Zwei Gründer, zwei Extreme
In unserem Coaching bei Startup Burgenland sehen wir zwei Extreme regelmäßig.
Der erste Typ: der Visionär. Er hat eine große Idee. Er redet über die Zukunft, über Disruption, über globale Skalierung. Er hat eine Präsentation mit 40 Folien, die fünf Jahre in die Zukunft blickt. Aber wenn du fragst, was er diese Woche konkret gemacht hat, kommt: "Ich arbeite noch am Konzept."
Der zweite Typ: der Pragmatiker. Er macht. Er hat Kunden, Umsatz, einen Prototyp. Aber wenn du fragst, wo er in drei Jahren sein will, kommt: "Keine Ahnung. Ich schaue mal, was sich ergibt."
Beide sind auf ihre Weise erfolgreich -- und beide haben ein Problem.
Der Visionär ohne Pragmatismus plant sich zu Tode und kommt nie in die Umsetzung. Der Pragmatiker ohne Vision arbeitet sich ab, ohne zu wissen, wohin die Reise geht. Am Ende landen beide in einer Sackgasse -- nur auf verschiedenen Wegen.
Die besten Gründer, die wir begleiten, schaffen die Balance: eine klare Vision, die die Richtung vorgibt. Und einen pragmatischen Ansatz, der die nächsten Schritte umsetzt.
Warum brauchst du beides?
Die Vision gibt Richtung
Ohne Vision triffst du jeden Tag hunderte Mikro-Entscheidungen ohne Kompass. Soll ich diesen Kunden ansprechen? Soll ich dieses Feature bauen? Soll ich diese Partnerschaft eingehen? Ohne übergeordnete Richtung wird jede Entscheidung zu einer Einzelprüfung -- und das ist erschöpfend.
Eine Vision beantwortet die Frage: Wohin wollen wir? Nicht im Detail -- aber in der Richtung. "Wir wollen das führende Tool für Auftragsplanung in der österreichischen Handwerksbranche werden." Das reicht. Jetzt weißt du: Alles, was in diese Richtung geht, ist potenziell relevant. Alles andere nicht.
Der Pragmatismus liefert Ergebnisse
Eine Vision ohne Umsetzung ist ein Tagtraum. Wir haben in unserer Arbeit Gründer erlebt, die drei Jahre lang über ihre Vision gesprochen haben, ohne jemals einen zahlenden Kunden zu gewinnen. Ihre Präsentationen wurden immer ausgefeilter. Ihre Businesspläne immer detaillierter. Aber ihr Kontostand immer kleiner.
Pragmatismus beantwortet die Frage: Was tun wir heute? Nicht in fünf Jahren. Heute. Welchen Kunden rufe ich an? Welches Feature stelle ich fertig? Welches Problem löse ich?
Die Balance ist das Schwierige
Vision und Pragmatismus stehen in einer natürlichen Spannung. Die Vision sagt: "Denk groß!" Der Pragmatismus sagt: "Fang klein an." Die Vision sagt: "Wir verändern die Welt." Der Pragmatismus sagt: "Erstmal einen zahlenden Kunden finden."
Diese Spannung ist nicht auflösbar -- und sie soll auch nicht aufgelöst werden. Sie ist der Motor. Die Vision zieht nach vorne. Der Pragmatismus hält den Boden unter den Füßen. Beides zusammen erzeugt nachhaltige Bewegung.
Wie du eine Vision formulierst, die funktioniert
Nicht zu groß, nicht zu klein
Eine Vision muss groß genug sein, um dich und dein Team langfristig zu motivieren. Aber sie muss konkret genug sein, um Entscheidungen zu leiten.
"Die Welt verbessern" ist keine Vision. Es ist eine Platitüde.
"Das führende Agrotech-Unternehmen in Mitteleuropa werden, das Kleinbauern Zugang zu Echtzeit-Bodendaten gibt" -- das ist eine Vision. Du weißt, wer dein Kunde ist (Kleinbauern), was du anbietest (Echtzeit-Bodendaten), wo du spielst (Mitteleuropa) und was dein Anspruch ist (führend).
Die Kernfrage für deine Vision
Frag dich: "Wie sieht die Welt in zehn Jahren aus, wenn wir erfolgreich sind?"
Nicht: "Was verdienen wir in zehn Jahren?" Sondern: "Was hat sich verändert?"
Diese Frage zwingt dich, über Umsatz und Wachstum hinauszudenken. Sie verbindet dein Startup mit einem größeren Zweck -- und das ist es, was Vision von Zielsetzung unterscheidet. Ziele werden erreicht oder nicht. Eine Vision ist ein Nordstern, der nie ganz erreicht wird, aber immer die Richtung weist.
