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CO2-Fussabdruck messen und reduzieren

Felix Lenhard 10 min Lesezeit
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CO2-Fussabdruck messen und reduzieren

"Was du nicht messen kannst, kannst du nicht managen." Dieses Prinzip gilt besonders für deinen CO2-Fussabdruck. Ob du nun aus Überzeugung klimafreundlich wirtschaften willst oder weil Investoren und Kunden es erwarten -- der erste Schritt ist immer: Wissen, wo du stehst.

In den bisherigen Beiträgen dieser Serie haben wir über nachhaltiges Gründen, ESG-Kriterien und Circular Economy Geschäftsmodelle gesprochen. Jetzt wird es konkret: Wie misst du deinen CO2-Fussabdruck und -- noch wichtiger -- wie reduzierst du ihn?

Was ist ein CO2-Fussabdruck?

Dein CO2-Fussabdruck (Carbon Footprint) ist die Gesamtmenge an Treibhausgasen, die dein Startup direkt und indirekt verursacht. Er wird in Tonnen CO2-Äquivalenten (CO2e) gemessen -- das "Äquivalent" berücksichtigt, dass verschiedene Treibhausgase unterschiedlich stark wirken.

Die drei Scopes

Das Greenhouse Gas Protocol -- der internationale Standard für Carbon Accounting -- unterteilt Emissionen in drei Bereiche:

Scope 1 -- Direkte Emissionen

Das sind Emissionen, die direkt aus deinem Unternehmen kommen:

  • Firmenfahrzeuge (Verbrenner)
  • Heizung mit fossilen Brennstoffen (Gas, Öl)
  • Produktionsprozesse (falls zutreffend)
  • Kältemittel aus Klimaanlagen

Scope 2 -- Indirekte Emissionen aus Energie

Das sind Emissionen aus dem Energiebezug:

  • Strom (abhängig vom Strommix deines Anbieters)
  • Fernwärme
  • Fernkälte

Scope 3 -- Sonstige indirekte Emissionen

Das ist der grösste -- und komplexeste -- Bereich:

  • Geschäftsreisen (Flüge, Bahn, Hotel)
  • Pendeln der Mitarbeitenden
  • Eingekaufte Waren und Dienstleistungen
  • Nutzung deiner Produkte durch Kunden
  • Entsorgung deiner Produkte
  • Cloud-Computing und Rechenzentren

Für die meisten Startups machen Scope 3 Emissionen 70-90 Prozent des Gesamtfussabdrucks aus. Das ist wichtig zu wissen, denn viele Unternehmen konzentrieren sich auf Scope 1 und 2 und ignorieren den grössten Hebel.

Warum CO2-Bilanzierung für Startups wichtig ist

Investoren erwarten es

Immer mehr Investoren fragen nach dem Carbon Footprint. Wer hier Zahlen liefern kann, hat einen Vorteil beim Fundraising. Das gilt besonders für Impact Investoren, aber zunehmend auch für klassische VCs.

Kunden verlangen Transparenz

Grosse Unternehmen müssen im Rahmen der CSRD über ihre Scope 3 Emissionen berichten. Wenn du Zulieferer bist, werden sie dich nach deinem CO2-Fussabdruck fragen. Wer die Daten hat, gewinnt den Auftrag.

Kostenreduktion

CO2-Emissionen korrelieren oft mit Energie- und Ressourcenverbrauch. Wer Emissionen reduziert, spart häufig auch Geld. Eine Win-win-Situation.

Regulierung

Auch wenn du als kleines Startup noch nicht berichtspflichtig bist -- die Regulierung bewegt sich in diese Richtung. Frühe Vorbereitung verschafft dir einen Vorsprung.

