Problem Framing und How-Might-We-Fragen
Du hast in der Empathize-Phase tief in die Welt deiner Nutzer eingetaucht. Du hast Interviews geführt, beobachtet und Empathy Maps erstellt. Jetzt sitzt du vor einem Berg an Erkenntnissen und fragst dich: Und jetzt?
Jetzt kommt eine der wichtigsten -- und am meisten unterschätzten -- Phasen im Design Thinking: das Problem Framing. Hier entscheidet sich, ob du ein Problem löst, das wirklich zählt, oder ob du deine Energie in die falsche Richtung steckst.
Warum das richtige Problem wichtiger ist als die richtige Lösung
Albert Einstein wird oft zitiert: "Wenn ich eine Stunde hätte, um ein Problem zu lösen, würde ich 55 Minuten damit verbringen, das Problem zu definieren, und 5 Minuten damit, die Lösung zu finden."
Ob Einstein das wirklich gesagt hat, sei dahingestellt -- aber der Punkt ist brillant. Die meisten Startups scheitern nicht an der Umsetzung. Sie scheitern daran, dass sie das falsche Problem lösen.
Beispiel aus der Praxis:
Ein Startup in Oberpullendorf wollte eine App entwickeln, die Touristen den besten Wanderweg empfiehlt. Nach der Nutzerforschung stellte sich heraus: Das Problem der Touristen war nicht "Welchen Weg soll ich nehmen?", sondern "Ich traue mich nicht alleine in der Natur, weil ich Angst habe, mich zu verlaufen." Völlig anderes Problem -- völlig andere Lösung.
Die Kunst des Problem Framings
Problem Framing bedeutet, ein Problem so zu definieren, dass es:
- Spezifisch genug ist, um lösbar zu sein
- Breit genug ist, um Raum für kreative Lösungen zu lassen
- Menschenzentriert formuliert ist
- Handlungsorientiert ist
Schritt 1: Erkenntnisse synthetisieren
Nimm alle deine Notizen, Empathy Maps und Beobachtungen und breite sie vor dir aus. Jetzt geht es darum, Muster zu finden:
Affinity Mapping (Clustering):
- Schreibe jede einzelne Erkenntnis auf einen eigenen Post-it
- Lege alle Post-its auf einen grossen Tisch oder an die Wand
- Gruppiere sie intuitiv nach Ähnlichkeit -- ohne vorher Kategorien festzulegen
- Gib jeder Gruppe einen Namen
- Suche nach überraschenden Clustern -- die offensichtlichen sind selten die spannendsten
Beispiel:
Du hast 8 Interviews mit Gastronomen im Burgenland geführt. Deine Cluster könnten sein:
- Personalmanagement: Schwierigkeiten bei der Schichtplanung, hohe Fluktuation, Kommunikationsprobleme
- Gästeerlebnis: Wunsch nach Personalisierung, Angst vor schlechten Online-Bewertungen
- Administrative Last: Zu viel Papierkram, Steuermeldungen, Lebensmittelvorschriften
- Digitale Überforderung: Zu viele verschiedene Systeme, keine Integration
Schritt 2: Insights formulieren
Ein Insight ist mehr als eine Beobachtung. Es ist eine tiefere Erkenntnis, die eine Spannung oder ein unerfülltes Bedürfnis offenbart.
Formel für einen guten Insight:
[Nutzer] braucht [Bedürfnis], weil [überraschender Grund].
Beispiele:
- "Gastronomen im Burgenland brauchen eine Möglichkeit, ihr Team spontan zu koordinieren, weil das Wetter den Gästestrom unvorhersehbar macht."
- "Winzer brauchen eine einfache Dokumentation ihrer Arbeit, weil die EU-Vorschriften immer komplexer werden und sie lieber im Weingarten stehen als am Schreibtisch."
- "Touristen am Neusiedler See brauchen Orientierung bei der Auswahl von Erlebnissen, weil das Angebot so vielfältig ist, dass sie sich überfordert fühlen."
Test für einen guten Insight:
- Ist er überraschend? (Wenn alle "Na klar" sagen, ist er zu offensichtlich)
- Ist er spezifisch? (Nicht "Menschen wollen es einfacher haben")
- Basiert er auf Daten? (Nicht auf deinen Annahmen)
- Erzeugt er Spannung? (Zeigt er einen Widerspruch oder ein Dilemma?)
Schritt 3: Point of View (POV) Statement
Das POV-Statement ist die Brücke zwischen Insight und How-Might-We-Frage. Es fasst zusammen, für wen du was und warum lösen willst.
