Zum Inhalt springen

Block für Block: Schlüsselressourcen identifizieren

Felix Lenhard 7 min Lesezeit
Zurück zum Blog

Warum die meisten Gründer zu viel brauchen -- und zu wenig haben

Es gibt einen Satz, den wir bei Startup Burgenland in fast jedem Coaching-Gespräch hören: "Bevor wir starten können, brauchen wir noch..."

Noch ein Büro. Noch eine Entwicklerin. Noch eine Maschine. Noch Geld. Noch eine Zertifizierung. Die Liste wird nie kürzer. Sie wird immer länger.

Und genau das ist das Problem.

Der sechste Block im Business Model Canvas -- die Schlüsselressourcen (Key Resources) -- stellt eine entscheidende Frage: Was brauchst du wirklich, um dein Wertangebot zu liefern, deine Kunden zu erreichen und Einnahmen zu generieren? Nicht was wäre schön. Nicht was hätten erfolgreiche Unternehmen. Sondern was ist das absolute Minimum, um zu starten?

Ich erinnere mich an ein Startup, das wir vor einigen Jahren begleitet haben. Die Gründer wollten ein Hardware-Produkt entwickeln und waren überzeugt, dass sie dafür ein eigenes Labor, drei Ingenieure und eine CNC-Maschine brauchten. Nach einer ehrlichen Analyse im Coaching stellte sich heraus: Das Minimum waren ein 3D-Drucker (EUR 800), ein Co-Working-Platz und ein externer Konstrukteur auf Werkvertrag. Damit haben sie ihren ersten funktionierenden Prototypen gebaut. Die CNC-Maschine kam zwei Jahre später -- als sie tatsächlich in Serie gingen.

Welche Arten von Ressourcen gibt es?

Das Business Model Canvas unterscheidet vier Kategorien von Schlüsselressourcen. Nicht jedes Startup braucht alle vier -- aber du solltest jede bewusst durchdenken.

Physische Ressourcen

Alles, was du anfassen kannst: Gebäude, Maschinen, Fahrzeuge, Produktionsanlagen, IT-Infrastruktur, Lagerräume. Bei produzierenden Startups sind physische Ressourcen oft der größte Kostenfaktor. Bei digitalen Startups hingegen beschränkt sich das meist auf Laptops und Server.

Die Frage, die du dir stellen musst: Brauche ich das wirklich am Anfang, oder kann ich es mieten, leihen oder outsourcen?

In Österreich gibt es eine wachsende Infrastruktur, die Gründern physische Ressourcen zugänglich macht, ohne dass sie diese besitzen müssen. Co-Working-Spaces in Wien (WeXelerate, Impact Hub), Graz (Spacelend) oder im Burgenland (unser eigener Campus in Eisenstadt) bieten Arbeitsplätze, Meetingräume und oft auch Werkstätten. Der Makerspace der FH Technikum Wien stellt 3D-Drucker und Lasercutter zur Verfügung. Und für spezialisierte Maschinen gibt es immer öfter Sharing-Modelle.

Intellektuelle Ressourcen

Wissen, das schwer kopierbar ist: Patente, Markenrechte, proprietäre Technologie, Datenbanken, Algorithmen, Rezepturen, einzigartige Prozesse. Intellektuelle Ressourcen sind das, was Investoren als "Moat" bezeichnen -- der Burggraben, der dein Geschäftsmodell vor Nachahmern schützt.

Für viele Startups ist das die wichtigste Ressourcenkategorie. Wenn dein gesamtes Geschäftsmodell von jemand anderem über ein Wochenende nachgebaut werden kann, hast du ein Problem.

Was zählt als intellektuelle Ressource?

  • Patente und Gebrauchsmuster (registrierbar beim Österreichischen Patentamt)
  • Eingetragene Marken
  • Software-Code und Algorithmen
  • Datenbanken mit einzigartigen Daten
  • Branchenspezifisches Know-how, das du über Jahre aufgebaut hast
  • Einzigartige Methodiken oder Frameworks

Die FFG bietet mit dem Programm "Patent.Scheck" bis zu EUR 12.500 Förderung für Erstanmeldungen von Patenten und Gebrauchsmustern. Wenn du eine schützbare Innovation hast, solltest du das in Betracht ziehen.

