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ESG-Kriterien für Startups

Felix Lenhard 10 min Lesezeit
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ESG-Kriterien für Startups

Du hast sicher schon von ESG gehört -- Environmental, Social, Governance. Aber was bedeuten diese drei Buchstaben konkret für dich als Startup-Gründerin oder -Gründer? Musst du dich als kleines Unternehmen überhaupt damit beschäftigen? Die kurze Antwort: Ja, unbedingt. Die ausführliche Antwort findest du in diesem Beitrag.

Im vorherigen Artikel haben wir besprochen, warum nachhaltiges Gründen mehr als ein Trend ist. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter und schauen uns das ESG-Framework im Detail an.

Was bedeutet ESG eigentlich?

ESG steht für drei Dimensionen unternehmerischer Verantwortung:

E -- Environmental (Umwelt)

Die Umweltdimension umfasst alles, was mit dem ökologischen Fussabdruck deines Startups zu tun hat:

  • Klimaschutz -- CO2-Emissionen und deren Reduktion
  • Ressourcenverbrauch -- Energie, Wasser, Rohstoffe
  • Abfallmanagement -- Müllvermeidung und Recycling
  • Biodiversität -- Auswirkungen auf Ökosysteme
  • Umweltverschmutzung -- Emissionen in Luft, Wasser und Boden

Wie du deinen CO2-Fussabdruck konkret misst, erklären wir in CO2-Fussabdruck messen und reduzieren.

S -- Social (Soziales)

Die soziale Dimension betrifft den Umgang mit Menschen:

  • Arbeitsbedingungen -- Faire Löhne, Arbeitszeiten, Gesundheitsschutz
  • Diversität -- Chancengleichheit unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Alter
  • Menschenrechte -- Entlang der gesamten Wertschöpfungskette
  • Community Engagement -- Beitrag zur lokalen Gemeinschaft
  • Datenschutz -- Verantwortungsvoller Umgang mit Kundendaten

G -- Governance (Unternehmensführung)

Die Governance-Dimension umfasst die Art, wie dein Unternehmen geführt wird:

  • Transparenz -- Offenlegung von Informationen
  • Ethisches Verhalten -- Anti-Korruption, faire Geschäftspraktiken
  • Risikomanagement -- Umgang mit ESG-Risiken
  • Stakeholder-Einbindung -- Berücksichtigung aller Interessengruppen
  • Compliance -- Einhaltung von Gesetzen und Standards

Warum ESG für Startups relevant ist

"Wir sind doch nur ein kleines Team -- brauchen wir wirklich ESG?" Diese Frage höre ich oft. Hier sind fünf Gründe, warum die Antwort ein klares Ja ist:

1. Investoren erwarten es

Ob Business Angel, Venture Capital oder öffentliche Förderung -- immer mehr Geldgeber prüfen ESG-Kriterien. Der European Investment Fund (EIF) hat ESG-Anforderungen bereits in seine Vergabekriterien integriert. Und was der EIF macht, machen andere Investoren früher oder später nach.

Konkrete Auswirkung: Bei Pitches wirst du zunehmend nach deiner ESG-Strategie gefragt. Ohne eine überzeugende Antwort verlierst du potenzielle Investoren.

2. Regulierung trifft dich indirekt

Die EU-Taxonomie und die CSRD betreffen zunächst grosse Unternehmen. Aber diese grossen Unternehmen werden ihre Berichtspflichten an Zulieferer und Partner weitergeben -- und das bist unter Umständen du. Wenn du als Startup für ein grosses Unternehmen arbeitest, wirst du ESG-Daten liefern müssen.

3. Talent-Magnet

Gerade junge Talente wollen für Unternehmen arbeiten, die Verantwortung übernehmen. Eine klare ESG-Positionierung hilft dir beim Recruiting -- ein nicht zu unterschätzender Vorteil im umkämpften Arbeitsmarkt.

4. Kundenerwartungen steigen

Sowohl im B2C- als auch im B2B-Bereich achten Kunden zunehmend auf Nachhaltigkeitskriterien. Grosse Unternehmen führen Lieferanten-Screenings durch, die ESG-Kriterien einbeziehen.

5. Risikomanagement

ESG ist auch ein Instrument zur Risikominimierung. Wer früh Umweltrisiken, soziale Risiken und Governance-Risiken identifiziert, kann proaktiv handeln statt reagieren.

