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Block für Block: Kundensegmente richtig definieren

Felix Lenhard 8 min Lesezeit
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Warum "alle" kein Kundensegment ist

"Wer ist dein Kunde?"

Wenn ich diese Frage im Coaching stelle, bekomme ich in etwa der Hälfte der Fälle eine Antwort, die so klingt: "Eigentlich jeder, der..." Jeder, der ein Unternehmen hat. Jeder, der ein Smartphone besitzt. Jeder, der gesund essen will.

Das klingt logisch. Ist aber das Gegenteil einer guten Antwort.

Denn wenn dein Produkt für "alle" ist, ist es für niemanden. Und das ist nicht nur eine Marketing-Weisheit -- es ist die häufigste Ursache, warum Startups scheitern. Nicht weil ihr Produkt schlecht ist. Sondern weil sie nicht wissen, für wen es gut ist.

Im Business Model Canvas ist "Kundensegmente" der erste Block -- und das hat einen Grund. Alles andere im Canvas hängt davon ab, für wen du Wert schaffst. Dein Wertversprechen, deine Kanäle, deine Kundenbeziehungen, deine Einnahmequellen: Sie alle sind eine Funktion deiner Kundensegmente. Wenn dieser Block falsch ist, ist alles andere auch falsch.

In unserem Überblick zum Business Model Canvas haben wir die neun Bausteine vorgestellt. Jetzt tauchen wir in den ersten und wichtigsten ein.

Was ist ein Kundensegment?

Ein Kundensegment ist eine Gruppe von Menschen oder Organisationen, die du mit deinem Produkt oder deiner Dienstleistung ansprichst. Sie teilen bestimmte Merkmale -- Bedürfnisse, Verhaltensweisen, Zahlungsbereitschaft oder andere Eigenschaften -- die sie als Gruppe sinnvoll zusammenfassen.

Welche Arten von Kundensegmenten gibt es?

Massenmarkt: Du bedienst einen großen, kaum differenzierten Markt. Dein Produkt richtet sich an eine breite Bevölkerungsgruppe mit ähnlichen Bedürfnissen. Beispiel: Ein Energieanbieter, der Strom an Haushalte liefert.

Nischenmarkt: Du bedienst einen spezifischen, spezialisierten Markt. Dein Angebot ist maßgeschneidert für eine klar definierte Zielgruppe. Beispiel: Eine Software speziell für biologische Weinbaubetriebe im Burgenland.

Segmentierter Markt: Du bedienst mehrere Kundensegmente mit leicht unterschiedlichen Bedürfnissen. Dein Kernprodukt ist ähnlich, aber du passt es für verschiedene Segmente an. Beispiel: Ein Buchhaltungstool, das eine Version für EPUs und eine für kleine GmbHs anbietet.

Diversifizierter Markt: Du bedienst zwei oder mehr Kundensegmente mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen. Das erfordert völlig verschiedene Wertversprechen. Für die meisten Startups ist das in der Frühphase zu komplex.

Mehrseitiger Markt (Plattform): Du verbindest zwei oder mehr Kundensegmente, die sich gegenseitig brauchen. Beispiel: Eine Plattform, die Handwerker in der Steiermark mit Kunden verbindet. Beide Seiten sind Kunden -- und ohne die eine Seite funktioniert die andere nicht.

Warum Startups bei der Segmentierung scheitern

Wir haben bei Startup Burgenland über 300 Bewerbungen gescreent. Und eines der häufigsten Muster bei Startups, die nicht weiterkommen, ist ein unscharfes Kundensegment.

Problem 1: Zu breit definiert

"KMUs in Österreich" ist kein Kundensegment. Es gibt in Österreich rund 360.000 KMUs. Ein EPU-Friseur in Oberwart hat nichts gemeinsam mit einem 50-Personen-Softwareunternehmen in Wien. Sie haben unterschiedliche Probleme, unterschiedliche Budgets, unterschiedliche Entscheidungswege und unterschiedliche Kanäle, über die du sie erreichst.

Wenn dein Kundensegment zu breit ist, passiert Folgendes:

  • Dein Marketing spricht niemanden direkt an
  • Dein Produkt versucht, alle zufrieden zu stellen, und begeistert niemanden
  • Dein Vertrieb weiß nicht, wen er zuerst anrufen soll

Problem 2: Demografisch statt psychografisch definiert

"Männer zwischen 25 und 45 mit Hochschulabschluss" -- das ist eine demografische Beschreibung. Aber zwei 35-jährige Akademiker können völlig unterschiedliche Probleme, Werte und Kaufmotive haben. Einer ist risikofreudiger Gründer, der andere angestellter Beamter mit Sicherheitsbedürfnis.

