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Anteile fair aufteilen -- so findest du die richtige Verteilung für dein Startup

Felix Lenhard 11 min Lesezeit
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Anteile fair aufteilen -- so findest du die richtige Verteilung für dein Startup

Die Anteilsverteilung ist die Frage, an der die meisten Gründer-Teams scheitern -- nicht sofort, aber langfristig. Du hast deinen Co-Founder gefunden und eure Vereinbarung aufgesetzt. Jetzt kommt der Moment der Wahrheit: Wer bekommt wie viel?

Die Antwort "50/50 -- wir sind doch gleichberechtigte Partner" klingt fair, ist aber oft falsch. In diesem Beitrag zeige ich dir, wie du die Anteile wirklich fair verteilst -- basierend auf Beiträgen, Risiken und zukünftigem Engagement.

Warum 50/50 meistens keine gute Idee ist

Lass mich das direkt klarstellen: Eine 50/50-Aufteilung ist nicht per se schlecht. Aber sie bringt zwei massive Probleme mit sich:

  1. Deadlock-Risiko: Bei jeder strategischen Entscheidung kann es zu einem Patt kommen. Wer hat das letzte Wort, wenn ihr euch nicht einigt?
  2. Falsche Fairness: In der Praxis tragen selten beide Co-Founder exakt gleich viel bei. Einer hat die Idee, der andere die Umsetzungskraft. Einer bringt Kapital ein, der andere Arbeitszeit.

Studien zeigen, dass Startups mit einer ungleichen Anteilsverteilung (z.B. 55/45 oder 60/40) langfristig stabiler sind als solche mit einer exakten 50/50-Aufteilung.

Methoden zur Anteilsverteilung

Methode 1: Die einfache Faktor-Methode

Bei dieser Methode bewertest du verschiedene Beiträge und gewichtest sie:

FaktorGewichtungCo-Founder ACo-Founder B
Idee und Vision10%8/105/10
Umsetzungskompetenz20%6/109/10
Branchenerfahrung15%7/104/10
Netzwerk und Kontakte10%5/107/10
Zeitliches Commitment20%10/108/10
Finanzieller Beitrag15%3/108/10
Risikotoleranz10%9/106/10

Berechnung für Co-Founder A: (0,10 x 8) + (0,20 x 6) + (0,15 x 7) + (0,10 x 5) + (0,20 x 10) + (0,15 x 3) + (0,10 x 9) = 6,70

Berechnung für Co-Founder B: (0,10 x 5) + (0,20 x 9) + (0,15 x 4) + (0,10 x 7) + (0,20 x 8) + (0,15 x 8) + (0,10 x 6) = 6,90

Ergebnis: Co-Founder A bekommt ca. 49 Prozent, Co-Founder B ca. 51 Prozent.

In diesem Fall wäre eine 50/50-Aufteilung tatsächlich gerechtfertigt -- aber ihr habt es transparent hergeleitet.

Methode 2: Die Slicing-Pie-Methode

Die Slicing-Pie-Methode von Mike Moyer ist eine dynamische Aufteilung, die sich über die Zeit verändert:

  • Jeder Beitrag (Zeit, Geld, Equipment, Kontakte) wird in "Slices" umgerechnet
  • Der Anteil jedes Co-Founders ergibt sich aus seinen Slices im Verhältnis zur Gesamtzahl
  • Wenn jemand mehr beiträgt, wächst sein Anteil automatisch

Beispiel:

BeitragUmrechnungsfaktorCo-Founder ACo-Founder B
Arbeitsstunden (x EUR 50/h)1x500h = EUR 25.000400h = EUR 20.000
Bareinlage4xEUR 5.000 x 4 = EUR 20.000EUR 10.000 x 4 = EUR 40.000
Equipment eingebracht2xEUR 2.000 x 2 = EUR 4.000EUR 0
Gesamt-SlicesEUR 49.000EUR 60.000
Anteil45%55%

Der Bareinlagen-Multiplikator ist höher, weil Geld ein höheres Risiko darstellt als Zeit -- du kannst Geld verlieren, aber nicht deine Erfahrung.

