Zum Inhalt springen

Finanzielle Notfallplanung

Felix Lenhard 10 min Lesezeit
Zurück zum Blog

Finanzielle Notfallplanung

73 Prozent aller österreichischen Startup-Gründer haben keinen persönlichen Notfallplan. Das ist eine Zahl, die mich seit Jahren beschäftigt -- denn ich habe gesehen, was passiert, wenn Gründer unvorbereitet in eine Krise stolpern. Ein Unfall, eine schwere Krankheit, ein plötzlicher Gesellschafterkonflikt oder einfach ein Startup, das schneller Geld verbrennt als geplant. In jedem dieser Fälle entscheidet deine Vorbereitung darüber, ob du dich erholst oder ob alles zusammenbricht.

Dieser Beitrag gibt dir einen konkreten Fahrplan, wie du dich als Gründer finanziell absicherst -- privat und unternehmerisch.

Was ein Notfall für Gründer wirklich bedeutet

Bei Angestellten ist ein finanzieller Notfall unangenehm. Bei Gründern kann er existenzbedrohend sein -- nicht nur für dich persönlich, sondern auch für dein Team, deine Kunden und dein Unternehmen.

Die vier Kategorien von Notfällen

KategorieBeispieleTypische KostenZeitdruck
Persönlich-gesundheitlichUnfall, Krankheit, BurnoutEUR 5.000-50.000+Mittel
Persönlich-privatScheidung, Todesfall, RechtsstreitEUR 10.000-100.000+Mittel-Hoch
Unternehmerisch-operativServerausfall, Produkthaftung, KundenverlustEUR 2.000-50.000Hoch
Unternehmerisch-existenziellFörderungsausfall, Gesellschafterstreit, InsolvenzgefahrEUR 20.000-200.000+Sehr hoch

Der entscheidende Unterschied zum Angestellten: Diese Kategorien können gleichzeitig eintreten. Ein Burnout führt zu operativen Problemen im Startup, die wiederum die Existenz des Unternehmens gefährden.

Der persönliche Notgroschen -- Grundlage für alles

Bevor du über Unternehmensreserven nachdenkst, muss dein persönlicher Notgroschen stehen. Als Gründer brauchst du mehr als der Durchschnittsösterreicher.

Wie gross muss der Notgroschen sein?

SituationEmpfohlene Reserve
Single, keine Kinder, Startup in Frühphase6 Monatsgehälter
Single, keine Kinder, Startup mit Umsatz4-6 Monatsgehälter
Partnerschaft, keine Kinder8 Monatsgehälter
Familie mit Kindern12 Monatsgehälter
Alleinverdiener mit Familie12-18 Monatsgehälter

Rechenbeispiel: Du zahlst dir EUR 3.500 netto monatlich aus und hast eine Familie. Dein Notgroschen sollte EUR 42.000 betragen. Das klingt viel -- aber es sichert dich für ein Jahr ab, selbst wenn das Startup kein Geld mehr abwirft.

Wo parkst du den Notgroschen?

Die drei Regeln: Sofort verfügbar, kein Verlustrisiko, getrennt vom Geschäftskonto.

OptionZinsen (ca.)VerfügbarkeitEmpfehlung
Girokonto (separates)0-0,5%SofortJa -- für 1-2 Monatsreserven
Tägliches Geld / Sparkonto1-3%1-3 TageJa -- für den Hauptteil
Festgeld 3 Monate2-3,5%3 MonateTeilweise -- für langfristigen Anteil
Aktien/ETFsVariabel1-5 Tage, KursrisikoNein -- nicht für den Notgroschen

Versicherungen -- das Sicherheitsnetz unter dem Notgroschen

Dein Notgroschen fängt die ersten Monate auf. Versicherungen schützen dich vor den wirklich grossen Risiken. Als Gründer brauchst du eine andere Absicherung als ein Angestellter -- mehr Details dazu findest du in unserem Beitrag zu Versicherungen für Gründer.

Die vier unverzichtbaren Versicherungen

  1. Krankenversicherung (SVS): Als Selbstständiger oder GmbH-Geschäftsführer bist du pflichtversichert. Prüfen: Reicht die Basisversorgung oder brauchst du eine private Zusatzversicherung?

