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Ideation-Methoden -- von Brainstorming bis Crazy 8s

Felix Lenhard 10 min Lesezeit
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Ideation-Methoden -- von Brainstorming bis Crazy 8s

Du hast deine Nutzer verstanden, dein Problem scharf definiert und deine How-Might-We-Fragen formuliert. Jetzt kommt der Teil, auf den sich die meisten freuen: Ideen generieren. Aber Vorsicht -- "Lasst uns mal brainstormen" führt meistens zu enttäuschenden Ergebnissen, wenn du es nicht richtig machst.

In diesem Artikel zeige ich dir Methoden, die wirklich funktionieren -- getestet mit dutzenden Startups im Burgenland und darüber hinaus.

Warum klassisches Brainstorming oft scheitert

Bevor wir in die Methoden einsteigen, ein ehrliches Wort zum klassischen Brainstorming: Es funktioniert oft nicht so gut, wie wir glauben.

Typische Probleme:

  • Gruppendenken: Die erste laut ausgesprochene Idee dominiert die Richtung
  • Hierarchie-Effekt: Wenn der Chef spricht, nicken alle
  • Bewertungsangst: Menschen halten Ideen zurück, weil sie Angst vor Kritik haben
  • Trittbrettfahrer: Einige lehnen sich zurück und lassen andere arbeiten
  • Anker-Effekt: Die ersten Ideen setzen den Rahmen, aus dem man schwer ausbricht

Das bedeutet nicht, dass Brainstorming nutzlos ist -- aber es braucht die richtigen Rahmenbedingungen und Ergänzungen.

Die wichtigsten Regeln für jede Ideation

Egal welche Methode du nutzt, diese Grundregeln gelten immer:

  1. Quantität vor Qualität: Lieber 100 Ideen, von denen 90 schlecht sind, als 10 "gute" Ideen
  2. Keine Kritik während der Generierung: "Ja, und..." statt "Ja, aber..."
  3. Wilde Ideen ermutigen: Die verrücktesten Ideen führen oft zu den besten Lösungen
  4. Auf Ideen anderer aufbauen: Kombiniere und erweitere vorhandene Ideen
  5. Visuell arbeiten: Zeichne, skizziere, baue -- nicht nur reden
  6. Zeitdruck nutzen: Enge Zeitrahmen fördern Kreativität
  7. Eine Idee pro Post-it: Halte Ideen kurz und einzeln fest

Methode 1: Brainwriting (6-3-5)

Brainwriting löst viele Probleme des klassischen Brainstormings. Es funktioniert so:

Setup:

  • 6 Teilnehmer (funktioniert auch mit 4-8)
  • Jeder bekommt ein Blatt Papier mit 3 Spalten und 6 Reihen
  • Timer

Ablauf:

  1. Runde 1 (5 Minuten): Jeder schreibt 3 Ideen in die erste Reihe
  2. Weitergeben: Jeder gibt sein Blatt an den Nachbarn weiter
  3. Runde 2 (5 Minuten): Jeder liest die Ideen auf dem erhaltenen Blatt und schreibt 3 neue Ideen in die nächste Reihe -- inspiriert von den vorhandenen oder völlig neu
  4. Wiederholen: Insgesamt 6 Runden

Ergebnis: In 30 Minuten hast du bis zu 108 Ideen (6 Personen x 3 Ideen x 6 Runden).

Warum es funktioniert:

  • Introvertierte kommen gleichberechtigt zu Wort
  • Keine Hierarchie-Effekte
  • Du baust automatisch auf Ideen anderer auf
  • Der Zeitdruck fördert spontane, unzensierte Ideen

Kosten: Papier und Stifte -- unter 5 EUR.

Methode 2: Crazy 8s

Crazy 8s ist meine Lieblingsmethode für schnelle, visuelle Ideation. Sie stammt aus dem Google Design Sprint (mehr dazu im Artikel zu Design Sprints).

Setup:

  • Ein A4-Blatt pro Person, dreimal gefaltet = 8 Felder
  • Marker
  • Timer

Ablauf:

  1. Jeder Teilnehmer hat 8 Minuten Zeit
  2. In jedes der 8 Felder wird eine Idee gezeichnet -- eine Minute pro Feld
  3. Zeichnen, nicht schreiben! Strichmännchen und einfache Skizzen reichen völlig
  4. Timer klingelt alle 60 Sekunden -- dann muss man zum nächsten Feld wechseln

Warum es funktioniert:

  • 60 Sekunden sind zu wenig zum Nachdenken -- du zeichnest, was dir zuerst einfällt
  • Durch die visuelle Darstellung werden Ideen konkreter
  • 8 verschiedene Ansätze zwingen dich, über die offensichtliche erste Idee hinauszudenken
  • Es macht Spass und lockert die Stimmung auf

Tipp: Die ersten 3-4 Ideen sind meist die offensichtlichen. Die wirklich spannenden kommen ab Feld 5, wenn du gezwungen bist, anders zu denken.