Dein Kernzweck vs. dein Produkt
Dein Produkt wird sich verändern. Dein Markt wird sich verändern. Deine Technologie wird sich verändern. Was sich nicht verändern sollte, ist dein Kernzweck -- der fundamentale Grund, warum dein Unternehmen existiert.
Ein Startup, das wir begleitet haben, hat angefangen mit einer App für Terminplanung. Heute entwickeln sie eine Komplettlösung für Praxismanagement. Das Produkt hat sich dreimal verändert. Aber der Kernzweck war immer derselbe: "Gesundheitsfachkräften in ländlichen Regionen den Verwaltungsaufwand abnehmen."
Die Übung: Nimm dein aktuelles Produkt. Frage dich fünfmal "Warum ist das wichtig?" Hinter der fünften Antwort steckt oft dein Kernzweck.
Wie du Pragmatismus in deinen Alltag bringst
Die Woche-für-Woche-Disziplin
Pragmatismus heißt nicht, keine Pläne zu haben. Es heißt, Pläne in konkrete Wochenaufgaben zu übersetzen.
Wir verwenden bei Startup Burgenland eine einfache Methode: Jeder Gründer definiert am Montag seine drei Wochenresultate. Nicht Aufgaben -- Resultate. Der Unterschied:
- Aufgabe: "An der Landingpage arbeiten."
- Resultat: "Landingpage ist live und hat mindestens 50 Besucher."
Aufgaben machen dich beschäftigt. Resultate machen dich produktiv.
Der 80-Prozent-Standard
Pragmatische Gründer wissen: 80 Prozent fertig und draußen ist besser als 100 Prozent fertig und in der Schublade.
Dein MVP muss nicht perfekt sein. Dein Pitch Deck muss nicht perfekt sein. Dein Quartalsplan muss nicht perfekt sein. Gut genug, um die nächste Entscheidung zu ermöglichen -- das ist der Standard.
In der österreichischen Gründerkultur, die stark von der Mittelstands-Tradition geprägt ist, gibt es eine Tendenz zur Perfektion. "Wenn schon, denn schon." Das ist eine Qualität -- aber in der Startup-Frühphase auch eine Falle. Perfektion kostet Zeit. Und in der Frühphase ist Zeit deine knappste Ressource.
Ich habe das selbst lernen müssen. In meiner Zeit als Ingenieur war Perfektion der Standard -- in der Automatisierungstechnik kann ein kleiner Fehler teuer werden. Aber im Startup-Kontext musste ich umlernen: Schnell rausbringen, schnell lernen, schnell verbessern. Der Markt gibt dir besseres Feedback als dein Perfektionismus.
Die "Was wäre, wenn wir nur sechs Monate hätten?"-Frage
Ein mächtiges Werkzeug gegen Planungsverliebtheit: Stell dir vor, du hättest nur noch sechs Monate, um dein Startup erfolgreich zu machen. Was würdest du sofort tun? Was würdest du sofort streichen?
Diese Frage eliminiert alles, was "nice to have" ist, und konzentriert dich auf das, was wirklich zählt. Meistens sind es drei Dinge: Kunden gewinnen, Produkt verbessern, Umsatz machen. Alles andere kann warten.
Die Spannung in der Praxis: Drei Szenarien
Szenario 1: Der Investor fragt nach der Vision
Du sitzt vor einem potentiellen Investor. Er will wissen, wo du in fünf Jahren stehst. Gleichzeitig will er sehen, dass du pragmatisch bist und heute Ergebnisse lieferst.
Die Balance: Zeig deine Vision -- aber verankere sie in dem, was du heute schon erreicht hast. "Unsere Vision ist X. Und hier ist, was wir in den letzten drei Monaten konkret erreicht haben, das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind."
Investoren investieren nicht in Visionen. Sie investieren in Teams, die eine Vision haben und pragmatisch genug sind, sie umzusetzen.
Szenario 2: Das Team ist gespalten
Dein Co-Founder will langfristig denken. Du willst kurzfristig handeln. Oder umgekehrt. Die Spannungen nehmen zu.
Die Balance: Definiert gemeinsam eine Vision (wo wollen wir hin?) und einen Quartalsplan (was machen wir jetzt?). Die Vision ist das, worüber ihr euch einig seid. Der Quartalsplan ist das, woran ihr gemessen werdet. Konflikte zwischen Vision und Pragmatismus sind normal -- sie sind produktiv, solange sie in einer klaren Planung münden.
