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IPO -- Ist ein Börsengang für dein Startup realistisch?

Felix Lenhard 10 min Lesezeit
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IPO -- Ist ein Börsengang für dein Startup realistisch?

Der Börsengang -- das Kronjuwel der Exit-Optionen. Zumindest wird er oft so dargestellt. In der Realität ist ein IPO für die allermeisten Startups weder realistisch noch sinnvoll. Aber für einige wenige kann er die beste Option sein.

In diesem Artikel schauen wir uns ehrlich an, was ein IPO bedeutet, welche Voraussetzungen du brauchst und ob diese Exit-Option für dein Startup überhaupt in Frage kommt.

Was ist ein IPO?

IPO steht für "Initial Public Offering" -- auf Deutsch: Erstmaliges öffentliches Angebot. Dabei werden Aktien deines Unternehmens zum ersten Mal an einer Börse zum Kauf angeboten. Damit wird dein Unternehmen zu einer börsennotierten Aktiengesellschaft.

Was passiert bei einem IPO?

  1. Dein Unternehmen gibt neue Aktien aus (Kapitalerhöhung) und/oder bestehende Aktionäre verkaufen Anteile
  2. Diese Aktien werden über die Börse an Investoren verkauft
  3. Ab dem IPO können die Aktien frei an der Börse gehandelt werden
  4. Dein Unternehmen unterliegt ab sofort den Publizitätspflichten einer börsennotierten Gesellschaft

Voraussetzungen für einen IPO

Unternehmerische Voraussetzungen

Nicht jedes Startup kann an die Börse gehen. Die Mindestvoraussetzungen sind hoch:

Grösse und Umsatz:

  • Mindestens 20-50 Mio. EUR Jahresumsatz (je nach Börsensegment)
  • Klarer Wachstumspfad
  • Skalierbare Geschäftsmodell

Profitabilität:

  • Idealerweise profitabel oder klar auf dem Weg dorthin
  • Nachhaltige Margen
  • Vorhersagbare Umsätze (z.B. SaaS-Modell)

Track Record:

  • Mindestens 3 Jahre Geschäftshistorie
  • Geprufte Jahresabschlüsse nach IFRS
  • Professionelles Management-Team

Corporate Governance:

  • Aufsichtsrat oder Verwaltungsrat
  • Interne Kontrollsysteme
  • Compliance-Strukturen
  • Risikomanagement

Rechtliche Voraussetzungen in Österreich

Für einen IPO an der Wiener Börse musst du:

  • Eine Aktiengesellschaft (AG) sein oder eine SE (Societas Europäa)
  • Einen Börseprospekt erstellen lassen und von der FMA (Finanzmarktaufsicht) genehmigen lassen
  • Die Zulassungsvoraussetzungen des gewählten Marktsegments erfüllen
  • Einen Emissionsberater und eine Emissionsbank beauftragen

Die Wiener Börse -- Marktsegmente

Die Wiener Börse bietet verschiedene Segmente:

Prime Market:

  • Das Premiumsegment für grosse Unternehmen
  • Strenge Transparenz- und Qualitätsstandards
  • Mindest-Streubesitz von 25%
  • IFRS-Berichterstattung

Standard Market:

  • Für mittelgrosse Unternehmen
  • Etwas geringere Anforderungen
  • Nationale Rechnungslegungsstandards möglich

direct market plus:

  • Für KMU und Wachstumsunternehmen
  • Vereinfachte Anforderungen
  • Niedrigere Kosten
  • Kann ein Sprungbrett zum Prime Market sein

Vienna MTF:

  • Multilateraler Handelsplatz
  • Noch niedrigere Anforderungen
  • Für besonders kleine Unternehmen

Die Kosten eines IPO

Ein IPO ist teuer -- sehr teuer. Hier eine realistische Kostenaufstellung:

Einmalige Kosten

PostenKosten
Emissionsbank (Underwriting Fee)3-7% des Emissionsvolumens
Rechtsanwälte200.000 -- 500.000 EUR
Wirtschaftsprüfer100.000 -- 300.000 EUR
Börseprospekt150.000 -- 400.000 EUR
Investor Relations Setup50.000 -- 150.000 EUR
Marketing und Roadshow100.000 -- 300.000 EUR
Börsenzulassungsgebühren10.000 -- 50.000 EUR
Gesamt (geschätzt)800.000 -- 2.500.000 EUR

Bei einem IPO-Volumen von 20 Mio. EUR reden wir also über Kosten von 1,5-3,5 Mio. EUR -- das sind 7-17% des Volumens.

