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Freelancer vs Angestellte -- was ist die richtige Wahl für dein Startup?

Felix Lenhard 9 min Lesezeit
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Freelancer vs Angestellte -- was ist die richtige Wahl für dein Startup?

Du brauchst Verstärkung für dein Team, aber du bist unsicher: Soll es ein fester Mitarbeiter sein oder reicht ein Freelancer? Diese Frage stellen sich viele Gründer -- und die Antwort ist nicht so einfach, wie man denkt.

Im vorherigen Beitrag haben wir besprochen, wie du erste Mitarbeiter einstellst. Heute schauen wir uns die Alternative an -- und wann welches Modell das richtige für dich ist.

Der direkte Vergleich

Bevor wir ins Detail gehen, hier der Überblick:

KriteriumFreelancerAngestellte
Kosten pro StundeHöher (EUR 50-150/h)Niedriger (inkl. Nebenkosten)
Gesamtkosten bei VollauslastungOft höherPlanbarer
FlexibilitätHochNiedrig
VerfügbarkeitKeine GarantieGesichert
EinarbeitungszeitKurz (Experte)Länger
Loyalität/CommitmentProjekt-bezogenLangfristig
Know-how im UnternehmenGeht mit dem FreelancerBleibt im Unternehmen
Rechtliche KomplexitätScheinselbständigkeit-RisikoArbeitsrecht
FührungsaufwandGeringHöher
SkalierbarkeitSchnell hoch/runterLangsam (Kündigungsfristen)

Wann ein Freelancer die richtige Wahl ist

Projektbasierte Arbeit

Du brauchst eine Website? Eine App? Ein Logo? Für klar abgegrenzte Projekte mit definiertem Anfang und Ende sind Freelancer ideal.

Beispiele:

  • Webdesign und -entwicklung
  • Grafikdesign und Branding
  • Steuerberatung und Buchhaltung
  • Rechtsberatung
  • PR und Pressearbeit
  • Übersetzungen

Spezialwissen, das du nicht dauerhaft brauchst

Wenn du für drei Monate einen Data-Science-Experten brauchst, aber danach nicht mehr -- dann ist ein Freelancer günstiger als eine Festanstellung.

In der Frühphase

Wenn du noch keinen Product-Market-Fit hast und dein Geschäftsmodell sich schnell ändern kann, ist Flexibilität wichtiger als Stabilität. Freelancer kannst du schnell an neue Anforderungen anpassen.

Wenn du schnell skalieren musst

Du hast gerade einen großen Auftrag gewonnen und brauchst sofort Kapazität? Freelancer können innerhalb von Tagen starten -- eine Festanstellung dauert Wochen bis Monate.

Wann ein Angestellter die richtige Wahl ist

Kernkompetenzen

Alles, was den Kern deines Geschäfts ausmacht, sollte intern abgedeckt sein. Wenn du ein Software-Startup bist, sollte dein Lead-Entwickler ein Angestellter sein -- nicht ein Freelancer, der morgen für einen anderen Auftraggeber arbeitet.

Langfristige, wiederkehrende Aufgaben

Wenn du jemanden für mehr als 20 Stunden pro Woche über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten brauchst, ist eine Festanstellung fast immer günstiger.

Wenn Know-how im Unternehmen bleiben muss

Jeder Freelancer, der geht, nimmt Wissen mit. Bei Kernprozessen und strategischem Wissen willst du das nicht riskieren.

Wenn Teamkultur wichtig ist

Angestellte identifizieren sich stärker mit dem Unternehmen und tragen zur Kultur bei. Freelancer sind -- per Definition -- Externe.

Die Kostenfalle: So rechnest du richtig

Viele Gründer machen den Fehler, den Stundensatz eines Freelancers mit dem Stundenlohn eines Angestellten zu vergleichen. Das ist Äpfel mit Birnen.

Kosten eines Angestellten (Vollzeit)

PositionBrutto/MonatArbeitgeberkosten/Jahr
Junior-EntwicklerEUR 3.000ca. EUR 54.600
Mid-Level-EntwicklerEUR 4.000ca. EUR 72.800
Senior-EntwicklerEUR 5.000ca. EUR 91.000
Marketing-ManagerEUR 3.500ca. EUR 63.700
Office-ManagerEUR 2.500ca. EUR 45.500

Berechnung: Brutto x 1,3 (Nebenkosten) x 14 (Gehälter/Jahr)

Kosten eines Freelancers

SpezialisierungStundensatzKosten bei 160h/Monat
Junior-EntwicklerEUR 50-70EUR 8.000-11.200
Mid-Level-EntwicklerEUR 70-100EUR 11.200-16.000
Senior-EntwicklerEUR 100-150EUR 16.000-24.000
DesignerEUR 60-100EUR 9.600-16.000
Marketing-ExperteEUR 60-90EUR 9.600-14.400

Der Break-Even-Point

Ab welchem Punkt lohnt sich ein Angestellter?

