Buchhaltung selber machen oder auslagern -- die richtige Entscheidung für dein Startup
Eine der ersten Fragen, die sich jeder Gründer in Österreich stellt: Mache ich die Buchhaltung selbst, oder gebe ich sie an einen Steuerberater ab? Die Antwort ist nicht so einfach wie "es kommt drauf an" -- obwohl sie natürlich davon abhängt. In diesem Beitrag gebe ich dir eine ehrliche Entscheidungshilfe mit konkreten Kosten, Zeitaufwänden und Praxistipps.
Die rechtlichen Grundlagen in Österreich
Bevor du dich entscheidest, musst du wissen, was du überhaupt darfst:
Wer darf die Buchhaltung selbst machen?
- Einzelunternehmer: Dürfen ihre Buchhaltung grundsätzlich selbst erledigen
- GmbH-Geschäftsführer: Dürfen die laufende Buchhaltung selbst machen
- Einschränkung: Den Jahresabschluss einer GmbH muss ein Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer erstellen (ab einer gewissen Grösse)
Buchführungspflicht in Österreich
| Rechtsform | Umsatzgrenze | Buchführungspflicht |
|---|---|---|
| Einzelunternehmen | < 700.000 EUR Umsatz | Einnahmen-Ausgaben-Rechnung genügt |
| Einzelunternehmen | > 700.000 EUR Umsatz (2 Jahre) | Doppelte Buchführung |
| GmbH | Unabhängig vom Umsatz | Doppelte Buchführung |
| OG / KG | < 700.000 EUR Umsatz | Einnahmen-Ausgaben-Rechnung genügt |
| OG / KG | > 700.000 EUR Umsatz (2 Jahre) | Doppelte Buchführung |
Für die meisten Startups in der Frühphase reicht also die Einnahmen-Ausgaben-Rechnung (E/A-Rechnung) -- es sei denn, du gründest eine GmbH.
Option 1: Buchhaltung selber machen
Vorteile
- Kostenersparnis: Du sparst die Steuerberaterkosten (mindestens 200-500 EUR/Monat)
- Kontrolle: Du hast jederzeit den vollen Überblick über deine Finanzen
- Schnelligkeit: Du musst nicht auf den Steuerberater warten
- Lerneffekt: Du verstehst dein Geschäft besser
- Zeitnahe Zahlen: Du siehst sofort, wo du stehst
Nachteile
- Zeitaufwand: Je nach Komplexität 4-15 Stunden pro Monat
- Fehlerrisiko: Buchhaltungsfehler können teuer werden
- Kein Fachwissen: Du verpasst möglicherweise Steuersparchancen
- Ablenkung: Zeit, die du nicht in dein Kerngeschäft investierst
- Compliance-Risiko: Fristen und Vorschriften müssen eingehalten werden
Was du selbst machen kannst
- Laufende Erfassung von Einnahmen und Ausgaben
- Rechnungen schreiben und verwalten
- Belege organisieren und digitalisieren
- Umsatzsteuervoranmeldung (UVA) erstellen
- Mahnwesen
- Einfache E/A-Rechnung
Was du besser dem Profi überlässt
- Jahresabschluss (bei GmbH Pflicht)
- Steuererklärungen
- Lohnverrechnung (wenn du Mitarbeiter hast)
- Komplexe steuerliche Fragen
- Betriebsprüfungen
Tools für die Selbstbuchhaltung in Österreich
| Tool | Kosten | Geeignet für | Österreich-spezifisch |
|---|---|---|---|
| ProSaldo MoneyManager | Ab 10 EUR/Monat | EPU, Kleinunternehmer | Ja |
| FreeFinance | Ab 9 EUR/Monat | EPU, KMU | Ja |
| sevDesk | Ab 8,90 EUR/Monat | EPU, KMU | Ja (DACH) |
| lexoffice | Ab 7,90 EUR/Monat | EPU, Freelancer | Ja (DACH) |
| BMD NTCS | Auf Anfrage | KMU, GmbH | Ja |
| Banana Accounting | Kostenlos (Basis) | EPU | Teilweise |
Empfehlung für österreichische Startups: FreeFinance oder ProSaldo, weil sie speziell für den österreichischen Markt entwickelt wurden und UVA, SVS-Berechnung und österreichische Kontenrahmen enthalten.
