Fundraising ist kein Zufall -- es ist ein Sales-Prozess
Die meisten Gründerinnen und Gründer gehen Fundraising intuitiv an: Sie kennen jemanden, der jemanden kennt, pitchen hier und da, und hoffen, dass irgendwann ein Scheck kommt. Manche haben Glück. Die meisten nicht. Und selbst die Glücklichen lassen Geld auf dem Tisch liegen, weil sie den Prozess nicht systematisch betreiben.
Die Wahrheit ist: Fundraising ist Sales. Du verkaufst Anteile an deinem Unternehmen. Und wie bei jedem Sales-Prozess brauchst du einen Funnel, ein CRM, systematisches Follow-up und klare Metriken. Kein erfolgreicher Sales-Manager würde Deals ohne Struktur verfolgen -- und du solltest das bei deinem Fundraising auch nicht tun.
Bei Startup Burgenland arbeiten wir mit Gründerinnen und Gründern genau an dieser Struktur. Die Startups, die ihr Fundraising als strukturierten Prozess betreiben, sammeln nicht nur mehr Kapital ein -- sie tun es auch schneller und zu besseren Konditionen.
Der Fundraising-Funnel
Dein Fundraising-Funnel hat dieselben Stufen wie ein klassischer Sales-Funnel. Hier die Übersicht mit typischen Conversion Rates.
| Stufe | Beschreibung | Typische Conversion |
|---|---|---|
| 1. Identifiziert | Investor auf deiner Zielliste | -- |
| 2. Kontaktiert | Erste Nachricht gesendet | 100% (deine Aktion) |
| 3. Meeting | Erstes Meeting/Call | 15 -- 25% |
| 4. Vertiefung | Follow-up-Meeting, Deep Dive | 30 -- 50% |
| 5. Term Sheet | Investor macht ein Angebot | 20 -- 40% |
| 6. Closing | Investment ist abgeschlossen | 60 -- 80% |
Was bedeuten diese Zahlen? Wenn du EUR 200.000 einsammeln willst und pro Angel EUR 50.000 erwartest, brauchst du vier Investoren. Bei den obigen Conversion Rates musst du circa 60 bis 80 Investoren identifizieren und 40 bis 60 kontaktieren, um vier Term Sheets zu bekommen.
Das ist keine schlechte Quote -- aber es zeigt, dass du einen breiten Trichter brauchst. Die meisten Gründer kontaktieren fünf bis zehn Investoren und wundern sich, warum nichts passiert.
Schritt 1: Die Zielliste erstellen
Der erste Schritt ist eine gründliche Recherche. Erstelle eine Liste von 60 bis 100 potenziellen Investoren. Für den österreichischen Markt nutze diese Quellen (ausführlich beschrieben in Post 206):
Organisierte Angel-Netzwerke:
- AAIA-Mitgliederliste
- aws Business Angels Datenbank
- i2 Business Angels Plattform
- Regionale Netzwerke (je nach Bundesland)
Online-Recherche:
- LinkedIn-Suche nach "Business Angel" + "Austria"
- Crunchbase und Dealroom für Investmenthistorien
- Startup-Datenbanken für kürzlich finanzierte Startups (und deren Investoren)
Persönliches Netzwerk:
- Andere Gründer fragen, wer ihre Investoren sind
- Startup-Events und Meetups besuchen
- Accelerator- und Inkubator-Alumni befragen
Für jeden Investor auf deiner Liste sammelst du:
- Name und Kontaktinformationen
- Investmentfokus (Branche, Phase, Ticketgrösse)
- Bisherige Investments (in welche Startups?)
- Gemeinsame Kontakte (für Warm Intros)
- Persönliche Interessen oder Hintergrundinformationen
Schritt 2: Priorisierung und Kategorisierung
Nicht alle Investoren auf deiner Liste sind gleich relevant. Kategorisiere sie in drei Gruppen.
Tier 1 -- Ideale Passform (15 -- 20 Investoren): Diese Investoren passen perfekt: richtige Branche, richtige Phase, richtige Ticketgrösse, nachgewiesenes Interesse an deinem Thema. Hier investierst du die meiste Zeit in Recherche und Ansprache.
Tier 2 -- Gute Passform (25 -- 35 Investoren): Diese Investoren passen grundsätzlich, aber es gibt keine offensichtliche Verbindung zu deinem spezifischen Thema. Sie könnten interessiert sein, brauchen aber mehr Überzeugungsarbeit.
Tier 3 -- Mögliche Passform (20 -- 30 Investoren): Diese Investoren sind ein Stretch. Vielleicht investieren sie normalerweise in eine andere Phase oder Branche, aber es gibt einen Grund, warum sie trotzdem interessant sein könnten.
Mein Tipp: Beginne nicht mit deinen Tier-1-Investoren. Starte mit Tier 3, um deinen Pitch zu üben und Feedback zu sammeln. Optimiere deinen Pitch anhand des Feedbacks und gehe dann zu Tier 2 und schliesslich zu Tier 1.
Schritt 3: Das CRM aufsetzen
Du brauchst ein System, um deine Investoren-Pipeline zu verwalten. Das muss kein teures CRM sein -- aber es muss strukturiert sein.