Faustregel: Wenn du einen Freelancer mehr als 50 Prozent der Zeit über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten brauchst, ist ein Angestellter günstiger.

Rechenbeispiel Senior-Entwickler:

  • Freelancer: EUR 120/h x 80h/Monat (50%) = EUR 9.600/Monat = EUR 115.200/Jahr
  • Angestellter: EUR 5.000 brutto x 1,3 x 14/12 = EUR 7.583/Monat = EUR 91.000/Jahr

Ersparnis mit Angestelltem: EUR 24.200 pro Jahr

Achtung: Scheinselbständigkeit in Österreich

Das ist der größte rechtliche Fallstrick beim Arbeiten mit Freelancern. Wenn die Finanz oder die ÖGK feststellt, dass dein "Freelancer" eigentlich ein verdeckter Angestellter ist, drohen:

  • Nachzahlung aller Sozialversicherungsbeiträge -- rückwirkend bis zu fünf Jahre
  • Strafzuschläge und Zinsen
  • Verwaltungsstrafen

Wann liegt Scheinselbständigkeit vor?

Die Kriterien sind in Österreich klar definiert:

KriteriumEchter FreelancerScheinselbständig
WeisungsgebundenheitKeine -- nur Ergebnis zähltChef gibt Anweisungen wie, wann, wo
ArbeitszeitFrei einteilbarFixe Arbeitszeiten vorgegeben
ArbeitsortFrei wählbarMuss im Büro sein
ArbeitsmittelEigeneVom Auftraggeber gestellt
VertretungKann sich vertreten lassenMuss persönlich arbeiten
Andere AuftraggeberHat mehrereNur ein Auftraggeber
IntegrationNicht in Organisation eingebundenTeil des Teams
RisikoTrägt eigenes unternehmerisches RisikoKein eigenes Risiko

So schützt du dich

  1. Vertrag richtig gestalten: Werkvertrag oder freier Dienstvertrag -- niemals wie ein Arbeitsvertrag formulieren
  2. Keine Weisungen erteilen: Definiere das Ergebnis, nicht den Weg
  3. Keine fixe Integration: Der Freelancer sollte nicht am Team-Stand-up teilnehmen oder eine firmen-E-Mail-Adresse haben
  4. Mehrere Auftraggeber: Stelle sicher, dass der Freelancer auch andere Kunden hat
  5. Eigene Arbeitsmittel: Der Freelancer bringt seinen eigenen Laptop mit
  6. Rechnungslegung: Der Freelancer stellt Rechnungen mit Umsatzsteuer

Das Hybrid-Modell: Die beste Lösung für viele Startups

In der Praxis funktioniert oft eine Mischung am besten:

Kernteam als Angestellte

  • CEO/Geschäftsführung: Immer intern (das seid ihr als Gründer)
  • Lead-Entwickler/CTO: Kernkompetenz -- intern halten
  • Sales/Kundenkontakt: Wer eure Kunden betreut, sollte Teil des Teams sein

Unterstützung durch Freelancer

  • Design: Für einzelne Projekte (Redesign, neue Features)
  • Content/Marketing: Blogartikel, Social Media, SEO
  • Buchhaltung/Steuer: Klassisches Outsourcing
  • Rechtsberatung: Bei Bedarf
  • Spezialprojekte: Data Science, Machine Learning, Sicherheitsaudits

Das "Extended Team"-Modell

Eine beliebte Variante bei österreichischen Startups: Ihr habt ein kleines Kernteam (3-5 Angestellte) und arbeitet mit einem festen Pool von 5-10 Freelancern, die ihr regelmäßig einsetzt. Das gibt euch:

  • Stabilität durch das Kernteam
  • Flexibilität durch die Freelancer
  • Planbare Kosten durch langfristige Rahmenvereinbarungen

Wo findest du gute Freelancer?

