Warum wir über Scheitern reden müssen
Über Erfolg zu reden ist leicht. Über Scheitern zu reden ist unangenehm -- aber notwendig. Denn aus Misserfolgen lernt man mehr als aus Erfolgen. Das klingt wie ein Motivationsspruch, ist aber eine nüchterne Feststellung.
Bei Startup Burgenland haben wir in über 300 gescreenten Bewerbungen und 40+ direkt begleiteten Startups nicht nur Erfolge gesehen. Wir haben auch beobachtet, wie gute Ideen gescheitert sind. Nicht weil die Gründer dumm waren oder die Ideen schlecht. Sondern weil bestimmte Fehler gemacht wurden, die vermeidbar gewesen wären.
Dieser Post beschreibt die fünf häufigsten Fehler, die wir beobachtet haben. Nicht um zu entmutigen, sondern um dich besser vorzubereiten.
Fehler 1: Verliebt in die Lösung statt in das Problem
Was passiert
Ein Gründer hat eine technisch brillante Idee. Er baut monatelang an einem Produkt. Er investiert tausende Euro und hunderte Stunden. Und dann stellt er fest: Niemand will es kaufen. Nicht weil das Produkt schlecht ist, sondern weil das Problem, das es löst, nicht groß genug ist -- oder nicht so existiert, wie er es sich vorgestellt hat.
Warum es passiert
Weil es sich gut anfühlt, zu bauen. Code zu schreiben, Prototypen zu entwerfen, Features zu planen -- das gibt dir das Gefühl, voranzukommen. Mit potenziellen Kunden zu sprechen und zu hören "Das brauche ich nicht" fühlt sich dagegen wie ein Rückschritt an.
Wie du es vermeidest
Rede mit 20 potenziellen Kunden, bevor du eine Zeile Code schreibst. Nicht um deine Idee zu pitchen, sondern um zuzuhören. Frage nicht: "Würdest du das kaufen?" Frage: "Wie löst du dieses Problem heute? Was nervt dich daran? Was hast du schon probiert?"
Wenn 15 von 20 sagen "Das Problem habe ich nicht" -- hast du kein Produkt-Problem, du hast ein Markt-Problem. Und das zu wissen, bevor du EUR 50.000 investiert hast, ist unbezahlbar.
Fehler 2: Die falsche Teamkonstellation
Was passiert
Zwei Freunde gründen zusammen. Beide können das Gleiche -- zum Beispiel Softwareentwicklung. Was fehlt: jemand, der verkaufen kann. Oder jemand, der die Finanzen versteht. Oder jemand, der mit Kunden reden will.
In einem anderen Szenario: Ein Solo-Gründer versucht, alles allein zu machen. Produkt, Vertrieb, Marketing, Buchhaltung, Recht, Kundenservice. Er schafft alles ein bisschen -- aber nichts richtig.
Warum es passiert
Weil wir uns mit Menschen zusammentun, die so sind wie wir. Gleiche Interessen, gleiche Fähigkeiten, gleiche Denkweise. Das fühlt sich harmonisch an, ist aber strategisch ein Fehler. Ein Startup braucht Diversität in den Fähigkeiten, nicht Homogenität.
Wie du es vermeidest
Stell dir die ehrliche Frage: Was kann mein Team, und was fehlt? Die klassischen drei Rollen, die ein Startup braucht:
- Jemand, der baut (Produkt, Technik)
- Jemand, der verkauft (Vertrieb, Marketing, Kunden)
- Jemand, der steuert (Finanzen, Strategie, Operations)
In der Frühphase machen das oft ein oder zwei Personen. Aber es muss abgedeckt sein. Wenn dein Team aus drei Technikern besteht und keiner gerne mit Kunden spricht -- hast du ein Problem, bevor du ein Produkt hast.
Bei Startup Burgenland helfen wir in unserem Coaching, diese Lücken zu identifizieren und zu schließen -- sei es durch Team-Ergänzung, durch externe Berater oder durch gezieltes Skill-Building.
