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Was Business Angels wirklich von Startups erwarten

Felix Lenhard 10 min Lesezeit
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Die Wahrheit hinter der Investitionsentscheidung

Du hast die Netzwerke recherchiert, die Plattformen gefunden (siehe Post 206) und bist bereit, auf Business Angels zuzugehen. Aber bevor du den ersten Pitch hältst, musst du verstehen, was auf der anderen Seite des Tisches passiert. Was denken Angels wirklich, wenn sie ein Startup evaluieren?

Die meisten Gründerinnen und Gründer überschätzen die Bedeutung ihrer Idee und unterschätzen alles andere. In meiner Erfahrung bei Startup Burgenland sehe ich das immer wieder: Fantastische Ideen, die kein Investment bekommen -- und manchmal scheinbar einfache Konzepte, die sofort finanziert werden. Der Unterschied liegt nicht in der Idee, sondern in dem, was drumherum passiert.

Dieser Beitrag gibt dir einen ehrlichen Blick hinter die Kulissen. Keine Theorie, sondern die echten Kriterien, nach denen erfahrene Business Angels in Österreich ihre Entscheidungen treffen.

Kriterium Nummer 1: Das Team

Frag jeden erfahrenen Business Angel, was das wichtigste Kriterium ist, und du bekommst in 90 Prozent der Fälle dieselbe Antwort: das Team. Das ist kein Klischee -- es ist die logische Konsequenz aus der Realität von Frühphaseninvestments.

In der Seed-Phase ist fast alles noch unsicher. Das Produkt wird sich verändern, der Markt wird sich verändern, die Strategie wird sich verändern. Das Einzige, was bleibt, ist das Team. Und Angels wissen das aus eigener Erfahrung -- die meisten haben selbst Unternehmen aufgebaut oder begleitet.

Was Angels im Team konkret suchen:

Komplementäre Fähigkeiten: Ein reines Tech-Team ohne Business-Kompetenz ist genauso riskant wie ein reines Sales-Team ohne technische Umsetzungskraft. Idealerweise siehst du im Gründerteam eine Mischung aus Produkt/Tech, Business/Sales und Branchenexpertise.

Skin in the Game: Arbeiten die Gründer Vollzeit am Startup? Haben sie eigenes Geld investiert? Haben sie sichere Jobs aufgegeben? Angels wollen sehen, dass du all-in bist.

Lernfähigkeit: Wie reagierst du auf Feedback? Angels testen das oft bewusst im Pitch. Wer kritisches Feedback abwehrt, signalisiert, dass er oder sie im operativen Geschäft genauso reagieren wird.

Track Record: Vorherige Gründungen, relevante Berufserfahrung, nachweisbare Erfolge. Das muss keine Startup-Erfahrung sein -- auch eine erfolgreiche Karriere in einem relevanten Bereich zählt.

Traction: Der stärkste Beweis

Nach dem Team ist Traction das zweitwichtigste Kriterium. Traction bedeutet: Du hast bereits bewiesen, dass dein Konzept in der Realität funktioniert. Für Business Angels ist Traction der stärkste Risikoreduzierer.

Was als Traction zählt, hängt von deiner Phase und deinem Geschäftsmodell ab:

PhaseTraction-Indikatoren
Pre-RevenueWarteliste, LOIs, Pilotprojekte, Prototyp-Nutzer
Erste UmsätzeMRR/ARR, Kundenzahl, Wachstumsrate
WachstumRetention-Rate, Unit Economics, Channel-Skalierbarkeit

Die wichtigste Kennzahl für Angels ist oft nicht die absolute Grösse, sondern die Wachstumsrate. Ein Startup mit EUR 5.000 MRR, das monatlich um 30 Prozent wächst, ist für einen Angel attraktiver als eines mit EUR 20.000 MRR und stagnierendem Wachstum.

Wenn du noch keine Umsätze hast, zeige zumindest validierten Bedarf. Letters of Intent von potenziellen Kunden, Ergebnisse von Pilotprojekten oder eine wachsende Warteliste sind starke Signale. Reines "Wir haben mit 50 Leuten gesprochen und alle fanden es toll" reicht nicht -- Angels wollen sehen, dass jemand bereit ist, Geld auszugeben.

Der Markt: Gross genug für einen Exit?

Business Angels investieren nicht aus Mildtätigkeit. Sie erwarten einen Return -- typischerweise das Fünf- bis Zehnfache ihres Investments über einen Zeitraum von fünf bis sieben Jahren. Dafür muss der adressierbare Markt gross genug sein.

Angels bewerten den Markt auf drei Ebenen:

TAM (Total Addressable Market): Wie gross ist der gesamte Markt, in dem du dich bewegst? In Österreich starten viele Startups mit einem lokalen Fokus -- das ist okay für den Anfang, aber Angels wollen eine Skalierungsstory sehen.