Der regulatorische Rahmen in Österreich

Lass uns einen Blick auf die wichtigsten Regelungen werfen, die dich als österreichisches Startup betreffen:

EU-Taxonomie

Die EU-Taxonomie ist ein Klassifikationssystem für nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten. Sie definiert, welche Aktivitäten als "grün" gelten. Für dich relevant, weil:

  • Investoren die Taxonomie nutzen, um Investments zu bewerten
  • Förderprogramme sich zunehmend daran orientieren
  • Kunden danach fragen

CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive)

Ab 2025 müssen grosse Unternehmen in der EU umfassend über Nachhaltigkeit berichten. Für Startups bedeutet das:

  • Du brauchst Daten für die Berichte deiner Kunden
  • Du solltest dich mit den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) vertraut machen
  • Frühe Vorbereitung verschafft dir einen Wettbewerbsvorteil

Wie du einen eigenen Nachhaltigkeitsbericht erstellst, erfährst du in Nachhaltigkeitsbericht für Startups.

Österreichisches Lieferkettengesetz

Österreich arbeitet an einem nationalen Lieferkettengesetz, das die EU-Richtlinie umsetzen wird. Als Teil der Lieferkette grösserer Unternehmen wirst du davon betroffen sein. Mehr dazu in unserem Beitrag zu nachhaltige Lieferketten aufbauen.

ESG-Kriterien praktisch umsetzen -- ein Framework für Startups

Jetzt wird es konkret. Hier ist ein pragmatisches Framework, das du ab sofort nutzen kannst:

Phase 1: Bestandsaufnahme (Woche 1-2)

Environmental:

  • Welche Energie nutzt du? (Stromanbieter, Heizung)
  • Wie reisen du und dein Team? (Dienstreisen, Pendeln)
  • Welche Materialien verwendest du?
  • Wie viel Abfall produziert ihr?

Social:

  • Wie fair sind eure Arbeitsbedingungen? (Arbeitszeiten, Vergütung)
  • Wie divers ist euer Team?
  • Wie geht ihr mit Kundendaten um?
  • Welchen Beitrag leistet ihr zur lokalen Community?

Governance:

  • Wie transparent ist eure Kommunikation?
  • Gibt es einen Code of Conduct?
  • Wie werden Entscheidungen getroffen?
  • Wie geht ihr mit Interessenkonflikten um?

Phase 2: Wesentlichkeitsanalyse (Woche 3-4)

Nicht alle ESG-Themen sind für jedes Startup gleich relevant. Führe eine Wesentlichkeitsanalyse durch:

  1. Liste alle relevanten ESG-Themen auf -- mindestens 15-20 Themen
  2. Bewerte die Auswirkung -- Wie stark wirkt sich dein Startup auf dieses Thema aus? (1-5)
  3. Bewerte die Relevanz für Stakeholder -- Wie wichtig ist dieses Thema für deine Investoren, Kunden, Mitarbeitenden? (1-5)
  4. Priorisiere -- Fokussiere auf die Themen mit den höchsten Werten in beiden Dimensionen

Phase 3: Ziele und Massnahmen (Woche 5-8)

Für deine Top-5-Themen:

  1. Definiere messbare Ziele -- z.B. "CO2-Emissionen um 20 Prozent reduzieren bis Ende des Jahres"
  2. Lege konkrete Massnahmen fest -- z.B. "Umstieg auf Ökostrom, Dienstreisen per Bahn"
  3. Bestimme Verantwortlichkeiten -- Wer kümmert sich um was?
  4. Setze Meilensteine -- Quartalsweise Überprüfung

Phase 4: Monitoring und Reporting (laufend)

  • Quartalsweise Review der ESG-KPIs
  • Jährlicher Nachhaltigkeitsbericht -- auch wenn noch nicht verpflichtend
  • Stakeholder-Feedback einholen und einarbeiten

ESG-KPIs für Startups -- was du messen solltest

Hier eine Auswahl an KPIs, die für die meisten Startups relevant sind:

Environmental KPIs

KPIEinheitZiel
CO2-Emissionen (Scope 1+2)Tonnen CO2e/JahrReduktion
EnergieverbrauchkWh/JahrReduktion
Anteil erneuerbarer EnergieProzentErhöhung
Abfallaufkommenkg/JahrReduktion
RecyclingquoteProzentErhöhung