Formel:
[Nutzer] braucht eine Möglichkeit, [Bedürfnis zu erfüllen], weil [Insight/überraschende Erkenntnis].
Beispiel:
"Maria, eine Gastronomin in Mörbisch, braucht eine Möglichkeit, ihre Tagesplanung in Echtzeit anzupassen, weil das Wetter am See die Gästezahlen innerhalb von Stunden um das Dreifache schwanken lässt."
Das ist viel schärfer als "Gastronomen brauchen bessere Software."
How-Might-We-Fragen -- der Schlüssel zur Ideation
How-Might-We-Fragen (HMW-Fragen) sind das Scharnier zwischen Problemdefinition und Ideenfindung. Sie sind so formuliert, dass sie den Lösungsraum öffnen, ohne ihn zu sehr einzuschränken.
Die Anatomie einer guten HMW-Frage
Eine gute HMW-Frage:
- Beginnt mit "How might we..." (oder auf Deutsch: "Wie könnten wir...")
- Ist weder zu breit noch zu eng
- Impliziert keine bestimmte Lösung
- Inspiriert zu vielfältigen Ideen
Die Goldilocks-Zone finden
Zu breit: "Wie könnten wir die Gastronomie verbessern?" -- Das ist so breit, dass du nicht weisst, wo du anfangen sollst.
Zu eng: "Wie könnten wir eine App bauen, die Gastronomen per Push-Benachrichtigung über Wetter-Änderungen informiert?" -- Das ist schon eine Lösung, keine Frage.
Genau richtig: "Wie könnten wir Gastronomen am Neusiedler See helfen, auf überraschende Nachfrageschwankungen flexibel zu reagieren?" -- Das lässt Raum für viele verschiedene Lösungsansätze.
HMW-Fragen aus verschiedenen Blickwinkeln
Aus einem einzigen Insight kannst du mehrere HMW-Fragen ableiten, indem du verschiedene Perspektiven einnimmst:
Insight: "Touristen am Neusiedler See fühlen sich vom vielfältigen Angebot überfordert."
- Amplifizieren: "Wie könnten wir die Vielfalt als Stärke nutzen statt als Problem?"
- Umkehren: "Wie könnten wir das Angebot so reduzieren, dass Touristen sich willkommen statt überfordert fühlen?"
- Analogie: "Wie könnten wir die Netflix-Logik auf Tourismuserlebnisse anwenden?"
- Bedürfnis hinterfragen: "Wie könnten wir Touristen helfen, herauszufinden, was sie eigentlich wollen?"
- Kontext ändern: "Wie könnten wir die Entscheidung schon vor der Anreise erleichtern?"
- Akteure wechseln: "Wie könnten wir lokale Gastgeber befähigen, die richtige Empfehlung zur richtigen Zeit zu geben?"
Siehst du, wie jede dieser Fragen einen völlig anderen Lösungsraum öffnet?
Workshop-Format: HMW-Fragen generieren
Hier ist ein konkretes Format, das du mit deinem Team durchführen kannst:
Dauer: 45-60 Minuten
Material: Post-its, Marker, Dot-Sticker für Voting
Ablauf:
-
Insights vorstellen (10 Min.)
- Präsentiere die wichtigsten Erkenntnisse aus der Nutzerforschung
- Stelle sicher, dass alle im Team die Insights verstehen
-
Individuelles Brainstorming (10 Min.)
- Jeder schreibt für sich HMW-Fragen auf Post-its
- Eine Frage pro Post-it
- Keine Diskussion, kein Kommentieren
-
Teilen und Clustern (15 Min.)
- Jeder stellt seine HMW-Fragen vor
- Ähnliche Fragen werden gruppiert
- Duplikate werden zusammengefügt
-
Verfeinern (10 Min.)
- Prüft gemeinsam: Ist die Frage zu breit oder zu eng?
- Formuliert Fragen um, die noch nicht in der Goldilocks-Zone sind
-
Voting (5 Min.)
- Jeder bekommt 3 Dot-Sticker
- Alle stimmen gleichzeitig über die vielversprechendsten HMW-Fragen ab
- Die Top-3-Fragen gehen in die Ideation-Phase
Problem Framing Werkzeuge
Problem Statement Canvas
Ein strukturiertes Format, um dein Problem scharf zu definieren:
| Element | Beschreibung |
|---|---|
| Wer | Für wen löst du das Problem? (Konkreter Nutzertyp) |
| Was | Was ist das beobachtete Problem? |
| Wo | In welchem Kontext tritt es auf? |
| Wann | Wann tritt es auf? (Trigger, Häufigkeit) |
| Warum | Warum ist es ein Problem? (Konsequenzen) |
| Wie gross | Wie viele Menschen betrifft es? Wie stark? |
Reframing-Technik
Manchmal steckst du in einer Problemdefinition fest, die dich in die falsche Richtung führt. Dann hilft Reframing -- das bewusste Umformulieren des Problems:
Original: "Wie reduzieren wir die Wartezeit im Restaurant?"