SAM (Serviceable Addressable Market): Welchen Teil des Marktes kannst du realistisch bedienen? Hier wird es konkret: Mit deinem aktuellen Produkt, deiner aktuellen Strategie und deinen aktuellen Ressourcen.

SOM (Serviceable Obtainable Market): Was kannst du in den nächsten zwei bis drei Jahren tatsächlich erreichen? Das ist die Zahl, an der Angels deine Glaubwürdigkeit messen.

Ein häufiger Fehler: Gründer präsentieren riesige TAM-Zahlen ("Der globale Markt für X ist EUR 50 Milliarden") ohne einen glaubwürdigen Weg vom SOM zum SAM zum TAM aufzuzeigen. Angels durchschauen das sofort.

Für österreichische Startups ist die DACH-Region oft der erste realistische Expansionsschritt. Zeige, wie du von Österreich aus den deutschsprachigen Raum und dann Europa eroberst. Das ist eine glaubwürdige Story.

Das Geschäftsmodell: Wie verdienst du Geld?

Angels wollen verstehen, wie dein Startup Geld verdient -- und ob das Geschäftsmodell skalierbar ist. "Skalierbar" bedeutet: Der Umsatz kann überproportional zum Aufwand wachsen.

Die Fragen, die Angels zum Geschäftsmodell stellen:

  • Was ist dein Pricing-Modell? (Subscription, Transaction, Lizenz, etc.)
  • Wie hoch ist dein durchschnittlicher Umsatz pro Kunde?
  • Wie hoch sind deine Kundengewinnungskosten (CAC)?
  • Wie hoch ist der Lifetime Value (LTV) deiner Kunden?
  • Wie entwickelt sich die Marge bei Skalierung?

Die magische Kennzahl für viele Angels: Das LTV/CAC-Verhältnis. Idealerweise liegt es bei 3:1 oder höher. Wenn du EUR 1 ausgibst, um einen Kunden zu gewinnen, sollte dieser Kunde im Laufe der Zeit mindestens EUR 3 Umsatz bringen.

Für Startups in der Frühphase sind diese Zahlen oft noch geschätzt. Das ist okay -- aber die Schätzungen müssen auf nachvollziehbaren Annahmen basieren. "Wir glauben, dass unser LTV bei EUR 500 liegt" ist schwach. "Unsere ersten 20 Kunden haben im Schnitt EUR 480 ausgegeben, mit einer Retention-Rate von 85 Prozent, was einen geschätzten LTV von EUR 500 ergibt" ist stark.

Der Wettbewerb: Ehrlichkeit gewinnt

"Wir haben keinen Wettbewerb" ist der schnellste Weg, einen Business Angel zu verlieren. Jedes Startup hat Wettbewerb -- wenn nicht direkt, dann indirekt. Und wenn es wirklich keinen Wettbewerb gibt, fragt sich der Angel: Gibt es vielleicht keinen Markt?

Was Angels bei der Wettbewerbsanalyse sehen wollen:

Ehrlichkeit: Zeige, dass du den Markt verstehst. Benenne deine Wettbewerber -- direkte und indirekte. Erkläre, warum Kunden heute zu diesen Alternativen greifen.

Differenzierung: Was machst du anders? Und nicht "besser" -- das sagt jeder. Sondern wirklich anders. Ein anderer Ansatz, eine andere Technologie, ein anderer Marktzugang.

Defensibility: Warum kann dein Wettbewerb nicht einfach kopieren, was du tust? Netzwerkeffekte, proprietäre Daten, Patente, regulatorische Vorteile -- das sind echte Burggräben.

Eine gute Wettbewerbsdarstellung im Pitch Deck (mehr dazu in Post 208) zeigt eine Matrix mit den wichtigsten Wettbewerbern und den Dimensionen, auf denen du dich differenzierst. Nicht als "Wir sind überall besser"-Grafik, sondern als ehrliche Einordnung.

Dealbreaker: Was Angels sofort abschreckt

Genauso wichtig wie die positiven Kriterien sind die Dealbreaker -- Dinge, die einen Business Angel sofort von einem Investment abhalten. Hier die häufigsten.

Unsauberer Cap Table: Wenn du schon vor dem ersten Angel-Investment 60 Prozent deiner Anteile an Berater, Freelancer oder Freunde vergeben hast, ist das ein massives Warnsignal. Angels wollen sehen, dass die Gründer genug Anteile halten, um motiviert zu bleiben. Mehr dazu in Post 215.

