Erste Mitarbeiter einstellen -- so baust du dein Startup-Team richtig auf
Du hast dein Startup gegründet, den Co-Founder gefunden, die Anteile aufgeteilt -- und jetzt merkt ihr: Zu zweit schafft ihr das nicht mehr. Es ist Zeit für den ersten Mitarbeiter.
Dieser Schritt ist ein Meilenstein. Er bedeutet, dass euer Unternehmen wächst, aber er bringt auch neue Verantwortung mit sich. Du bist plötzlich Arbeitgeber -- mit allen Pflichten, die das in Österreich mit sich bringt.
In diesem Beitrag zeige ich dir, wie du deine ersten Mitarbeiter findest, einstellst und hältst -- mit besonderem Fokus auf die österreichischen Rahmenbedingungen.
Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Die Frage ist nicht "Können wir uns einen Mitarbeiter leisten?", sondern "Können wir es uns leisten, keinen einzustellen?" Hier sind Anzeichen, dass es so weit ist:
- Ihr lehnt Aufträge ab, weil ihr keine Kapazität habt
- Die Qualität eurer Arbeit leidet unter der Überlastung
- Ihr verbringt zu viel Zeit mit Aufgaben, die nicht zu euren Kernkompetenzen gehören
- Euer Wachstum wird durch fehlendes Personal gebremst
- Ihr habt genug Runway für mindestens sechs Monate Gehalt
Die Kostenkalkulation
Bevor du jemanden einstellst, rechne durch, was es wirklich kostet. In Österreich sind die Lohnnebenkosten erheblich:
| Kostenart | Prozentsatz des Bruttogehalts |
|---|---|
| Bruttogehalt | 100% |
| Dienstgeberbeiträge (SV) | ca. 21% |
| DB (Dienstgeberbeitrag) | 3,7% |
| DZ (Zuschlag zum DB) | variiert nach Bundesland |
| Kommunalsteuer | 3% |
| Mitarbeitervorsorgekasse | 1,53% |
| Gesamt Arbeitgeberkosten | ca. 130% des Bruttogehalts |
Beispiel: Ein Mitarbeiter mit EUR 3.000 brutto kostet dich als Arbeitgeber ca. EUR 3.900 pro Monat -- und das 14 Mal im Jahr (Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld nicht vergessen!). Das sind ca. EUR 54.600 pro Jahr.
Dazu kommen noch:
- Arbeitsplatz (Schreibtisch, Computer, Software): EUR 2.000 bis 5.000 einmalig
- Laufende Kosten (Büro, Internet, Verpflegung): EUR 200 bis 500 pro Monat
- Einarbeitungszeit: 1 bis 3 Monate reduzierte Produktivität
Wen sollst du als Erstes einstellen?
Die erste Einstellung hängt davon ab, wo eure größte Lücke ist. Hier eine Orientierung:
Szenario 1: Technisches Gründer-Team
Ihr seid beide Entwickler? Dann braucht ihr wahrscheinlich:
- Vertrieb/Business Development -- jemand, der eure Lösung verkauft
- Marketing -- jemand, der eure Sichtbarkeit aufbaut
- Office Management -- jemand, der den administrativen Kram erledigt
Szenario 2: Business-Gründer-Team
Ihr seid beide BWLer? Dann braucht ihr:
- Entwickler/CTO -- jemand, der euer Produkt baut
- Designer/UX -- jemand, der die Nutzererfahrung gestaltet
Szenario 3: Gemischtes Team
Ihr habt Tech und Business abgedeckt? Dann je nach Bedarf:
- Kundensupport -- wenn ihr erste Kunden habt
- Content/Marketing -- für Wachstum
- Operations -- für Skalierung
Die "T-shaped" Faustregel
Stell am Anfang Generalisten ein -- Leute, die in einem Bereich exzellent sind, aber auch in anderen Bereichen mithelfen können. Spezialisten brauchst du erst, wenn ihr gewachsen seid.
Wo findest du Mitarbeiter für dein Startup?
Traditionelle Kanäle
- AMS Burgenland -- ja, auch das AMS kann überraschen. Besonders für Verwaltungs- und Einstiegspositionen.