Humane Ressourcen

Dein Team. Die Menschen, die dein Startup zum Laufen bringen. In wissens- und kreativitätsintensiven Branchen -- und das sind die meisten Startups -- sind humane Ressourcen oft die wichtigste Kategorie.

Die brutale Wahrheit: In der Frühphase bist du als Gründer deine wichtigste humane Ressource. Und das ist gleichzeitig der größte Engpass. Du kannst nicht CEO, CTO, CMO und Vertriebsleiter in einer Person sein -- jedenfalls nicht lange.

Wir sehen bei Startup Burgenland drei typische Muster:

Muster 1: Der Solo-Gründer, der alles selbst macht. Funktioniert für die ersten drei Monate. Dann wird es zum Flaschenhals. Du brauchst nicht gleich ein volles Team -- aber du brauchst Leute, an die du Aufgaben abgeben kannst.

Muster 2: Das Gründerteam ohne Kompetenzlücke. Selten, aber Gold wert. Wenn du jemanden hast, der das kann, was du nicht kannst (z.B. du machst Business, dein Co-Founder macht Technik), seid ihr schneller unterwegs als zehn Solo-Gründer.

Muster 3: Der Gründer mit Freelancer-Netzwerk. Oft der pragmatischste Weg. Du hast ein kleines Kernteam und holst dir für spezifische Aufgaben Freelancer oder Agenturen dazu. Webentwicklung, Design, Rechtsberatung, PR -- vieles lässt sich projektbasiert vergeben.

Wo findest du gute Leute? Die FH Burgenland, die FH Campus 02 in Graz und die Wirtschaftsuniversität Wien haben Programme, die Studierende mit Startups verbinden. Das AWS hat mit dem "Gründen in Teams"-Schwerpunkt Fördermöglichkeiten geschaffen. Und unser Netzwerk bei Startup Burgenland umfasst Spezialisten aus den Bereichen Recht, Finanzen, Marketing und Technologie, die wir gezielt vermitteln.

Finanzielle Ressourcen

Geld. Kreditlinien. Rücklagen. Förderungen. Investoren-Kapital. Die Ressource, an die Gründer zuerst denken -- und die ironischerweise oft nicht die wichtigste ist.

Ja, du brauchst Geld. Aber wie viel du brauchst, hängt direkt davon ab, wie schlau du mit den anderen drei Ressourcenkategorien umgehst. Wer mietet statt kauft, Freelancer statt Festangestellte nutzt und seinen Prototypen mit einem 3D-Drucker baut statt in einer Fabrik -- braucht dramatisch weniger Kapital.

In Österreich gibt es ein gut ausgebautes Fördersystem, das Startups finanzielle Ressourcen zugänglich macht:

  • Gründungszuschuss von Startup Burgenland: EUR 10.000 nicht rückzahlbar, ohne Eigenkapitalabgabe
  • AWS Preseed und Seedfinancing: Für technologieorientierte Startups
  • FFG Basisprogramm: Für Forschungs- und Entwicklungsprojekte
  • Phase 2 bei Startup Burgenland: Bis zu EUR 400.000 Equity-Investment für Startups mit validierter Markttraction

Die wichtigste Erkenntnis: Finanzielle Ressourcen sind ein Mittel, kein Ziel. Geld kauft dir Zeit und Möglichkeiten -- aber es ersetzt weder ein gutes Team noch ein funktionierendes Geschäftsmodell.

Kaufen, bauen oder partnern -- was ist der richtige Ansatz?

Für jede Ressource hast du drei Optionen. Die Wahl beeinflusst deine Kosten, deine Geschwindigkeit und deine Kontrolle.

Selbst aufbauen (Build)

Du entwickelst die Ressource intern. Ein eigenes Entwicklerteam, eine eigene Marke, eigene Technologie.

Wann sinnvoll: Wenn die Ressource dein Kernwettbewerbsvorteil ist. Wenn du langfristige Kontrolle brauchst. Wenn die Ressource so spezifisch ist, dass es sie am Markt nicht gibt.

Wann nicht sinnvoll: Wenn du es schneller und günstiger am Markt bekommst. Wenn es nicht zu deiner Kernkompetenz gehört.

Zukaufen (Buy)

Du kaufst die Ressource am Markt. Software-Lizenzen, Fertigkomponenten, Beratungsleistungen, Hardware.