Einfache Optionen:
- Google Sheets oder Notion mit einer klaren Tabellenstruktur
- Trello oder Asana mit einem Kanban-Board für jede Funnel-Stufe
Professionellere Optionen:
- HubSpot (kostenlose Version reicht)
- Affinity (spezialisiert auf Relationship Management)
- Streak (Gmail-Plugin mit CRM-Funktionalität)
Dein CRM sollte für jeden Investor diese Informationen tracken:
- Name, Organisation, Kontakt
- Tier (1, 2 oder 3)
- Aktuelle Funnel-Stufe
- Datum des letzten Kontakts
- Nächster Schritt und Deadline
- Notizen aus Gesprächen
- Intro-Quelle (Warm Intro durch wen? Cold Outreach?)
- Feedback und Einwände
Aktualisiere dein CRM nach jedem Kontakt. Das klingt mühsam, spart dir aber enorm viel Zeit und verhindert, dass du den Überblick verlierst.
Schritt 4: Die Ansprache
Die Ansprache ist der kritischste Schritt. Hier entscheidet sich, ob du ein Meeting bekommst oder ignoriert wirst.
Warm Intros (bevorzugt): Der beste Weg zu einem Meeting führt über eine persönliche Vorstellung durch jemanden, den der Investor kennt und respektiert. So organisierst du ein Warm Intro:
- Identifiziere gemeinsame Kontakte (LinkedIn ist dein Freund)
- Frage den gemeinsamen Kontakt, ob er oder sie dich vorstellen kann
- Mache es dem Kontakt einfach: Schreibe einen kurzen Forwardable-Text, den der Kontakt direkt weiterleiten kann
- Halte den Forwardable-Text kurz: Wer bist du, was tut dein Startup, warum ist es für diesen Investor interessant, und was ist der Ask (typischerweise ein 20-Minuten-Call)
Cold Outreach (wenn nötig): Wenn du keinen Warm-Intro-Weg findest, geht auch Cold Outreach. Aber personalisiere jede Nachricht. Beziehe dich auf ein konkretes Investment des Angels, einen LinkedIn-Post oder eine Gemeinsamkeit. Maximal 150 Wörter. Konkreter Call-to-Action.
Beispiel für eine Cold-Outreach-Nachricht:
"Hallo [Name], ich habe gesehen, dass du in [Startup X] investiert hast -- ein spannendes Unternehmen. Wir bauen [ein Satz, was dein Startup tut] und adressieren einen ähnlichen Markt wie [Startup X], aber mit einem anderen Ansatz: [ein Satz zur Differenzierung]. Wir sind aktuell bei [Traction-Kennzahl] und suchen EUR [Betrag] für [Meilenstein]. Hättest du 20 Minuten für einen kurzen Call nächste Woche? Anbei unser Pitch Deck. Beste Grüsse, [Name]"
Schritt 5: Follow-up -- wo die meisten aufgeben
Die meisten Deals entstehen nicht beim ersten Kontakt. Sie entstehen im Follow-up. Und genau hier geben die meisten Gründer auf.
Meine Follow-up-Regeln:
Nach dem Erstkontakt: Wenn du nach einer Woche keine Antwort hast, schreib ein kurzes Follow-up. "Hi [Name], ich wollte sicher gehen, dass meine Nachricht angekommen ist. Gibt es nächste Woche einen Slot für einen kurzen Call?"
Nach dem ersten Meeting: Innerhalb von 24 Stunden eine Dankes-Mail mit den wichtigsten Takeaways und dem vereinbarten nächsten Schritt. Wenn es keinen konkreten nächsten Schritt gab, schlage einen vor.
Während der Vertiefungsphase: Regelmässige Updates alle zwei bis drei Wochen. Teile relevante News: neue Kunden, Meilensteine, Presseartikel. Zeige Momentum.
Nach einer Absage: Bedanke dich, frage nach dem spezifischen Grund und ob du in drei bis sechs Monaten mit Updates wiederkommen darfst. Viele Investments entstehen beim zweiten oder dritten Anlauf.
| Situation | Follow-up nach | Inhalt |
|---|---|---|
| Keine Antwort auf Erstmail | 5 -- 7 Tage | Kurzes Reminder |
| Keine Antwort auf Follow-up | 10 -- 14 Tage | Neuer Aufhänger |
| Nach Meeting | 24 Stunden | Zusammenfassung + nächster Schritt |
| Während Prüfung | 2 -- 3 Wochen | Relevante Updates |
| Nach Absage | 3 -- 6 Monate | Milestone Update |
Timing und Momentum
Timing ist im Fundraising fast so wichtig wie der Inhalt. Hier die wichtigsten Timing-Regeln.
Starte dein Fundraising sechs bis neun Monate vor dem Zeitpunkt, an dem du das Geld brauchst. Der Prozess dauert immer länger als geplant. Wenn du unter Zeitdruck verhandelst, wirst du schlechtere Konditionen akzeptieren.