Methode 3: Die rollenbasierte Methode

Hier verteilst du Anteile basierend auf der zukünftigen Rolle im Unternehmen:

RolleTypischer Anteil
CEO (Geschäftsführung, Strategie, Fundraising)35-45%
CTO (Technologie, Produktentwicklung)30-40%
COO (Operations, Finanzen)20-30%
CMO (Marketing, Vertrieb)15-25%

Diese Methode ist einfach, berücksichtigt aber nicht individuelle Beiträge wie Kapital oder Vorkenntnisse.

Vesting -- der Schlüssel zur fairen Verteilung

Egal welche Methode du wählst -- ohne Vesting ist die Verteilung unvollständig. Vesting bedeutet, dass sich die Anteile über einen Zeitraum "verdienen".

Das Standard-Vesting-Schema

Das am weitesten verbreitete Schema:

  • Gesamtzeitraum: 4 Jahre
  • Cliff: 12 Monate
  • Vesting nach dem Cliff: Monatlich (1/36 pro Monat)

Beispiel für einen Co-Founder mit 40 Prozent Anteil:

ZeitpunktGeveste AnteileUnvested
Tag 10%40%
Monat 60% (vor Cliff)40%
Monat 12 (Cliff)10%30%
Monat 2420%20%
Monat 3630%10%
Monat 4840%0%

Accelerated Vesting

In bestimmten Situationen können Anteile schneller vesten:

  • Single Trigger: Bei einem Exit (Verkauf des Unternehmens) vesten alle Anteile sofort
  • Double Trigger: Bei einem Exit UND Kündigung des Gründers vesten alle Anteile sofort

Für österreichische Startups empfehle ich den Double Trigger -- er schützt sowohl die Gründer als auch potenzielle Käufer.

Die ESOP-Reserve -- Anteile für zukünftige Mitarbeiter

Denkt bei der Anteilsverteilung nicht nur an euch selbst. Reserviert einen Anteil für einen Employee Stock Option Pool (ESOP):

  • Typische Größe: 10 bis 20 Prozent
  • Zweck: Anteile für erste Mitarbeiter, Berater und spätere Schlüsselpersonen
  • Zeitpunkt: Legt den Pool vor der ersten Finanzierungsrunde an, sonst verwässern eure eigenen Anteile stärker

Beispiel für eine typische Verteilung

GesellschafterAnteil
Co-Founder A (CEO)40%
Co-Founder B (CTO)35%
ESOP-Reserve15%
Berater-Pool5%
Erste Business Angel-Runde5% (gegen EUR 100.000)

Steuerliche Aspekte in Österreich

Die Anteilsverteilung hat steuerliche Konsequenzen. In Österreich gilt:

Bei Gründung

  • Stammkapital der GmbH: Mindestens EUR 10.000 (davon EUR 5.000 bei Gründung einzuzahlen, mit Gründungsprivilegierung sogar nur EUR 2.500 bei EUR 10.000 Stammkapital)
  • Gesellschaftsteuer: Seit 2016 abgeschafft -- ein Vorteil für Gründer
  • Notarkosten: Ca. EUR 1.500 bis 3.000 für den Gesellschaftsvertrag

Bei späterem Anteilsverkauf

  • Kapitalertragsteuer (KESt): 27,5 Prozent auf den Veräußerungsgewinn
  • Beteiligungsertragsbefreiung: Unter bestimmten Bedingungen sind Gewinne aus Beteiligungen von der KöSt befreit (bei Holding-Strukturen relevant)

Bei Vesting

  • Aktuell gibt es in Österreich keine spezielle steuerliche Regelung für Startup-Mitarbeiterbeteiligungen wie in anderen Ländern. Die Besteuerung erfolgt als Sachbezug zum Zeitpunkt der Zuteilung. Informiere dich über aktuelle Entwicklungen -- die Regierung arbeitet an einem Mitarbeiterbeteiligungsgesetz.

Häufige Fehler bei der Anteilsverteilung

Fehler 1: Die Idee überbewerten

"Ich hatte die Idee, also bekomme ich 70 Prozent." -- Nein. Eine Idee ohne Umsetzung ist wertlos. Die Idee sollte maximal 5 bis 10 Prozent der Bewertung ausmachen.

