Zum Inhalt springen

Block für Block: Schlüsselaktivitäten priorisieren

Felix Lenhard 7 min Lesezeit
Zurück zum Blog

Die Falle der Beschäftigung

Es ist Montagmorgen. Du sitzt am Schreibtisch und deine To-Do-Liste hat 27 Punkte. Social-Media-Posts planen. Buchhaltung nacharbeiten. Eine Partneranfrage beantworten. Die Webseite updaten. Ein Angebot schreiben. Eine Förderdokumentation für die FFG vorbereiten. Neue Features für das Produkt brainstormen. Einen Blogpost schreiben. Die Steuernummer beim Finanzamt nachfragen.

Du arbeitest zwölf Stunden. Am Ende des Tages hast du 15 Punkte erledigt. Du fühlst dich produktiv. Aber wenn du ehrlich bist: Hat auch nur eine dieser Aktivitäten dein Geschäftsmodell nennenswert vorangebracht?

Der siebte Block im Business Model Canvas -- die Schlüsselaktivitäten (Key Activities) -- beantwortet eine der wichtigsten Fragen für Gründer: Welche Aktivitäten musst du ausführen, damit dein Geschäftsmodell funktioniert?

Nicht welche Aktivitäten fallen an. Nicht welche Aktivitäten wären nett. Sondern welche sind absolut notwendig, damit dein Wertangebot entsteht, deine Kunden erreicht werden und Geld reinkommt.

Welche Kategorien von Schlüsselaktivitäten gibt es?

Das Business Model Canvas unterscheidet drei Grundtypen. Jedes Startup hat einen dominanten Typ -- und genau den solltest du zuerst meistern.

1. Produktion

Dein Startup stellt etwas her. Ein physisches Produkt, eine Software, einen Inhalt. Die Schlüsselaktivität ist der Herstellungsprozess: Entwicklung, Fertigung, Qualitätskontrolle, Lieferung.

Typisch für: Hardware-Startups, Food-Startups, Manufakturen, Content-Plattformen.

Worauf es ankommt: Qualität, Effizienz und die Fähigkeit, den Herstellungsprozess zu skalieren, ohne dass die Qualität leidet.

Beispiel: Ein Food-Startup aus dem Südburgenland, das fermentierte Lebensmittel herstellt. Schlüsselaktivität: der Fermentationsprozess und die Einhaltung der Hygienestandards. Alles andere -- Marketing, Vertrieb, Buchhaltung -- ist sekundär. Ohne ein gutes Produkt ist alles andere irrelevant.

2. Problemlösung

Dein Startup löst individuelle Probleme für Kunden. Die Schlüsselaktivität ist das Verstehen des Problems und das Entwickeln einer passenden Lösung.

Typisch für: Beratungs-Startups, Agenturen, Serviceanbieter, Healthcare-Startups.

Worauf es ankommt: Expertise, Kundenverständnis und die Fähigkeit, Lösungen immer wieder neu an den spezifischen Kontext anzupassen.

Beispiel: Ein Consulting-Startup in Wien, das KMU bei der Digitalisierung unterstützt. Schlüsselaktivität: die Diagnose des spezifischen Digitalisierungsbedarfs jedes einzelnen Kunden und die Entwicklung eines maßgeschneiderten Plans. Ohne tiefes Verständnis des jeweiligen Problems ist die Lösung wertlos.

3. Plattform und Netzwerk

Dein Startup betreibt eine Plattform, die andere zusammenbringt. Die Schlüsselaktivität ist der Aufbau und das Management des Netzwerks.

Typisch für: Marktplätze, Matching-Plattformen, Community-Plattformen, Medien.

Worauf es ankommt: Netzwerkeffekte aufbauen, kritische Masse erreichen und die Qualität der Interaktionen auf der Plattform sicherstellen.

Beispiel: Eine Plattform, die Betriebsnachfolger mit übergabebereiten KMU in Österreich zusammenbringt. Schlüsselaktivität: auf beiden Seiten ausreichend qualitativ hochwertige Teilnehmer gewinnen -- und das Matching so gestalten, dass es tatsächlich zu erfolgreichen Übergaben führt.

Wie identifizierst du deine höchstwirksamen Aktivitäten?

Hier kommt ein Prinzip ins Spiel, das in der Praxis extrem mächtig ist: 20% deiner Aktivitäten erzeugen 80% deiner Ergebnisse. Das ist keine Motivationsformel -- es ist ein beobachtbares Muster, das wir bei Startup Burgenland immer wieder sehen.

Die Frage ist: Welche 20% sind es bei dir?

