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Empathize-Phase -- Nutzer wirklich verstehen

Felix Lenhard 10 min Lesezeit
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Empathize-Phase -- Nutzer wirklich verstehen

Stell dir vor, du entwickelst eine App für Winzer im Burgenland. Du bist überzeugt, dass sie eine digitale Lösung zur Dokumentation ihrer Weinlese brauchen. Aber hast du jemals einen ganzen Tag mit einem Winzer im Weingarten verbracht? Hast du gesehen, wie er oder sie tatsächlich arbeitet? Genau darum geht es in der Empathize-Phase.

In den Grundlagen des Design Thinking habe ich dir den Gesamtprozess vorgestellt. Jetzt tauchen wir tief in die erste und vielleicht wichtigste Phase ein: Empathize -- das echte Verstehen deiner Nutzer.

Warum Empathie der Schlüssel zu Innovation ist

Die meisten gescheiterten Startups sind nicht an schlechter Technologie gescheitert. Sie sind gescheitert, weil sie ein Problem gelöst haben, das niemand hatte -- oder es auf eine Weise gelöst haben, die nicht zum Alltag der Nutzer passte.

Empathie bedeutet in diesem Kontext nicht einfach "nett sein". Es bedeutet:

  • Die Welt durch die Augen deiner Nutzer sehen
  • Ihre tatsächlichen Verhaltensweisen beobachten -- nicht nur ihre Aussagen
  • Emotionale und soziale Bedürfnisse erkennen, nicht nur funktionale
  • Verborgene Frustrationen und Workarounds aufdecken

Die drei Sauelen der Nutzerforschung

1. Beobachten (Observation)

Beobachtung ist das mächtigste Werkzeug in deinem Empathie-Arsenal. Menschen sagen oft etwas anderes als sie tun -- nicht aus bösem Willen, sondern weil sie sich ihrer eigenen Gewohnheiten oft nicht bewusst sind.

Wie du beobachtest:

  • Contextual Inquiry: Begleite Nutzer in ihrem natürlichen Umfeld. Wenn du eine Lösung für Gastronomen entwickelst, geh in die Küche. Wenn du für Pendler baust, fahre mit ihnen im Zug von Eisenstadt nach Wien.
  • Shadowing: Folge einem Nutzer durch seinen gesamten Arbeitstag. Notiere, was er tut, welche Werkzeuge er nutzt und wo er stockt.
  • Fly on the Wall: Beobachte unauffällig, ohne einzugreifen. Manchmal reicht es, in einem Coworking-Space zu sitzen und zu beobachten, wie Menschen arbeiten.

Worauf du achten solltest:

  • Workarounds: Nutzen Menschen improvisierte Lösungen? Post-its am Monitor, Excel-Tabellen für Dinge, für die es eigentlich Software gibt?
  • Emotionen: Wann sind sie frustriert? Wann erleichtert? Wann stolz?
  • Soziale Dynamiken: Wie interagieren sie mit anderen? Wer beeinflusst ihre Entscheidungen?

2. Interviews führen

Interviews sind das Brot und Butter der Nutzerforschung. Aber ein gutes Interview ist schwieriger als es klingt.

Die goldenen Regeln für Nutzer-Interviews:

Regel 1: Offene Fragen stellen

Schlecht: "Würdest du eine App nutzen, die X kann?" Gut: "Erzähl mir von dem letzten Mal, als du mit Problem X zu kämpfen hattest."

Regel 2: Nach konkreten Geschichten fragen

Schlecht: "Was machst du normalerweise, wenn...?" Gut: "Erzähl mir von einem konkreten Beispiel. Was ist letzten Dienstag passiert?"

Regel 3: Warum, warum, warum

Frag mindestens fünfmal "warum" (die 5-Why-Methode). Hinter der ersten Antwort stecken oft tiefere Bedürfnisse.

Beispiel:

  • "Ich nutze Excel für meine Buchhaltung."
  • Warum? "Weil es einfach ist."
  • Warum ist dir Einfachheit wichtig? "Weil ich mich nicht mit komplizierten Programmen herumschlagen will."
  • Warum willst du das nicht? "Weil ich meine Zeit lieber für meine Kunden nutze."
  • Warum ist dir das so wichtig? "Weil persönliche Beziehungen mein Geschäft ausmachen."

Jetzt verstehst du das eigentliche Bedürfnis: Es geht nicht um eine bessere Buchhaltungssoftware, sondern um mehr Zeit für Kundenbeziehungen.

