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Open Innovation und Co-Creation

Felix Lenhard 10 min Lesezeit
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Open Innovation und Co-Creation

Du glaubst, die besten Ideen kommen aus deinem eigenen Kopf? Oder aus deinem kleinen Startup-Team? Das ist ein weit verbreiteter Irrglaube -- und einer, der dich teuer zu stehen kommen kann.

Open Innovation dreht das klassische Innovationsmodell um: Statt alles hinter verschlossenen Türen zu entwickeln, öffnest du den Prozess und holst Wissen, Ideen und Ressourcen von aussen. Henry Chesbrough, der den Begriff prägte, bringt es auf den Punkt: "Nicht alle klugen Köpfe arbeiten für dich."

In diesem Artikel zeige ich dir, wie du als Startup in Österreich von Open Innovation und Co-Creation profitieren kannst -- auch mit kleinem Budget.

Was ist Open Innovation?

Open Innovation hat zwei Richtungen:

Outside-In: Externes Wissen nutzen

Du holst Ideen, Technologien und Wissen von aussen in dein Startup:

  • Kunden-Feedback systematisch nutzen
  • Partnerschaften mit Universitäten und Forschungseinrichtungen
  • Technologie-Scouting und Lizenzierung
  • Crowdsourcing von Ideen
  • Zusammenarbeit mit anderen Startups

Inside-Out: Internes Wissen nach aussen geben

Du stellst eigenes Wissen und Technologien anderen zur Verfügung:

  • Open-Source-Beiträge
  • Lizenzierung eigener Technologie
  • Spin-offs
  • Wissenstransfer in die Community

Für die meisten Startups ist Outside-In relevanter -- du hast noch nicht so viel, das du nach aussen geben könntest. Aber denk trotzdem darüber nach: Manchmal öffnet das Teilen von Wissen Türen, die sonst verschlossen blieben.

Co-Creation: Gemeinsam mit Kunden entwickeln

Co-Creation geht einen Schritt weiter als klassisches Kundenfeedback. Statt Kunden zu fragen, was sie wollen, und es dann zu bauen, entwickelst du die Lösung gemeinsam MIT ihnen.

Warum Co-Creation für Startups ideal ist

  • Bessere Lösungen: Kunden kennen ihre Probleme besser als du. Wenn sie mitgestalten, passt das Ergebnis besser.
  • Frühe Validierung: Du validierst während der Entwicklung, nicht erst danach -- das spart Iterationen.
  • Sterkere Kundenbindung: Wer an der Entwicklung beteiligt war, fühlt sich dem Produkt verbunden und wird zum Botschafter.
  • Kosteneinsparung: Kunden bringen Wissen ein, für das du sonst teure Berater brauchst.

Co-Creation-Formate

1. Customer Advisory Board

Ein kleiner Kreis von 5-8 Kunden, die dich regelmässig beraten:

Aufbau:

  • Wähle Kunden, die verschiedene Segmente repräsentieren
  • Triff dich alle 4-6 Wochen (auch virtuell möglich)
  • Bereite konkrete Fragen und Prototypen vor
  • Gib den Teilnehmern exklusive Einblicke und frühen Zugang

Beispiel: Ein SaaS-Startup im Burgenland könnte einen Advisory Board mit 6 lokalen KMUs aufbauen, die die Software im Alltag testen und Feedback geben. Einmal im Monat gibt es ein gemeinsames Abendessen beim Heurigen -- Networking inklusive.

Kosten: 6x Abendessen = ca. 300 EUR pro Quartal. Der Return? Unbezahlbar.

2. Co-Creation-Workshops

Intensive Workshops, in denen du gemeinsam mit Kunden an Lösungen arbeitest:

Format (Halbtages-Workshop):

ZeitAktivität
09:00Begrüssung und Problemvorstellung
09:30Nutzer-Storys teilen: Kunden berichten von ihren Erfahrungen
10:15Gemeinsame Ideation: Brainstorming und Crazy 8s
11:00Pause
11:15Prototyping: Gemeinsam Lösungsansätze skizzieren
12:00Bewertung und Priorisierung
12:30Nächste Schritte und Abschluss

Tipps für erfolgreiche Co-Creation-Workshops:

  • Mische interne und externe Teilnehmer im Verhältnis 1:2 (mehr Kunden als Team-Mitglieder)
  • Sorge für einen neutralen Moderator -- nicht der CEO, der seine Vision durchdrücken will
  • Dokumentiere alles mit Fotos und Notizen
  • Plane konkrete Follow-up-Aktionen und kommuniziere sie an die Teilnehmer

3. Beta-Tester-Community

Eine Gruppe von Nutzern, die dein Produkt in der Frühphase testen:

Aufbau:

