Die Frage, die jedes Fundraising bestimmt
"Was ist dein Startup wert?" Diese Frage kommt in jedem Investorengespräch, und die Antwort bestimmt, wie viel Anteile du für das eingesammelte Kapital abgibst. Zu hoch bewertet, und kein Angel investiert. Zu niedrig bewertet, und du verschenkst Anteile, die dir später fehlen werden. Die Bewertung ist der Dreh- und Angelpunkt jeder Finanzierungsrunde.
Das Problem: In der Frühphase gibt es keine objektive Bewertung. Du hast wenig Umsatz, keine Gewinne und eine ungewisse Zukunft. Klassische Bewertungsmethoden aus der Unternehmensbewertung funktionieren nicht. Trotzdem musst du eine Zahl nennen können -- oder zumindest einen fundierten Rahmen.
Bei Startup Burgenland ist die Bewertungsfrage einer der häufigsten Coaching-Themen. Dieser Beitrag gibt dir das Handwerkszeug, um deine Pre-Money-Valuation fundiert zu ermitteln und selbstbewusst zu vertreten.
Grundbegriffe: Pre-Money, Post-Money und Dilution
Bevor wir in die Methoden einsteigen, müssen die Grundbegriffe sitzen. Diese Begriffe tauchen in jedem Term Sheet auf (mehr dazu in Post 212).
Pre-Money-Valuation: Der Wert deines Startups vor dem Investment. Wenn ein Angel EUR 100.000 investiert und dein Startup pre-money EUR 400.000 wert ist, dann bekommt der Angel 20 Prozent der Anteile (EUR 100.000 / EUR 500.000 post-money).
Post-Money-Valuation: Der Wert deines Startups nach dem Investment. Post-Money = Pre-Money + Investment. Im obigen Beispiel also EUR 500.000.
Dilution (Verwässerung): Wenn neue Anteile ausgegeben werden, sinkt dein prozentualer Anteil. Im Beispiel hältst du nach dem Investment 80 Prozent statt 100 Prozent. Deine Verwässerung beträgt 20 Prozent.
| Szenario | Pre-Money | Investment | Post-Money | Angel-Anteil | Gründer-Anteil |
|---|---|---|---|---|---|
| Niedrige Bewertung | EUR 300.000 | EUR 100.000 | EUR 400.000 | 25% | 75% |
| Mittlere Bewertung | EUR 500.000 | EUR 100.000 | EUR 600.000 | 16,7% | 83,3% |
| Hohe Bewertung | EUR 900.000 | EUR 100.000 | EUR 1.000.000 | 10% | 90% |
Du siehst: Die Bewertung hat einen enormen Einfluss auf deine Anteilsstruktur. Ein Unterschied von EUR 200.000 in der Bewertung kann langfristig Millionen ausmachen -- besonders wenn du mehrere Finanzierungsrunden planst.
Die Berkus-Methode
Die Berkus-Methode wurde von dem US-amerikanischen Angel-Investor Dave Berkus entwickelt und ist die einfachste Methode für Pre-Revenue-Startups. Sie bewertet fünf Risikofaktoren und ordnet jedem einen Wert zu.
| Risikofaktor | Frage | Max. Wert |
|---|---|---|
| Grundidee | Ist die Idee solide und differenziert? | EUR 100.000 |
| Prototyp | Gibt es ein funktionierendes Produkt? | EUR 100.000 |
| Team | Hat das Team die nötige Kompetenz? | EUR 100.000 |
| Strategische Beziehungen | Gibt es Partnerschaften, Kunden, Netzwerk? | EUR 100.000 |
| Produkt-Rollout / Umsatz | Gibt es erste Umsätze oder einen klaren Rollout-Plan? | EUR 100.000 |
Die maximale Pre-Money-Bewertung nach Berkus liegt bei EUR 500.000. Diese Werte wurden für den US-Markt entwickelt -- in Österreich sind die Beträge tendenziell ähnlich oder etwas niedriger, je nach Branche und Region.
Die Stärke der Berkus-Methode: Sie ist einfach zu erklären und gibt dir einen ersten Anhaltspunkt. Die Schwäche: Sie ist sehr subjektiv und berücksichtigt nicht das Marktpotenzial.
Für ein Startup bei Startup Burgenland mit solidem Team, funktionierendem Prototyp und ersten Kundenbeziehungen käme man auf eine Bewertung von circa EUR 300.000 bis EUR 400.000. Das ist ein realistischer Ausgangspunkt für eine erste Angel-Runde in Österreich.
Die Scorecard-Methode
Die Scorecard-Methode vergleicht dein Startup mit der durchschnittlichen Bewertung vergleichbarer Startups in deiner Region und Phase. Du identifizierst einen Benchmark und passt ihn anhand gewichteter Kriterien an.
Schritt 1: Bestimme die durchschnittliche Pre-Money-Bewertung für Seed-Startups in Österreich. Stand 2025/2026 liegt diese bei circa EUR 500.000 bis EUR 1.000.000 je nach Branche.
