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Gründen als Weg zur persönlichen Entwicklung

Felix Lenhard 7 min Lesezeit
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Warum redet niemand über die persönliche Seite?

Wenn über Startups gesprochen wird, geht es fast immer um Zahlen. Umsatz, Bewertung, Funding-Runden, Mitarbeiteranzahl. Das sind wichtige Kennzahlen. Aber sie erfassen nur die Hälfte der Geschichte.

Die andere Hälfte ist das, was eine Gründung mit dir als Mensch macht. Wie sie dich verändert. Welche Fähigkeiten du entwickelst, von denen du vorher nicht wusstest, dass du sie brauchst. Und warum viele Gründer -- auch jene, deren erstes Startup gescheitert ist -- sagen: "Es war die beste Entscheidung meines Lebens."

Bei Startup Burgenland sehen wir diese Veränderung regelmäßig. Wir begleiten Gründerinnen und Gründer oft über Monate oder Jahre im 1:1 Coaching. Und der Unterschied zwischen der Person am Anfang und der Person ein Jahr später ist manchmal erstaunlich. Nicht wegen des Geschäftserfolgs, sondern wegen der persönlichen Entwicklung, die dazu geführt hat.

Welche Fähigkeiten entwickelst du als Gründer?

Entscheidungsfähigkeit unter Unsicherheit

Im Angestelltenverhältnis triffst du Entscheidungen innerhalb klar definierter Rahmenbedingungen. Dein Vorgesetzter gibt die Richtung vor, Prozesse sind etabliert, der Handlungsspielraum ist begrenzt. Das ist nicht schlecht -- es ist effizient.

Als Gründer ist das anders. Jeden Tag triffst du Entscheidungen, für die es keinen Präzedenzfall gibt. Soll ich diesen Kunden annehmen oder ablehnen? Soll ich zuerst das Produkt verbessern oder mehr Kunden suchen? Soll ich einen Mitgründer aufnehmen oder allein weitermachen?

Am Anfang fühlt sich das überwältigend an. Ich erinnere mich an meine erste größere unternehmerische Entscheidung -- eine Investition, bei der ich tagelang hin und her überlegt habe. Heute treffe ich solche Entscheidungen schneller, nicht weil sie einfacher geworden wären, sondern weil ich gelernt habe, mit unvollständigen Informationen zu arbeiten.

Das ist eine Fähigkeit, die dir in jedem Lebensbereich hilft. In der Karriere, in Beziehungen, bei finanziellen Entscheidungen. Gründen ist das intensivste Training für Entscheidungsfähigkeit, das es gibt.

Resilienz -- die echte, nicht die aus Instagram-Sprüchen

Es gibt einen Unterschied zwischen "Ich weiß, dass Rückschläge dazugehören" und tatsächlich einen Rückschlag durchleben. Der erste ist ein Satz. Der zweite ist eine Erfahrung, die dich verändert.

Wir sehen bei unseren Startups regelmäßig: Ein wichtiger Kunde springt ab. Eine Förderung wird abgelehnt. Ein Mitgründer steigt aus. Ein Produkt-Launch floppt.

Und dann passiert etwas Interessantes: Die meisten Gründer stehen am nächsten Morgen auf und machen weiter. Nicht weil sie superheldenhaft sind, sondern weil die Alternative -- aufgeben -- sich noch schlechter anfühlt als weitermachen.

Diese Erfahrung verändert dein Selbstbild. Du lernst: Ich kann mit mehr umgehen, als ich dachte. Und dieses Wissen trägst du für den Rest deines Lebens mit dir.

Kommunikation auf einem neuen Level

Als Gründer musst du kommunizieren -- ständig und mit völlig unterschiedlichen Zielgruppen. Du pitchst vor Investoren, verhandelst mit Lieferanten, erklärst Kunden dein Produkt, motivierst dein Team, schreibst Förderanträge für die FFG oder das AWS.

Jede dieser Situationen erfordert eine andere Art der Kommunikation. Und du lernst sie nicht aus einem Buch, sondern durch die Praxis. Ein Pitch, der beim WKO-Gründerservice in Eisenstadt funktioniert, braucht einen anderen Ton als einer bei einem Business-Angel-Dinner in Wien.

Was wir bei unseren Alumni beobachten: Nach ein bis zwei Jahren Gründungserfahrung können die meisten Menschen komplexe Ideen klar und überzeugend vermitteln. Das ist eine Fähigkeit, die in jedem Kontext Gold wert ist.

