Positionierung im Wettbewerb -- So hebst du dich von der Konkurrenz ab
"Aber das gibt es doch schon!" -- Diesen Satz hörst du als Gründerin oder Gründer ständig. Von der Familie, von Freunden, manchmal sogar von Investoren. Und meistens stimmt es sogar. Aber das ist kein Problem -- es ist eine Chance.
Denn wenn es deinen Wettbewerb schon gibt, heisst das: Es gibt einen Markt. Die Frage ist nicht, ob es Konkurrenz gibt, sondern wie du dich von ihr unterscheidest. Und genau darum geht es in der Wettbewerbspositionierung.
Diesen Beitrag baut auf den Grundlagen der Markenpositionierung und deiner Unique Value Proposition auf.
Wettbewerb verstehen -- Die drei Ebenen
Bevor du dich positionierst, musst du deinen Wettbewerb verstehen. Und der ist breiter, als du vielleicht denkst:
Ebene 1: Direkte Wettbewerber
Unternehmen, die dasselbe Problem für dieselbe Zielgruppe lösen. Sie bieten ein ähnliches Produkt oder einen ähnlichen Service an.
Beispiel: Du bietest eine Buchhaltungs-App für Kleinunternehmen an. Direkte Wettbewerber sind andere Buchhaltungs-Apps wie ProSaldo, FreeFinance oder sevdesk.
Ebene 2: Indirekte Wettbewerber
Unternehmen, die dasselbe Problem lösen, aber mit einer anderen Lösung.
Beispiel: Ein Steuerberater, der die Buchhaltung für den Kunden macht. Oder Excel-Tabellen, die der Unternehmer selbst pflegt.
Ebene 3: Ersatz-Wettbewerber
Alles, was dazu führt, dass der Kunde sein Problem gar nicht löst -- oder es auf eine völlig andere Art angeht.
Beispiel: Der Unternehmer macht einfach gar keine Buchhaltung und riskiert Strafen. Oder er stellt einen Mitarbeiter dafür ein.
Das Wettbewerbsanalyse-Framework
Ich nutze in meiner Beratung ein strukturiertes Framework, das in fünf Phasen abläuft:
Phase 1: Wettbewerber identifizieren (2-3 Stunden)
Methoden zur Identifikation:
| Methode | Beschreibung | Tools |
|---|---|---|
| Google-Suche | Such nach deinen Keywords und schau, wer rankt | Google, Google Maps |
| Branchenverzeichnisse | WKO Firmen A-Z, Herold.at | wko.at, herold.at |
| Social Media | Such auf LinkedIn, Instagram nach relevanten Hashtags | LinkedIn, Instagram |
| Messen und Events | Wer stellt bei relevanten Events aus? | Messekalender |
| Kundenbefragung | Frag deine Zielgruppe: "Was nutzt ihr aktuell?" | Interviews, Umfragen |
| App Stores | Wenn du eine App baust: Schau in den Stores | App Store, Play Store |
| Förderungsberichte | Welche Startups haben Förderungen im selben Bereich erhalten? | aws, FFG, WiBuG |
Ziel: Eine Liste von 10-15 relevanten Wettbewerbern (direkt und indirekt).
Phase 2: Wettbewerber analysieren (4-5 Stunden)
Für jeden Wettbewerber sammelst du systematisch Informationen:
Analyse-Template:
| Dimension | Fragen | Quellen |
|---|---|---|
| Angebot | Was bieten sie an? Welche Features? Welche Pakete? | Website, Produktseiten |
| Preisgestaltung | Wie viel kostet es? Welches Modell (Abo, Einmal, Freemium)? | Pricing-Seite |
| Zielgruppe | Wen sprechen sie an? Welche Branche, Grösse, Region? | Marketing-Material |
| Kommunikation | Welchen Ton nutzen sie? Welche Kanäle? | Social Media, Blog |
| Stärken | Was machen sie richtig gut? | Kundenbewertungen |
| Schwächen | Was fehlt? Worüber beschweren sich Kunden? | Trustpilot, Google Reviews |
| Differenzierung | Wie positionieren sie sich? Was ist ihr USP? | Website, About-Seite |
| Team | Wie gross ist das Team? Welche Expertise? | LinkedIn, About-Seite |
| Finanzierung | Sind sie gefunded? Bootstrapped? | Presseberichte |
Phase 3: Positionierungskarte erstellen (1 Stunde)
Wie wir schon im Grundlagen-Beitrag besprochen haben, zeichnest du jetzt deine Wettbewerber auf eine Positionierungskarte.
