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Die Psychologie des Preises: Warum EUR 97 besser funktioniert als EUR 100

Felix Lenhard 9 min Lesezeit
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Was siehst du zuerst -- den Preis oder den Wert?

Stell dir vor, du gehst in ein Geschäft in der Wiener Innenstadt. Im Schaufenster hängt ein Sakko mit dem Preisschild: EUR 890. Du gehst rein, probierst es an, und die Verkäuferin sagt: "Die passende Hose dazu kostet EUR 190."

EUR 190 für eine Hose? Normalerweise würdest du vielleicht zögern. Aber nachdem du gerade EUR 890 für ein Sakko in Betracht gezogen hast, fühlen sich EUR 190 plötzlich fast günstig an. Das ist kein Zufall. Das ist ein psychologisches Prinzip, das in der Preisgestaltung eine zentrale Rolle spielt.

Preise sind nicht objektiv. Sie werden immer relativ wahrgenommen -- im Verhältnis zu dem, was wir vorher gesehen, gehört oder erwartet haben. Und genau das macht Preispsychologie zu einem der mächtigsten Werkzeuge, das dir als Gründer zur Verfügung steht.

Bei Startup Burgenland sprechen wir im Coaching regelmäßig über Preisgestaltung. Und was uns auffällt: Die meisten Gründer investieren Wochen in die Kalkulation ihres Preises (die Zahl) -- aber Minuten in die Präsentation ihres Preises (wie er wahrgenommen wird). Dabei beeinflusst die Präsentation die Kaufentscheidung oft stärker als die Zahl selbst.

Was ist der Ankereffekt -- und warum verändert er alles?

Der Ankereffekt ist eines der bestdokumentierten Phänomene der Verhaltensforschung. Er besagt: Die erste Zahl, die ein Mensch in einem Preiskontext wahrnimmt, wird zum Referenzpunkt für alle folgenden Bewertungen.

Wenn du ein Beratungspaket für EUR 3.000 anbietest und das erste ist, was der Kunde sieht, dann ist EUR 3.000 der Anker. Alles, was danach kommt, wird relativ zu diesem Anker bewertet.

Wie du den Ankereffekt nutzt

Zeige immer zuerst den höchsten Preis. Wenn du drei Pakete anbietest (wie wir im Post über Angebotsgestaltung besprochen haben), beginne mit dem Premium. Nicht weil du erwartest, dass jeder das Premium kauft -- sondern weil es den Referenzrahmen setzt.

Ein Startup, das wir begleitet haben, bot zunächst seine Pakete von günstig nach teuer an: EUR 500, EUR 1.500, EUR 5.000. Die meisten Kunden wählten EUR 500. Dann drehten sie die Reihenfolge um: EUR 5.000, EUR 1.500, EUR 500. Plötzlich wählten die meisten EUR 1.500. Dasselbe Angebot, dieselben Preise -- nur eine andere Reihenfolge. Der Umsatz pro Kunde stieg um über 60%.

Der Ultra-High-Ticket-Anker

Eine noch kraftvollere Variante: Füge deinem Angebot eine Option hinzu, die 10x teurer ist als dein Kernprodukt. Du erwartest nicht, dass sie jeder kauft. Aber ihre bloße Existenz verändert, wie alle anderen Preise wahrgenommen werden.

Wenn dein Hauptangebot EUR 2.000 kostet und du eine "VIP-Option" für EUR 20.000 daneben stellst, passieren zwei Dinge: Erstens erscheinen EUR 2.000 plötzlich sehr vernünftig. Zweitens kaufen tatsächlich einige wenige die EUR 20.000-Option -- und diese wenigen Kunden können deinen durchschnittlichen Kundenwert massiv steigern.

Warum funktioniert EUR 97 besser als EUR 100?

Das ist das sogenannte Charm Pricing -- Preise, die auf 7 oder 9 enden, statt auf runde Zahlen. Die Forschung dazu ist umfangreich und eindeutig: Preise, die auf .99 oder .97 enden, generieren im Durchschnitt 4-11% mehr Umsatz als die nächste runde Zahl. Ohne Änderung an der Conversion Rate.

Warum funktioniert das?

Es gibt mehrere Erklärungen, die zusammenwirken:

Der Left-Digit-Effekt: Unser Gehirn verarbeitet Zahlen von links nach rechts. EUR 99 wird als "neunzig-irgendwas" gelesen, EUR 100 als "hundert". Der wahrgenommene Unterschied ist größer als die tatsächlichen EUR 1.

Das Signal "kalkulierter Preis": Eine krumme Zahl wie EUR 97 oder EUR 147 signalisiert: "Dieser Preis wurde genau kalkuliert." Eine runde Zahl wie EUR 100 oder EUR 150 signalisiert: "Der wurde geraten." Das erste fühlt sich für viele Kunden fundierter an.