Methode 3: SCAMPER

SCAMPER ist ein systematischer Ansatz, der dir hilft, bestehende Ideen zu transformieren. Jeder Buchstabe steht für eine andere Denkrichtung:

BuchstabeBedeutungFrage
SSubstitute (Ersetzen)Was könnte ich ersetzen? Material, Prozess, Person?
CCombine (Kombinieren)Was könnte ich mit etwas anderem kombinieren?
AAdapt (Anpassen)Was könnte ich anpassen oder übertragen?
MModify/Magnify (Verändern)Was könnte ich vergrössern, verkleinern, verändern?
PPut to other use (Umnutzen)Wofür könnte ich es sonst noch nutzen?
EEliminate (Eliminieren)Was könnte ich weglassen oder vereinfachen?
RReverse/Rearrange (Umkehren)Was passiert, wenn ich die Reihenfolge ändere?

Beispiel für ein Weinverkaufs-Startup im Burgenland:

  • S: Statt Flaschen -- Wein im Bag-in-Box oder als Abo?
  • C: Wein + Erlebnis -- virtuelle Verkostung mit dem Winzer?
  • A: Was macht Nespresso? Kapsellogik für Wein?
  • M: Was wenn jede Flasche eine ganze Geschichte erzählt -- QR-Code zum Weingarten-Video?
  • P: Weinflaschen als Eintrittskarten für Events?
  • E: Was wenn wir den Zwischenhändler komplett eliminieren?
  • R: Was wenn der Kunde den Wein auswählt, bevor er produziert wird?

Nicht jede SCAMPER-Idee ist ein Treffer -- aber die Methode zwingt dich in Denkrichtungen, die du sonst nie eingeschlagen hättest.

Methode 4: Worst Possible Idea

Diese Methode klingt paradox, funktioniert aber hervorragend:

Ablauf:

  1. Generiert bewusst die schlechtesten, unsinnigsten Ideen für euer Problem
  2. Sammelt 15-20 "schreckliche" Ideen
  3. Analysiert jede schlechte Idee: Was genau macht sie schlecht?
  4. Dreht die schlechten Eigenschaften um -- oft entsteht daraus eine brillante Idee

Beispiel:

Problem: "Wie könnten wir mehr Gäste in unser Heuriger locken?"

Schlechte Ideen:

  • "Gäste müssen am Eingang singen" -- Umkehrung: Was wenn Live-Musik statt Peinlichkeit? Oder ein "offene Bühne"-Konzept?
  • "Wir servieren nur Essen, das niemand mag" -- Umkehrung: Was wenn Gäste ihr Menü selbst zusammenstellen?
  • "Der Heuriger ist nur nachts um 3 Uhr offen" -- Umkehrung: Was wenn wir einen "Midnight Heuriger" als Event-Format anbieten?

Warum es funktioniert:

  • Es nimmt den Druck, "gute" Ideen haben zu müssen
  • Es erzeugt viel Gelächer -- und Humor fördert Kreativität
  • Die Umkehrung von schlechten Ideen führt oft zu überraschend guten Ansätzen

Methode 5: Analogie-Denken

Diese Methode nutzt Lösungen aus anderen Branchen oder Kontexten als Inspiration:

Ablauf:

  1. Formuliere dein Problem abstrakt: "Wie bringen wir das richtige Angebot zur richtigen Person zur richtigen Zeit?"
  2. Frage: Wer hat dieses abstrakte Problem schon gelöst?
    • Netflix (Filmempfehlungen)
    • Spotify (Musik-Discover)
    • Tinder (Matching)
    • Notaufnahme (Triage)
  3. Analysiere deren Lösungsansatz
  4. Übertrage Elemente auf dein Startup

Beispiel:

Ein Startup für regionale Lebensmittellieferung im Burgenland könnte sich fragen:

  • "Was würde Uber tun?" -- Dezentrales Netzwerk von Lieferfahrern, dynamische Preise
  • "Was würde eine Bibliothek tun?" -- Abo-Modell, kuratierte Auswahl, Empfehlungen
  • "Was würde ein Marktplatz im Mittelalter tun?" -- Feste Zeiten, soziale Interaktion, Erlebnis beim Einkauf

Methode 6: Mind Mapping

Mind Mapping eignet sich hervorragend als Ergänzung zu anderen Methoden:

Ablauf:

  1. Schreibe deine HMW-Frage in die Mitte eines grossen Blattes
  2. Zeichne Hauptäste für verschiedene Aspekte des Problems
  3. Verzweige jeden Ast weiter -- lass dich von Assoziationen leiten
  4. Nutze Farben und einfache Zeichnungen
  5. Verbinde Äste miteinander, wenn du Zusammenhänge siehst

Digital oder analog?