Die besten Achsen-Kombinationen für österreichische Startups:
| Achse X | Achse Y | Am besten für |
|---|---|---|
| Preis (niedrig -- hoch) | Service (Self-Service -- Full-Service) | SaaS und Dienstleistungen |
| Lokal -- International | Spezialisiert -- Generalist | B2B-Startups |
| Traditionell -- Digital | Standardisiert -- Individuell | Handwerk und Produktion |
| Einfach -- Komplex | Für Einsteiger -- Für Profis | Software und Tools |
Phase 4: Lücken und Chancen identifizieren (1 Stunde)
Schau dir deine Positionierungskarte an und frag dich:
- Wo gibt es leere Bereiche, die niemand besetzt?
- Welche Kundenschmerzen werden von keinem Wettbewerber gelöst?
- Wo sind Kunden unzufrieden mit bestehenden Lösungen?
- Welche Trends verändern gerade den Markt?
- Welche regionalen Besonderheiten (Burgenland, Österreich) kann ich nutzen?
Phase 5: Differenzierungsstrategie wählen (2-3 Stunden)
Jetzt entscheidest du, wie du dich abheben willst.
Die sechs Differenzierungsstrategien
Strategie 1: Preis-Differenzierung
Du bietest dasselbe günstiger an. Oder du bietest mehr für denselben Preis.
Vorteil: Einfach zu kommunizieren. Nachteil: Schwer zu halten, wenn Wettbewerber nachziehen. Kann zum Preiskampf führen. Geeignet für: Startups mit strukturellem Kostenvorteil (z.B. weniger Overhead durch Remote-Team).
Österreich-Kontext: Vorsicht mit dem reinen Preis-Wettbewerb. Österreichische Kunden zahlen tendenziell lieber etwas mehr für Qualität und persönlichen Service.
Strategie 2: Spezialisierungs-Differenzierung
Du fokussierst dich auf eine enge Nische und wirst dort zum unangefochtenen Experten.
Vorteil: Weniger Wettbewerb, höhere Margen, klare Positionierung. Nachteil: Begrenzter Markt. Risiko, wenn die Nische zu klein ist. Geeignet für: B2B-Startups, Beratungen, spezialisierte SaaS-Lösungen.
Beispiel: Statt "Software für die Gastronomie" machst du "Software für Heurige und Buschenschenken im Burgenland". Eine winzige Nische -- aber genau diese Kunden fühlen sich verstanden.
Strategie 3: Service-Differenzierung
Du bietest ein besseres Kundenerlebnis als deine Wettbewerber. Schnellerer Support, persönlichere Betreuung, einfachere Nutzung.
Vorteil: Schwer zu kopieren. Hohe Kundenbindung. Nachteil: Skaliert nicht immer gut. Kann teuer sein. Geeignet für: Dienstleistungs-Startups, lokale Anbieter, B2B.
Strategie 4: Innovations-Differenzierung
Du bietest etwas Neues an, das es in dieser Form noch nicht gibt. Neue Technologie, neues Geschäftsmodell, neuer Ansatz.
Vorteil: Einzigartig. Kann First-Mover-Advantage schaffen. Nachteil: Höeres Risiko. Markt muss erst überzeugt werden. Geeignet für: Tech-Startups, Deep-Tech, disruptive Geschäftsmodelle.
Strategie 5: Marken-Differenzierung
Du baust eine so starke Marke auf, dass Kunden dich allein deswegen wählen. Durch deine Brand Story, dein Corporate Design und deine Markenwerte.
Vorteil: Langfristig die stärkste Differenzierung. Nachteil: Braucht Zeit und Investition. Geeignet für: Consumer-Brands, E-Commerce, Lifestyle-Startups.
Strategie 6: Regionale Differenzierung
Du positionierst dich bewusst als regionaler Anbieter und nutzt Nähe, Vertrauen und lokale Kenntnisse als Differenzierungsmerkmal.
Vorteil: Hohe emotionale Bindung. Schwer zu kopieren für überregionale Anbieter. Nachteil: Begrenzter Markt. Kann Wachstum erschweren. Geeignet für: Alle Startups im Burgenland, die regionale Kunden bedienen.
Österreich-Kontext: Die regionale Differenzierung ist in Österreich besonders stark. "Aus dem Burgenland" oder "Made in Austria" sind echte Wettbewerbsvorteile.
Differenzierungs-Matrix: Welche Strategie passt zu dir?
| Faktor | Preis | Spez. | Service | Innovation | Marke | Regional |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Budget nötig | Niedrig | Mittel | Mittel | Hoch | Hoch | Niedrig |
| Zeitaufwand | Sofort | 3-6 Mon. | 3-6 Mon. | 6-12 Mon. | 12+ Mon. | 3-6 Mon. |
| Kopierbarkeit | Leicht | Mittel | Schwer | Mittel | Schwer | Schwer |
| Skalierbarkeit | Hoch | Mittel | Niedrig | Hoch | Hoch | Niedrig |
| Nachhaltigkeit | Niedrig | Hoch | Hoch | Mittel | Sehr hoch | Hoch |
Wettbewerbsbeobachtung -- Laufend am Ball bleiben
Die Wettbewerbsanalyse ist kein einmaliges Projekt. Du musst den Markt kontinuierlich beobachten:
Wöchentlich (15 Minuten)
- Google Alerts für Wettbewerber-Namen und relevante Keywords einrichten
- Social-Media-Feeds der wichtigsten Wettbewerber checken
- Neue Bewertungen und Kommentare lesen
Monatlich (1 Stunde)
- Websites der Top-5-Wettbewerber besuchen: Gibt es neue Features, Preise, Angebote?