  2. Berufsunfähigkeitsversicherung (BU): Das wichtigste Thema, das Gründer aufschieben. Wenn du körperlich oder geistig nicht mehr arbeiten kannst, bricht dein gesamtes Einkommen weg. Eine BU zahlt dir eine monatliche Rente. Kosten: ca. EUR 80-200/Monat für EUR 2.000 Monatsrente.

  3. Rechtsschutzversicherung: Klingt langweilig, rettet aber Existenzen. Ein einziger Rechtsstreit kann EUR 20.000-50.000 kosten. Firmenrechtsschutz ab ca. EUR 50/Monat. Siehe auch unseren Beitrag zu Streitbeilegung und Mediation.

  4. Haftpflichtversicherung: Privat und beruflich. Die private Haftpflicht kostet EUR 5-10/Monat und ist unverzichtbar. Die berufliche Haftpflicht hängt von deiner Branche ab.

Der Notfallordner -- alles an einem Platz

Klingt altmodisch, ist aber Gold wert: Ein physischer oder digitaler Ordner, in dem alles liegt, was im Ernstfall gebraucht wird.

Inhalt des persönlichen Notfallordners

Finanzen:

  • Übersicht aller Konten mit IBAN und Zugangsinformationen
  • Depots und Wertpapiere
  • Laufende Verträge (Miete, Versicherungen, Kredite)
  • Steuerbescheide der letzten 3 Jahre
  • Kontakt des Steuerberaters

Rechtliches:

  • Testament (beim Notar hinterlegt -- hier nur Hinweis wo)
  • Vorsorgevollmacht (notariell beglaubigt)
  • Patientenverfügung
  • Sorgerechtsverfügung (falls Kinder)
  • Gesellschaftsverträge und Beteiligungen

Unternehmen:

  • Zugangsdaten zu kritischen Systemen (verschlüsselt)
  • Kontaktdaten von Mitgründern, Investoren, Anwalt
  • Bankvollmachten und Zeichnungsberechtigungen
  • Kurzanleitung: Was muss im Notfall sofort passieren?

Wo aufbewahren?

  • Physisch: Zu Hause in einem feuerfesten Tresor oder Bankschliessfach
  • Digital: Verschlüsselter Cloud-Speicher oder Passwort-Manager mit Notfallzugang
  • Vertrauensperson informieren: Mindestens eine Person muss wissen, wo der Ordner ist

Notfallplanung im Startup -- die Unternehmensseite

Dein Startup braucht seine eigene Notfallplanung -- getrennt von deiner persönlichen. Die wichtigste Frage: Was passiert mit dem Unternehmen, wenn du ausfällst?

Gesellschaftsvertrag prüfen

Dein Gesellschaftsvertrag sollte klare Regelungen enthalten für:

  • Geschäftsführungsausfall: Wer übernimmt, wenn du länger als 4 Wochen ausfällst?
  • Drag-Along/Tag-Along: Was passiert mit Gesellschaftsanteilen bei Tod oder dauerhafter Unfähigkeit?
  • Aufgriffsrecht: Können die verbleibenden Gesellschafter deine Anteile übernehmen -- und zu welchem Preis?
  • Nachfolgeregelung: Gibt es eine klare Nachfolgeregelung oder müssen die Erben eintreten?

Falls diese Punkte fehlen, ergänze sie jetzt. Ein Rechtsanwalt kostet dafür ca. EUR 1.500-3.000 -- eine der besten Investitionen, die du machen kannst.

Operative Notfallplanung

  • Zugangsdaten: Alle kritischen Logins in einem Team-Passwort-Manager (z.B. 1Password Teams, Bitwarden)
  • Bankzugang: Mindestens eine zweite Person muss zeichnungsberechtigt sein
  • Kundenkontakte: Wer betreut die wichtigsten Kunden, wenn du nicht da bist?
  • Laufende Verpflichtungen: Welche Zahlungen müssen weiterlaufen (Gehälter, Miete, SaaS-Abos)?