Schritt für Schritt: Deinen CO2-Fussabdruck messen

Hier ist dein praktischer Leitfaden:

Schritt 1: Systemgrenzen definieren

Bevor du rechnest, kläre:

  • Welche Standorte? -- Büro, Lager, Produktion?
  • Welcher Zeitraum? -- Typisch: ein Geschäftsjahr
  • Welche Scopes? -- Starte mit Scope 1 und 2, dann erweitere auf Scope 3
  • Welche Scope 3 Kategorien? -- Fokussiere auf die 3-5 relevantesten

Schritt 2: Daten sammeln

Für jede Emissionsquelle brauchst du Aktivitätsdaten:

Scope 1:

  • Tankbelege deiner Firmenfahrzeuge (Liter Diesel/Benzin)
  • Gasrechnung (kWh oder m3)
  • Ölrechnung (Liter)

Scope 2:

  • Stromrechnung (kWh)
  • Fernwärmerechnung (kWh)

Scope 3:

  • Flugbuchungen (Distanz und Klasse)
  • Bahnfahrten (km)
  • Hotelnächte (Anzahl)
  • Pendelwege der Mitarbeitenden (km pro Person pro Tag, Verkehrsmittel)
  • Einkaufsvolumen (EUR oder Mengen)
  • Cloud-Nutzung (Serverstandort, Nutzungsdauer)

Tipp: Starte eine einfache Tabelle und sammle ab sofort alle relevanten Daten. Je früher du anfängst, desto besser wird deine Datenbasis.

Schritt 3: Emissionsfaktoren anwenden

Jetzt rechnest du die Aktivitätsdaten in CO2e um. Dafür brauchst du Emissionsfaktoren -- das sind Umrechnungswerte, die angeben, wie viel CO2e pro Einheit entsteht.

Beispiele für Emissionsfaktoren (Österreich):

AktivitätEmissionsfaktorEinheit
Strom (Österreich-Mix)ca. 0,15kg CO2e/kWh
Strom (Ökostrom)ca. 0,01kg CO2e/kWh
Erdgasca. 0,20kg CO2e/kWh
Dieselca. 2,65kg CO2e/Liter
Benzinca. 2,37kg CO2e/Liter
Kurzstreckenflugca. 0,25kg CO2e/km/Person
Langstreckenflug (Economy)ca. 0,15kg CO2e/km/Person
Bahn (Österreich)ca. 0,01kg CO2e/km/Person
Hotelübernachtungca. 20kg CO2e/Nacht

Quellen für österreichische Emissionsfaktoren:

  • Umweltbundesamt Österreich
  • ÖKOBaudat
  • GEMIS (Globales Emissions-Modell Integrierter Systeme)

Schritt 4: Berechnung

Die Formel ist einfach:

Emissionen = Aktivitätsdaten x Emissionsfaktor

Beispiel: 10.000 kWh Strom (Österreich-Mix) x 0,15 kg CO2e/kWh = 1.500 kg CO2e = 1,5 Tonnen CO2e

Schritt 5: Ergebnis zusammenführen

Addiere alle Emissionen auf und gliedere sie nach Scopes und Kategorien. So erkennst du sofort, wo die grössten Hebel liegen.

Tools für die CO2-Bilanzierung

Du musst nicht alles manuell rechnen. Hier sind Tools, die dir helfen:

Für den Einstieg (kostenlos oder günstig)

  • Klimaaktiv Emissionsrechner -- Österreichisches Tool, gut für den Einstieg
  • CO2-Rechner des Umweltbundesamtes -- Speziell für Österreich kalibriert
  • GHG Protocol Calculation Tools -- Excel-basierte Tools für verschiedene Sektoren
  • Normative -- Free Tier für kleine Unternehmen

Professionelle Lösungen

  • Plan A -- Carbon Accounting Plattform (Berlin, gut für DACH)
  • Persefoni -- Umfassende Plattform für grössere Startups
  • Watershed -- Stark bei Scope 3
  • Greenly -- Speziell für KMU und Startups

Für Startups empfohlen

Starte mit dem Klimaaktiv Emissionsrechner oder einer Excel-Tabelle. Wenn dein Startup wächst und du professioneller berichten musst, steig auf eine Software-Lösung um. Budgetiere dafür ca. 2.000-10.000 EUR pro Jahr je nach Umfang.