Kaufgewohnheit: Jahrzehnte von .99-Preisen haben unser Gehirn darauf trainiert, Preise unter der runden Zahl als "günstiger" einzustufen. Das ist keine rationale Bewertung -- es ist eine automatische Reaktion.

Die Ausnahme: Luxury Pricing

Wenn du ein echtes Luxusprodukt oder eine Premium-Dienstleistung anbietest, funktionieren runde Zahlen besser. EUR 5.000 wirkt hochwertiger als EUR 4.997. EUR 10.000 wirkt exklusiver als EUR 9.999.

Warum? Bei Luxusprodukten IST der hohe Preis ein Teil des Wertes. Der Kunde will nicht das Gefühl haben, ein Schnäppchen zu machen. Er will das Gefühl, etwas Besonderes zu kaufen. Runde Zahlen signalisieren: "Wir haben es nicht nötig, mit Cent-Beträgen zu arbeiten."

Faustregel: Charm Pricing (.99, .97) für Standard- und Premiumprodukte. Runde Zahlen (0, 5) für echte Luxuspositionierung.

Wie funktioniert Price Framing?

Price Framing ist die Kunst, denselben Preis so zu formulieren, dass er sich kleiner anfühlt. Es gibt mehrere Techniken, die alle auf demselben Prinzip basieren: Menschen fokussieren auf die Zahl, die sie gerade hören, und rechnen selten nach.

Technik 1: Runterbrechen auf kleine Einheiten

"EUR 3.000 pro Jahr" klingt nach viel. "EUR 250 pro Monat" klingt nach weniger. "EUR 8,22 pro Tag" klingt nach fast nichts. "Weniger als ein Kaffee am Tag" -- und plötzlich fühlt sich eine Investition von EUR 3.000 trivial an.

Das funktioniert, weil unser Gehirn die kleine Zahl verarbeitet und die Hochrechnung auf das Jahr nicht automatisch durchführt. Wir wissen rational, dass es dasselbe ist -- aber emotional fühlt es sich anders an.

Technik 2: Vergleich mit bekannten Ausgaben

"Für den Preis eines Abendessens pro Woche..." oder "Weniger als dein Handyvertrag..." oder "Das entspricht zwei Tankfüllungen." Indem du deinen Preis in Relation zu Alltagsausgaben setzt, normalisierst du ihn.

Technik 3: Den Wert daneben stellen

Statt nur den Preis zu nennen, stellst du ihn immer in Kontext zum Wert: "EUR 2.000 Investition -- für eine Lösung, die dir EUR 20.000 im Jahr spart." Das Gehirn vergleicht automatisch die beiden Zahlen und kommt zum Schluss: guter Deal.

Technik 4: Monatlich bewerben, jährlich kassieren

Zeige den monatlichen Preis groß und deutlich. Das lockt. Biete dann einen Jahresvertrag mit Rabatt an. Der Kunde sieht "EUR 49/Monat" und denkt "das geht" -- und schließt dann einen Vertrag über EUR 499/Jahr ab. Für dich ist das besser: geringere Churn Rate, planbare Einnahmen, höherer Lifetime Value.

Was ist der Kontrasteffekt?

Der Kontrasteffekt besagt: Die Wahrnehmung einer Sache wird dramatisch beeinflusst von dem, was direkt davor präsentiert wurde.

In der Preisgestaltung bedeutet das:

  • Zeige das Teure zuerst, dann das Günstigere. EUR 500 nach EUR 5.000 fühlt sich nach nichts an. EUR 500 isoliert betrachtet kann sich nach viel anfühlen.
  • Zeige das Problem zuerst, dann die Lösung. "Dieser Fehler kostet dich EUR 50.000 pro Jahr. Unsere Lösung kostet EUR 5.000." Der Kontrast verkauft.
  • Zeige die Alternative zuerst. "Eine Vollzeitkraft für diesen Job kostet EUR 60.000 im Jahr. Unser Tool kostet EUR 200 im Monat." Der Kunde rechnet nicht nach, ob das Tool die Vollzeitkraft wirklich ersetzt -- der Kontrast reicht.

Verlustangst: Warum "verlieren" stärker wirkt als "gewinnen"

Menschen reagieren auf potenzielle Verluste stärker als auf potenzielle Gewinne. Das ist keine Meinung -- das ist eines der robustesten Ergebnisse der Verhaltensforschung. Wir bewerten einen Verlust von EUR 100 emotional etwa doppelt so stark wie einen Gewinn von EUR 100.