Unrealistische Bewertung: Wenn du dein Pre-Revenue-Startup mit EUR 10 Millionen bewerten willst, werden die meisten Angels passen. Verstehe die Methoden zur Bewertung (siehe Post 209) und sei realistisch.

Kein klarer Verwendungszweck: "Wir brauchen EUR 200.000 für Wachstum" ist keine Antwort. Angels wollen genau wissen, wofür du das Geld ausgibst und welche Meilensteine du damit erreichst.

Fehlende Transparenz: Wenn ein Angel im Gespräch das Gefühl bekommt, dass du Informationen zurückhältst oder beschönigst, ist das Vertrauen zerstört. Sei offen über Risiken und Herausforderungen.

Gründerkonflikte: Wenn im Pitch-Meeting Spannungen im Team sichtbar werden, ist das ein sofortiger Dealbreaker. Kläre interne Differenzen, bevor du auf Investorensuche gehst.

Rechtliche Probleme: Ungeklärte IP-Rechte, fehlende Verträge mit Co-Gründern oder regulatorische Risiken ohne Lösungsansatz schrecken Angels ab.

Was Angels neben dem Return suchen

Hier wird es interessant: Nicht alle Angels investieren rein nach finanziellen Kriterien. Viele haben zusätzliche Motivationen, die du für dich nutzen kannst.

Brancheninteresse: Manche Angels investieren ausschliesslich in Bereiche, die sie faszinieren -- HealthTech, GreenTech, EdTech. Wenn du einen Angel findest, der für dein Thema brennt, hast du einen Vorteil.

Mentoring-Motivation: Erfahrene Unternehmerinnen und Unternehmer, die ihr Wissen weitergeben wollen. Diese Angels sind oft die wertvollsten, weil sie sich aktiv einbringen.

Netzwerk-Zugang: Manche Angels investieren, um Zugang zu innovativen Technologien oder Geschäftsmodellen für ihre eigenen Unternehmungen zu bekommen. Win-win, wenn du das richtig nutzt.

Impact-Orientierung: Gerade in Österreich wächst die Zahl der Angels, die gezielt in Startups mit positivem gesellschaftlichem oder ökologischem Impact investieren.

Identifiziere, was deinen Angel jenseits des Returns motiviert, und sprich diese Motivation gezielt an. Das erhöht deine Chancen auf ein Investment und auf eine produktive Zusammenarbeit nach dem Investment.

So bereitest du dich auf Angel-Gespräche vor

Die Vorbereitung auf ein Angel-Gespräch geht weit über das Pitch Deck hinaus. Hier ist deine Checkliste.

Zahlen kennen: Umsatz, Wachstumsrate, Burn Rate, Runway, CAC, LTV, Teamgrösse, Finanzierungsbedarf. Auswendig. Ohne Zögern.

Fragen antizipieren: Was ist euer grösstes Risiko? Was passiert, wenn ihr das Geld nicht bekommt? Warum gerade dieser Betrag? Warum gerade jetzt? Wer ist euer stärkster Wettbewerber? Übe die Antworten.

Angel recherchieren: In welche Startups hat der Angel bereits investiert? Welche Branchen? Welche Phasen? Welche Expertise bringt er oder sie mit? Je besser du den Angel kennst, desto besser kannst du das Gespräch führen.

Use of Funds vorbereiten: Zeige eine klare Mittelverwendung. Zum Beispiel: 40 Prozent Produktentwicklung, 30 Prozent Sales und Marketing, 20 Prozent Team, 10 Prozent Buffer. Mit konkreten Meilensteinen, die du mit dem Geld erreichen willst.

Term Sheet verstehen: Bevor du in Verhandlungen gehst, solltest du die üblichen Klauseln kennen (Details in Post 212). Nichts ist peinlicher als ein Gründer, der beim Term-Sheet-Gespräch Grundbegriffe googeln muss.

Der nächste Schritt

Gehe die Kriterien in diesem Beitrag durch und bewerte dein Startup ehrlich. Wo stehst du stark? Wo hast du Lücken? Arbeite gezielt an den Schwachstellen, bevor du auf Angel-Suche gehst.

Wenn du unsicher bist, ob dein Startup investorenreif ist, nutze das Coaching-Angebot von Startup Burgenland. Wir helfen dir, dein Startup aus der Perspektive eines Investors zu sehen -- und die Lücken zu schliessen, bevor sie zum Dealbreaker werden.


Startup Burgenland macht Gründung leistbar: EUR 10.000 Gründungszuschuss (nicht rückzahlbar, keine Eigenkapitalabgabe), 1:1 Coaching und ein Netzwerk aus Steuerberatern, Notaren und Rechtsanwälten. Flexibler Einstieg jederzeit. Schreib uns ein formloses E-Mail.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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