Startup-Politik und Rahmenbedingungen in Österreich -- Was du wissen musst
Die besten Ideen nützen wenig, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Politik und Regulierung beeinflussen massgeblich, ob Gründen in einem Land einfach oder schwierig ist, ob Kapital fliesst und ob Talente angezogen oder abgestossen werden. In Österreich hat sich in den letzten Jahren viel getan -- aber es gibt auch noch offene Baustellen.
In diesem Beitrag schauen wir uns die politischen Rahmenbedingungen für Startups in Österreich an und zeigen dir, was du als Gründerin oder Gründer wissen musst.
Überblick -- Die politische Landschaft für Startups
Die Entwicklung
Noch vor zehn Jahren spielten Startups in der österreichischen Wirtschaftspolitik kaum eine Rolle. Das hat sich grundlegend geändert:
- Startups werden als Innovationstreiber und Jobmotor anerkannt
- Eigene Startup-Strategien wurden auf Bundes- und Landesebene entwickelt
- Förderprogramme wurden ausgebaut
- Regulatorische Erleichterungen wurden eingeführt
Die wichtigsten politischen Akteure
- Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft -- Zuständig für Wirtschaftspolitik und Unternehmertum
- Bundesministerium für Finanzen -- Steuerpolitik und Kapitalmarktregulierung
- Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung -- Forschungsförderung und Technologietransfer
- Landesregierungen -- Regionale Wirtschaftsförderung und Standortpolitik
- AWS und FFG -- Operative Umsetzung der Förderprogramme
- WKO und IV -- Interessenvertretungen der Wirtschaft
- AustrianStartups -- Sprachrohr der Startup-Community
Gesellschaftsrecht und Gründung
Die GmbH-Reform
Die Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) ist die beliebteste Rechtsform für Startups in Österreich. In den letzten Jahren gab es wichtige Reformen:
Reduktion des Mindeststammkapitals Das Mindeststammkapital wurde auf 10.000 EUR gesenkt (früher 35.000 EUR). Die Mindesteinzahlung bei Gründung beträgt 5.000 EUR. Das hat die finanzielle Hürde für Gründungen deutlich gesenkt.
Gründungsprivilegierung Für die ersten zehn Jahre nach der Gründung gibt es weitere Erleichterungen, darunter reduzierte Notarkosten und vereinfachte Verfahren.
Digitale Gründung Die Möglichkeit zur digitalen GmbH-Gründung wurde eingeführt. Das spart Zeit und Wege -- du kannst dein Unternehmen von zu Hause aus gründen.
Was noch verbessert werden könnte
- Notarpflicht: Die Notarpflicht bei GmbH-Gründungen und Anteilsübertragungen wird von vielen als anachronistisch empfunden. In anderen Ländern geht es auch ohne Notar.
- Geschwindigkeit: Trotz Verbesserungen dauert eine Gründung in Österreich immer noch länger als in digitalen Vorreiterländern wie Estland.
- Kosten: Die Gesamtkosten einer Gründung (Notar, Firmenbuch, Steuerberatung) sind im internationalen Vergleich hoch.
Steuerrecht
Körperschaftssteuer
Die Körperschaftssteuer (KöSt) in Österreich beträgt 23 Prozent. Im internationalen Vergleich ist das wettbewerbsfähig, aber nicht besonders niedrig.
Für Startups relevant:
- Die KöSt fällt erst an, wenn Gewinne erzielt werden
- Verlustvorträge können zeitlich unbegrenzt vorgetragen werden
- Die Mindest-KöSt beträgt 500 EUR pro Jahr (für die ersten fünf Jahre ab Gründung) bzw. danach 1.750 EUR
Einkommensteuer und Lohnnebenkosten
Ein grosses Thema für Startups sind die hohen Lohnnebenkosten in Österreich:
- Die Lohnnebenkosten betragen rund 30 Prozent des Bruttogehalts
- Dazu kommen Beiträge zur Sozialversicherung (ca. 21 Prozent Arbeitgeberanteil)
- Die Einkommensteuer ist progressiv und kann bis zu 55 Prozent betragen
Das macht es für Startups teuer, Mitarbeiter einzustellen -- besonders in der frühen Phase, wenn jeder Euro zählt.
Mitarbeiterbeteiligung
Die Beteiligung von Mitarbeitern am Unternehmen ist ein zentrales Thema für Startups. In Österreich gab es hier lange Zeit grosse Defizite, die schrittweise behoben werden:
Das Problem: Traditionelle Mitarbeiterbeteiligungsmodelle führten dazu, dass Mitarbeiter bereits bei der Zuteilung von Anteilen oder Optionen Steuern zahlen mussten -- noch bevor ein finanzieller Gewinn realisiert wurde.