Option 2: Buchhaltung auslagern
Vorteile
- Fachwissen: Der Steuerberater kennt alle Tricks und Regeln
- Zeitersparnis: Du konzentrierst dich auf dein Kerngeschäft
- Rechtssicherheit: Weniger Risiko für Fehler und Strafen
- Steueroptimierung: Profis finden Sparchancen, die du übersiehst
- Haftung: Der Steuerberater haftet für seine Arbeit
Nachteile
- Kosten: 200-800 EUR/Monat (oder mehr)
- Abhängigkeit: Du bist auf den Steuerberater angewiesen
- Zeitverzögerung: Monatliche Zahlen kommen oft mit 2-4 Wochen Verzögerung
- Weniger Einblick: Du verlierst den direkten Bezug zu deinen Zahlen
- Kommunikationsaufwand: Belege müssen rechtzeitig übergeben werden
Was kostet ein Steuerberater in Österreich?
| Leistung | Einzelunternehmen | GmbH |
|---|---|---|
| Laufende Buchhaltung | 150-400 EUR/Monat | 300-800 EUR/Monat |
| Jahresabschluss | 500-1.500 EUR | 1.500-4.000 EUR |
| Steuererklärung | 300-800 EUR | 500-1.500 EUR |
| Lohnverrechnung (pro MA) | 30-50 EUR/Monat | 30-50 EUR/Monat |
| UVA-Erstellung | Oft inklusive | Oft inklusive |
| Gesamtkosten/Jahr | 3.000-8.000 EUR | 6.000-16.000 EUR |
Diese Kosten variieren stark je nach Region (Wien ist teurer als das Burgenland), Komplexität und Anzahl der Belege.
Wie findest du den richtigen Steuerberater?
- Empfehlungen: Frage andere Gründer in deinem Netzwerk
- Branchenkenntnis: Idealerweise kennt sich der Steuerberater mit Startups aus
- Digitalisierung: Arbeitet er mit digitalen Tools? Akzeptiert er Belege per App?
- Erreichbarkeit: Wie schnell reagiert er auf Anfragen?
- Fixpreise vs. Stundensatz: Fixpreise geben dir Planungssicherheit
Tipp: Die Wirtschaftskammer Burgenland und Startup Burgenland können dir Steuerberater empfehlen, die Erfahrung mit Startups haben.
Option 3: Der Hybrid-Ansatz (Empfehlung)
Die beste Lösung für die meisten Startups ist ein Hybrid-Ansatz:
Du machst selbst:
- Laufende Belegerfassung (digital, mit App)
- Rechnungen schreiben
- Zahlungsverkehr und Mahnwesen
- Wöchentliches Cashflow-Tracking
- KPI-Dashboard pflegen (siehe KPIs die jedes Startup tracken sollte)
Der Steuerberater macht:
- Monatliche Abstimmung und Kontrolle
- UVA-Erstellung und -Meldung
- Jahresabschluss
- Steuererklärungen
- Beratung zu steuerlichen Fragen
- Lohnverrechnung (wenn nötig)
Kosten des Hybrid-Ansatzes
| Position | Monatlich |
|---|---|
| Buchhaltungssoftware | 10-20 EUR |
| Steuerberater (reduzierter Umfang) | 150-350 EUR |
| Gesamt | 160-370 EUR |
Das ist deutlich günstiger als die volle Auslagerung und gibt dir trotzdem die Sicherheit eines Profis.
Entscheidungshilfe: Was passt zu dir?
Selber machen, wenn...
- Du ein Einzelunternehmen mit wenigen Belegen hast (< 50/Monat)
- Du eine E/A-Rechnung führst
- Du buchhaltungsaffin bist oder es lernen willst
- Dein Budget extrem knapp ist
- Du nur wenige verschiedene Einnahmequellen hast
Auslagern, wenn...
- Du eine GmbH hast (Jahresabschluss ist Pflicht)
- Du Mitarbeiter hast (Lohnverrechnung ist komplex)
- Du viele Belege hast (> 100/Monat)
- Du international tätig bist
- Du dich voll auf dein Produkt konzentrieren willst
Hybrid, wenn...
- Du die Kontrolle behalten, aber Sicherheit haben willst
- Du in der Wachstumsphase bist
- Du ein gesundes Kosten-Nutzen-Verhältnis suchst
- Du die Basics verstehst, aber nicht alles selbst machen willst
Buchhaltung in der Praxis: Monatlicher Workflow
Egal ob du selbst machst oder auslagerst -- dieser Workflow hilft dir:
Woche 1: Belege sammeln
- Alle Eingangsrechnungen digitalisieren (z.B. mit der App deiner Buchhaltungssoftware)
- Ausgangsrechnungen prüfen und ablegen
- Kontoauszüge herunterladen
Woche 2: Erfassen und Zuordnen
- Belege den richtigen Kategorien zuordnen
- Offene Posten prüfen
- Fehlende Belege nachfordern
Woche 3: Abstimmung
- Bankabstimmung durchführen
- Abweichungen klären
- UVA vorbereiten (monatlich oder quartalsweise)
Woche 4: Reporting
- Monatliche Zahlen zusammenstellen
- Cashflow-Überblick aktualisieren (siehe Cashflow-Management im Startup)
- Soll-Ist-Vergleich mit dem Finanzplan
Häufige Buchhaltungsfehler von Startups
1. Belege nicht aufbewahren
In Österreich gilt eine Aufbewahrungspflicht von 7 Jahren. Auch digitale Belege müssen nachvollziehbar archiviert werden.