Social KPIs

KPIEinheitZiel
Gender Pay GapProzent0 Prozent
Frauenanteil in FührungProzent50 Prozent
MitarbeiterzufriedenheitScore (1-10)Erhöhung
WeiterbildungsstundenStunden/Person/JahrErhöhung
FluktuationsrateProzentReduktion

Governance KPIs

KPIEinheitZiel
Compliance-VerstösseAnzahl0
Stakeholder-EngagementAnzahl InteraktionenErhöhung
Transparenz-ScoreScore (1-10)Erhöhung
DatenschutzvorfälleAnzahl0

Tools und Ressourcen für ESG im Startup

Du musst das Rad nicht neu erfinden. Hier sind nützliche Tools:

Kostenlose und günstige Optionen

  • Global Reporting Initiative (GRI) Standards -- Internationaler Berichtsstandard, kostenfrei verfügbar
  • B Impact Assessment -- Kostenloses Online-Tool zur Selbstbewertung (mehr dazu in B-Corp-Zertifizierung in Österreich)
  • SDG Action Manager -- Tool des UN Global Compact zur Verknüpfung mit den SDGs
  • Klimaaktiv -- Österreichische Plattform mit kostenlosen Ressourcen

Spezialisierte Software

  • Planetly / Plan A -- CO2-Bilanzierung
  • EcoVadis -- Nachhaltigkeitsrating für Lieferketten
  • Persefoni -- Carbon Accounting Plattform

Häufige Fragen von Gründerinnen und Gründern

"Ab welcher Grösse muss ich mich mit ESG beschäftigen?"

Sofort. Je früher du anfängst, desto einfacher und günstiger ist es. Ausserdem: Investoren fragen schon in der Seed-Phase danach.

"Was kostet ESG-Compliance?"

Für ein frühes Startup: fast nichts. Die meisten Massnahmen sind organisatorischer Natur. Erst bei formalen Zertifizierungen und externen Audits entstehen Kosten (typisch: 5.000-20.000 EUR für eine B-Corp-Zertifizierung).

"Wie kommuniziere ich ESG nach aussen?"

Ehrlich und transparent. Vermeide Übertreibungen und haltlose Versprechen -- das ist Greenwashing und kann teuer werden. Details dazu in Green Claims und Greenwashing vermeiden.

"Welche ESG-Standards sollte ich nutzen?"

Für den Anfang empfehle ich den B Impact Assessment als Selbstcheck und die SDGs als Orientierungsrahmen. Später kannst du auf GRI oder ESRS upgraden.

Checkliste: ESG-Quickstart für dein Startup

Hier ist deine Checkliste für die ersten 30 Tage:

  • ESG-Bestandsaufnahme durchführen
  • Wesentlichkeitsanalyse erstellen
  • Top-5-ESG-Themen identifizieren
  • Für jedes Thema ein messbares Ziel setzen
  • B Impact Assessment online durchführen
  • Code of Conduct erstellen
  • Datenschutz-Basics umsetzen
  • Team für ESG sensibilisieren
  • ESG-KPIs definieren und Tracking starten
  • Erste ESG-Seite auf der Website veröffentlichen

Fazit

ESG ist kein bürokratisches Monster, das dein Startup lahmlegt. Im Gegenteil -- richtig umgesetzt ist es ein strategischer Vorteil. Es hilft dir, bessere Entscheidungen zu treffen, Investoren zu überzeugen und Kunden zu gewinnen.

Fang klein an, sei ehrlich und verbessere dich kontinuierlich. Und wenn du Unterstützung brauchst, sind wir bei Startup Burgenland für dich da.

Im nächsten Beitrag schauen wir uns Circular Economy Geschäftsmodelle an -- ein Bereich, in dem österreichische Startups besonders stark sind.


Über die Serie "Nachhaltigkeit und Impact"

Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie "Nachhaltigkeit und Impact", in der wir alle relevanten Aspekte nachhaltigen Gründens beleuchten -- von ESG-Kriterien über Circular Economy bis hin zu Impact Investing. Alle Beiträge findest du in der Kategorie "Skalierung und Wachstum".


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Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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