- Karriere.at und StepStone -- die größten österreichischen Jobportale
- willhaben.at Jobs -- überraschend effektiv, besonders im Burgenland
- Regionale Zeitungen -- BVZ und Kurier Burgenland für lokale Talente
Startup-spezifische Kanäle
- StartupJobs.at -- Österreichs Startup-Jobportal
- AngelList -- für tech-affine Kandidaten
- LinkedIn -- besonders für erfahrenere Positionen
- Startup-Events -- dort triffst du Menschen, die für Startups brennen
Die unterschätzte Kraft des Netzwerks
Die besten ersten Mitarbeiter kommen oft aus dem eigenen Netzwerk:
- Ehemalige Kollegen -- du kennst ihre Arbeitsweise
- Uni-Kontakte -- Absolventinnen der FH Burgenland oder anderer Hochschulen
- Empfehlungen -- frag in deinem Netzwerk, wer jemanden kennt
- Startup Burgenland Community -- nutze das Netzwerk des Programms
Das Bewerbungsgespräch für Startups
Vergiss das klassische HR-Interview. In einem Startup zählen andere Dinge:
Was du fragen solltest
-
"Was motiviert dich, bei einem Startup zu arbeiten?" -- Du willst Leute, die den Startup-Lifestyle bewusst wählen, nicht solche, die nichts anderes gefunden haben.
-
"Erzähl mir von einer Situation, in der du mit Unsicherheit umgehen musstest." -- Startups sind Unsicherheit pur.
-
"Was würdest du tun, wenn du bei uns anfängst und am ersten Tag merkst, dass deine Stellenbeschreibung nicht stimmt?" -- Flexibilität ist entscheidend.
-
"Was sind deine Gehaltsvorstellungen -- und was ist dir neben dem Gehalt wichtig?" -- Du kannst vielleicht nicht das höchste Gehalt zahlen, aber andere Vorteile bieten.
Was du zeigen solltest
- Transparenz: Sei ehrlich über die Situation des Startups -- Runway, Risiken, Chancen.
- Vision: Zeig, wohin die Reise gehen soll.
- Kultur: Wie arbeitet ihr? Was sind eure Werte?
- Entwicklungsmöglichkeiten: In einem Startup kann man schnell wachsen.
Probetag statt Probezeit
Lade vielversprechende Kandidaten zu einem bezahlten Probetag ein. So seht ihr beide, ob die Zusammenarbeit funktioniert -- besser als jedes Interview.
Rechtliche Rahmenbedingungen in Österreich
Der Arbeitsvertrag
In Österreich brauchst du mindestens einen Dienstzettel (seit 2024 erweiterte Informationspflichten). Besser ist ein vollständiger Arbeitsvertrag, der folgende Punkte abdeckt:
- Beginn des Dienstverhältnisses
- Befristung (falls zutreffend)
- Arbeitsort
- Tätigkeit und Einstufung im Kollektivvertrag
- Gehalt (Brutto, 14 Gehälter)
- Arbeitszeit
- Urlaub (mindestens 25 Werktage pro Jahr)
- Kündigungsfristen und -termine
- Probezeit (maximal 1 Monat)
- Hinweis auf den anzuwendenden Kollektivvertrag
Kollektivvertrag
In Österreich gibt es für fast jede Branche einen Kollektivvertrag. Für IT-Startups ist oft der IT-Kollektivvertrag relevant, der Mindestgehälter und Arbeitsbedingungen festlegt.
| Erfahrungsstufe (IT-KV) | Mindestgehalt (brutto, 14x/Jahr) |
|---|---|
| Berufseinsteiger (ST1) | ca. EUR 2.600 |
| 2-3 Jahre Erfahrung (ST2) | ca. EUR 3.100 |
| Senior (Regelstufe) | ca. EUR 3.500 |
| Spezialisten | ca. EUR 4.200+ |
Hinweis: Werte sind Richtwerte und können sich ändern. Prüfe immer den aktuellen Kollektivvertrag.
Anmeldung bei der Sozialversicherung
Du musst jeden Mitarbeiter vor Arbeitsbeginn bei der ÖGK (Österreichische Gesundheitskasse) anmelden. Die Anmeldung kann elektronisch über ELDA erfolgen. Vergiss das nicht -- Strafen für verspätete Anmeldung können empfindlich sein.
Lohnverrechnung
Die Lohnverrechnung in Österreich ist komplex. Meine Empfehlung: Lagere sie von Anfang an aus. Eine Steuerberaterin kostet dich ca. EUR 30 bis 60 pro Mitarbeiter und Monat -- das ist es wert.