- Branchennews lesen: Gibt es neue Player im Markt?
- Eigene Positionierung reflektieren: Passt sie noch?
Quartalsweise (2-3 Stunden)
- Positionierungskarte aktualisieren
- Neue Wettbewerber aufnehmen, verschwundene streichen
- Differenzierungsstrategie überprüfen und bei Bedarf anpassen
- Bei grösseren Verschiebungen einen Brand Audit durchführen
Jährlich (1 Tag)
- Vollständige Wettbewerbsanalyse wiederholen
- Strategie-Workshop mit dem Team
- Positionierung überarbeiten, wenn nötig -- oder sogar ein Rebranding in Betracht ziehen
Häufige Fehler bei der Wettbewerbspositionierung
Fehler 1: Die Konkurrenz schlechtreden
Negative Kommunikation über Wettbewerber wirkt unprofessionell und unsicher. Konzentriere dich auf deine eigenen Stärken, nicht auf die Schwächen anderer.
Fehler 2: Zu viele Differenzierungsmerkmale
"Wir sind günstiger, schneller, besser, regionaler, innovativer und servicorientierter!" -- Wenn du dich auf alles konzentrierst, konzentrierst du dich auf nichts. Wähle ein bis zwei Differenzierungsmerkmale und mach sie richtig stark.
Fehler 3: Differenzierung ohne Relevanz
Du bist der einzige Anbieter mit einem lila Logo? Herzlichen Glückwunsch -- das interessiert aber niemanden. Deine Differenzierung muss für deine Kunden relevant sein.
Fehler 4: Die Konkurrenz ignorieren
"Wir haben keine Konkurrenz" ist der gefährlichste Satz, den du als Gründer sagen kannst. Es gibt immer Konkurrenz -- mindestens in Form der bestehenden Lösung deiner Kunden (auch wenn das "nichts tun" ist).
Fehler 5: Positionierung zu früh fixieren
Dein Markt verändert sich, dein Produkt verändert sich, dein Verständnis deiner Kunden verändert sich. Deine Positionierung muss flexibel genug sein, um mitzuwachsen.
Fallbeispiel: Positionierung eines burgenländischen Startups
Stell dir vor, du gründest einen Online-Marktplatz für regionale Lebensmittel im Burgenland:
Wettbewerbslandschaft:
- Grosse Player: markta.at, myProduct.at
- Regionale Initiativen: Diverse Ab-Hof-Verzeichnisse
- Indirekte Wettbewerber: Supermärkte mit Regionalregalen
Analyse der Lücken:
- Keiner bietet Abo-Modelle für regelmässige Lieferungen
- Keiner fokussiert sich auf das Burgenland
- Keiner verbindet die Bestellung mit Erlebnissen (Hofbesuche, Verkostungen)
Gewählte Differenzierung: Regionale Differenzierung + Service-Differenzierung
Positionierung: "Der einzige Lebensmittel-Marktplatz, der ausschliesslich burgenländische Produkte bündelt und als Wochen-Abo direkt nach Hause liefert -- mit persönlichem Kontakt zu jedem Produzenten."
Dein Positionierungs-Werkzeugkasten
| Situation | Empfohlenes Werkzeug | Zeitaufwand |
|---|---|---|
| Ersten Überblick verschaffen | Google-Recherche + Positionierungskarte | 2-3 Stunden |
| Tiefenanalyse eines Wettbewerbers | Analyse-Template (siehe Phase 2) | 1-2 Stunden pro Wettbewerber |
| Eigene Differenzierung finden | Differenzierungs-Matrix + Workshop | 3-4 Stunden |
| Positionierung kommunizieren | Positionierungs-Statement (aus Grundlagen-Beitrag) | 1-2 Stunden |
| Laufende Beobachtung | Google Alerts + Social Media Monitoring | 30 Min. pro Woche |
Dein nächster Schritt
Bei Startup Burgenland unterstützen wir dich bei der Wettbewerbsanalyse und der Entwicklung einer starken Differenzierungsstrategie. Hol dir jetzt den Gründungszuschuss und mach deine Wettbewerbspositionierung zum Wettbewerbsvorteil.
Dieser Beitrag ist Teil der Serie "Branding und Positionierung" auf Startup Burgenland. Alle Beiträge findest du in unserem Blog.
Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.