Fehler 3: Zu früh skalieren
Was passiert
Das Startup hat fünf Kunden und zieht in ein Büro. Es stellt drei Mitarbeiter ein. Es investiert in ein CRM-System, eine professionelle Website, ein Social-Media-Team. Die monatlichen Fixkosten steigen auf EUR 15.000 -- bei EUR 5.000 Umsatz.
Drei Monate später ist das Geld weg.
Warum es passiert
Weil die Startup-Kultur Wachstum feiert. "Scale fast or die trying" klingt sexy. Und es gibt einen realen Druck: Investoren wollen Wachstum sehen. Medien berichten über schnell wachsende Startups. Und es fühlt sich gut an, ein "richtiges" Unternehmen zu haben.
Wie du es vermeidest
Skaliere erst, wenn die Unit Economics stimmen. Das bedeutet: Du weißt, was es kostet, einen Kunden zu gewinnen. Du weißt, wie viel ein Kunde dir über seine Lebenszeit einbringt. Und der zweite Wert ist deutlich höher als der erste.
Solange du das nicht weißt, ist jede Expansion ein Glücksspiel.
Konkrete Faustregel: Skaliere nicht, bevor du mindestens 20-30 zahlende Kunden hast und dein Geschäftsmodell drei Monate in Folge profitabel war (auf Kundenbasis, nicht gesamtes Unternehmen).
In Österreich hast du den Vorteil, dass du lean bleiben kannst: Die Kleinunternehmerregelung, das Gründerprivileg und die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten, halten deine Fixkosten niedrig. Nutze das.
Fehler 4: Das Geld geht aus -- und niemand hat es kommen sehen
Was passiert
Der Gründer weiß ungefähr, wie viel Geld auf dem Konto ist. Aber er hat keine Cashflow-Planung. Er weiß nicht, wann die nächsten Rechnungen fällig sind. Er weiß nicht, wie lange sein Geld reicht, wenn kein neuer Umsatz kommt.
Und dann kommt der Moment, in dem eine unerwartete Rechnung eintrifft -- SVS-Nachzahlung, Steuernachforderung, Anwaltskosten -- und plötzlich ist das Konto leer.
Warum es passiert
Weil Finanzen langweilig sind. Gründer wollen Produkte bauen und Kunden gewinnen, nicht Tabellen pflegen. Und weil der Optimismus-Bias dafür sorgt, dass wir immer denken, der nächste Monat wird besser.
Wie du es vermeidest
Erstelle eine einfache Cashflow-Planung. Nicht kompliziert -- eine Excel-Tabelle reicht. Drei Spalten: Was kommt rein (gesichert), was geht raus (gesichert), was bleibt. Aktualisiere sie einmal pro Woche.
Kenne deine Runway. Wie viele Monate kannst du mit dem aktuellen Kontostand überleben, wenn kein neuer Umsatz kommt? Wenn die Antwort "weniger als drei Monate" ist, hast du ein dringendes Problem.
Hol dir einen Steuerberater. In Österreich sind die steuerlichen und sozialversicherungsrechtlichen Anforderungen an Selbstständige komplex. SVS-Beiträge werden nachträglich berechnet, Einkommensteuer-Vorauszahlungen basieren auf dem Vorjahr, die Umsatzsteuer-Voranmeldung hat Fristen. Ein guter Steuerberater schützt dich vor bösen Überraschungen.
Fehler 5: Keine Entscheidung treffen
Was passiert
Der Gründer steht an einer Weggabelung: Soll er den Kurs ändern oder beibehalten? Soll er einen Mitarbeiter einstellen oder allein weitermachen? Soll er den problematischen Kunden behalten oder loslassen?
Statt zu entscheiden, wartet er. Er sammelt mehr Daten. Er diskutiert mit seinem Team. Er verschiebt die Entscheidung auf nächste Woche. Und auf die Woche danach. Und auf die danach.
Sechs Monate später hat er keine Entscheidung getroffen -- und der Markt hat für ihn entschieden.