Für die kreative Phase empfehle ich klar: Analog. Ein grosses Papier, bunte Stifte, die Freiheit, überall hinzuschreiben. Digitale Tools (Miro, Mural) sind besser für die Dokumentation danach oder für Remote-Teams.

Ideen bewerten und auswählen

Nach der Ideation hast du (hoffentlich) Dutzende oder sogar Hunderte von Ideen. Jetzt musst du filtern -- aber wie?

Dot Voting

Die einfachste Methode:

  1. Alle Ideen werden an der Wand präsentiert
  2. Jeder bekommt 3-5 Klebepunkte
  3. Alle stimmen gleichzeitig ab (keine Diskussion vorher!)
  4. Die Ideen mit den meisten Punkten kommen in die engere Auswahl

Impact-Effort-Matrix

Ordne die Top-Ideen in ein 2x2-Raster ein:

Geringer AufwandHoher Aufwand
Hoher ImpactQuick Wins -- sofort machen!Grosse Projekte -- planen
Geringer ImpactFüller -- nett, aber nicht prioritärZeitverschwendung -- vergessen

Für Startups mit begrenztem Budget (und welches Startup hat das nicht?): Konzentriere dich auf Quick Wins und maximal ein grosses Projekt.

Now-Wow-How-Matrix

Eine Alternative zur Impact-Effort-Matrix:

  • Now: Einfach umsetzbar, aber nicht besonders innovativ -- trotzdem machen
  • Wow: Innovativ UND machbar -- das sind deine Stars!
  • How: Innovativ, aber schwer umsetzbar -- für später aufheben

Praxis-Tipps für Ideation-Workshops

Die richtige Atmosphäre

  • Raum: Lieber ungewöhnlich als das übliche Besprechungszimmer. Ein Workshop im Heuriger-Garten oder am Seeufer im Burgenland kann Wunder wirken
  • Musik: Leise Hintergrundmusik kann die Kreativität fördern
  • Verpflegung: Kaffee, Obst, Snacks -- hungrige Menschen sind keine kreativen Menschen
  • Keine Laptops: Handys und Laptops stören die kreative Energie

Die richtige Gruppengrösse

  • Ideation funktioniert am besten mit 4-6 Personen
  • Bei grösseren Gruppen: Teile in Untergruppen auf
  • Mische verschiedene Disziplinen und Erfahrungslevel
  • Lade auch "Aussenseiter" ein -- Menschen ausserhalb deiner Branche

Der richtige Zeitpunkt

  • Morgens sind die meisten Menschen kreativer als nachmittags
  • Nach einer Pause ist besser als am Ende eines langen Tages
  • Nicht am Freitagnachmittag -- die Energie fehlt einfach

Von der Idee zum Prototyp

Die besten Ideen nützen nichts, wenn sie auf Post-its verstauben. Im nächsten Schritt geht es darum, sie greifbar zu machen. Im Artikel zu Rapid Prototyping zeige ich dir, wie du in Stunden statt Wochen einen Prototypen baust, den du mit echten Nutzern testen kannst.

Und wenn du wissen willst, wie du den gesamten Prozess -- von der Problemdefinition bis zum getesteten Prototyp -- in nur fünf Tagen durchlaufen kannst, lies meinen Artikel zu Design Sprints.

Zusammenfassung

Hier noch einmal die wichtigsten Methoden im Überblick:

MethodeDauerTeilnehmerAm besten für
Brainwriting 6-3-530 Min.4-8Viele Ideen in kurzer Zeit
Crazy 8s8 Min.beliebigVisuelle, schnelle Ideen
SCAMPER30-45 Min.2-6Bestehende Konzepte transformieren
Worst Possible Idea20-30 Min.3-8Kreativitätsblockaden lösen
Analogie-Denken30-45 Min.2-6Querdenken, Branchengrenzen überwinden
Mind Mapping15-30 Min.1-4Themen explorieren, Zusammenhänge finden

Mein Rat: Kombiniere immer mindestens zwei Methoden. Starte zum Beispiel mit Crazy 8s für den schnellen Einstieg und nutze dann SCAMPER, um die besten Ideen weiterzüntwickeln.


Du willst Ideation-Methoden unter professioneller Anleitung ausprobieren? Startup Burgenland organisiert regelmässig Kreativ-Workshops für Gründer. Wir helfen dir, die besten Ideen für dein Startup zu finden.

Dieser Artikel ist Teil der Serie "Design Thinking und Innovation" im Rahmen der Kategorie "Idee und Validierung". Die Serie zeigt dir Schritt für Schritt, wie du mit Design Thinking bessere Produkte und Geschäftsmodelle entwickelst.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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