Was lernt man in 15 Jahren Innovation?
Dieser Post ist persönlicher als die meisten in diesem Blog. Normalerweise schreiben wir hier als Team -- Startup Burgenland, unsere Erfahrungen, unsere Learnings. Aber manche Einsichten kommen aus der individuellen Erfahrung, und bei diesem Thema möchte ich direkt teilen, was ich über die Jahre gelernt habe.
Bevor ich bei Startup Burgenland Gründer coachte, war ich Managing Director beim 360 Innovation Lab -- einer Corporate-Innovation-Plattform mit Company Builder, globalem Accelerator und Venture-Capital-Einheit. Davor war ich Innovation Manager bei RHI Magnesita, einem Industriekonzern, der in Deep-Tech-Innovation investierte. Und noch davor Key Account Manager bei einem Maschinenbauer, der neue Märkte in Brasilien und Afrika erschloss.
In all diesen Rollen habe ich eines gelernt: Innovation und Unternehmertum funktionieren anders, als man es in Kursen lernt. Die wichtigsten Lektionen kommen erst durch die Praxis.
Hier sind sechs davon.
Lektion 1: Die Idee ist fast nie das Problem
In meiner Zeit beim 360 Innovation Lab haben wir Dutzende Ventures begleitet -- von der Idee bis zum Markt. Die Ventures, die gescheitert sind, sind fast nie an der Idee gescheitert. Sie hatten gute Ideen. Oft sogar brillante.
Sie scheiterten an der Umsetzung. An der Geschwindigkeit. An der Fähigkeit, vom Plan zur Realität zu kommen und unterwegs anzupassen.
Das ist die wichtigste Lektion, die ich aus dem Corporate-Innovation-Kontext mitgenommen habe: Die Qualität deiner Idee bestimmt nicht deinen Erfolg. Die Qualität deiner Umsetzung schon.
Was bedeutet das für dich? Hör auf, deine Idee zu perfektionieren, bevor du sie testest. Die Idee wird sich ohnehin verändern, sobald sie auf echte Kunden trifft. Was zählt, ist, dass du sie schnell genug auf echte Kunden loslässt.
Lektion 2: Große Organisationen und Startups haben dasselbe Problem
Bei RHI Magnesita habe ich Innovation in einem Konzern mit Milliardenumsatz betrieben. Bei Startup Burgenland coache ich Gründer, die bei null anfangen. Man würde meinen, die Herausforderungen sind komplett andere.
Sind sie nicht.
In beiden Fällen geht es um dasselbe: Unter Unsicherheit Entscheidungen treffen und Ressourcen klug einsetzen. Der Konzern hat mehr Geld, aber langsamere Entscheidungswege. Das Startup hat weniger Geld, aber kann schneller handeln. Aber die Grundfrage ist identisch: Wo investieren wir unsere begrenzten Ressourcen, um den größten Hebel zu erzielen?
Was ich daraus gelernt habe: Egal ob du ein Startup mit zwei Leuten bist oder ein Bereich in einem Konzern -- die Denkweise ist dieselbe. Identifiziere das größte Risiko. Teste es zuerst. Korrigiere schnell. Wiederhole.
Lektion 3: Systeme schlagen Heldentaten
Im 360 Innovation Lab haben wir Ventures gesehen, die von einzelnen "Genies" getrieben wurden -- charismatische Gründer mit großen Visionen und beeindruckenden Pitches. Und wir haben Ventures gesehen, die von soliden Teams mit funktionierenden Systemen betrieben wurden.
Ratet mal, welche langfristig erfolgreicher waren?
Die mit den Systemen. Nicht weil Talent unwichtig ist. Sondern weil Talent ohne System nicht skaliert. Ein brillanter Gründer, der alles selbst macht, ist ein Flaschenhals. Ein durchschnittlicher Gründer mit einem guten System -- für Kundenakquise, für Feedback, für Produktentwicklung -- überholt den Brillanten auf der langen Strecke.
Was das für dich bedeutet: Bau von Anfang an Systeme. Nicht aufwändig. Einfach. Eine wöchentliche Routine für Kundengespräche. Ein monatliches Review deiner Zahlen. Ein fester Prozess für Entscheidungen. Systeme kompoundieren. Einzelaktionen nicht.
Lektion 4: Die besten Gründer hören mehr zu als sie reden
In über 300 gescreenten Bewerbungen bei Startup Burgenland und Hunderten Gesprächen mit Gründern, Corporate-Managern und Investoren habe ich ein Muster erkannt: Die erfolgreichsten Unternehmer sind keine großen Redner. Sie sind große Zuhörer.
Sie stellen Fragen. Sie hören auf die Antwort. Sie passen ihre Strategie an das an, was sie hören -- nicht an das, was sie hören wollen.