Die grössten CO2-Hebel für Startups

Jetzt zum Kern: Wie reduzierst du deine Emissionen? Hier sind die typischen Hebel:

1. Energie -- der schnellste Gewinn

Wechsle auf Ökostrom. In Österreich gibt es zahlreiche Anbieter mit 100 Prozent erneuerbarer Energie. Der Wechsel dauert wenige Minuten und reduziert deine Scope 2 Emissionen um über 90 Prozent.

Empfehlung: Achte auf das UZ 46 Gütezeichen (Österreichisches Umweltzeichen für Grünen Strom). Damit bist du auf der sicheren Seite.

Kosten: Ökostrom ist in Österreich oft nur marginal teurer als konventioneller Strom -- manchmal sogar günstiger.

2. Mobilität -- der grösste Hebel

Für viele Startups sind Geschäftsreisen und Pendeln die grössten Emissionstreiber:

  • Flüge reduzieren -- Jeder eingesparte Kurzstreckenflug spart ca. 200-400 kg CO2e. Nutze stattdessen den österreichischen Nachtzug oder Videokonferenzen.
  • Firmenfahrzeuge elektrifizieren -- E-Autos haben in Österreich (mit seinem sauberen Strommix) einen deutlich kleineren Fussabdruck als Verbrenner.
  • Pendeln optimieren -- ÖBB-Klimaticket für Mitarbeitende, Fahrrad-Infrastruktur, Home-Office-Optionen.

Tipp für Burgenland: Das Klimaticket Österreich macht Bahnfahren extrem attraktiv. Und die Nahverkehrsanbindung wird stetig ausgebaut.

3. Cloud und IT -- der unterschätzte Bereich

Wenn du ein digitales Startup führst, sind Cloud-Services oft ein überraschend grosser Posten:

  • Wähle grüne Cloud-Anbieter -- Microsoft Azure, Google Cloud und AWS haben Programme für erneuerbare Energie
  • Optimiere deine Infrastruktur -- Ungenutzte Server und Services abschalten
  • Standort der Rechenzentren -- Rechenzentren in Skandinavien oder Österreich nutzen saubereren Strom

4. Beschaffung -- der langfristige Hebel

Was du einkaufst, bestimmt einen grossen Teil deines Scope 3 Fussabdrucks:

  • Lieferanten nach Nachhaltigkeit auswählen -- Mehr dazu in Nachhaltige Lieferketten aufbauen
  • Regional einkaufen -- Kürzere Transportwege, stärkere lokale Wirtschaft
  • Weniger kaufen -- Brauchst du wirklich neue Hardware oder tut es refurbished?

5. Kompensation -- der letzte Schritt

Bevor du kompensierst, reduziere so viel wie möglich! Kompensation ist kein Ersatz für Vermeidung. Aber für unvermeidbare Emissionen ist sie sinnvoll:

  • Achte auf Qualität -- Gold Standard oder Verified Carbon Standard (VCS) Projekte
  • Österreichische Projekte -- Es gibt auch heimische Klimaschutzprojekte
  • Preis: Qualitätszertifikate kosten ca. 15-30 EUR pro Tonne CO2e

Einen Reduktionspfad entwickeln

Einmalig messen reicht nicht. Du brauchst einen Plan:

Basisjahr festlegen

Wähle ein Jahr als Referenz (idealerweise das erste Jahr, in dem du vollständig gemessen hast). Alle zukünftigen Reduktionen werden relativ dazu gemessen.