Baue Momentum auf, indem du mehrere Investoren parallel ansprichst. FOMO (Fear of Missing Out) ist ein starker Treiber bei Angels. Wenn ein Investor weiss, dass andere ebenfalls interessiert sind, beschleunigt das seine Entscheidung.
Kommuniziere Fortschritte. "Wir haben bereits EUR 100.000 von zwei Angels committed und suchen noch EUR 100.000 für die Runde" ist ein viel stärkerer Pitch als "Wir suchen EUR 200.000 und haben noch niemanden."
Vermeide Sommerlöcher und Weihnachten. Juli/August und die letzten zwei Wochen im Dezember sind tote Zeiten. Plane dein Fundraising so, dass die kritischen Gespräche in aktivere Monate fallen.
Setze Deadlines. Nicht aggressiv, aber klar. "Wir wollen die Runde bis Ende März schliessen" gibt dem Investor einen Zeitrahmen. Ohne Deadline schieben viele Investoren die Entscheidung endlos vor sich her.
Metriken, die du tracken solltest
Wie bei jedem Sales-Prozess brauchst du Metriken, um dein Fundraising zu optimieren.
Aktivitätsmetriken:
- Anzahl kontaktierter Investoren pro Woche
- Anzahl Meetings pro Woche
- Anzahl gesendeter Pitch Decks
Conversion-Metriken:
- Kontaktiert-zu-Meeting-Rate
- Meeting-zu-Follow-up-Rate
- Follow-up-zu-Term-Sheet-Rate
- Term-Sheet-zu-Closing-Rate
Zeitmetriken:
- Durchschnittliche Zeit von Erstkontakt bis Meeting
- Durchschnittliche Zeit von Meeting bis Entscheidung
- Gesamtdauer der Fundraising-Runde
Wenn deine Kontaktiert-zu-Meeting-Rate unter 10 Prozent liegt, stimmt etwas mit deiner Ansprache nicht. Wenn deine Meeting-zu-Follow-up-Rate unter 20 Prozent liegt, stimmt etwas mit deinem Pitch oder deinem Startup nicht. Nutze die Metriken, um Schwachstellen zu identifizieren.
Häufige Fehler im Fundraising-Prozess
Die Fehler, die ich am häufigsten sehe:
Zu wenige Investoren kontaktieren. Du brauchst einen breiten Trichter. 10 Kontakte werden nicht reichen. Ziele auf 50 bis 80.
Kein System verwenden. Ohne CRM verlierst du den Überblick, vergisst Follow-ups und wirkst unprofessionell. Selbst eine einfache Google-Sheet-Tabelle ist besser als nichts.
Zu schnell aufgeben. Die meisten Gründer geben nach zwei bis drei Absagen auf. Professionelle Fundraiser wissen, dass 20 Absagen normal sind, bevor die ersten Zusagen kommen.
Nicht genug vorbereiten. Jedes Meeting sollte vorbereitet sein. Wer ist der Investor? Was hat er investiert? Warum passt dein Startup? Wenn du diese Fragen nicht beantworten kannst, verschwende nicht die Zeit des Investors.
Feedback ignorieren. Wenn drei Investoren hintereinander sagen, dass dein Markt zu klein ist, ist dein Markt vielleicht wirklich zu klein -- oder du kommunizierst ihn falsch. Höre zu und passe an.
Alles alleine machen. Nutze dein Netzwerk, deine Coaches (bei Startup Burgenland etwa), deine bestehenden Investoren und dein Team. Fundraising ist ein Team-Sport.
Nach dem Closing: Die Beziehung pflegen
Die Investoren-Pipeline endet nicht mit dem Closing. Die Investoren, die nicht investiert haben, könnten in der nächsten Runde relevant werden. Und die Investoren, die investiert haben, sind dein wichtigstes Netzwerk.
Für bestehende Investoren:
- Monatliche oder quartalsweise Updates (kurz, strukturiert, ehrlich)
- Proaktiv um Hilfe bitten (Intros, Feedback, Expertise)
- Probleme früh kommunizieren, nicht erst wenn es zu spät ist
Für abgelehnte Investoren:
- Quartalsweise Updates mit Meilensteinen
- Bei der nächsten Runde erneut ansprechen
- Als Referenz für andere Investments nutzen
Eine gut gepflegte Investoren-Pipeline ist ein langfristiges Asset. Die Beziehungen, die du heute aufbaust, zahlen sich möglicherweise erst in zwei oder drei Jahren aus -- aber sie zahlen sich aus.
Was du jetzt tun kannst
Erstelle heute deine Investoren-Zielliste mit mindestens 50 Namen. Setze ein einfaches CRM auf -- eine Google-Sheet-Tabelle reicht für den Anfang. Und identifiziere die ersten zehn Investoren, die du in den nächsten zwei Wochen kontaktieren willst. Beginne mit Tier 3, um deinen Pitch zu schärfen.
Wenn du Unterstützung beim Aufbau deiner Investoren-Pipeline brauchst, melde dich bei Startup Burgenland. Wir haben Zugang zu einem Netzwerk von Investoren und helfen dir, die richtigen Kontakte zu knüpfen und den Fundraising-Prozess professionell aufzusetzen.
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Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.