Plattformen

  • WKO Firmen A-Z -- registrierte Unternehmer in Österreich
  • Upwork und Fiverr -- für internationale Freelancer (Achtung: Qualität schwankt)
  • Malt -- europäische Freelancer-Plattform, auch in Österreich aktiv
  • TopTal -- für Top-Entwickler (teuer, aber qualitativ hochwertig)
  • 99designs -- für Design-Projekte

Netzwerk

Auch hier gilt: Die besten Freelancer findest du über Empfehlungen. Frag in der Startup-Community, wer gute Erfahrungen gemacht hat.

Burgenland-Tipp

Im Burgenland gibt es eine wachsende Community von Freelancern, besonders in den Bereichen IT, Marketing und Beratung. Durch die Nähe zu Wien und die niedrigeren Lebenshaltungskosten bieten burgenländische Freelancer oft ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis.

Der Freelancer-Vertrag: Was reingehört

Ein guter Werkvertrag mit einem Freelancer sollte enthalten:

  1. Leistungsbeschreibung: Was genau soll geliefert werden?
  2. Zeitrahmen: Bis wann?
  3. Vergütung: Stundensatz oder Pauschalpreis? Zahlungsziel?
  4. Abnahme: Wie wird die Leistung abgenommen?
  5. Geistiges Eigentum: Alle Rechte gehen an dein Startup über (Work for Hire)
  6. Geheimhaltung (NDA): Vertrauliche Informationen schützen
  7. Haftung: Wer haftet bei Mängeln?
  8. Kündigung: Unter welchen Bedingungen kann der Vertrag beendet werden?

Wichtig: Lass den Vertrag von einem Anwalt prüfen -- besonders die IP-Klausel. Ohne explizite Übertragung gehört das geistige Eigentum in Österreich dem Urheber (also dem Freelancer).

Entscheidungshilfe: Die 5-Fragen-Methode

Wenn du dir unsicher bist, stell dir diese fünf Fragen:

  1. Ist die Aufgabe eine Kernkompetenz deines Startups?

    • Ja → Angestellter
    • Nein → Freelancer
  2. Brauchst du die Person dauerhaft (> 6 Monate, > 50%)?

    • Ja → Angestellter
    • Nein → Freelancer
  3. Muss das Know-how im Unternehmen bleiben?

    • Ja → Angestellter
    • Nein → Freelancer
  4. Brauchst du jemanden, der flexibel verschiedene Aufgaben übernimmt?

    • Ja → Angestellter
    • Nein → Freelancer
  5. Hast du genug Runway für mindestens 12 Monate Gehalt?

    • Ja → Angestellter möglich
    • Nein → Freelancer sicherer

3+ Mal "Angestellter": Stell jemanden ein. 3+ Mal "Freelancer": Arbeite mit einem Freelancer. Unentschieden: Starte mit einem Freelancer und wandle die Position später um.

Der Übergang: Vom Freelancer zum Angestellten

Manchmal entwickelt sich eine Freelancer-Beziehung so gut, dass du die Person fest einstellen möchtest. Das ist ein natürlicher und häufiger Weg. Beachte dabei:

  • Übergangsfristen: Gib dem Freelancer Zeit, andere Auftraggeber zu informieren
  • Gehaltsverhandlung: Der Stundensatz eines Freelancers lässt sich nicht 1:1 in ein Gehalt umrechnen
  • Vertragliches: Kläre die Übernahme aller IP-Rechte aus der Freelancer-Zeit
  • Sozialversicherung: Ab dem ersten Tag als Angestellter bist du für die Anmeldung verantwortlich

Fazit

Es gibt kein "besser" oder "schlechter" -- nur "passender für deine Situation". In der Frühphase sind Freelancer oft die klügere Wahl, weil sie Flexibilität bieten. Sobald dein Startup wächst und du wiederkehrende Aufgaben hast, werden Angestellte wirtschaftlicher und strategisch sinnvoller.

Die beste Lösung für die meisten Startups ist ein Hybrid-Modell: Ein kleines, festes Kernteam ergänzt durch Freelancer für Spezialaufgaben und Spitzenzeiten.

Im nächsten Beitrag schauen wir uns an, wie du ein Remote-Team führst -- egal ob Angestellte oder Freelancer.

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Dieser Beitrag ist Teil der Serie "Co-Founder und Team-Aufbau" auf Startup Burgenland. Alle Beiträge findest du in unserem Blog.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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