  • Lade 20-50 Early Adopter ein (nicht mehr am Anfang)
  • Nutze einen eigenen Slack-Channel, eine WhatsApp-Gruppe oder ein Forum
  • Liefere regelmässig neue Versionen
  • Reagiere schnell auf Feedback
  • Feiere die Community -- sie sind deine wichtigsten Verbündeten

Was Beta-Tester im Gegenzug bekommen:

  • Kostenlosen oder stark vergünstigten Zugang
  • Einfluss auf die Produktentwicklung
  • Exklusive Einblicke hinter die Kulissen
  • Das Gefühl, Teil von etwas Neuem zu sein

4. Ideenwettbewerbe und Hackathons

Öffne spezifische Probleme für eine breitere Öffentlichkeit:

Für Startups realistische Formate:

  • Mini-Hackathon (1 Tag): Lade 15-20 Personen ein, um an einem konkreten Problem zu arbeiten. Kosten: Raum + Verpflegung = ca. 200-500 EUR
  • Online-Ideenwettbewerb: Nutze eine einfache Plattform (Google Forms reicht!), um Ideen zu sammeln. Preis: Ein Gutschein für lokale Produkte im Wert von 50-100 EUR
  • Uni-Kooperation: Stelle dein Problem als Semesterprojekt an der FH Burgenland oder der WU Wien vor. Kosten: 0 EUR -- die Studierenden brauchen Praxisprojekte.

Open Innovation Ökosystem im Burgenland

Das Burgenland hat ein überraschend starkes Innovations-Ökosystem. Nutze es:

Forschungseinrichtungen

  • FH Burgenland: Kooperationen in den Bereichen Digitalisierung, Tourismus und Gesundheit
  • Forschung Burgenland: Angewandte Forschung mit Praxisbezug
  • AIT (Austrian Institute of Technology): Technologie-Partnerschaften

Förderlandschaft

Österreich bietet zahlreiche Förderungen für kooperative Innovation:

  • FFG-Programme: Förderungen für Forschungsprojekte mit Uni- oder Unternehmens-Partnern
  • aws (Austria Wirtschaftsservice): Startup-spezifische Programme
  • WiBuG (Wirtschaftsservice Burgenland): Regionale Förderungen

Netzwerke

  • Startup Burgenland: Dein erster Anlaufpunkt für Vernetzung
  • Gründerzentren: Räumliche Nähe zu anderen Startups fördert spontane Zusammenarbeit
  • Branchencluster: Je nach Branche gibt es spezialisierte Netzwerke

Open Innovation mit Unternehmen: Corporate-Startup-Zusammenarbeit

Grosse Unternehmen suchen zunehmend die Zusammenarbeit mit Startups. Das kann für beide Seiten extrem wertvoll sein -- aber es gibt Fallstricke.

Chancen

  • Zugang zu Ressourcen: Labore, Daten, Infrastruktur
  • Zugang zu Kunden: Etablierte Vertriebskanäle
  • Validierung: Ein Corporate-Partner gibt dir Glaubwürdigkeit
  • Finanzierung: Pilot-Projekte oder strategische Investments

Risiken

  • Geschwindigkeits-Mismatch: Startups agieren in Tagen, Konzerne in Monaten
  • IP-Probleme: Kläre von Anfang an, wem was gehört
  • Abhängigkeit: Wenn der Corporate-Partner abspringt, stehst du allein da
  • Verwasserung der Vision: Der Corporate hat seine eigene Agenda

Tipps für die Zusammenarbeit

  1. Definiere klare Ziele: Was will jede Seite erreichen?
  2. Setze enge Zeitrahmen: Ein Pilot-Projekt von 3 Monaten ist besser als ein Rahmenvertrag über 2 Jahre
  3. Kläre IP frühzeitig: Am besten schriftlich und mit Anwalt
  4. Behalte deine Unabhängigkeit: Der Corporate sollte nie dein einziger Kunde sein
  5. Nutze Design Sprints: Sie sind ideal für die Zusammenarbeit mit Corporates -- schnell, strukturiert, ergebnisorientiert

Community-basierte Innovation

Gerade im Burgenland, wo die Community stark ist, kannst du die Kraft der Gemeinschaft nutzen:

User-Generated Content

Lass deine Nutzer Inhalte erstellen, die dein Produkt wertvoller machen:

  • Ein Tourismus-Startup könnte Einheimische einladen, ihre Geheimtipps zu teilen
  • Eine Plattform für lokale Produkte könnte Produzenten ihre eigenen Geschichten erzählen lassen
  • Ein Bildungs-Startup könnte erfahrene Gründer als Mentoren einbinden

Lead-User-Methode

Lead User sind Nutzer, die ihrer Zeit voraus sind. Sie haben Bedürfnisse, die der breite Markt erst in Zukunft haben wird. Sie sind ideale Innovationspartner.