Fehler 2: Kein Vesting vereinbaren

Ohne Vesting kann ein Co-Founder nach drei Monaten gehen und seinen vollen Anteil mitnehmen. Das ist Gift für jedes Startup.

Fehler 3: Keine ESOP-Reserve einplanen

Wenn ihr später Mitarbeiter einstellen wollt und ihnen Anteile anbieten möchtet, müsst ihr eure eigenen Anteile verwässern -- es sei denn, ihr habt vorgesorgt.

Fehler 4: Die Verteilung nicht dokumentieren

Mündliche Absprachen gelten vor Gericht oft nicht. Schreibt alles auf, am besten in eurer Co-Founder-Vereinbarung.

Fehler 5: Einmal festlegen und nie wieder anpassen

Umstände ändern sich. Vielleicht investiert ein Co-Founder mehr Zeit als geplant, oder einer bringt zusätzliches Kapital ein. Plant Mechanismen für Anpassungen ein.

Fallbeispiel: Zwei Gründer aus dem Burgenland

Anna und Markus gründen ein AgriTech-Startup in Oberpullendorf. Ihre Situation:

  • Anna: Hat die Idee, bringt Branchenerfahrung aus der Landwirtschaft mit, investiert EUR 15.000, arbeitet Vollzeit
  • Markus: Entwickelt die Software, hat 10 Jahre Programmiererfahrung, investiert EUR 5.000, arbeitet anfangs nur 20 Stunden pro Woche (hat noch einen Teilzeitjob)

Ihre Verteilung:

KriteriumAnnaMarkus
Idee+5%0%
Branchenerfahrung+10%0%
Technische Umsetzung0%+15%
Kapitaleinlage+5%+2%
Zeitliches Commitment+10%+5%
Zwischensumme30%22%

ESOP-Reserve: 15 Prozent Berater-Pool: 3 Prozent

Bereinigte Verteilung: Anna 58 Prozent, Markus 42 Prozent (jeweils mit 4-Jahres-Vesting und 1-Jahr-Cliff).

Sobald Markus Vollzeit einsteigt, wird die Verteilung über die Slicing-Pie-Methode dynamisch angepasst.

Checkliste für die Anteilsverteilung

  • Alle Beiträge (Zeit, Geld, IP, Netzwerk) identifiziert
  • Eine Bewertungsmethode gewählt und durchgerechnet
  • Vesting-Schema festgelegt (Zeitraum, Cliff, Trigger)
  • Good Leaver / Bad Leaver-Regelung definiert
  • ESOP-Reserve eingeplant (10-20 Prozent)
  • Steuerliche Beratung eingeholt
  • Alles in der Co-Founder-Vereinbarung dokumentiert
  • Notar für den GmbH-Gesellschaftsvertrag konsultiert

Fazit

Die Anteilsverteilung ist kein Nullsummenspiel. Wenn ihr sie richtig macht, fühlen sich alle fair behandelt -- und das ist die Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Nutzt eine der vorgestellten Methoden, vereinbart Vesting und plant eine ESOP-Reserve ein.

Und denkt daran: Die Anteile, die ihr heute aufteilt, können morgen durch Investoren verwässert werden. Was zählt, ist nicht der Prozentsatz, sondern der absolute Wert. 10 Prozent von einem EUR 10-Millionen-Unternehmen sind mehr wert als 50 Prozent von einem, das nichts wert ist.

Im nächsten Beitrag geht es um den spannenden Moment, in dem euer Team über die Gründer hinauswächst: Erste Mitarbeiter einstellen.

Dein Aktionsplan

Bei Startup Burgenland unterstützen wir dich bei der fairen Strukturierung deiner Anteilsverteilung und verbinden dich mit erfahrenen Startup-Anwälten. Hol dir jetzt den Gründungszuschuss und mach deine Unternehmensstruktur zum Wettbewerbsvorteil.


Dieser Beitrag ist Teil der Serie "Co-Founder und Team-Aufbau" auf Startup Burgenland. Alle Beiträge findest du in unserem Blog.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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