Regel 4: Stille aushalten

Wenn dein Gegenüber nachdenkt, halte die Stille aus. Die besten Einsichten kommen oft nach einer Pause.

Regel 5: Nicht verkaufen

Du bist nicht hier, um deine Idee zu pitchen. Du bist hier, um zu lernen. Erwähne dein Produkt oder deine Lösung nicht -- das verfälscht die Antworten.

3. Eintauchen (Immersion)

Manchmal reicht Beobachten und Fragen nicht. Manchmal musst du selbst erleben, was deine Nutzer erleben.

Methoden der Immersion:

  • Selbstversuch: Wenn du eine Lösung für Lieferfahrer entwickelst, arbeite einen Tag als Lieferfahrer. Wenn du für Eltern baust, verbringe einen Tag mit Kleinkindern.
  • Extreme User Interviews: Sprich nicht nur mit durchschnittlichen Nutzern. Sprich mit denen, die extrem viel oder extrem wenig von einer bestehenden Lösung nutzen. Ihre Perspektiven sind oft die aufschlussreichsten.
  • Analogie-Forschung: Schau dir an, wie ähnliche Probleme in anderen Branchen gelöst werden. Ein Startup für Arzttermin-Buchung kann viel von der Gastronomie-Reservierung lernen.

Empathie-Werkzeuge für dein Startup

Empathy Map

Die Empathy Map ist ein einfaches, aber kraftvolles Werkzeug. Du erstellst für jeden Nutzertyp eine Karte mit vier Quadranten:

SagtDenkt
Wörtliche Zitate aus InterviewsWas denkt der Nutzer wirklich? (Vermutungen basierend auf Beobachtung)
TutFühlt
Beobachtetes Verhalten, konkrete HandlungenEmotionen, Hoffnungen, Ängste

Tipps zur Erstellung:

  • Nutze echte Zitate, keine Zusammenfassungen
  • Achte auf Widersprüche zwischen "Sagt" und "Tut" -- hier liegen oft die spannendsten Erkenntnisse
  • Erstelle eine Empathy Map pro Nutzertyp
  • Hänge sie sichtbar im Büro auf

Persona-Erstellung

Personas sind fiktive, aber datenbasierte Nutzerprofile. Sie helfen dir, deine Zielgruppe greifbar zu machen.

Beispiel-Persona für ein AgriTech-Startup im Burgenland:

Markus, 42, Winzer in Rust

  • Betreibt einen mittelgrossen Familienbetrieb mit 12 Hektar
  • Hat einen Online-Shop, kämpft aber mit der Logistik
  • Nutzt sein Smartphone viel, ist aber kein "Technik-Freak"
  • Grösste Sorge: Arbeitskräftemangel bei der Lese
  • Traum: Den Betrieb so aufstellen, dass seine Tochter ihn übernehmen will
  • Frustration: Zu viel Bürokratie, zu wenig Zeit im Weingarten

Wichtig: Eine Persona ist kein Fantasieprodukt. Sie basiert auf echten Daten aus deinen Interviews und Beobachtungen. Wenn du keine Daten hast, hast du noch keine Persona -- du hast Annahmen.

Customer Journey Map

Eine Customer Journey Map zeichnet den gesamten Weg eines Nutzers durch ein Erlebnis nach. Sie zeigt:

  • Phasen: Welche Schritte durchläuft der Nutzer?
  • Touchpoints: Wo kommt er mit deinem Produkt/Service in Berührung?
  • Emotionen: Wie fühlt er sich in jeder Phase?
  • Pain Points: Wo gibt es Probleme oder Frustrationen?
  • Opportunities: Wo kannst du Mehrwert schaffen?

Für ein Startup, das einen digitalen Service für Touristen am Neusiedler See entwickelt, könnte die Journey so aussehen:

  1. Inspiration -- Tourist sucht online nach Urlaubszielen (Emotion: neugierig)
  2. Planung -- Tourist versucht, Aktivitäten zu finden und zu buchen (Emotion: überfordert -- Pain Point!)
  3. Anreise -- Tourist navigiert zum Ziel (Emotion: gespannt)
  4. Vor Ort -- Tourist sucht spontan nach Empfehlungen (Emotion: frustriert, weil Infos verstreut sind -- Pain Point!)
  5. Nachbereitung -- Tourist will Fotos teilen und Empfehlungen geben (Emotion: zufrieden, aber keine einfache Möglichkeit -- Opportunity!)

Wie viele Interviews brauchst du?