Was wirklich zählt: Welches Problem hat dein Kunde? Was glaubt er? Was ist ihm wichtig? Was hat er schon versucht? Die Antworten auf diese Fragen definieren ein Segment besser als Alter und Geschlecht.

Problem 3: Wunschzielgruppe statt reale Kunden

Du willst Großkonzerne als Kunden? Schön. Aber kaufen Großkonzerne bei dir? Wer kauft tatsächlich? Das ist dein Kundensegment -- nicht das, das du dir wünschst.

Wie du dein Kundensegment richtig definierst

Schritt 1: Starte mit dem Problem

Nicht mit dem Kunden, sondern mit dem Problem. Welches Problem löst dein Produkt? Schreib es in einem Satz auf. Dann frag dich: Wer hat dieses Problem am dringendsten? Wer leidet am meisten darunter? Wer hat schon erfolglos versucht, es zu lösen?

Die Menschen, die am stärksten unter dem Problem leiden, sind dein vielversprechendstes Segment. Nicht weil sie die größte Gruppe sind, sondern weil sie am ehesten bereit sind, dafür zu zahlen.

Schritt 2: Definiere über Merkmale, die den Kauf beeinflussen

Ein gutes Kundensegment wird über Merkmale definiert, die tatsächlich das Kaufverhalten beeinflussen. Nicht Alter (es sei denn, das Alter bestimmt das Bedürfnis), sondern:

  • Situationsmerkmale: In welcher Situation befindet sich der Kunde? (Gründungsphase, Wachstumsphase, Krise?)
  • Verhaltensmerkmale: Was tut der Kunde aktuell? (Nutzt er ein Konkurrenzprodukt? Löst er das Problem manuell?)
  • Motivationsmerkmale: Was treibt den Kunden an? (Zeitersparnis? Kostensenkung? Status? Sicherheit?)
  • Schmerzmerkmale: Wie stark ist das Problem? (Leichte Unannehmlichkeit oder existenzielle Bedrohung?)

Schritt 3: Prüfe die wirtschaftliche Tragfähigkeit

Ein Kundensegment muss vier Kriterien erfüllen:

  1. Echtes Bedürfnis: Das Segment hat ein reales, nachweisbares Problem
  2. Zahlungsfähigkeit: Das Segment kann sich deine Lösung leisten
  3. Erreichbarkeit: Du kannst das Segment identifizieren und ansprechen
  4. Ausreichende Größe: Das Segment ist groß genug, um dein Geschäft zu tragen -- oder wächst schnell genug

Wenn eines dieser vier Kriterien fehlt, hast du kein tragfähiges Kundensegment. Egal wie interessant das Problem ist.

Wie funktioniert Kundensegmentierung im österreichischen Markt?

Der österreichische Markt hat Besonderheiten, die die Segmentierung beeinflussen.

Geografie als Segmentierungsfaktor

In einem Land mit 9 Millionen Einwohnern und starken regionalen Unterschieden ist Geografie oft ein sinnvoller Segmentierungsansatz. Ein Startup, das Tourismusbetriebe adressiert, muss unterscheiden: Tiroler Skihotels haben andere Probleme als burgenländische Thermenhotels. Wiener Gastronomen haben andere Herausforderungen als Heurigenbetreiber im Weinviertel.

Das WKO Gründerservice bietet regionale Wirtschaftsdaten, die dir helfen, Segmente geografisch zu validieren. Auch die Statistik Austria und die regionalen Wirtschaftsagenturen publizieren Daten, die für die Segmentierung nützlich sind.

Branchenstruktur als Segmentierungsfaktor

Österreich hat eine ausgeprägte KMU-Struktur. Über 99% der Unternehmen sind KMUs. Aber innerhalb dieser Gruppe gibt es enorme Unterschiede:

  • EPUs (Ein-Personen-Unternehmen): Rund 340.000 in Österreich. Oft Freelancer, Berater, Kreative. Ihre Probleme: Zeitmanagement, Akquise, Buchhaltung, Einsamkeit.
  • Mikro-Unternehmen (2-9 Mitarbeiter): Etwa 200.000. Erstes Teambuilding, erste Prozesse, erste Delegationsprobleme.
  • Kleine Unternehmen (10-49 Mitarbeiter): Rund 30.000. Strukturen werden nötig: HR, Controlling, Qualitätsmanagement.

Jede dieser Gruppen hat fundamental andere Bedürfnisse. Wenn du sie in einen Topf wirfst, wirst du keine davon richtig bedienen.