Übung: Die Aktivitäten-Priorisierung

Nimm dir 30 Minuten und mach folgende Übung:

Schritt 1: Liste alle Aktivitäten auf, die du in einer typischen Arbeitswoche machst. Alle. Von der E-Mail bis zum Kundengespräch. Sei ehrlich -- auch die Stunden, die du auf LinkedIn scrollst, gehören dazu.

Schritt 2: Markiere jede Aktivität mit einer von drei Farben:

  • Grün: Diese Aktivität erzeugt direkt Wert für den Kunden oder generiert direkt Einnahmen.
  • Gelb: Diese Aktivität unterstützt die grünen Aktivitäten (z.B. Buchhaltung, Admin, Planung).
  • Rot: Diese Aktivität erzeugt weder direkt noch indirekt Wert.

Schritt 3: Zähle die Stunden pro Farbe. Bei den meisten Gründern, die diese Übung in unserem Coaching machen, ist das Ergebnis erschreckend: 20-30% grün, 40-50% gelb, 20-30% rot.

Schritt 4: Jetzt die entscheidende Frage: Wie kannst du den grünen Anteil auf 50% oder mehr erhöhen?

Die Antwort liegt fast immer in drei Hebeln:

Hebel 1: Streichen. Rote Aktivitäten eliminieren. Meetings ohne Ergebnis? Weg. Reports, die niemand liest? Weg. Perfektionismus an Stellen, wo "gut genug" reicht? Weg.

Hebel 2: Automatisieren. Gelbe Aktivitäten, die sich wiederholen, automatisieren. Rechnungsstellung, Social-Media-Planung, Terminbuchung, E-Mail-Vorlagen -- vieles davon kostet heute weniger als EUR 50 pro Monat für ein Tool.

Hebel 3: Delegieren. Gelbe Aktivitäten, die nicht automatisierbar sind, an andere abgeben. Buchhaltung an den Steuerberater. Grafik an einen Freelancer. Admin an eine virtuelle Assistenz.

Was solltest du selbst machen -- und was nicht?

Die Versuchung für Gründer ist, alles selbst zu machen. Das ist verständlich: Du sparst Geld, du behältst die Kontrolle, und du "weißt, dass es richtig gemacht wird". Aber es ist ein Trugschluss.

Selbst machen: Dein Kern

Alles, was direkt mit deinem Wertangebot und deiner Differenzierung zu tun hat, solltest du -- zumindest am Anfang -- selbst machen oder extrem eng steuern. Das sind die Aktivitäten, die dein Startup einzigartig machen.

Wenn du ein Software-Startup hast, ist das die Produktentwicklung. Wenn du ein Beratungs-Startup hast, ist das die Kundenarbeit. Wenn du ein Hardware-Startup hast, ist das der Entwicklungsprozess.

Outsourcen: Alles andere

Buchhaltung, Rechtsberatung, Grafikdesign, IT-Administration, HR, Lohnverrechnung -- all das kannst du (und solltest du) an Spezialisten auslagern, sobald es dein Budget erlaubt.

In Österreich kostet ein Steuerberater für ein frühphasiges Startup zwischen EUR 100 und EUR 300 im Monat. Ein Freelance-Designer für ein Logo und grundlegendes Branding: EUR 1.000-3.000 einmalig. Eine virtuelle Assistenz für Admin-Aufgaben: EUR 15-25 pro Stunde.

Vergleiche das mit den Opportunitätskosten: Jede Stunde, die du mit Buchhaltung verbringst, ist eine Stunde, die du nicht mit Kunden, Produkt oder Vertrieb verbringst. Und genau dort liegt dein höchster Hebel.

Warum Priorisierung für Startups überlebenswichtig ist

Große Unternehmen können sich erlauben, an 50 Projekten gleichzeitig zu arbeiten. Sie haben die Ressourcen dafür. Startups nicht.

In der Frühphase hast du typischerweise ein Team von ein bis fünf Personen, ein Budget von unter EUR 100.000 und eine Runway von sechs bis zwölf Monaten. Das bedeutet: Jede Stunde, die du an der falschen Stelle investierst, ist eine Stunde näher am Ende deiner Landebahn.

Die beste Frage, die du dir jeden Morgen stellen kannst: "Wenn ich heute nur EINE Sache erledigen könnte -- welche würde mein Startup am meisten voranbringen?"

Wir empfehlen im Coaching bei Startup Burgenland eine einfache Regel: Vor dem Product-Market-Fit hast du maximal drei Prioritäten. Nach dem Product-Market-Fit hast du maximal fünf. Alles darüber hinaus ist Ablenkung.