Das Gegenteil sehe ich auch: Gründer, die in jedes Gespräch gehen, um ihre Idee zu verkaufen. Die Kundengespräche als Pitches behandeln. Die Feedback als Angriff interpretieren.
Was ich daraus gelernt habe: In der Gründung geht es nicht darum, andere von deiner Idee zu überzeugen. Es geht darum, von anderen zu lernen, ob und wie deine Idee funktionieren kann. Das klingt wie ein kleiner Unterschied. Es ist ein fundamentaler.
Lektion 5: Geschwindigkeit ist wichtiger als Perfektion
Beim Maschinenbauer, wo ich angefangen habe, war Perfektion überlebenswichtig. Wenn eine Asphaltanlage nicht funktioniert, steht eine Baustelle. Qualität war nicht verhandelbar.
Im Startup-Kontext ist Perfektion ein Luxus, den du dir nicht leisten kannst. Nicht weil Qualität unwichtig ist -- sondern weil du am Anfang noch gar nicht weißt, was Qualität für deine Kunden bedeutet. Du vermutest es. Aber du weißt es erst, wenn du es getestet hast.
Deshalb schlägt Geschwindigkeit Perfektion. Nicht für immer -- aber am Anfang. Die erste Version deines Produkts muss funktionieren, aber sie muss nicht glänzen. Der erste Pitch muss verständlich sein, aber er muss nicht perfekt sein. Das erste Kundengespräch muss stattfinden, auch wenn du nervös bist.
Was ich daraus gelernt habe: Die größten Fehler, die ich bei unseren Ventures gesehen habe, waren nicht Qualitätsfehler. Es waren Geschwindigkeitsfehler. Zu langsam getestet. Zu langsam angepasst. Zu langsam gehandelt.
Lektion 6: Der Kontext macht den Unterschied
Ich habe in verschiedenen Kontexten gearbeitet -- von der Automatisierungstechnik bei Lenze über Deep-Tech bei RHI Magnesita bis zu Consumer-Brands mit einer eigenen Gründung. In jedem Kontext galten andere Regeln.
Was in einem B2B-Industrieumfeld funktioniert (lange Verkaufszyklen, tiefe Kundenbeziehungen, technische Differenzierung), funktioniert im B2C-Bereich nicht. Was in Wien funktioniert (großer Talentpool, viele Events, hohe Mieten), funktioniert im Burgenland anders (engere Community, geringere Kosten, andere Netzwerke).
Was ich daraus gelernt habe: Es gibt keine universelle Gründer-Formel. Jede Strategie muss an deinen Kontext angepasst werden -- deine Branche, dein Standort, deine Ressourcen, deine Lebensphase. Ein Gründer in Eisenstadt braucht andere Ratschläge als einer in Wien oder Graz. Und genau deshalb ist individuelles Coaching so wirkungsvoll -- weil es auf deinen Kontext zugeschnitten ist, nicht auf eine generische Startup-Welt.
Was all diese Lektionen verbindet
Sie haben alle etwas gemeinsam: Sie klingen offensichtlich, wenn man sie liest. Aber sie werden erst durch die Praxis real.
Jeder Gründer nickt, wenn du sagst: "Die Idee ist nicht das Problem." Aber in der Praxis arbeiten 80% der Gründer monatelang an ihrer Idee, ohne sie zu testen. Jeder stimmt zu, dass Geschwindigkeit wichtiger ist als Perfektion. Aber in der Praxis verschieben die meisten den Start um Monate, weil "noch nicht alles bereit ist".
Die Kluft zwischen Verstehen und Umsetzen ist die eigentliche Herausforderung. Und sie lässt sich nur durch Praxis schließen -- nicht durch mehr Theorie.
Von der Theorie in die Praxis
Wähl eine der sechs Lektionen aus und frag dich ehrlich: Lebe ich das bereits? Oder weiß ich es nur?
Wenn du es nur weißt, mach diese Woche einen konkreten Schritt, um es zu leben:
- Idee ist nicht das Problem? Teste deine Idee mit einem echten Kunden.
- Systeme schlagen Heldentaten? Leg eine wöchentliche Routine fest.
- Zuhören ist wichtiger als Reden? Führe ein Gespräch, in dem du nur Fragen stellst.
- Geschwindigkeit schlägt Perfektion? Veröffentliche etwas Unfertiges.
Wenn du die fünf Eigenschaften erfolgreicher Gründer kennenlernen willst, lies Die fünf Eigenschaften, die erfolgreiche Gründer gemeinsam haben. Und wenn du verstehen willst, wie du unternehmerisches Denken systematisch aufbauen kannst, starte mit Unternehmerisches Denken ist eine Fähigkeit, kein Talent.
Weiterführende Artikel
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- Was bedeutet es wirklich, Unternehmer zu sein?
- Wie du testest, ob du das Zeug zum Gründer hast
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Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.