Finanzielle Bildung durch Notwendigkeit

Die meisten Menschen haben ein abstraktes Verhältnis zu Geld. Gehalt kommt rein, Ausgaben gehen raus, am Ende des Monats schaut man, was übrig ist.

Als Gründer wird Geld konkret. Du lernst, was Cashflow bedeutet -- nicht als Lehrbuch-Definition, sondern als die Erfahrung, dass du eine Rechnung bezahlen musst und das Kundengeld noch nicht da ist. Du lernst, was die SVS-Beiträge wirklich kosten. Du lernst, was der Unterschied zwischen Umsatz und Gewinn ist, wenn du ihn am eigenen Kontostand erlebst.

Diese finanzielle Bildung kommt nicht aus einem Kurs. Sie kommt aus der täglichen Auseinandersetzung mit deiner eigenen Finanzrealität. Und sie macht dich für den Rest deines Lebens besser im Umgang mit Geld -- egal ob du weiter gründest oder in einen Konzern zurückkehrst.

Ein Netzwerk, das bleibt

Eine Fähigkeit, die oft übersehen wird: Als Gründer baust du ein Netzwerk auf, das weit über dein Startup hinausreicht. Du triffst Investoren, Mentoren, andere Gründer, Branchenexperten, Berater, Steuerberater, Anwälte, Journalisten.

Wir sehen bei unseren Alumni im Burgenland und in ganz Österreich: Das Netzwerk, das sie während ihrer Gründungsphase aufgebaut haben, bleibt bestehen -- auch wenn das Startup es nicht tut. Ehemalige Gründer aus unserem Programm helfen sich gegenseitig mit Kontakten, Rat und manchmal auch mit Aufträgen. Das ist keine abstrakte "Community". Das sind echte Beziehungen, entstanden unter dem Druck einer gemeinsamen Erfahrung.

Und dieses Netzwerk wächst mit jedem Event, das du besuchst, jedem Pitch, den du hältst, jeder Kooperation, die du eingehst. Es ist eine Investition, die sich unabhängig vom Ausgang deines Startups auszahlt.

Die Fähigkeit, Systeme zu denken

Eine Veränderung, die weniger offensichtlich ist, aber mindestens genauso wichtig: Als Gründer lernst du, in Systemen zu denken. Du siehst nicht mehr einzelne Aufgaben, sondern Zusammenhänge. Wie hängt die Produktqualität mit der Kundenzufriedenheit zusammen? Wie beeinflusst dein Marketing deinen Vertrieb? Wie wirkt sich eine Personalentscheidung auf die Unternehmenskultur aus?

Dieses systemische Denken ist eine Fähigkeit, die in der Angestelltenwelt selten trainiert wird, weil die meisten Positionen auf einen Ausschnitt des Ganzen fokussiert sind. Als Gründer hast du keine Wahl -- du musst das Ganze sehen. Und das verändert dauerhaft, wie du Probleme analysierst und Lösungen entwickelst.

Selbstmanagement und Disziplin

Ein Aspekt, den kaum jemand vorhersieht: Als Gründer gibt es keinen Chef, der dir sagt, was du tun sollst. Keine Deadlines von oben. Keine Meetings, in denen dein Fortschritt überprüft wird. Du bist komplett selbstorganisiert.

Das klingt nach Freiheit. Und das ist es auch. Aber Freiheit ohne Struktur führt schnell zu Chaos. Die Gründer, die wir bei Startup Burgenland erfolgreich begleitet haben, haben sich eigene Systeme gebaut: Tagesroutinen, Wochenplanungen, Fokus-Blöcke. Nicht weil sie kontrollsüchtig sind, sondern weil sie gelernt haben, dass Produktivität ohne Struktur nicht funktioniert.

In Österreich, wo viele Gründer nebenbei noch einen Job haben oder familiäre Verpflichtungen managen, ist dieses Selbstmanagement besonders kritisch. Du hast keine 16 Stunden am Tag für dein Startup. Also musst du die Stunden, die du hast, optimal nutzen. Diese Fähigkeit lernst du nirgendwo schneller als in der Gründung.