Wie du Lead User findest:

  • Suche nach Nutzern, die bestehende Produkte modifizieren oder Workarounds nutzen
  • Suche in Fachforen und Communities nach den aktivsten und kreativsten Köpfen
  • Frage in Nutzer-Interviews: "Haben Sie etwas verändert oder angepasst?"

Open-Source-Ansätze

Auch wenn du kein Software-Startup bist, kannst du von Open-Source-Prinzipien lernen:

  • Transparenz: Teile deine Roadmap öffentlich -- Kunden können Input geben
  • Partizipation: Lass Kunden über Features abstimmen
  • Meritokratie: Die besten Ideen gewinnen, egal woher sie kommen

Intellectual Property in der Open Innovation

Ein sensibles Thema, das du nicht ignorieren darfst:

Grundregeln

  1. Definiere vor jedem Co-Creation-Projekt, wem das geistige Eigentum gehört
  2. Nutze einfache Vereinbarungen: Ein NDA (Non-Disclosure Agreement) und eine IP-Vereinbarung reichen meistens
  3. Unterscheide zwischen Hintergrund-IP (was du schon hast) und Vordergrund-IP (was gemeinsam entsteht)
  4. Hol dir rechtliche Beratung: Die WKO und Startup Burgenland können an spezialisierte Rechtsanwälte vermitteln

Für Co-Creation-Workshops

  • Teilnehmer sollten eine einfache Vereinbarung unterschreiben, dass gemeinsam erarbeitete Ideen dem Startup gehören
  • Im Gegenzug biete Transparenz, Dank und eventuell frühen Zugang
  • Halte es einfach -- ein zweiseitiger Vertrag reicht, kein 20-seitiges Dokument

Messung von Open Innovation

Wie misst du, ob deine Open-Innovation-Aktivitäten sich lohnen? Hier helfen die Prinzipien des Innovation Accounting:

Mögliche Metriken:

MetrikMessung
Ideen-InputAnzahl neuer Ideen aus externen Quellen pro Monat
Ideen-QualitätAnteil externer Ideen, die umgesetzt werden
Time-to-InsightWie schnell liefern Co-Creation-Aktivitäten verwertbare Erkenntnisse?
Community-EngagementAktive Teilnehmer in Beta-Programmen, Feedback-Rate
Kooperations-ROIWert der Erkenntnisse vs. Kosten der Aktivität

Praktischer Leitfaden: Dein erster Co-Creation-Workshop

Hier ist ein konkreter Plan, den du in den nächsten 2 Wochen umsetzen kannst:

Woche 1: Vorbereitung

  • Tag 1-2: Definiere das Problem, das du lösen willst
  • Tag 3-4: Identifiziere und lade 6-8 Teilnehmer ein (Mix aus Kunden, Partnern und deinem Team)
  • Tag 5: Bereite Material vor (Post-its, Marker, Storyboard-Vorlagen)

Woche 2: Durchführung und Follow-up

  • Tag 1: Workshop durchführen (Halbtag, siehe Format oben)
  • Tag 2-3: Ergebnisse dokumentieren und analysieren
  • Tag 4-5: Follow-up an Teilnehmer senden: Was wurde besprochen? Was sind die nächsten Schritte?

Budget:

PostenKosten
Raum (Co-Working-Space)50-100 EUR
Verpflegung80-120 EUR
Material20-30 EUR
Follow-up-Geschenk für Teilnehmer50-80 EUR
Gesamt200-330 EUR

Für unter 350 EUR bekommst du Zugang zu Wissen und Perspektiven, die du sonst nie bekommen hättest.

Zusammenfassung

Open Innovation und Co-Creation sind keine Luxus-Aktivitäten für Grosskonzerne -- sie sind eine Geheimwaffe für Startups:

  • Öffne deinen Innovationsprozess: Die besten Ideen kommen nicht immer von innen
  • Mache Kunden zu Mitgestaltern: Co-Creation führt zu besseren Produkten und stärkerer Kundenbindung
  • Nutze das Ökosystem: Forschungseinrichtungen, andere Startups und die Community im Burgenland bieten enormes Potenzial
  • Beachte IP-Fragen: Kläre Eigentumsrechte frühzeitig und klar
  • Miss den Erfolg: Nutze Innovation Accounting, um den Wert deiner Open-Innovation-Aktivitäten zu messen
  • Starte klein: Ein Customer Advisory Board oder ein Co-Creation-Workshop reichen für den Anfang

Du willst Open Innovation in deinem Startup starten? Startup Burgenland vernetzt dich mit Forschungseinrichtungen, potenziellen Partnern und erfahrenen Gründern. Gemeinsam finden wir die richtigen Kooperationen für dein Startup.

Dieser Artikel ist Teil der Serie "Design Thinking und Innovation" im Rahmen der Kategorie "Idee und Validierung". Die Serie zeigt dir Schritt für Schritt, wie du mit Design Thinking bessere Produkte und Geschäftsmodelle entwickelst.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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