Laufende Kosten

Dazu kommen jährliche Kosten als börsennotiertes Unternehmen:

  • Investor Relations: 100.000 -- 300.000 EUR pro Jahr
  • Erweiterte Prüfungspflichten: 50.000 -- 150.000 EUR pro Jahr
  • Aufsichtsrat-Vergütung: 50.000 -- 200.000 EUR pro Jahr
  • Compliance und Reporting: 100.000 -- 250.000 EUR pro Jahr
  • Börsengebühren: 10.000 -- 30.000 EUR pro Jahr

Jährliche Mehrkosten: 310.000 -- 930.000 EUR

Der IPO-Prozess

Phase 1: Vorbereitung (12-24 Monate)

  • Rechtsformumwandlung: Falls nötig, Umwandlung in eine AG
  • IFRS-Umstellung: Rechnungslegung auf internationale Standards umstellen
  • Corporate Governance: Aufsichtsrat bilden, Compliance-Strukturen aufbauen
  • Equity Story: Die überzeugende Geschichte für Investoren entwickeln
  • Emissionsbank auswählen: Pitches von Investmentbanken einholen

Phase 2: Strukturierung (3-6 Monate)

  • Prospekterstellung: Der Börseprospekt wird erstellt -- ein umfangreiches rechtliches Dokument
  • Due Diligence: Durch die Emissionsbank und Anwälte
  • FMA-Genehmigung: Der Prospekt muss von der Finanzmarktaufsicht genehmigt werden
  • Preisfindung: Bookbuilding-Verfahren oder Festpreisverfahren

Phase 3: Marketing (2-4 Wochen)

  • Roadshow: Präsentationen vor institutionellen Investoren in Wien, Frankfurt, London, etc.
  • Pressearbeit: Medienberichterstattung generieren
  • Investorenansprache: Gezielte Ansprache von Fondsmanagern und institutionellen Investoren

Phase 4: Bookbuilding und Pricing (1-2 Wochen)

  • Ordersammlung: Investoren geben ihre Zeichnungswünsche ab
  • Preisfestsetzung: Basierend auf der Nachfrage wird der Emissionspreis festgelegt
  • Zuteilung: Die Aktien werden den Investoren zugeteilt

Phase 5: Erster Handelstag und danach

  • Listing: Die Aktien werden zum ersten Mal an der Börse gehandelt
  • Lock-up: Bestehende Aktionäre dürfen ihre Anteile typischerweise 6-12 Monate lang nicht verkaufen
  • Investor Relations: Ab jetzt bist du ein öffentliches Unternehmen mit allen Pflichten

Vorteile eines IPO

Kapital für Wachstum

Ein IPO bringt frisches Kapital ins Unternehmen -- oft deutlich mehr als eine Venture-Capital-Runde. Und anders als bei einem Trade Sale bleibt das Geld im Unternehmen.

Hohe Bewertung

Börsennotierte Unternehmen werden oft höher bewertet als private Unternehmen, weil die Aktien liquide sind.

Prestige und Sichtbarkeit

Ein Börsengang generiert enorme Medienaufmerksamkeit und positioniert dein Unternehmen als ernstzunehmenden Player.

Teilweiser Exit

Du musst nicht alle Anteile verkaufen. Viele Gründer behalten einen signifikanten Anteil und profitieren weiterhin vom Wachstum.

Währung für Akquisitionen

Als börsennotiertes Unternehmen kannst du eigene Aktien als "Währung" für Übernahmen nutzen.

Mitarbeiterbeteiligung

Aktienoptionen und Mitarbeiterbeteiligungsprogramme werden deutlich attraktiver, wenn die Aktien börsennotiert und damit liquide sind.

Nachteile eines IPO

Hohe Kosten und Aufwand

Die Kosten sind erheblich -- sowohl einmalig als auch laufend. Für kleinere Startups sind sie oft prohibitiv.

Regulatorische Pflichten

Als börsennotiertes Unternehmen unterliegst du strengen Publizitätspflichten:

  • Quartalsbericht alle drei Monate
  • Ad-hoc-Publizität bei kursrelevanten Ereignissen
  • Directors' Dealings melden
  • Insiderhandelsverbot strikt einhalten

Kurzfristiger Druck

Quartalszahlen und Analystenschätzungen können zu kurzfristigem Denken verleiten. Das steht oft im Widerspruch zur langfristigen Strategie eines Startups.