Die Reform (FlexKapG und Startup-Paket): Die Einführung der Flexiblen Kapitalgesellschaft (FlexKapG) und begleitende steuerliche Reformen haben die Situation verbessert:
- Neue Anteilsklassen ermöglichen flexiblere Beteiligungsmodelle
- Besteuerung wird auf den Zeitpunkt der Veräusserung verschoben (Dry Income Problem)
- Vereinfachte Übertragung von Unternehmensanteilen
Was noch fehlt:
- Die praktische Umsetzung ist komplex und erfordert spezialisierte Beratung
- Im Vergleich zu den USA oder dem UK sind die Modelle immer noch weniger attraktiv
- Viele Steuerberater und Notare sind mit den neuen Regelungen noch nicht vertraut
Forschungsprämie
Die Forschungsprämie ist eines der attraktivsten steuerlichen Instrumente für innovative Startups:
- 14 Prozent der F&E-Ausgaben werden als Steuererstattung zurückgezahlt
- Die Prämie ist unabhängig davon, ob das Unternehmen Gewinne macht
- Auch Personalkosten für F&E-Mitarbeiter sind anrechenbar
Tipp: Nutze die Forschungsprämie von Anfang an. Dokumentiere deine F&E-Aktivitäten sorgfältig und lass dir die Förderungswürdigkeit im Voraus bestätigen.
Sozialversicherung
Das GSVG -- Gewerbliches Sozialversicherungsgesetz
Als Gründerin oder Gründer bist du in der Regel nach dem GSVG pflichtversichert. Das umfasst:
- Krankenversicherung
- Pensionsversicherung
- Unfallversicherung
Die Beiträge
Die Sozialversicherungsbeiträge berechnen sich aus deinem Gewinn. In den ersten drei Jahren gibt es eine Mindestbeitragsgrundlage, die relativ niedrig ist -- danach kann es teuer werden.
Für Startups relevant:
- Die Beiträge werden nachträglich berechnet -- in guten Jahren können hohe Nachzahlungen anfallen
- Die Mindestbeiträge liegen bei ca. 500 EUR pro Monat
- Opting-out aus der Krankenversicherung ist nicht möglich
Herausforderungen
- Das System ist auf traditionelle Gewerbetreibende ausgelegt, nicht auf Startups mit unregelmässigen Einnahmen
- Die Doppelbelastung für Gründer, die gleichzeitig angestellt sind, ist hoch
- Die Beiträge für Geschäftsführer einer GmbH sind besonders komplex
Arbeitsrecht
Flexible Beschäftigungsformen
Startups brauchen Flexibilität bei der Beschäftigung. In Österreich stehen verschiedene Formen zur Verfügung:
- Dienstverhältnis -- Der Klassiker, mit vollem Arbeitnehmer-Schutz
- Freier Dienstvertrag -- Etwas flexibler, aber mit Sozialversicherungspflicht
- Werkvertrag -- Für klar abgrenzbare Projekte
- Neue Selbstständige -- Für selbstständige Mitarbeiter ohne Gewerbeschein
Herausforderungen für Startups
- Kündigungsschutz: Der österreichische Kündigungsschutz ist stark und kann für Startups, die schnell skalieren oder pivotieren müssen, eine Herausforderung sein
- Arbeitszeitgesetz: Die Regelungen zur Arbeitszeit sind komplex und nicht immer mit der Startup-Realität kompatibel
- Kollektivverträge: Je nach Branche gelten Mindestgehäelter, die für Startups in der Frühphase schwer zu stemmen sein können
Was hilft
- Nutze die Möglichkeit, Mitarbeiter in der Probezeit (ein Monat) ohne Angabe von Gründen zu kündigen
- Informiere dich über die Regelungen für All-in-Verträge
- Lass Arbeitsverträge von einem Fachanwalt prüfen
Gewerbeordnung
Die österreichische Gewerbeordnung regelt, welche Tätigkeiten du ausüben darfst. Für Startups ist das oft ein Hindernis:
Reglementierte Gewerbe
Manche Tätigkeiten erfordern einen Befähigungsnachweis (Studium, Meisterprüfung, etc.). Das betrifft z.B.:
- Unternehmensberatung
- IT-Dienstleistungen (teilweise)
- Ingenieursbüros
- Gastgewerbe
Freie Gewerbe
Andere Tätigkeiten können ohne besonderen Nachweis ausgeubt werden. Die Anmeldung erfolgt einfach bei der Bezirksverwaltungsbehörde.
Herausforderungen
- Die Abgrenzung zwischen reglementierten und freien Gewerben ist nicht immer klar
- Manche Startup-Tätigkeiten passen in keine bestehende Gewerbeberechtigung
- Die Gewerbeordnung wurde für traditionelle Berufe geschaffen, nicht für innovative Geschäftsmodelle
Tipp: Kläre früh mit der WKO, welche Gewerbeberechtigung du brauchst. Manchmal gibt es kreative Lösungen oder die Möglichkeit, einen gewerberechtlichen Geschäftsführer zu bestellen.