Wie du das in deiner Preiskommunikation nutzt

Statt: "Mit unserem Tool sparst du EUR 2.000 im Monat." Besser: "Ohne unser Tool verlierst du EUR 2.000 im Monat."

Statt: "Melde dich an und sichere dir deinen Platz." Besser: "In 48 Stunden ist das Angebot weg -- und der Preis steigt um 40%."

Statt: "Du bekommst zusätzlichen Support." Besser: "Ohne den Support riskierst du, dass das Onboarding scheitert."

Das klingt aggressiv? Es muss nicht sein. Es geht nicht darum, Angst zu schüren. Es geht darum, das reale Risiko ehrlich zu benennen. Wenn dein Produkt ein Problem löst und der Kunde es nicht kauft, dann hat er wirklich ein Problem. Das auszusprechen ist kein Manipulation -- das ist Klarheit.

Was bedeutet das für österreichische Gründer?

In Österreich gibt es eine kulturelle Besonderheit, die wir bei Startup Burgenland regelmäßig beobachten: ein gewisses Unbehagen mit "Verkaufspsychologie". Viele Gründer in Wien, Graz oder im Burgenland empfinden psychologische Preisgestaltung als manipulativ.

Hier ist unsere Perspektive: Jeder Preis ist psychologisch. EUR 100 ist genauso eine psychologische Entscheidung wie EUR 97. Die Frage ist nicht, ob du Psychologie einsetzt -- das tust du immer. Die Frage ist, ob du es bewusst und ehrlich tust.

Ein paar Richtlinien, die wir unseren Startups mitgeben:

  • Nutze Charm Pricing, wenn es zu deiner Positionierung passt. Für B2C-Produkte und standardisierte Services funktioniert es hervorragend. Für High-End-Beratung eher nicht.
  • Nutze den Ankereffekt ethisch. Zeige dein teuerstes Paket zuerst -- aber nur wenn es ein echtes Angebot ist, das du auch liefern kannst. Fake-Anker zerstören Vertrauen.
  • Nutze Verlustframing ehrlich. Benenne die realen Konsequenzen des Nichtkaufens. Erfinde keine Dringlichkeit, die nicht existiert.
  • Nutze Price Framing transparent. "EUR 8 pro Tag" ist okay, solange du den Gesamtpreis nicht versteckst. Transparenz und psychologische Preisgestaltung schließen sich nicht aus.

Die WKO und das Gründerservice bieten Workshops zur Preisgestaltung an, die auch diese psychologischen Aspekte behandeln. Es lohnt sich, einen zu besuchen.

Ein Beispiel aus der Praxis

Ich habe vor einigen Jahren bei einem eigenen Projekt mit der Preisdarstellung experimentiert. Dasselbe Produkt, drei verschiedene Darstellungen:

Version A: "EUR 1.200 einmalig." Conversion: mäßig.

Version B: "EUR 99/Monat, jährlich abgerechnet." Conversion: deutlich besser.

Version C: "EUR 99/Monat -- weniger als du für deinen Steuerberater pro Stunde zahlst. Und dieses Tool arbeitet 24/7." Conversion: nochmal besser.

Derselbe Preis. Drei verschiedene Wahrnehmungen. Das Produkt hat sich nicht verändert. Nur die Art, wie der Preis kommuniziert wurde.

Fazit und Ausblick

Nimm dir 30 Minuten und überprüfe die Preisdarstellung deines wichtigsten Angebots:

  1. In welcher Reihenfolge sieht der Kunde deine Preise? Wenn das Günstigste zuerst kommt, dreh die Reihenfolge um.
  2. Enden deine Preise auf runde Zahlen? Teste, ob eine Umstellung auf .99 oder .97 deine Conversion verbessert.
  3. Wie kommunizierst du den Preis? Brichst du ihn auf kleine Einheiten herunter? Stellst du ihn in Relation zum Wert?
  4. Nutzt du den Kontrasteffekt? Stellst du deinen Preis neben die Kosten des Problems, das du löst?

Kleine Änderungen in der Preisdarstellung können große Auswirkungen auf deinen Umsatz haben -- ohne dass du an deinem Produkt, deinem Service oder deiner Strategie etwas änderst.

Wenn du die gesamte Serie über Preisgestaltung gelesen hast, hast du jetzt ein solides Fundament: Von Value-Based Pricing über die erste Preiskalkulation und Preiserhöhungen bis zur Angebotsstruktur. Kombiniert mit der Preispsychologie aus diesem Post hast du alle Werkzeuge, um dein Pricing von einer Schwachstelle in einen echten Wettbewerbsvorteil zu verwandeln.

Und wenn du Unterstützung bei der Umsetzung brauchst: Bei Startup Burgenland arbeiten wir im 1:1 Coaching genau an diesen Themen. Ein kurzes E-Mail genügt.


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Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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