Der finanzielle Notfallplan in fünf Stufen

Stufe 1 -- Sofort (diese Woche)

  • Separates Notfallkonto eröffnen und ersten Betrag einzahlen
  • Bestehende Versicherungen prüfen und auflisten
  • Vorsorgevollmacht für eine Vertrauensperson ausstellen lassen

Stufe 2 -- Innerhalb von 30 Tagen

  • Notgroschen-Ziel berechnen und Sparplan einrichten
  • Berufsunfähigkeitsversicherung abschliessen oder prüfen
  • Gesellschaftsvertrag auf Notfallregelungen prüfen
  • Digitalen Notfallordner anlegen

Stufe 3 -- Innerhalb von 90 Tagen

  • Notgroschen auf mindestens 3 Monatsgehälter aufgebaut
  • Testament beim Notar hinterlegen
  • Zweite zeichnungsberechtigte Person für Geschäftskonto einrichten
  • Kritische Prozesse im Startup dokumentieren

Stufe 4 -- Innerhalb von 6 Monaten

  • Notgroschen auf Zielgrösse aufgebaut
  • Alle Versicherungen optimiert
  • Notfallordner komplett und an Vertrauensperson kommuniziert
  • Gesellschaftsvertrag um Notfallregelungen ergänzt

Stufe 5 -- Laufend (jährlicher Check)

  • Notgroschen-Höhe an aktuelle Lebensumstände angepasst?
  • Versicherungssummen noch ausreichend?
  • Notfallordner aktuell?
  • Vertrauenspersonen informiert und handlungsfähig?

Was tun, wenn der Notfall eintritt?

In den ersten 48 Stunden

  1. Ruhe bewahren -- Panikentscheidungen sind die teuersten
  2. Vertrauensperson informieren -- Die Person, die deinen Notfallordner kennt
  3. Laufende Verpflichtungen sichern -- Gehälter, Miete, kritische Zahlungen
  4. Nicht sofort kündigen oder liquidieren -- Erst Überblick verschaffen

In der ersten Woche

  1. Finanzielle Bestandsaufnahme -- Was hast du, was brauchst du, wie lange reicht es?
  2. Professionelle Hilfe holen -- Steuerberater, Anwalt, ggf. Insolvenzberater
  3. Kommunikation planen -- Wer muss informiert werden (Team, Investoren, Kunden)?

Im ersten Monat

  1. Sanierungsplan erstellen -- Falls das Startup betroffen ist
  2. Privates Budget auf Minimum fahren -- Jetzt zählt jeder Euro
  3. Förderungen und Hilfsprogramme prüfen -- SVS-Härtefonds, aws Bridge-Financing, WKO-Beratung

Spezialfall: Insolvenz vorbereiten

Niemand denkt gerne daran, aber als Gründer musst du wissen: Eine Insolvenz ist kein Weltuntergang. In Österreich gibt es das Sanierungsverfahren, das dir ermöglicht, das Unternehmen unter bestimmten Bedingungen fortzuführen.

Wichtig zu wissen:

  • Insolvenzantragspflicht: Innerhalb von 60 Tagen nach Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung
  • Persönliche Haftung als Geschäftsführer: Bei verspätetem Antrag haftest du persönlich
  • Privatvermögen schützen: Wenn du Privat- und Firmenvermögen sauber getrennt hast (siehe Privatvermögen und Startup trennen), ist dein Privatvermögen grundsätzlich geschützt

Zusammenfassung

Finanzielle Notfallplanung ist das, was zwischen einem Rückschlag und einer Katastrophe steht. Als Gründer traust du dich, Risiken einzugehen -- das ist gut. Aber Risiken eingehen bedeutet nicht, unvorbereitet zu sein. Bau deinen Notgroschen auf, sichere dich ab, erstelle deinen Notfallordner, und prüfe deinen Gesellschaftsvertrag. Das kostet dich ein paar Stunden und etwas Geld jetzt -- aber es kann dir alles ersparen, wenn es darauf ankommt.


Dieser Beitrag ist Teil der Serie "personal-finance-für-gründer" auf Startup Burgenland. Alle Beiträge findest du in unserem Blog.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

Erstgespräch vereinbaren

Du überlegst zu gründen oder bist schon mittendrin? Schreib uns ein formloses E-Mail -- wir melden uns innerhalb weniger Tage.

E-Mail schreiben