Schritt 2: Bewerte dein Startup anhand gewichteter Kriterien:
| Kriterium | Gewicht | Bewertung | Faktor |
|---|---|---|---|
| Team | 30% | Über Durchschnitt (125%) | 0,375 |
| Marktgrösse | 25% | Durchschnitt (100%) | 0,250 |
| Produkt/Technologie | 15% | Über Durchschnitt (125%) | 0,188 |
| Wettbewerb | 10% | Unter Durchschnitt (75%) | 0,075 |
| Marketing/Sales | 10% | Durchschnitt (100%) | 0,100 |
| Finanzierungsbedarf | 5% | Durchschnitt (100%) | 0,050 |
| Sonstiges | 5% | Durchschnitt (100%) | 0,050 |
| Gesamt | 100% | 1,088 |
Schritt 3: Multipliziere den Benchmark mit dem Gesamtfaktor. Bei einem Benchmark von EUR 700.000 und einem Faktor von 1,088 ergibt sich eine Pre-Money-Bewertung von circa EUR 762.000.
Die Scorecard-Methode ist besonders nützlich, weil sie einen regionalen Bezug hat. Österreichische Bewertungen sind typischerweise niedriger als in den USA oder Grossbritannien, aber vergleichbar mit dem restlichen DACH-Raum.
Die Venture-Capital-Methode
Die VC-Methode arbeitet rückwärts vom erwarteten Exit. Sie beantwortet die Frage: "Welche Bewertung heute ergibt den gewünschten Return für den Investor?"
Schritt 1: Schätze den Exit-Wert deines Startups in fünf bis sieben Jahren. Verwende Branchenmultiples (z.B. 10x ARR für SaaS) und deine prognostizierten Umsätze.
Schritt 2: Bestimme den gewünschten Return des Investors. Angels erwarten typischerweise 10x bis 20x, VCs 20x bis 30x (mehr dazu in Post 210).
Schritt 3: Berechne die Post-Money-Valuation: Exit-Wert / Gewünschter Return.
Schritt 4: Berechne die Pre-Money-Valuation: Post-Money - Investment.
Beispiel: Du prognostizierst in fünf Jahren EUR 2.000.000 ARR. Bei einem SaaS-Multiple von 8x ergibt sich ein Exit-Wert von EUR 16.000.000. Ein Angel erwartet 15x Return. Post-Money = EUR 16.000.000 / 15 = circa EUR 1.067.000. Bei einem Investment von EUR 150.000 ergibt sich eine Pre-Money von circa EUR 917.000.
Die VC-Methode hat eine grosse Schwäche: Sie basiert auf Prognosen, die in der Frühphase extrem unsicher sind. Aber sie zeigt dem Investor, dass du sein Renditedenken verstehst -- und das ist wertvoll.
Multiples-basierte Bewertung
Wenn du bereits Umsätze hast, kannst du dein Startup anhand von Branchen-Multiples bewerten. Die häufigsten Multiples in der Frühphase:
Revenue Multiple: Bewertung = Jahresumsatz x Multiple. Typische Multiples für Seed-Stage:
| Branche | Revenue Multiple (Seed) |
|---|---|
| SaaS / Software | 8 -- 15x ARR |
| E-Commerce | 1 -- 3x Umsatz |
| Marketplace | 3 -- 8x Net Revenue |
| HealthTech | 5 -- 12x Umsatz |
| FinTech | 8 -- 20x Umsatz |
| Hardware | 1 -- 3x Umsatz |
Diese Multiples variieren stark nach Wachstumsrate, Margen und Marktposition. Ein SaaS-Startup, das 100 Prozent jährlich wächst, kann ein deutlich höheres Multiple rechtfertigen als eines mit 20 Prozent Wachstum.
Für österreichische Startups gilt: Die Multiples liegen tendenziell am unteren Ende der angegebenen Bandbreiten, es sei denn, du hast aussergewöhnliches Wachstum oder einen sehr starken internationalen Markt.
Wichtig: Verwende ARR (Annual Recurring Revenue) für Subscription-Modelle, nicht den Gesamtumsatz, der auch Einmalzahlungen enthält. MRR x 12 = ARR, aber nur wenn der MRR nachhaltig ist.
Die Verhandlung: Theorie trifft Praxis
In der Praxis ist die Bewertung immer eine Verhandlung. Die Methoden geben dir einen Rahmen, aber der finale Wert entsteht im Gespräch zwischen dir und dem Investor.
Hier meine Tipps für die Bewertungsverhandlung:
Nenne eine Range, keine exakte Zahl. "Wir sehen unsere Pre-Money-Bewertung zwischen EUR 600.000 und EUR 800.000" gibt Verhandlungsspielraum und wirkt professioneller als eine fixe Zahl.
Begründe deine Bewertung. Zeige, welche Methode du verwendet hast und welche Annahmen du getroffen hast. Das signalisiert, dass du nicht einfach eine Zahl erfunden hast.
Verstehe die Perspektive des Investors. Der Angel denkt in Terms von: Wie viel Prozent bekomme ich? Wie viel muss das Startup wert werden, damit ich meinen Return bekomme? Ist das realistisch?
