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Familiengründung und Startup vereinbaren

Felix Lenhard 10 min Lesezeit
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Familiengründung und Startup vereinbaren

Letztes Jahr hat mir ein Gründer aus unserem Programm geschrieben: "Felix, meine Partnerin ist schwanger. Ich freu mich wahnsinnig -- aber ich hab keine Ahnung, wie ich das mit dem Startup hinkriegen soll." Diese Nachricht bekomme ich in verschiedenen Varianten mehrmals im Jahr. Die ehrliche Antwort: Es ist machbar, aber du musst es planen wie ein Projekt.

In Österreich gründen Menschen durchschnittlich mit 35 Jahren ihr erstes Unternehmen -- genau in der Lebensphase, in der viele auch eine Familie gründen. Diese Überschneidung ist kein Zufall, und sie ist kein Problem. Sie erfordert nur eine klare finanzielle Strategie.

Was Elternschaft wirklich kostet -- die ehrliche Rechnung

Bevor wir über Strategien sprechen, schauen wir uns die Zahlen an. Die meisten Gründer unterschätzen die Kosten massiv -- oder überschätzen sie. Beides ist problematisch.

Einmalige Anschaffungen im ersten Jahr

PostenSparsamMittelklassePremium
KinderwagenEUR 300EUR 800EUR 1.500+
Kinderbett + MatratzeEUR 150EUR 400EUR 800
AutositzEUR 100EUR 300EUR 500
Erstausstattung KleidungEUR 150EUR 400EUR 800
Wickelkommode + ZubehörEUR 100EUR 350EUR 700
SonstigesEUR 100EUR 300EUR 600
Gesamt einmaligEUR 900EUR 2.550EUR 4.900

Laufende monatliche Kosten

PostenBetrag/Monat
Windeln und PflegeprodukteEUR 50-80
Nahrung (nach dem Stillen)EUR 80-150
Kleidung (wächst schnell raus)EUR 30-60
Kinderarzt (Privatleistungen)EUR 20-50
Kinderbetreuung (ab ca. 1 Jahr)EUR 0-350
Rücklagen UnvorhergesehenesEUR 50-100
Gesamt monatlichEUR 230-790

Gute Nachricht für Gründer im Burgenland: Die Kinderbetreuung ist hier deutlich günstiger als in Wien. Viele Gemeinden bieten kostenlose oder stark subventionierte Betreuungsplätze ab dem ersten Lebensjahr an.

Das österreichische Sicherheitsnetz -- nutze es voll aus

Österreich hat eines der grosszügigsten Systeme für junge Familien in Europa. Als Gründer stehen dir diese Leistungen genauso zu -- aber du musst sie aktiv kennen und beantragen.

Kinderbetreuungsgeld -- die vier Modelle

Für Selbstständige und GmbH-Geschäftsführer gelten besondere Regeln:

ModellDauerBetrag/MonatZuverdienstgrenzeFür Gründer geeignet?
365 Tage (12+2)365 TageEUR 2.093EUR 18.000/JahrProblematisch -- niedrige Zuverdienstgrenze
851 Tage (28+3)851 TageEUR 898EUR 18.000/JahrSelten sinnvoll
Einkommensabhängig365 Tage80% des Letzteinkommens (max. EUR 2.300)EUR 8.100/JahrOft beste Wahl für Gründer
Familienzeitbonus28-31 TageEUR 24,88/TagKein ErwerbseinkommenFür Väter in den ersten Wochen

Wichtiger Hinweis zur Zuverdienstgrenze: Als GmbH-Geschäftsführer zählt dein Geschäftsführergehalt als Zuverdienst. Planst du Kinderbetreuungsgeld zu beziehen, musst du dein Gehalt eventuell anpassen -- besprich das frühzeitig mit deinem Steuerberater.