Vergütung kreativ gestalten
Du kannst als Startup wahrscheinlich nicht mit den Gehältern von Konzernen mithalten. Aber du kannst andere Dinge bieten:
Monetäre Vorteile
- Mitarbeiterbeteiligung: Echte Anteile oder Phantom Shares (virtuelle Beteiligung)
- Leistungsprämien: Variable Vergütung basierend auf erreichten Zielen
- Essenszuschuss: Bis zu EUR 8 pro Arbeitstag steuerfrei
- Öffi-Ticket: Klimaticket oder regionales Ticket steuerfrei
- Zukunftsvorsorge: Freiwillige Pensionsvorsorge
Nicht-monetäre Vorteile
- Flexible Arbeitszeiten: Vertrauensarbeitszeit statt Stechuhr
- Homeoffice: Besonders attraktiv für Talente aus Wien, die ins Burgenland pendeln würden
- Weiterbildung: Budget für Konferenzen, Kurse, Bücher
- Verantwortung: In einem Startup hat jeder echten Impact
- Entwicklungschancen: Vom ersten Mitarbeiter zum Team-Lead in zwei Jahren
Das Gesamtpaket kommunizieren
Erstelle ein Total Compensation Statement, das alle Vorteile auflistet:
| Vergütungsbestandteil | Wert pro Jahr |
|---|---|
| Bruttogehalt (14x) | EUR 42.000 |
| Mitarbeiterbeteiligung (0,5%) | Potenzialwert |
| Klimaticket | EUR 1.100 |
| Essenszuschuss | EUR 1.600 |
| Weiterbildungsbudget | EUR 1.500 |
| Gesamtpaket | EUR 46.200+ |
Die ersten 90 Tage -- Onboarding
Die ersten drei Monate sind entscheidend. Ein gutes Onboarding sorgt dafür, dass dein neuer Mitarbeiter schnell produktiv wird und sich wohlfühlt. Hier die Kurzversion:
- Woche 1: Einführung in das Unternehmen, die Kultur und die Tools
- Monat 1: Klare Ziele setzen und erste eigenständige Aufgaben
- Monat 2-3: Zunehmende Verantwortung und regelmäßiges Feedback
Mehr Details findest du in unserem ausführlichen Beitrag zum Onboarding im Startup.
Typische Fehler bei der ersten Einstellung
Fehler 1: Zu lange warten
Viele Gründer stellen zu spät ein und sind dann schon am Rande des Burnouts. Stell ein, bevor du am Limit bist.
Fehler 2: Zu schnell entscheiden
Andererseits: Stell nicht den Erstbesten ein, nur weil du dringend Hilfe brauchst. Schlechte Einstellungen kosten dich mehr als ein paar Wochen Wartezeit.
Fehler 3: Nur auf Fachkompetenz achten
Culture Fit ist in einem kleinen Team wichtiger als in einem Konzern. Ein Mitarbeiter, der fachlich top, aber menschlich schwierig ist, vergiftet das ganze Team.
Fehler 4: Das Gehalt zu niedrig ansetzen
Ja, du musst sparsam sein. Aber unter dem Kollektivvertrag zu zahlen ist nicht nur illegal, sondern auch kontraproduktiv. Gute Leute kennen ihren Marktwert.
Fehler 5: Keinen Arbeitsvertrag haben
Ein Handschlag reicht nicht. Ein schriftlicher Arbeitsvertrag schützt beide Seiten.
Förderungen für die erste Einstellung
In Österreich -- und besonders im Burgenland -- gibt es Förderungen, die dir helfen:
- AMS-Eingliederungsbeihilfe: Bis zu 66 Prozent der Lohnkosten für bestimmte Zielgruppen
- aws Gründungsfonds: Unterstützung für innovative Startups
- Burgenländische Wirtschaftsförderung: Regionale Zuschüsse für Arbeitsplatzschaffung
- Lehrlingsprämien: Wenn du einen Lehrling aufnimmst
- Forschungsprämie: 14 Prozent der Personalkosten für F&E-Mitarbeiter
Informiere dich bei Startup Burgenland über die aktuellen Fördermöglichkeiten -- wir helfen dir, die richtigen Programme zu finden.
Fazit
Der erste Mitarbeiter ist ein aufregender Schritt. Er bedeutet, dass dein Startup wächst und Zukunft hat. Aber er bringt auch Verantwortung mit sich -- finanzielle, rechtliche und menschliche.
Nimm dir die Zeit, die richtige Person zu finden. Investiere in einen sauberen Arbeitsvertrag und ein gutes Onboarding. Und unterschätze nicht die Kraft eines attraktiven Gesamtpakets, auch wenn das Grundgehalt nicht mit Konzernen mithalten kann.
Im nächsten Beitrag schauen wir uns an, ob du überhaupt einen Angestellten brauchst -- oder ob ein Freelancer die bessere Wahl ist.
Was du jetzt tun kannst
Bei Startup Burgenland unterstützen wir dich bei der Einstellung deiner ersten Mitarbeiter, von der Stellenausschreibung bis zum Arbeitsvertrag. Hol dir jetzt den Gründungszuschuss und mach dein Team zum Wettbewerbsvorteil.
Dieser Beitrag ist Teil der Serie "Co-Founder und Team-Aufbau" auf Startup Burgenland. Alle Beiträge findest du in unserem Blog.
Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.