Wann sinnvoll: Wenn Standard-Lösungen ausreichen. Wenn Zeit wichtiger ist als Kontrolle. Wenn die Kosten überschaubar sind.

Wann nicht sinnvoll: Wenn du in eine strategische Abhängigkeit gerätst. Wenn die Lösung nicht zu deinem spezifischen Problem passt.

Kooperieren (Partner)

Du teilst Ressourcen mit einem Partner. Gemeinsame Nutzung von Infrastruktur, Technologiepartnerschaften, Joint Development Agreements.

Wann sinnvoll: Wenn beide Seiten profitieren. Wenn die Ressource zu teuer für einen allein ist. Wenn der Partner komplementäre Stärken hat.

Wann nicht sinnvoll: Wenn die Partnerschaft dein Geschäftsmodell von einem Dritten abhängig macht. Wenn die Interessen nicht langfristig kompatibel sind.

Unsere Empfehlung aus dem Coaching: In der Frühphase gilt eine einfache Regel -- Build dein Kerngeschäft, buy den Rest, und partner wo es strategisch Sinn macht. Das heißt: Entwickle selbst, was dich einzigartig macht. Kaufe alles, was nicht zu deinem Kern gehört. Und suche dir Partner für Dinge, die zu groß oder zu teuer für dich allein sind.

Was sind die Minimum Viable Resources für ein Startup?

So wie es ein Minimum Viable Product (MVP) gibt, gibt es auch "Minimum Viable Resources" -- das absolute Minimum an Ressourcen, mit dem du dein Geschäftsmodell testen kannst.

Die Übung ist einfach: Liste alle Ressourcen auf, die du "brauchst". Streiche dann die Hälfte. Frage dich bei jeder verbleibenden: "Was passiert, wenn ich das nicht habe?" Wenn die Antwort ist "Ich kann nicht starten" -- behalt es. Wenn die Antwort ist "Es wird schwieriger, aber es geht" -- streich es.

Ein konkretes Beispiel: Ein Healthcare-Startup will eine App für Patienten entwickeln. Die "ideale" Ressourcenliste: Fünf Entwickler, ein UX-Designer, ein Datenschutzberater, ein Medical Advisor, ein Büro, Server-Infrastruktur, ein Marketing-Budget.

Die Minimum Viable Resources: Ein No-Code-Tool (Bubble, FlutterFlow), ein Freelance-Designer für zehn Stunden, eine Rechtsberatung zum Thema DSGVO (drei Stunden), ein Mediziner aus dem persönlichen Netzwerk als unbezahlter Berater, ein Co-Working-Platz, ein Cloud-Server für EUR 20 pro Monat.

Damit kann das Startup einen funktionierenden Prototypen bauen, zehn Testnutzer gewinnen und validieren, ob die Idee funktioniert -- bevor es EUR 100.000 in Entwicklung investiert.

Zusammenfassung und Handlungsempfehlung

Erstelle eine Ressourcen-Matrix für dein Startup. Nimm ein Blatt Papier und zeichne eine Tabelle mit vier Spalten:

RessourceKategorieBuild/Buy/PartnerBrauche ich das am Tag 1?
...Physisch / Intellektuell / Human / FinanziellB / B / PJa / Nein

Fülle sie ehrlich aus. Und dann frage dich: Was steht in der Spalte "Tag 1" auf "Nein" -- und wie viel Geld sparst du, wenn du es erst holst, wenn du es wirklich brauchst?

Im nächsten Post schauen wir uns an, was du mit diesen Ressourcen tun solltest: Schlüsselaktivitäten priorisieren. Und wenn du dich fragst, woher das Geld für deine Ressourcen kommen soll, lies den vorherigen Post über Einnahmenquellen.

Weiterführende Artikel


Startup Burgenland hilft dir, deine Ressourcen optimal einzusetzen -- mit individuellem 1:1 Coaching, einem Netzwerk aus Experten und Zugang zu Förderungen. Vom Gründungszuschuss bis zum Equity-Investment. Schreib uns ein formloses E-Mail für dein Erstgespräch.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

Veröffentlicht am
Alle Beiträge

Erstgespräch vereinbaren

Du überlegst zu gründen oder bist schon mittendrin? Schreib uns ein formloses E-Mail -- wir melden uns innerhalb weniger Tage.

E-Mail schreiben