Reframe 1: "Wie machen wir die Wartezeit angenehm?" (Das Problem ist nicht die Wartezeit, sondern die Langeweile)
Reframe 2: "Wie eliminieren wir die Notwendigkeit zu warten?" (Radikaler Ansatz)
Reframe 3: "Wie nutzen wir die Wartezeit, um den Gästen Mehrwert zu bieten?" (Wartezeit als Chance)
Jeder Reframe führt zu völlig anderen Lösungen. Probiere mindestens 3 verschiedene Frames aus, bevor du dich festlegst.
5-Whys-Analyse
Diese Methode kennst du vielleicht schon aus der Empathize-Phase. Sie eignet sich aber auch hervorragend für das Problem Framing:
Oberflächliches Problem: "Unser Online-Shop hat eine hohe Abbruchrate."
- Warum? "Weil die Kunden im Checkout abbrechen."
- Warum? "Weil der Checkout-Prozess zu viele Schritte hat."
- Warum hat er so viele Schritte? "Weil wir viele Informationen abfragen."
- Warum fragen wir so viele Informationen ab? "Weil unsere Buchhaltung sie braucht."
- Warum braucht die Buchhaltung sie im Checkout? "Eigentlich... könnten wir sie auch später erheben."
Das eigentliche Problem ist nicht der Checkout -- es ist der interne Prozess.
Von der Problemdefinition zur Ideation
Wenn du deine HMW-Fragen definiert hast, bist du bereit für die nächste Phase: die Ideenfindung. Im Artikel zu Ideation-Methoden zeige ich dir, wie du mit Brainstorming, Crazy 8s und anderen Techniken möglichst viele kreative Ideen generierst.
Praxis-Tipps für österreichische Startups
Regionale Problemdefinition
Im Burgenland und in ganz Österreich gibt es spezifische Herausforderungen, die sich hervorragend für Problem Framing eignen:
- Saisonalität im Tourismus: Wie können wir Tourismusbetriebe helfen, auch in der Nebensaison erfolgreich zu sein?
- Ländlicher Raum: Wie können wir die Vorteile des ländlichen Lebens stärken, ohne die Nachteile zu ignorieren?
- Pendlerproblematik: Wie können wir die Pendelzeit der 40.000+ Burgenländer, die täglich nach Wien fahren, wertvoller gestalten?
- Nachfolge in Familienbetrieben: Wie können wir die nächste Generation für traditionelle Betriebe begeistern?
Kulturelle Besonderheiten
Beachte bei der Problemdefinition auch kulturelle Faktoren:
- In Österreich sind Netzwerke und persönliche Beziehungen oft wichtiger als in anderen Märkten
- "Des hamma immer scho so gmacht" ist ein reales Hindernis -- formuliere dein Problem so, dass es nicht bedrohlich klingt
- Datenschutz-Sensibilität ist hoch -- berücksichtige das in deiner Problemdefinition
Zusammenfassung und Checkliste
Gutes Problem Framing ist die halbe Miete. Hier deine Checkliste:
- Erkenntnisse aus der Empathize-Phase synthetisiert (Affinity Mapping)
- Mindestens 3 starke Insights formuliert
- POV-Statement geschrieben
- Mindestens 5 HMW-Fragen aus verschiedenen Blickwinkeln generiert
- HMW-Fragen auf "Goldilocks-Zone" geprüft
- Top-3-HMW-Fragen für die Ideation ausgewählt
- Problem mindestens einmal reframed
Investiere genügend Zeit in diese Phase. Eine scharfe Problemdefinition macht die gesamte weitere Arbeit einfacher und effektiver.
Du brauchst Unterstützung beim Problem Framing für dein Startup? Startup Burgenland bietet individuelle Beratung und moderierte Workshops, in denen wir gemeinsam die richtigen Probleme identifizieren und schärfen.
Dieser Artikel ist Teil der Serie "Design Thinking und Innovation" im Rahmen der Kategorie "Idee und Validierung". Die Serie zeigt dir Schritt für Schritt, wie du mit Design Thinking bessere Produkte und Geschäftsmodelle entwickelst.
Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.