2. Privat und Geschäftlich vermischen
Führe von Anfang an ein separates Geschäftskonto. Privatentnahmen und -einlagen müssen sauber dokumentiert werden.
3. Umsatzsteuer vergessen
Wenn du nicht Kleinunternehmer bist, musst du 20% USt auf deine Rechnungen aufschlagen und ans Finanzamt abführen. Die UVA-Meldung ist monatlich (ab 100.000 EUR Umsatz) oder quartalsweise fällig.
4. Fristen versäumen
| Meldung | Frist | Strafe bei Versäumnis |
|---|---|---|
| UVA (monatlich) | 15. des Zweitfolgemonats | Säumniszuschlag 2% |
| UVA (quartalsweise) | 15. des Zweitfolgemonats | Säumniszuschlag 2% |
| Einkommensteuererklärung | 30. Juni (ohne Berater) | Verspätungszuschlag bis 10% |
| Körperschaftsteuererklärung | 30. Juni (ohne Berater) | Verspätungszuschlag bis 10% |
5. Keine Rücklagen für Steuern
Lege von Anfang an 25-30% deines Gewinns für Steuern zurück. Mehr Steuertipps findest du in Steuern sparen als Startup -- legal.
Digitale Buchhaltung: Der Standard für Startups
Die Zeiten der Schuhkarton-Buchhaltung sind vorbei. Moderne Buchhaltung ist digital:
Vorteile der digitalen Buchhaltung
- Automatische Belegerkennung: Apps scannen und kategorisieren Belege automatisch
- Bankanbindung: Kontobewegungen werden automatisch importiert
- Cloud-Zugang: Du und dein Steuerberater arbeiten auf derselben Plattform
- Echtzeit-Überblick: Jederzeit aktuelle Zahlen
- Rechtssichere Archivierung: Belege werden GoBD-konform gespeichert
Setup-Tipps
- Geschäftskonto eröffnen: Erste Bank, Raiffeisen oder ein Online-Konto (z.B. N26 Business)
- Buchhaltungssoftware wählen: FreeFinance, ProSaldo oder sevDesk
- Bankanbindung einrichten: Automatischer Import der Kontobewegungen
- Belegerfassungs-App installieren: Sofort nach jedem Einkauf fotografieren
- Steuerberater einbinden: Zugang zur Cloud-Buchhaltung geben
Sonderfall: Buchhaltung bei Förderungen
Wenn du Förderungen erhältst (z.B. vom AWS oder FFG), gelten besondere Anforderungen:
- Separate Dokumentation: Geförderte Kosten müssen separat nachgewiesen werden
- Verwendungsnachweise: Du musst belegen, wofür du die Förderung verwendet hast
- Prüfungssicherheit: Die Förderstelle kann prüfen -- deine Buchhaltung muss das aushalten
Ein guter Steuerberater mit Förderungserfahrung kann hier Gold wert sein.
Fazit
Die Buchhaltung ist keine glamouröse Aufgabe, aber eine der wichtigsten. Mein Rat:
- In der Frühphase: Mach die Basics selbst, nutze gute Software und hole dir einen Steuerberater für den Jahresabschluss und Steuerfragen
- Ab den ersten Mitarbeitern: Lagere die Lohnverrechnung aus -- das ist zu komplex und fehleranfällig
- In der Wachstumsphase: Wechsle zum Hybrid-Modell mit monatlicher Betreuung
Egal wie du dich entscheidest: Verstehe deine Zahlen. Selbst wenn jemand anderes die Buchhaltung macht, musst du als Gründerin oder Gründer wissen, was die Zahlen bedeuten.
Wie du deine Finanzzahlen für den Jahresabschluss aufbereitest, zeigen wir dir im Beitrag Jahresabschluss und Bilanzierung.
So gehst du jetzt weiter
Bei Startup Burgenland unterstützen wir dich bei der Auswahl der richtigen Buchhaltungslösung und vermitteln dir Steuerberater mit Startup-Erfahrung im Burgenland. Hol dir jetzt den Gründungszuschuss und mach dein Rechnungswesen zum Wettbewerbsvorteil.
Dieser Beitrag ist Teil der Serie "Finanzplanung und Kennzahlen" auf Startup Burgenland. Alle Beiträge findest du in unserem Blog.
Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.