Der Vorher-Nachher-Vergleich: Was sich konkret ändert

Wir haben bei unseren Alumni immer wieder die gleichen Veränderungen beobachtet. Hier eine ehrliche Gegenüberstellung:

FähigkeitVor der GründungNach 12-18 Monaten Gründung
Entscheidungen treffenWartet auf alle InformationenEntscheidet mit 70% und korrigiert
Mit Ablehnung umgehenNimmt es persönlichSieht es als Datenpunkt
Geld verstehenGehalt = EinkommenCashflow, Marge, Runway
NetzwerkenTauscht VisitenkartenBaut echte Beziehungen
KommunizierenErklärt zu viel, zu detailliertKann auf den Punkt bringen
Prioritäten setzenAlles ist gleich wichtigFokus auf das eine Entscheidende
Mit Stress umgehenVermeidet StresssituationenArbeitet unter Druck produktiv
Konflikte lösenWeicht aus oder eskaliertAdressiert proaktiv und sachlich

Diese Tabelle ist natürlich vereinfacht. Aber sie zeigt die Richtung. Und diese Veränderungen sind irreversibel -- im positiven Sinne. Du verlernst diese Fähigkeiten nicht, auch wenn dein Startup nicht überlebt.

Die dunkle Seite der persönlichen Entwicklung

Es wäre unehrlich, nur die positiven Seiten zu beschreiben. Gründen verändert dich -- aber nicht immer auf eine Art, die sich sofort gut anfühlt.

Der Preis der Geschwindigkeit

Du lernst, schnell zu entscheiden. Das hilft im Business. Aber es kann deine privaten Beziehungen belasten. Nicht jedes Gespräch braucht eine schnelle Entscheidung. Manchmal will dein Partner einfach reden, ohne dass du sofort in den Lösungsmodus springst.

Die Ungeduld mit Langsamkeit

Nach einem Jahr als Gründer wirst du ungeduldig mit Strukturen, die langsam sind. Bürokratie, große Organisationen, langwierige Entscheidungsprozesse -- all das reizt dich mehr als früher. Das kann in einem Konzern-Job zum Problem werden, wenn du nach der Gründung zurückkehrst.

Die Schwierigkeit, abzuschalten

Gründen trainiert dein Gehirn darauf, ständig an Probleme und Lösungen zu denken. Abschalten wird schwieriger. Das Wochenende fühlt sich nicht mehr wie eine Pause an, sondern wie verlorene Arbeitszeit. Diese Gewohnheit loszuwerden ist harte Arbeit -- und ein Thema, über das wir im Coaching regelmäßig sprechen.

Die veränderte Risikotoleranz

Als Gründer gewöhnst du dich an Unsicherheit. Das ist im Business ein Vorteil. Aber es kann dazu führen, dass du auch privat riskanter agierst -- finanzielle Entscheidungen, Karriereentscheidungen, Lebensentscheidungen. Die erhöhte Risikotoleranz ist ein zweischneidiges Schwert: Sie ermöglicht Großes, aber sie kann auch zu Leichtsinn führen.

Verändert Gründen jeden gleich?

Nein. Und es wäre unehrlich, das zu behaupten. Die Art der Veränderung hängt davon ab, wo du startest und was du mitbringst.

Introvertierte Gründer werden nicht plötzlich zu Bühnen-Stars. Aber sie lernen, in kleinen Gruppen überzeugend zu argumentieren. Zahlenaffine Gründer werden keine Marketing-Genies. Aber sie lernen, ihre Daten so zu präsentieren, dass Nicht-Techniker sie verstehen.

Die Veränderung passiert nicht in deiner Persönlichkeit. Sie passiert in deinem Repertoire. Du bekommst mehr Werkzeuge. Mehr Optionen. Mehr Flexibilität im Umgang mit Situationen, die du vorher als "nicht mein Ding" abgestempelt hättest.

Warum ist die Reise wichtiger als das Ziel?

Das klingt wie ein Kalenderspruch. Ist es aber nicht.

Wir haben bei Startup Burgenland Gründer begleitet, deren Startups nicht überlebt haben. Und wir haben sie danach gesehen -- in neuen Jobs, in neuen Gründungen, in Führungspositionen in Unternehmen. Und fast ausnahmslos sagen sie: Die Gründungserfahrung war das Beste, was ihnen passiert ist.

Nicht weil Scheitern romantisch wäre. Sondern weil die Fähigkeiten, die sie in dieser Zeit entwickelt haben, ihnen in allem danach geholfen haben. Die Entscheidungsfähigkeit. Die Resilienz. Die Kommunikationsfähigkeit. Die finanzielle Kompetenz. Das Netzwerk.

In Österreich gibt es eine kulturelle Tendenz, Scheitern als Endpunkt zu sehen. Aber in Wahrheit ist eine gescheiterte Gründung oft der Anfang einer beschleunigten Karriere. Wir sehen das regelmäßig -- bei unseren Alumni in Wien, Graz und im Burgenland.

Drei Übungen, die deine persönliche Entwicklung als Gründer beschleunigen

Du musst nicht warten, bis die Gründung dich verändert. Du kannst den Prozess aktiv gestalten.