Weitere Leistungen, die du nicht vergessen solltest

  • Familienbeihilfe: EUR 132,30-174,70/Monat (je nach Alter), plus Mehrkindzuschlag
  • Kinderabsetzbetrag: EUR 67,80/Monat automatisch mit der Familienbeihilfe
  • Wochengeld für Selbstständige: Über die SVS, auf Basis der Beitragsgrundlage
  • Familienhärte-Fonds: Bei finanziellen Engpässen zusätzliche Unterstützung möglich

Einkommensplanung -- das Gründer-Eltern-Modell

Jetzt wird es konkret. Du brauchst einen Plan, der beide Welten zusammenbringt.

Phase 1 -- Vor der Geburt (Monat 1-9 der Schwangerschaft)

  • Finanzpolster aufbauen: Mindestens 6 Monate persönliche Lebenshaltungskosten plus die Einmalkosten fürs Baby zurücklegen
  • Versicherungen prüfen: Private Krankenversicherung für das Kind? Berufsunfähigkeitsversicherung aktualisieren? Mehr dazu in unserem Beitrag zu Versicherungen für Gründer
  • Startup-Prozesse dokumentieren: Wer übernimmt was, wenn du weniger verfügbar bist?
  • Co-Founder/Team briefen: Offene Kommunikation über deine geplante Auszeit

Phase 2 -- Geburt und erste Wochen (Monat 1-3)

  • Familienzeit nehmen: Ernst gemeint. Die ersten Wochen sind nicht die Zeit für Pitch Decks. Dein Startup überlebt das, deine Familie erinnert sich daran.
  • Minimalbetrieb im Startup: Nur das Allernotwendigste -- Kundenanfragen, kritische Deadlines
  • Kinderbetreuungsgeld beantragen: Innerhalb von 91 Tagen nach der Geburt
  • Familienbeihilfe beantragen: Beim Finanzamt, so früh wie möglich

Phase 3 -- Wieder hochfahren (Monat 3-12)

  • Schrittweise Rückkehr: Starte mit 50-60 Prozent Arbeitszeit und steigere langsam
  • Kinderbetreuung organisieren: Tagesmutter, Krippe oder Grosseltern -- plane früh, Plätze sind rar
  • Arbeitszeiten anpassen: Viele Gründer-Eltern arbeiten früh morgens und abends, wenn das Kind schläft
  • Prioritäten setzen: Nicht alles, was vor dem Kind möglich war, ist jetzt noch sinnvoll

Betreuungsmodelle und ihre Kosten im Burgenland

ModellAlterKosten/MonatVerfügbarkeitFlexibilität
Grosseltern/FamilieAb GeburtEUR 0Abhängig von SituationHoch
TagesmutterAb 0 JahrenEUR 150-400Gut im BurgenlandMittel-Hoch
Kinderkrippe öffentlichAb 1 JahrEUR 0-150Begrenzte PlätzeNiedrig
Kinderkrippe privatAb 0 JahrenEUR 200-500VerfügbarMittel
Au-pairAb GeburtEUR 400-600 + Kost/LogisMuss organisiert werdenHoch

Burgenland-Tipp: Das Land Burgenland fördert Kinderbetreuung stark. In vielen Gemeinden ist der Kindergarten ab 2,5 Jahren gratis -- inklusive Mittagessen. Das spart gegenüber Wien schnell EUR 200-400 im Monat.

Die finanzielle Absicherung der Familie

Mit einem Kind ändert sich deine Verantwortung fundamental. Du bist nicht mehr nur für dich verantwortlich, und dein Startup trägt ein inherentes Risiko.

Absicherung Schritt für Schritt

  1. Risikolebensversicherung: Ab ca. EUR 15/Monat kannst du EUR 200.000-300.000 Todesfallschutz absichern. Pflicht für Gründer-Eltern.
  2. Berufsunfähigkeitsversicherung: Als Gründer oft schwer zu bekommen, aber versuche es. Alternativ: Erwerbsunfähigkeitsversicherung.
  3. Testament und Vorsorgevollmacht: Wer führt das Startup weiter, wenn dir etwas passiert? Wer verwaltet deinen Gesellschaftsanteil? Siehe auch Finanzielle Notfallplanung.
  4. Sorgerechtsverfügung: Wer kümmert sich um dein Kind, falls beiden Elternteilen etwas zustossen sollte?