Diese Frage höre ich ständig. Die Antwort: Es kommt darauf an -- aber weniger als du denkst.

Faustregel:

  • 5-8 Interviews pro Nutzersegment reichen oft aus, um die wichtigsten Muster zu erkennen
  • Wenn du nach 5 Interviews keine neuen Erkenntnisse mehr gewinnst, hast du vermutlich genug ("Saturation")
  • Besser 5 tiefe Gespräche als 50 oberflächliche

Budget für Nutzerforschung:

  • Kaffee-Gutscheine als Dankeschön: 5-10 EUR pro Interview
  • Eventuell Anfahrt: variabel
  • Deine Zeit: unbezahlbar, aber notwendig
  • Gesamt für 8 Interviews: ca. 50-100 EUR

Ja, so wenig kann echte Nutzerforschung kosten. Es gibt keine Ausrede, sie nicht zu machen.

Häufige Empathie-Fallen

Die Bestätigungs-Falle

Du suchst unbewusst nach Antworten, die deine bestehende Idee bestätigen. Gegenmittel: Lass jemand anderen die Interviews führen oder formuliere bewusst Fragen, die deine Annahmen in Frage stellen.

Die Experten-Falle

Du glaubst, du kennst deine Zielgruppe schon, weil du selbst Teil davon bist. Aber deine eigene Perspektive ist nicht repräsentativ. Auch wenn du selbst Winzer bist, musst du mit anderen Winzern sprechen.

Die Höflichkeits-Falle

Österreicher sind höflich. Wenn du jemanden fragst "Würdest du mein Produkt nutzen?", sagen die meisten "Ja, klingt interessant" -- auch wenn sie es nie tun würden. Frag stattdessen nach konkretem Verhalten in der Vergangenheit.

Die Quantitäts-Falle

Du sammelst Berge von Daten, aber analysierst sie nicht richtig. Besser: Nach jedem Interview sofort die wichtigsten Erkenntnisse festhalten und mit dem Team teilen.

Von der Empathie zur Definition

Die Empathize-Phase ist kein Selbstzweck. Sie liefert dir die Grundlage für die nächste Phase: das Problem klar definieren. In meinem Artikel zu Problem Framing und How-Might-We-Fragen zeige ich dir, wie du aus deinen Empathie-Erkenntnissen eine scharfe Problemdefinition entwickelst.

Praktische Übung: Dein erstes Empathie-Projekt

Hier ist eine konkrete Aufgabe für diese Woche:

  1. Wähle eine Zielgruppe aus, die du besser verstehen willst
  2. Identifiziere 3 Personen aus dieser Gruppe, die du interviewen kannst
  3. Bereite 5-7 offene Fragen vor (keine Ja/Nein-Fragen!)
  4. Führe die Interviews (jeweils 30-45 Minuten)
  5. Erstelle eine Empathy Map für jedes Gespräch
  6. Suche nach Mustern: Was taucht in mehreren Gesprächen auf?

Das Ganze kostet dich vielleicht 3-4 Stunden und ein paar Kaffees. Aber die Erkenntnisse können dein gesamtes Startup in eine neue Richtung lenken.

Zusammenfassung

Die Empathize-Phase ist das Fundament von Design Thinking und der Schlüssel zu wirklich innovativen Lösungen:

  • Beobachte Nutzer in ihrem natürlichen Umfeld -- was sie tun, ist wichtiger als was sie sagen
  • Führe tiefe Interviews mit offenen Fragen und echtem Interesse
  • Tauche ein in die Welt deiner Nutzer, um ihr Erleben nachzuvollziehen
  • Nutze Werkzeuge wie Empathy Maps, Personas und Customer Journey Maps
  • Vermeide typische Fallen wie Bestätigungsfehler und Höflichkeitsbias
  • 5-8 gute Interviews reichen oft für den Anfang

Denk daran: Jede Stunde, die du in Empathie investierst, spart dir Wochen an Fehlentwicklung.


Du möchtest lernen, wie du Nutzerforschung in deinem Startup professionell aufsetzt? Startup Burgenland bietet regelmässig Workshops und Mentoring für Gründer an. Wir helfen dir, die richtigen Fragen zu stellen und echte Nutzerbedürfnisse zu entdecken.

Dieser Artikel ist Teil der Serie "Design Thinking und Innovation" im Rahmen der Kategorie "Idee und Validierung". Die Serie zeigt dir Schritt für Schritt, wie du mit Design Thinking bessere Produkte und Geschäftsmodelle entwickelst.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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