Achte auf die Gesamtstruktur. Die Bewertung ist nur ein Element des Deals. Auch Liquidation Preferences, Anti-Dilution-Klauseln und Vesting-Regelungen beeinflussen den effektiven Wert (Details in Post 212).
Sei bereit, Kompromisse zu machen. Wenn ein Angel mit perfektem Branchen-Fit zu einer niedrigeren Bewertung einsteigen will, ist das oft besser als ein passiver Angel zu einer höheren Bewertung. Smart Money hat seinen Preis -- und der ist es meistens wert.
Typische Bewertungen in Österreich
Zur Orientierung: Hier die typischen Pre-Money-Bewertungen für österreichische Startups nach Phase (Stand 2025/2026).
| Phase | Typische Pre-Money | Investment |
|---|---|---|
| Pre-Seed | EUR 250.000 -- EUR 500.000 | EUR 50.000 -- EUR 150.000 |
| Seed | EUR 500.000 -- EUR 2.000.000 | EUR 150.000 -- EUR 500.000 |
| Series A | EUR 3.000.000 -- EUR 10.000.000 | EUR 1.000.000 -- EUR 5.000.000 |
| Series B | EUR 10.000.000 -- EUR 50.000.000 | EUR 5.000.000 -- EUR 20.000.000 |
Diese Zahlen sind Richtwerte. Ausreisser gibt es in beide Richtungen, besonders bei Startups mit starker Traction oder aussergewöhnlicher Technologie.
Für das Burgenland und andere Regionen ausserhalb Wiens gilt: Die Bewertungen sind oft etwas niedriger als in Wien, aber der Unterschied wird kleiner, je weiter das Startup fortgeschritten ist. In der Seed-Phase zählt dein Standort weniger als dein Team und deine Traction.
Häufige Fehler bei der Bewertung
Die häufigsten Fehler, die ich bei Bewertungsgesprächen sehe:
Überbewertung aus Angst vor Verwässerung. Ja, du willst möglichst wenig Anteile abgeben. Aber eine unrealistische Bewertung führt dazu, dass du gar kein Investment bekommst. Ein kleineres Stück eines grossen Kuchens ist besser als 100 Prozent von nichts.
Unterbewertung aus Unwissenheit. Das Gegenteil ist genauso problematisch. Wenn du dein Startup für EUR 200.000 bewertest und 40 Prozent abgibst, wirst du in der nächsten Runde massive Probleme bekommen (siehe Post 215).
Keine Methode verwenden. "Das fühlt sich richtig an" ist keine Bewertungsmethode. Verwende mindestens zwei der beschriebenen Methoden und trianguliere.
Die Bewertung isoliert betrachten. Die Bewertung bestimmt nicht nur diese Runde, sondern beeinflusst alle folgenden Runden. Eine zu hohe Bewertung heute kann zu einer Down Round führen -- und das ist toxisch für dein Startup.
Vergleiche mit US-Startups. Silicon-Valley-Bewertungen sind nicht auf Österreich übertragbar. Verwende europäische, idealerweise DACH-spezifische Benchmarks.
Alternativen zur festen Bewertung
Wenn du und der Investor euch nicht auf eine Bewertung einigen könnt, gibt es Instrumente, die die Bewertungsfrage verschieben. Convertible Notes und SAFEs ermöglichen ein Investment ohne sofortige Bewertungsfestlegung (ausführlich erklärt in Post 214).
Diese Instrumente sind besonders nützlich in der Pre-Seed-Phase, wenn eine fundierte Bewertung noch kaum möglich ist. Statt sich auf eine möglicherweise falsche Zahl zu einigen, wird die Bewertung auf die nächste priced Round verschoben -- mit einem Discount oder einer Valuation Cap als Ausgleich für das frühe Risiko des Angels.
In Österreich werden Convertible Notes häufiger verwendet als SAFEs, da sie rechtlich einfacher umsetzbar sind. Aber beide Instrumente haben ihren Platz -- sprich mit deinem Anwalt über die beste Option für deine Situation.
Zusammenfassung und Handlungsempfehlung
Berechne deine Pre-Money-Valuation mit mindestens zwei der beschriebenen Methoden. Vergleiche die Ergebnisse und definiere eine realistische Range. Bereite eine kurze Erklärung vor, warum du diese Bewertung für angemessen hältst.
Wenn du unsicher bist, nutze das Coaching von Startup Burgenland. Wir helfen dir, eine fundierte Bewertung zu erstellen und sie gegenüber Investoren zu vertreten -- ohne dich unter Wert zu verkaufen oder unrealistisch hoch zu greifen.
Startup Burgenland macht Gründung leistbar: EUR 10.000 Gründungszuschuss (nicht rückzahlbar, keine Eigenkapitalabgabe), 1:1 Coaching und ein Netzwerk aus Steuerberatern, Notaren und Rechtsanwälten. Flexibler Einstieg jederzeit. Schreib uns ein formloses E-Mail.
Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.