Wie wir im Coaching Kundensegmente schärfen

Bei Startup Burgenland arbeiten wir mit einem Prozess, den wir "Segment-Schärfung" nennen. Er hat drei Phasen:

Phase 1: Breites Brainstorming. Wer könnte dein Kunde sein? Liste alle möglichen Segmente auf. Nicht filtern, nicht bewerten. Einfach sammeln. Typischerweise kommen 5-12 mögliche Segmente zusammen.

Phase 2: Priorisierung. Bewerte jedes Segment nach den vier Kriterien: Bedürfnis, Zahlungsfähigkeit, Erreichbarkeit, Größe. Erstelle eine einfache Matrix. Die Segmente mit den höchsten Werten kommen in die engere Auswahl.

Phase 3: Validierung. Sprich mit 5-10 Menschen aus deinem Top-Segment. Finde heraus: Haben sie das Problem wirklich? Wie lösen sie es aktuell? Was würden sie für eine bessere Lösung zahlen? Wenn die Antworten passen, hast du dein erstes Zielsegment.

Ein Gründer aus unserem Programm entwickelte eine Plattform für die Terminbuchung. Sein erstes Segment: "alle Dienstleister in Österreich." Nach der Schärfung: "Physiotherapeuten in Wien und Niederösterreich mit Einzelpraxis und 20-40 Terminen pro Woche, die aktuell telefonisch buchen." Das klingt eng. Aber genau diese Enge ermöglichte es ihm, ein Produkt zu bauen, das perfekt passte -- und sich dann von dort aus zu erweitern.

Wann solltest du dein Kundensegment ändern?

Nicht jedes Segment funktioniert. Und das ist in Ordnung. Aber wie erkennst du, dass du das falsche Segment adressierst?

Signal 1: Kein Interesse trotz guter Ansprache. Du erreichst die Menschen, aber sie reagieren nicht. Das kann am Produkt liegen -- oder am Segment. Prüfe: Vielleicht ist das Problem nicht dringend genug für diese Gruppe.

Signal 2: Interesse, aber keine Zahlungsbereitschaft. Alle finden dein Produkt toll, aber niemand will dafür zahlen. Das Segment hat das Bedürfnis, aber nicht das Budget. Oder das Problem ist nicht schmerzhaft genug.

Signal 3: Zu hohe Akquisekosten. Du erreichst dein Segment, aber es kostet dich mehr, einen Kunden zu gewinnen, als dieser Kunde wert ist. Das Segment ist möglicherweise zu schwer zu adressieren.

Wenn du zwei oder mehr dieser Signale erkennst: Teste ein anderes Segment. Bevor du dein Produkt änderst, ändere erst deine Zielgruppe.

Was hat die Zielgruppe mit dem Rest des Canvas zu tun?

Dein Kundensegment bestimmt alles andere im Canvas:

  • Wertversprechen: Was dieser spezifischen Gruppe wirklich wichtig ist
  • Kanäle: Wo du diese Gruppe erreichst (LinkedIn für B2B, Instagram für junge Konsumenten, regionale Netzwerke für Handwerker)
  • Kundenbeziehungen: Ob deine Kunden persönliche Betreuung erwarten oder Self-Service bevorzugen
  • Einnahmequellen: Was deine Kunden zahlen können und wollen

Deshalb steht das Kundensegment an erster Stelle. Es ist das Fundament, auf dem alles andere aufbaut.

Dein Aktionsplan

Nimm dein aktuelles Canvas (oder starte eines) und definiere dein Kundensegment mit folgenden Fragen:

  1. Welches spezifische Problem löst du?
  2. Wer hat dieses Problem am dringendsten?
  3. Welche Merkmale teilen diese Menschen (Situation, Verhalten, Motivation)?
  4. Kannst du diese Gruppe identifizieren und erreichen?
  5. Ist die Gruppe groß genug oder wächst sie?

Schreib die Antworten auf -- nicht als langen Text, sondern in Stichpunkten. Wenn du mehr als drei Sätze brauchst, um dein Kundensegment zu beschreiben, ist es wahrscheinlich noch zu breit.

Im nächsten Post geht es um den zweiten Block: Wertversprechen, das begeistert. Denn ein perfekt definiertes Kundensegment nützt nichts, wenn du kein Versprechen hast, das dieses Segment überzeugt.

Und wenn du tiefer in das Thema Zielgruppe eintauchen willst, lies unseren Post Warum du deine Zielgruppe genauer kennen musst, als du denkst.


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Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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