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Value-Based Pricing: Warum du nie über Kosten, sondern immer über Wert sprechen solltest

Felix Lenhard 9 min Lesezeit
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Was hat dein Preis mit deinem Gewinn zu tun? Mehr, als du denkst.

Stell dir vor, du verkaufst ein Produkt für EUR 100. Deine Kosten liegen bei EUR 80. Dein Gewinn: EUR 20.

Jetzt stell dir drei Szenarien vor:

  • Du verdoppelst die Kundenanzahl. Doppelter Umsatz, doppelte Kosten, doppelter Gewinn: EUR 40. Das ist ein Gewinnmultiplikator von 2x.
  • Du verdoppelst die Kauffrequenz. Die Kosten steigen nicht proportional (Akquisekosten fallen weg), der Gewinn steigt stärker: circa EUR 70. Das ist ein Multiplikator von 3,5x.
  • Du verdoppelst den Preis. Dein Umsatz verdoppelt sich, aber deine Kosten bleiben bei EUR 80. Dein neuer Gewinn: EUR 120. Das ist ein Multiplikator von 6x.

Sechs Mal mehr Gewinn. Durch eine einzige Änderung. Kein neuer Kanal, kein neues Produkt, kein zusätzlicher Mitarbeiter. Nur ein anderer Preis.

Bei Startup Burgenland sehen wir das in fast jedem Coaching: Gründer investieren Monate in Kundenakquise und Produktentwicklung -- aber über den Preis wird in zehn Minuten entschieden. Dabei ist der Preis der stärkste Gewinnhebel, den du hast.

Welche drei Preismodelle gibt es?

Es gibt grundsätzlich drei Ansätze, wie Unternehmen ihren Preis festlegen. Jeder hat seine Logik -- aber nur einer maximiert deinen Gewinn.

1. Cost-Plus Pricing: Was es kostet, plus Aufschlag

Du rechnest alle Kosten zusammen -- Material, Arbeitszeit, Overhead -- und schlägst eine Marge drauf. 20%, 30%, 50%, was immer in deiner Branche üblich ist.

Das ist das einfachste Modell, und viele Gründer starten damit. Verständlich: Es fühlt sich fair an, es ist leicht zu berechnen, und du weißt, dass du nicht unter deinen Kosten verkaufst.

Das Problem: Cost-Plus ignoriert komplett, was deine Lösung für den Kunden wert ist. Wenn dein Produkt dem Kunden EUR 50.000 im Jahr spart, du aber nur EUR 2.000 verlangst, weil deine Kosten bei EUR 1.500 liegen -- dann lässt du EUR 48.000 auf dem Tisch. Kein Kunde wird dir das sagen. Der nimmt den Deal und freut sich.

2. Competitor-Based Pricing: Was die anderen verlangen

Du schaust, was deine Mitbewerber nehmen, und positionierst dich irgendwo in der Nähe. Etwas günstiger, wenn du Neukunden gewinnen willst. Etwas teurer, wenn du auf Qualität setzen möchtest.

Besser als Cost-Plus, aber immer noch problematisch. Denn du verankerst deinen Preis an der Strategie von jemand anderem. Was, wenn dein Mitbewerber sein Pricing falsch macht? Was, wenn er ganz andere Kostenstrukturen hat? Was, wenn dein Angebot objektiv mehr Wert liefert?

3. Value-Based Pricing: Was es dem Kunden wert ist

Hier fragst du nicht "Was kostet es mich?" oder "Was nehmen die anderen?", sondern: "Welchen Wert schaffe ich für meinen Kunden?"

Wenn dein SaaS-Tool einem Handwerksbetrieb in Oberwart zwei Stunden pro Tag spart, dann ist der Wert dieser zwei Stunden dein Preisanker -- nicht deine Serverkosten. Wenn dein Beratungsprogramm einem Startup hilft, EUR 200.000 Förderung von der FFG zu bekommen, dann ist dein Honorar nicht an deine Arbeitsstunden gebunden, sondern an das Ergebnis.

Value-Based Pricing ist das profitabelste Modell. Punkt. Die anderen beiden sind Startpunkte, aber keine Strategie.

Die Wertgleichung: Warum Kunden wirklich kaufen

Um Value-Based Pricing umzusetzen, musst du verstehen, wie Kunden Wert wahrnehmen. Wie wir auch schon im Post über Wertversprechen erklärt haben, gibt es ein bewährtes Konzept dafür:

Wahrgenommener Wert = (Traumresultat × Wahrscheinlichkeit der Zielerreichung) / (Zeitaufwand × Aufwand und Opfer)

Was heißt das konkret?

  • Traumresultat: Was bekommt der Kunde im Idealfall? Je größer der Traum, desto höher die Zahlungsbereitschaft.
  • Wahrscheinlichkeit: Wie wahrscheinlich ist es, dass der Kunde das Ergebnis auch wirklich erreicht? Je höher die wahrgenommene Wahrscheinlichkeit, desto mehr zahlt er.
  • Zeitaufwand: Wie lange dauert es, bis der Kunde das Ergebnis sieht? Je schneller, desto wertvoller.
  • Aufwand und Opfer: Was muss der Kunde dafür tun oder aufgeben? Je weniger, desto besser.

Die wichtigste Erkenntnis: Viele Gründer arbeiten ausschließlich am Zähler -- sie machen größere Versprechen. Die profitabelsten Unternehmen arbeiten am Nenner. Sie reduzieren die Wartezeit, senken den Aufwand, machen alles so einfach wie möglich. Wenn der Nenner gegen null geht, wird der wahrgenommene Wert unendlich groß.