Transparenz

Alles wird öffentlich -- deine Zahlen, deine Strategie, dein Gehalt. Das ist nicht für jeden angenehm.

Kontrollverlust

Mit dem Börsengang gibst du Kontrolle ab. Aktionäre haben Mitspracherechte, und aktivistische Investoren können Druck ausüben.

Alternativen zum klassischen IPO

Direct Listing

Beim Direct Listing werden keine neuen Aktien ausgegeben -- bestehende Aktien werden einfach zum Handel zugelassen. Vorteil: Keine Underwriting-Kosten. Nachteil: Kein frisches Kapital.

SPAC (Special Purpose Acquisition Company)

Ein SPAC ist ein Börsenmantel, der gezielt ein privates Unternehmen übernimmt. Das kann ein schnellerer Weg an die Börse sein -- ist aber in Europa weniger verbreitet als in den USA.

Dual Track

Du bereitest gleichzeitig einen IPO und einen Trade Sale vor und entscheidest dich dann für die bessere Option. Das ist aufwendig, gibt dir aber maximale Flexibilität.

IPO für österreichische Startups -- eine realistische Einschätzung

Seien wir ehrlich: Für die allermeisten österreichischen Startups ist ein IPO keine realistische Option. Die Gründe:

  • Der Markt ist zu klein: Die Wiener Börse hat im internationalen Vergleich eine geringe Liquidität
  • Die Kosten sind zu hoch: Unter 20-30 Mio. EUR Emissionsvolumen rechnet sich ein IPO kaum
  • Die Anforderungen sind zu streng: Viele Startups erfüllen die Voraussetzungen nicht
  • Die Alternativen sind besser: Ein Trade Sale oder ein MBO ist für die meisten Startups die sinnvollere Option

Wann könnte es trotzdem klappen?

Ein IPO kann für österreichische Startups sinnvoll sein, wenn:

  • Du ein Tech-Unternehmen mit starkem Wachstum und über 30 Mio. EUR Umsatz bist
  • Du international tätig bist und nicht nur auf den österreichischen Markt beschränkt
  • Du langfristig Kapital für Akquisitionen brauchst
  • Du eine starke Marke und eine überzeugende Story hast
  • Du bereit bist, die Kosten und den Aufwand zu tragen

Du könntest auch einen IPO an einer ausländischen Börse in Betracht ziehen -- Frankfurt, Amsterdam oder sogar die NASDAQ. Das erhoht aber die Komplexität und die Kosten erheblich.

Das direct market plus der Wiener Börse

Für kleinere österreichische Unternehmen kann das "direct market plus" Segment der Wiener Börse eine interessante Option sein:

  • Niedrigere Kosten: Deutlich günstigerer Zugang zum Kapitalmarkt
  • Weniger Anforderungen: Vereinfachte Zulassungsvoraussetzungen
  • KMU-freundlich: Speziell für kleinere Unternehmen konzipiert
  • Sprungbrett: Kann ein Schritt auf dem Weg zu einem grösseren Listing sein

Allerdings ist die Liquidität in diesem Segment gering, und die Bewertungen fallen entsprechend niedriger aus.

Fazit: IPO -- Traum oder Realität?

Ein IPO ist die Exit-Option mit dem höchsten Prestige -- aber auch mit den höchsten Anforderungen und Kosten. Für die Mehrheit der österreichischen Startups ist ein Trade Sale oder ein Management Buyout die realistischere und oft auch bessere Option.

Wenn du aber zu den wenigen gehörst, die die Voraussetzungen erfüllen, kann ein IPO eine hervorragende Möglichkeit sein, Kapital für weiteres Wachstum zu sichern, deinen Mitarbeitern attraktive Beteiligungsprogramme zu bieten und dein Unternehmen auf die nächste Stufe zu heben.

Mein Rat: Beschäftige dich mit allen Exit-Optionen und wähle die, die am besten zu deinem Unternehmen, deinen Zielen und deiner Situation passt.


Du fragst dich, welche Exit-Option die richtige für dich ist? Bei Startup Burgenland beraten wir dich individuell und helfen dir, die beste Strategie für deinen Exit zu entwickeln. Egal ob IPO, Trade Sale oder MBO -- wir finden gemeinsam den richtigen Weg.

Dieser Artikel ist Teil der Serie "Exit und Nachfolge" auf dem Startup Burgenland Blog. Die Serie behandelt alle Aspekte rund um den erfolgreichen Ausstieg aus deinem Startup -- von der Vorbereitung über die Verhandlung bis hin zu den Schritten nach dem Exit.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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