Datenschutz und DSGVO
Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) gilt EU-weit und ist auch für österreichische Startups relevant:
- Datenschutzbeauftragter: Ab einer bestimmten Grösse oder bei bestimmten Datenverarbeitungen Pflicht
- Verarbeitungsverzeichnis: Muss geführt werden
- Einwilligungen: Müssen dokumentiert und widerrufbar sein
- Datenschutz-Folgenabschätzung: Bei risikoreichen Verarbeitungen nötig
Tipp: Implementiere Datenschutz von Anfang an ("Privacy by Design"). Das spart später viel Aufwand und potenzielle Strafen.
Kapitalmarktrecht
Crowdfunding
Das Alternativfinanzierungsgesetz (AltFG) regelt Crowdfunding und Crowdinvesting in Österreich:
- Bis zu 5 Millionen EUR können über Crowdfunding eingeworben werden
- Verschiedene Formen: Lending, Equity, Reward-based
- Prospektpflicht ab bestimmten Schwellenwerten
Venture Capital
Die regulatorischen Rahmenbedingungen für Venture Capital in Österreich haben sich verbessert, aber es gibt noch Lücken:
- Kein eigenes VC-Gesetz wie in anderen Ländern
- Steuerliche Anreize für VC-Investitionen sind begrenzt
- Die Haftungsrisiken für Business Angels sind hoch
Was die Startup-Community fordert
Kurzfristige Forderungen
- Weitere Vereinfachung der GmbH-Gründung
- Verbesserung der Mitarbeiterbeteiligung
- Senkung der Lohnnebenkosten für Startups in der Frühphase
- Beschleunigung von Verwaltungsverfahren
Mittelfristige Forderungen
- Eigenes Startup-Gesetz, das die Bedürfnisse von Startups umfassend adressiert
- Steuerliche Anreize für VC-Investments und Business Angels
- Modernisierung der Gewerbeordnung
- Ausbau der digitalen Verwaltung
Langfristige Forderungen
- Kulturwandel hin zu mehr Unternehmertum und Risikobereitschaft
- Stärkere Integration von Entrepreneurship in die Bildung
- Europaweite Harmonisierung von Startup-Regulierung
- Aufbau eines nationalen Startup-Fonds
Vergleich mit anderen Ländern
Estland
Estland gilt als Vorbild für digitale Verwaltung und einfache Gründung. Eine GmbH-Gründung dauert online wenige Stunden. Die e-Residency ermöglicht es Ausländern, estnische Unternehmen zu gründen.
Deutschland
Deutschland hat mit dem INVEST-Programm steuerliche Anreize für Business Angels geschaffen und arbeitet an der Verbesserung der Mitarbeiterbeteiligung. Die FlexKapG-Diskussion in Österreich orientiert sich teilweise am deutschen Vorbild.
Vereinigtes Königreich
Das UK bietet mit der Limited eine einfache und günstige Gründungsform und hat mit dem Enterprise Investment Scheme (EIS) und dem Seed Enterprise Investment Scheme (SEIS) attraktive steuerliche Anreize für Investoren.
Schweiz
Die Schweiz lockt mit niedrigen Steuern und einer liberalen Regulierung, hat aber hohe Lebenshaltungskosten und einen kleinen Heimmarkt.
Praktische Tipps für den Umgang mit Regulierung
1. Informiere dich früh
Kenne die rechtlichen Anforderungen, bevor du gründest. Unwissenheit schützt nicht vor Strafen.
2. Hole dir professionelle Beratung
Ein guter Steuerberater und ein Fachanwalt für Gesellschaftsrecht sind für Startups unverzichtbar. Die Kosten sind gut investiertes Geld.
3. Nutze die WKO-Beratung
Die Wirtschaftskammer bietet kostenlose Erstberatung zu vielen Gründungsthemen. Nutze dieses Angebot.
4. Halte dich auf dem Laufenden
Die Rechtslage ändert sich ständig. Verfolge relevante Gesetzesänderungen über Newsletter, Blogs und Events.
5. Vernetze dich politisch
Organisationen wie AustrianStartups vertreten die Interessen der Startup-Community gegenüber der Politik. Unterstütze sie und bringe dich ein.
6. Nutze Förderungen
Die österreichische Förderlandschaft kann die Nachteile der Regulierung teilweise ausgleichen. Informiere dich umfassend.
Fazit
Die politischen Rahmenbedingungen für Startups in Österreich haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Die GmbH-Reform, die Forschungsprämie und die Verbesserungen bei der Mitarbeiterbeteiligung sind wichtige Schritte. Gleichzeitig gibt es noch erheblichen Handlungsbedarf -- bei den Lohnnebenkosten, der Bürokratie und der steuerlichen Attraktivität für Investoren.
Als Gründerin oder Gründer kannst du die Rahmenbedingungen nicht über Nacht ändern. Aber du kannst die bestehenden Möglichkeiten optimal nutzen, dich professionell beraten lassen und dich politisch für bessere Bedingungen einsetzen. Jede Stimme zählt.
Über Startup Burgenland
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Dieser Beitrag ist Teil der Serie "Startup-Ökosystem Österreich", in der wir die verschiedenen Aspekte des österreichischen Gründerökosystems beleuchten.
Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.
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