für meine Lösung zahlt? Alles andere kommt, wenn du es brauchst -- und dann lernst du es doppelt so schnell, weil du eine konkrete Anwendung hast.

In Österreich gibt es dafür gute Ressourcen: Die WKO bietet in jedem Bundesland kostenlose Gründerberatung, die FFG hat Innovationschecks für erste Schritte, und Programme wie unser 1:1 Coaching bei Startup Burgenland geben dir genau das Wissen, das du in deiner Phase brauchst -- nicht mehr und nicht weniger.

Barriere #5: Das Umfeld -- "Die anderen sagen, das funktioniert nicht"

Die letzte Barriere kommt nicht von innen, sondern von außen. Familie, Freunde, Kollegen. Menschen, die es gut meinen, aber die sagen: "Das ist zu riskant." "In Österreich funktioniert das nicht." "Bleib lieber bei deinem Job."

Warum es eine Falle ist: Dein Umfeld urteilt auf Basis seiner eigenen Erfahrung und seiner eigenen Risikobereitschaft. Nicht auf Basis deiner Situation. Die meisten Menschen in deinem Umfeld haben nie gegründet -- ihr Rat basiert auf Vorstellung, nicht auf Erfahrung.

Das heißt nicht, dass du Feedback ignorieren sollst. Aber du solltest unterscheiden zwischen Feedback von Menschen, die wissen, wovon sie reden (andere Gründer, Mentoren, Coaches), und Meinungen von Menschen, die dich vor einem Risiko schützen wollen, das sie selbst nicht eingehen würden.

Was stattdessen funktioniert: Bau dir gezielt ein Gründer-Umfeld auf. Such dir Menschen, die selbst gegründet haben oder gerade gründen. In Österreich gibt es dafür gute Anlaufstellen: lokale Gründer-Stammtische, die Startup-Community in Wien (z.B. AustrianStartups), in Graz (Science Park), bei uns im Burgenland die Startup-Burgenland-Community. Umgib dich mit Menschen, die verstehen, was du vorhast -- dann wirken die Bedenken der anderen weniger lähmend.

Was all diese Barrieren gemeinsam haben

Sie haben eine Gemeinsamkeit: Sie fühlen sich vernünftig an. Perfektionismus klingt nach Qualitätsbewusstsein. Angst vor dem Scheitern klingt nach Vorsicht. Warten auf den richtigen Zeitpunkt klingt nach Klugheit. Mehr lernen klingt nach Disziplin. Auf das Umfeld hören klingt nach Besonnenheit.

Und genau deshalb sind sie so effektiv. Du merkst nicht, dass sie dich bremsen, weil sie sich wie gute Entscheidungen anfühlen.

Der Unterschied zwischen Menschen, die gründen, und Menschen, die davon träumen, ist nicht Talent, Intelligenz oder Geld. Es ist die Bereitschaft, trotz dieser Barrieren den ersten Schritt zu machen. Nicht den perfekten Schritt. Den ersten.

Zusammenfassung und Handlungsempfehlung

Identifiziere deine Hauptbarriere. Nicht die, die du der Außenwelt erzählst ("Mir fehlt das Geld"), sondern die, die dich wirklich aufhält. Sei ehrlich.

Und dann: Nimm dir diese Woche eine Stunde und arbeite gezielt daran.

  • Perfektionismus? Zeig deine Idee einer Person, die nichts damit zu tun hat.
  • Angst vor dem Scheitern? Schreib deinen Worst Case auf -- in konkreten Zahlen.
  • Warten auf den richtigen Zeitpunkt? Führe ein Kundengespräch. Heute.
  • Noch mehr lernen wollen? Identifiziere die eine Frage, die du jetzt beantworten musst.
  • Umfeld bremst dich? Finde einen Gründer-Stammtisch oder eine Gründer-Community in deiner Nähe.

Wenn du die Grundlagen nochmal durchgehen willst, lies Soll ich gründen? 7 Fragen, die dir Klarheit geben. Und wenn du wissen willst, was unternehmerisches Denken eigentlich ausmacht, findest du das im nächsten Post: Unternehmerisches Denken ist eine Fähigkeit, kein Talent.

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Startup Burgenland begleitet Gründerinnen und Gründer mit individuellem 1:1 Coaching -- von der Idee bis zum Scale-up. Ursprünglich als Incubator und Accelerator gestartet, bieten wir seit 2026 maßgeschneiderte Begleitung ohne fixen Zeitrahmen. Wenn du deine Barriere identifiziert hast und den ersten Schritt machen willst -- schreib uns ein formloses E-Mail.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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