Drei Prioritäten vor dem Product-Market-Fit

  1. Kundenproblem validieren: Bist du sicher, dass das Problem existiert und groß genug ist?
  2. Lösung testen: Funktioniert deine Lösung? Würden Kunden dafür zahlen?
  3. Erste Kunden gewinnen: Kannst du fünf bis zehn zahlende Kunden finden?

Alles andere -- perfekte Webseite, Social-Media-Strategie, Förderanträge, Teamerweiterung, Bürosuche -- kommt danach.

Ein Praxis-Framework: Die Impact-Effort-Matrix

Wenn du unsicher bist, welche Aktivitäten du priorisieren sollst, hilft ein einfaches Werkzeug: die Impact-Effort-Matrix.

Zeichne ein Koordinatenkreuz. X-Achse: Aufwand (niedrig bis hoch). Y-Achse: Wirkung (niedrig bis hoch). Platziere jede deiner geplanten Aktivitäten in einem der vier Quadranten:

Hohe Wirkung, niedriger Aufwand (Quick Wins): Sofort machen. Das sind deine goldenen Aktivitäten. Ein Kundengespräch führen, eine Landing Page testen, ein Feedback-Formular verschicken.

Hohe Wirkung, hoher Aufwand (Strategische Projekte): Planen und schrittweise umsetzen. Produktentwicklung, Partnerschaftsaufbau, Markteintritt in ein neues Segment.

Niedrige Wirkung, niedriger Aufwand (Nebensache): Nur machen, wenn Zeit übrig ist. Oder automatisieren. Social-Media-Posts, Newsletter, interne Prozessoptimierung.

Niedrige Wirkung, hoher Aufwand (Zeitfresser): Nicht machen. Oder drastisch vereinfachen. Das aufwändige Pitch Deck, das kein Investor sehen wird. Der perfekte Business Plan, den niemand liest. Die Eigenentwicklung eines CRM-Systems, das es als SaaS für EUR 30 pro Monat gibt.

Wie sich Schlüsselaktivitäten im Laufe der Zeit verändern

Deine Schlüsselaktivitäten sind nicht statisch. Sie verändern sich mit jeder Phase deines Startups.

Ideenphase: Beobachten, Recherchieren, Gespräche führen, Hypothesen aufstellen.

Validierungsphase: Prototypen bauen, Kundentests durchführen, iterieren, Preise testen.

Aufbauphase: Produkt fertigstellen, erste Kunden gewinnen, Prozesse etablieren, Team aufbauen.

Wachstumsphase: Skalieren, Vertrieb systematisieren, Partnerschaften aufbauen, Effizienz steigern.

Was in der Ideenphase eine Schlüsselaktivität ist (z.B. Kundeninterviews), kann in der Wachstumsphase zur Routine werden. Und was in der Wachstumsphase kritisch ist (z.B. Vertriebsprozesse), ist in der Ideenphase völlig irrelevant.

Deshalb unser Rat: Überprüfe deine Schlüsselaktivitäten alle drei Monate. Passen sie noch zu deiner aktuellen Phase? Oder arbeitest du an den Problemen von gestern?

Von der Theorie in die Praxis

Diese Woche: Führe die Aktivitäten-Priorisierung durch. Liste alle deine Aktivitäten auf, markiere sie mit grün, gelb oder rot, und triff eine Entscheidung über die roten.

Wähle eine rote Aktivität, die du sofort streichst. Eine gelbe, die du automatisierst oder delegierst. Und eine grüne, der du ab sofort doppelt so viel Zeit widmest.

Das klingt simpel. Aber in der Praxis ist es eine der wirkungsvollsten Übungen, die wir bei Startup Burgenland kennen. Die Gründer, die sie konsequent umsetzen, schaffen in einer Woche mehr als andere in einem Monat.

Im nächsten Post geht es um eine Schlüsselaktivität, die viele Startups unterschätzen: das Aufbauen von Partnerschaften. Lies weiter bei Schlüsselpartner finden. Und wenn du nochmal verstehen willst, welche Ressourcen du für deine Aktivitäten brauchst, lies den vorherigen Post über Schlüsselressourcen identifizieren.

Weiterführende Artikel


Startup Burgenland unterstützt Gründerinnen und Gründer mit individuellem 1:1 Coaching -- unter anderem dabei, Prioritäten zu setzen, Fokus zu halten und die richtigen Dinge zur richtigen Zeit zu tun. Schreib uns ein formloses E-Mail für dein Erstgespräch.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

Veröffentlicht am
Alle Beiträge

Erstgespräch vereinbaren

Du überlegst zu gründen oder bist schon mittendrin? Schreib uns ein formloses E-Mail -- wir melden uns innerhalb weniger Tage.

E-Mail schreiben