Reduktionsziel setzen

Orientiere dich an der Wissenschaft:

  • Science Based Targets initiative (SBTi) -- Der Goldstandard für Klimaziele
  • 1,5 Grad-kompatibel -- Mindestens 4,2 Prozent Reduktion pro Jahr
  • Net Zero bis 2050 -- Das langfristige Ziel

Für ein Startup empfehle ich: Setze dir ein ambitioniertes, aber realistisches Ziel für die nächsten 3 Jahre. Z.B. "50 Prozent Reduktion der Scope 1 und 2 Emissionen bis 2031".

Massnahmenplan erstellen

Priorisiere nach drei Kriterien:

  1. Reduktionspotenzial -- Wie viel CO2e spart die Massnahme?
  2. Kosten -- Was kostet die Umsetzung?
  3. Umsetzbarkeit -- Wie schnell und einfach ist es?

Erstelle eine Roadmap mit Quartalszielen und überprüfe regelmässig deinen Fortschritt.

Kommunikation -- wie du über deinen Fussabdruck sprichst

Du hast gemessen, du reduzierst -- jetzt willst du darüber sprechen. Wichtig dabei:

Dos

  • Sei transparent über Methodik und Datenqualität
  • Zeige Trends und Fortschritte, nicht nur Absolutzahlen
  • Benenne auch Bereiche, in denen du noch Verbesserungspotenzial hast
  • Nutze anerkannte Standards (GHG Protocol, SBTi)

Don'ts

  • Übertreibe nicht ("klimaneutral" ist ein heikler Begriff)
  • Verstecke Scope 3 nicht
  • Kompensiere nicht, ohne vorher zu reduzieren
  • Mache keine Versprechen, die du nicht halten kannst

Mehr zum Thema verantwortungsvolle Kommunikation in Green Claims und Greenwashing vermeiden.

Spezialfall: Software-Startups

Da viele Startups im Burgenland und in Österreich im Tech-Bereich gründen, hier ein Extra-Abschnitt:

Typischer Fussabdruck eines Software-Startups (10 Personen)

KategorieGeschätzte EmissionenAnteil
Cloud-Services5-15 t CO2e20-40%
Geschäftsreisen3-10 t CO2e15-30%
Pendeln3-8 t CO2e15-25%
Büro (Strom, Heizung)2-5 t CO2e10-15%
Hardware1-3 t CO2e5-10%
Sonstiges1-3 t CO2e5-10%
Gesamt15-44 t CO2e100%

Quick Wins für Software-Startups

  1. Ökostrom für Büro -- sofort umsetzbar
  2. Cloud-Optimierung -- ungenutzte Ressourcen abschalten
  3. Reisepolicy -- Bahn statt Flug für Strecken unter 800 km
  4. Klimaticket für alle Mitarbeitenden
  5. Refurbished Hardware statt neu

Checkliste: CO2-Fussabdruck in 30 Tagen

  • Systemgrenzen definieren
  • Datensammlung starten (Rechnungen, Reisedaten, etc.)
  • Emissionsrechner auswählen
  • Scope 1 und 2 berechnen
  • Top 3 Scope 3 Kategorien identifizieren und berechnen
  • Ergebnis visualisieren
  • Top 3 Reduktionsmassnahmen identifizieren
  • Reduktionsziel setzen
  • Massnahmenplan erstellen
  • Ergebnis im Team kommunizieren

Fazit

Deinen CO2-Fussabdruck zu messen ist einfacher als du denkst. Und die Reduktion bringt oft nicht nur Klimavorteile, sondern auch Kostenersparnisse. Fang heute an -- mit einer einfachen Tabelle oder einem kostenlosen Tool.

Im nächsten Beitrag zeigen wir dir, wie du einen Nachhaltigkeitsbericht für dein Startup erstellst -- denn Messen ist nur der erste Schritt.


Über die Serie "Nachhaltigkeit und Impact"

Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie "Nachhaltigkeit und Impact", in der wir alle relevanten Aspekte nachhaltigen Gründens beleuchten -- von ESG-Kriterien über Circular Economy bis hin zu Impact Investing. Alle Beiträge findest du in der Kategorie "Skalierung und Wachstum".


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Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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