Übung 1: Die Wochen-Reflexion (10 Minuten, jeden Freitag)

Beantworte drei Fragen schriftlich:

  • Was habe ich diese Woche gelernt, das ich letzte Woche noch nicht wusste?
  • Welche Entscheidung habe ich getroffen, die mich Überwindung gekostet hat?
  • Was hätte ich anders machen sollen -- und warum?

Diese Reflexion macht unbewusstes Lernen sichtbar. Und sie zeigt dir über die Wochen hinweg, wie viel du dich tatsächlich weiterentwickelst.

Übung 2: Das Kompetenz-Tagebuch (fortlaufend)

Führe eine Liste mit Dingen, die du zum ersten Mal getan hast. Erster Pitch. Erste Verhandlung. Erster Kundenverlust. Erstes Fördergespräch bei der FFG. Erstes Mitarbeitergespräch.

Diese Liste wächst schneller als du denkst. Und wenn du in sechs Monaten zurückschaust, wirst du überrascht sein, wie viele Erstmals-Erfahrungen du gesammelt hast.

Übung 3: Das Feedback-Gespräch (monatlich)

Bitte eine Person aus deinem Umfeld -- Coach, Mentor, Mitgründer oder Vertrauensperson -- um ehrliches Feedback: "Was hat sich an mir verändert, seit ich gründe? Was ist besser geworden? Was ist schlechter?"

Dieses Gespräch ist unbequem. Aber es liefert dir Perspektiven, die du selbst nicht haben kannst.

Was du wissen solltest, bevor du startest

Die persönliche Entwicklung durch eine Gründung ist real. Aber sie ist kein Spaziergang. Hier ist, was niemand erwähnt:

Es ist anstrengend. Persönliches Wachstum fühlt sich im Moment nicht wie Wachstum an. Es fühlt sich wie Stress, Überforderung und Selbstzweifel an. Erst rückblickend erkennst du, wie viel du gelernt hast.

Es betrifft dein gesamtes Leben. Du veränderst dich nicht nur als Gründer. Du veränderst dich als Partner, als Freund, als Familienmitglied. Nicht immer zum Besseren -- zumindest nicht kurzfristig. Gründer, die 70 Stunden pro Woche arbeiten, sind keine besseren Partner. Aber Gründer, die lernen, Prioritäten zu setzen und ehrlich zu kommunizieren, sind es.

Es ist nicht reversibel. Wenn du einmal als Gründer gearbeitet hast, siehst du die Welt anders. Du siehst Probleme als Geschäftsmöglichkeiten. Du siehst Ineffizienzen als Chancen. Du siehst in jedem Gespräch potenzielle Kunden oder Partner. Das kann bereichernd sein -- aber es kann auch anstrengend sein.

Ist Gründen der einzige Weg zur persönlichen Entwicklung?

Natürlich nicht. Du kannst dich auch durch Sport, Therapie, Reisen, ehrenamtliches Engagement oder einen herausfordernden Job weiterentwickeln.

Aber Gründen hat eine besondere Qualität: Es kombiniert finanzielle Verantwortung, soziale Interaktion, kreative Problemlösung und emotionale Belastbarkeit in einem einzigen Kontext. Es gibt wenige Erfahrungen, die so viele Wachstumsdimensionen gleichzeitig ansprechen.

Wie du in Soll ich gründen? 7 Fragen, die dir Klarheit geben nachlesen kannst, geht es bei der Gründungsentscheidung nicht nur um die Geschäftsidee. Es geht auch darum, ob du bereit bist für diese Art der Veränderung.

Dein nächster Schritt

Du musst nicht gründen, um dich persönlich weiterzüntwickeln. Aber wenn du es in Betracht ziehst, stell dir eine ehrliche Frage: Welche Version von dir willst du in drei Jahren sein?

Wenn die Antwort Eigenschaften enthält wie "entscheidungsfreudiger", "belastbarer", "finanziell kompetenter", "kommunikativ stärker" -- dann könnte eine Gründung der schnellste Weg dorthin sein.

Der erste konkrete Schritt? Lies Dein Start: Was du diese Woche tun kannst, wenn du über eine Gründung nachdenkst. Dort findest du sieben Tage mit konkreten Aktionen, die dich vom Nachdenken ins Tun bringen.

Oder schreib uns bei Startup Burgenland ein formloses E-Mail. Unser Erstgespräch dauert etwa 20 Minuten und hilft dir einzuschätzen, wo du stehst -- und welcher nächste Schritt für dich sinnvoll wäre.

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Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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