Partnerschaft und Startup -- das Finanzgespräch führen

Ein Punkt, den viele Ratgeber auslassen: Die Partnerschaft ist bei Gründer-Eltern stärker belastet als bei Angestellten-Eltern. Das Startup frisst Zeit und Nerven, das Kind frisst Zeit und Nerven -- und dazwischen steht dein Partner oder deine Partnerin.

Konkrete Empfehlungen:

  • Monatliches Finanzgespräch: Setzt euch einmal im Monat zusammen und besprecht Budget, Ausgaben und den Startup-Status. 30 Minuten reichen.
  • Klare Budgets: Jeder hat ein persönliches Budget, über das er/sie frei verfügen kann. Kein Rechtfertigen für den Kaffee unterwegs.
  • Transparenz über Startup-Finanzen: Dein Partner/deine Partnerin muss wissen, wie es dem Startup geht -- zumindest die Basics: Runway, Break-even, grösste Risiken.
  • Plan B besprechen: Was passiert, wenn das Startup scheitert? Wenn ihr das vorher besprecht, nimmt es dem Thema den Schrecken.

Steuerliche Gestaltung für Gründer-Familien

In Österreich gibt es einige steuerliche Hebel für Familien, die du als Gründer nutzen kannst:

  • Alleinverdienerabsetzbetrag: EUR 572/Jahr (bei einem Kind, steigend mit weiteren Kindern), wenn dein Partner/deine Partnerin unter EUR 6.937/Jahr verdient
  • Kindermehrbetrag: Bis zu EUR 700 als Negativsteuer, wenn du wenig Lohnsteuer zahlst
  • Kinderbetreuungskosten: Bis EUR 2.300/Kind/Jahr absetzbar (bis zum 10. Lebensjahr)
  • Familienbonus Plus: EUR 166,68/Monat pro Kind bis 18 Jahre (danach EUR 58,34 bei Anspruch auf Familienbeihilfe)

Optimierungstipp: Wenn du als Gründer wenig Einkommen hast (weil du alles in der GmbH lässt), kann es sinnvoll sein, den Familienbonus Plus auf deinen Partner/deine Partnerin aufzuteilen.

Zehn Regeln für Gründer-Eltern

  1. Kein Geld aus dem Startup für Babysachen -- Private Ausgaben bleiben privat
  2. Elternzeit ist keine Schwäche -- Sie zeigt deinem Team, dass du Prioritäten setzen kannst
  3. Plane den Worst Case -- Was, wenn Startup und Kind gleichzeitig in eine Krise geraten?
  4. Nutze die ruhigen Stunden -- Frühmorgens und spätabends bist du oft produktiver als im Büro
  5. Outsource, was du kannst -- Putzfrau, Essenslieferung, Wäscheservice. Deine Zeit ist begrenzt.
  6. Sag öfter Nein -- Zu Meetings, Events, "kurzen Kaffees". Deine freie Zeit gehört der Familie.
  7. Bau ein Netzwerk mit anderen Gründer-Eltern auf -- Niemand versteht dich besser
  8. Unterschätze Schlafmangel nicht -- Er beeinflusst jede Entscheidung, die du triffst
  9. Feiere kleine Erfolge -- In beiden Welten
  10. Hol dir Hilfe, bevor du sie brauchst -- Ob Steuerberater, Kinderärztin oder Coach

Zusammenfassung

Familiengründung und Startup sind zwei der intensivsten Projekte, die das Leben zu bieten hat. Beide gleichzeitig zu machen ist anspruchsvoll, aber nicht unmöglich. Der Schlüssel liegt in vorausschauender Finanzplanung, der vollen Nutzung des österreichischen Sozialsystems und einer ehrlichen Kommunikation mit deinem Partner oder deiner Partnerin.

Plane früh, bau Polster auf, und vergiss nicht: Du baust das Startup für deine Familie -- nicht die Familie für dein Startup.

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Dieser Beitrag ist Teil der Serie "personal-finance-für-gründer" auf Startup Burgenland. Alle Beiträge findest du in unserem Blog.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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