Warum es passiert
Weil Entscheidungen unter Unsicherheit unangenehm sind. Und weil Nicht-Entscheiden sich anfühlt wie eine sichere Option. Ist es aber nicht. Nicht-Entscheiden ist auch eine Entscheidung -- und meistens die schlechteste.
Wie du es vermeidest
Setze dir Deadlines für Entscheidungen. Nicht für die Umsetzung -- für die Entscheidung selbst. "Bis Freitag entscheide ich, ob wir das Feature bauen oder nicht."
Akzeptiere, dass du mit unvollständigen Daten entscheiden musst. In einer Gründung wirst du nie alle Informationen haben. Wenn du 70% der Daten hast, die du für eine Entscheidung brauchst -- triff sie. Die restlichen 30% klären sich durch die Umsetzung.
Die beste Entscheidung ist die, die du triffst. Nicht die perfekte. Die getroffene. In der Geschwindigkeit liegt der Vorteil kleiner Unternehmen gegenüber großen Konzernen.
Was alle fünf Fehler gemeinsam haben
Keiner dieser Fehler ist ein Zeichen von Dummheit oder Unfähigkeit. Es sind natürliche menschliche Tendenzen, die in der Gründungssituation besonders stark werden:
- Confirmation Bias: Wir suchen Bestätigung für das, was wir glauben wollen
- Optimismus-Bias: Wir überschätzen die Chance auf positive Ergebnisse
- Handlungs-Bias: Wir bevorzugen Aktivität (bauen) gegenüber Passivität (zuhören)
- Status-quo-Bias: Wir vermeiden Entscheidungen, die den aktuellen Zustand ändern
Das Wissen um diese Tendenzen macht sie nicht verschwinden. Aber es hilft, sie zu erkennen -- in Echtzeit, nicht erst rückblickend.
Ist Scheitern in Österreich anders?
Ja. Die österreichische Kultur hat ein kompliziertes Verhältnis zum Scheitern. "Fail fast, fail forward" -- das ist ein amerikanisches Konzept. In Österreich wird Scheitern immer noch stärker stigmatisiert als in den USA oder in Skandinavien.
Das ändert sich langsam. Aber als Gründer in Österreich solltest du wissen: Wenn du scheiterst, wird dein Umfeld weniger verständnisvoll sein als in einer Startup-Hochburg. Das ist unfair. Aber es ist auch ein Anreiz, sorgfältiger zu planen.
Das österreichische Sicherheitsnetz hilft: Die SVS schützt dich, das Sozialsystem fängt dich auf, und Insolvenzrecht ist in Österreich kein endgültiges Urteil. Du kannst nach einem gescheiterten Versuch wieder anfangen -- finanziell und rechtlich.
Dein Aktionsplan
Lies diese fünf Fehler noch einmal. Frage dich ehrlich: Welchen davon würdest du am ehesten machen? Nicht welchen du theoretisch für den gefährlichsten hältst -- sondern welchen du persönlich am ehesten begehen würdest.
Und dann arbeite genau daran.
Wenn du bei der Vermeidung dieser Fehler Unterstützung willst, ist das genau der Zweck von Coaching. Bei Startup Burgenland begleiten wir dich durch die Phasen, in denen diese Fehler passieren -- mit ehrlichem Feedback und praktischer Erfahrung aus 40+ begleiteten Startups.
Wenn du nochmal von vorn starten willst, lies Soll ich gründen? 7 Fragen, die dir Klarheit geben. Und wenn du die Entscheidungshilfe zwischen Startup und Selbstständigkeit brauchst, lies Startup oder Selbstständigkeit -- die ehrliche Entscheidungshilfe.
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Startup Burgenland hilft dir, die häufigsten Gründerfehler zu vermeiden -- durch individuelles 1:1 Coaching mit ehrlichem Feedback. Keine Theorie, sondern Praxis aus über 40 begleiteten Startups. Schreib uns ein formloses E-Mail für dein Erstgespräch.
Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.