Ein Beispiel: Stell dir vor, ein Startup bietet eine Buchhaltungslösung an. Die eine Version sagt: "Wir sparen dir 50% deiner Buchhaltungskosten" (großes Versprechen). Die andere sagt: "In 5 Minuten pro Woche ist deine Buchhaltung erledigt -- ohne Vorkenntnisse" (minimaler Aufwand, minimale Zeit). Welche Version hat den höheren wahrgenommenen Wert? Fast immer die zweite.

Warum höhere Preise bessere Ergebnisse liefern

Das klingt kontraintuitiv, aber wir sehen es in unserem Coaching bei Startup Burgenland immer wieder. Es gibt einen Kreislauf, der in beide Richtungen funktioniert:

Der positive Kreislauf

Höhere Preise → mehr Einnahmen pro Kunde → mehr Ressourcen für bessere Qualität → bessere Ergebnisse für den Kunden → mehr Empfehlungen und Testimonials → leichter, den Preis zu rechtfertigen → Preise können weiter steigen.

Der negative Kreislauf

Niedrige Preise → weniger Einnahmen pro Kunde → weniger Ressourcen → schlechtere Qualität → schlechtere Ergebnisse → weniger Empfehlungen → noch schwerer zu verkaufen → Druck, noch billiger zu werden.

Dazu kommt ein psychologischer Effekt, den wir bei fast jedem Startup beobachten: Kunden, die mehr bezahlen, sind engagierter. Sie nehmen Beratung ernst, setzen Empfehlungen um, kommen vorbereitet zu Terminen. Wer wenig zahlt, nimmt wenig ernst. Das bedeutet: Höhere Preise verbessern nicht nur deine Marge, sondern auch die Ergebnisse deiner Kunden.

Ich habe das selbst erlebt, als ich vor Jahren ein eigenes Produkt zunächst zu günstig am Markt hatte. Die Kunden, die am wenigsten bezahlt haben, waren die anspruchsvollsten und gleichzeitig die am wenigsten engagierten. Als wir den Preis verdreifacht haben, sanken die Support-Anfragen, die Kundenzufriedenheit stieg -- und die Retourenquote ging gegen null.

Wie setzt du Value-Based Pricing konkret um?

Schritt 1: Verstehe den Wert, den du lieferst

Frag dich nicht "Was kostet mich das?", sondern:

  • Was spart mein Kunde durch meine Lösung? (Zeit, Geld, Nerven)
  • Was gewinnt mein Kunde? (Umsatz, Kunden, Lebensqualität)
  • Was vermeidet mein Kunde? (Risiken, Fehler, Steuernachzahlungen)

Quantifiziere diese Antworten. In Euro und in Stunden.

Schritt 2: Prüfe die Zahlungsbereitschaft

Sprich mit potenziellen Kunden. Nicht "Was würdest du zahlen?" (das ist eine nutzlose Frage -- die Antwort ist immer "so wenig wie möglich"). Sondern: "Was kostet es dich aktuell, das Problem NICHT zu lösen?" Das zeigt dir den wahren Wert.

Schritt 3: Setze deinen Preis als Bruchteil des Wertes

Eine bewährte Faustregel: Dein Preis sollte bei maximal einem Drittel des Wertes liegen, den du lieferst. Wenn du EUR 30.000 Wert schaffst, kannst du EUR 10.000 verlangen -- und der Kunde macht immer noch ein gutes Geschäft. Das ergibt ein Wert-zu-Preis-Verhältnis von mindestens 3:1.

Schritt 4: Teste und kalibriere

Zwei Kennzahlen zeigen dir, ob dein Preis stimmt:

Conversion RateChurn RateWas tun?
HochNiedrigPreis erhöhen -- du bist zu günstig
HochHochProblem in der Lieferung, nicht im Preis
NiedrigNiedrigMarketing-Problem, nicht Preis-Problem
NiedrigHochPreis eventuell zu hoch -- oder der Wert ist unklar

Wenn mehr als die Hälfte deiner Interessenten sofort kaufen, ist dein Preis fast sicher zu niedrig. Klingt nach einem Luxusproblem? Ist es nicht. Du lässt Geld liegen, das du in bessere Qualität investieren könntest.

Was bedeutet das für österreichische Startups?

In Österreich gibt es einen kulturellen Reflex, den wir im Coaching oft beobachten: Bescheidenheit beim Preis. "Ich will ja nicht zu teuer sein." "Die Kunden hier zahlen das nicht." "Wir sind ja kein US-Unternehmen."

Aber die Realität ist: Österreichische Kunden zahlen sehr wohl für Wert. Was sie nicht zahlen, ist ein hoher Preis ohne erkennbaren Wert. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Die WKO bietet über das Gründerservice kostenlose Erstberatung zur Preisgestaltung -- eine Ressource, die erstaunlich wenige Gründer nutzen. Nutze sie. Und dann geh zu deinen ersten zehn Kunden und teste deinen Preis in der Praxis.

Dein Aktionsplan

Nimm dir diese Woche eine Stunde und mach folgende Übung:

  1. Schreib auf, welchen konkreten, messbaren Wert dein Produkt für deinen typischen Kunden schafft. In Euro.
  2. Vergleich diesen Wert mit deinem aktuellen Preis. Wie ist das Verhältnis?
  3. Wenn das Verhältnis über 5:1 ist (du lieferst fünfmal mehr Wert, als du verlangst): Erhöhe deinen Preis. Nicht nächsten Monat. Diese Woche.

Im nächsten Post dieser Serie zeige ich dir, wie du deine erste Preiskalkulation konkret durchrechnest -- mit österreichischen Steuerrealitäten und Kalkulationsbeispielen aus der Praxis. Und wenn du nochmal verstehen willst, wie du dein Angebot grundsätzlich strukturierst, lies unseren Post über die Grand-Slam-Methode.


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Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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