Mehr dazu, wie Quartalsplanung funktioniert, findest du in Quartalsplanung für Startups: Ein einfaches System.
Szenario 3: Der Markt widerspricht deiner Vision
Du hattest eine klare Vision. Aber der Markt sagt dir etwas anderes. Kunden wollen nicht, was du dir vorgestellt hast. Sie wollen etwas Ähnliches -- aber eben nicht genau das.
Die Balance: Hör auf den Markt. Aber gib nicht sofort deine Vision auf. Frag dich: Kann ich meine Vision anpassen, ohne ihren Kern zu verlieren? Meistens ja. Die meisten erfolgreichen Startups haben ihre Vision nicht aufgegeben -- sie haben sie verfeinert, basierend auf dem, was der Markt ihnen gesagt hat.
Wie die österreichische Mittelstands-Kultur die Balance beeinflusst
Österreich hat eine starke Mittelstands-Tradition. Solide Betriebe, die über Generationen aufgebaut werden. Qualität vor Wachstum. Substanz vor Show. Diese Kultur hat enorme Stärken -- aber sie kann auch dazu führen, dass Gründer zu pragmatisch und zu wenig visionär sind.
Im Burgenland sehen wir das besonders. Viele Gründer kommen aus Branchen wie Landwirtschaft, Tourismus oder Handwerk -- Branchen, in denen Pragmatismus überlebenswichtig ist. "Träumen bringt nichts" -- diesen Satz haben wir oft gehört.
Aber gerade für Startups, die international skalieren wollen, ist die Vision der Unterschied zwischen einem lokalen Dienstleister und einem skalierbaren Unternehmen. Die Vision gibt dir die Berechtigung, groß zu denken. Der Pragmatismus gibt dir die Werkzeuge, heute anzufangen.
Bei Startup Burgenland versuchen wir, beide Stärken zu verbinden: die österreichische Bodenständigkeit mit dem Mut zur großen Vision. Die Gründer aus unserem Portfolio, die am erfolgreichsten waren, hatten beides -- eine Vision, die über das Burgenland hinausging, und die Disziplin, Woche für Woche konkrete Schritte zu setzen.
Die Vision-Pragmatismus-Matrix
Eine einfache Selbstdiagnose:
| Pragmatismus hoch | Pragmatismus niedrig | |
|---|---|---|
| Vision hoch | Idealer Zustand: Klare Richtung und konkrete Umsetzung | Träumer: Große Pläne, keine Ergebnisse |
| Vision niedrig | Arbeiter: Fleißig, aber ohne Richtung | Stillstand: Weder Plan noch Aktion |
Wo stehst du? Und wo steht dein Startup?
Wenn du im Feld "Träumer" bist: Nimm dir diese Woche vor, drei konkrete Dinge zu tun, die dein Startup voranbringen. Nicht planen -- tun.
Wenn du im Feld "Arbeiter" bist: Nimm dir einen Nachmittag und formuliere deine Vision. Wo willst du in drei Jahren stehen? Was hat sich verändert? Schreib es auf.
Wenn du im Feld "Idealer Zustand" bist: Gratulation. Aber bleib wachsam -- die Balance kann schnell kippen.
Wie du die Balance hältst -- langfristig
Die Zwei-Horizonte-Regel
Halte immer zwei Zeithorizonte gleichzeitig im Kopf:
- Horizont 1: Diese Woche. Was sind meine drei wichtigsten Resultate? Was tü ich heute?
- Horizont 2: Dieses Jahr. Was ist mein Jahresziel? Wo will ich am 31. Dezember stehen?
Alles dazwischen -- der Monat, das Quartal -- ergibt sich aus der Spannung zwischen diesen beiden Horizonten. Wenn dein Wochenresultat nicht auf dein Jahresziel einzahlt, hast du ein Alignment-Problem.
Der monatliche Vision-Check
Einmal im Monat, zehn Minuten. Stell dir zwei Fragen:
- Stimmt meine Vision noch? Oder hat der Markt mir etwas Neues gesagt, das eine Anpassung erfordert?
- Zahlen meine aktuellen Aktivitäten auf die Vision ein? Oder habe ich mich im Tagesgeschäft verloren?
Wenn die Antwort auf Frage 2 "Nein" ist, musst du korrigieren. Entweder deine Aktivitäten -- oder deine Vision.
Der Sparring-Partner
Die Balance zwischen Vision und Pragmatismus hältst du am besten, wenn jemand dich herausfordert. Ein Co-Founder mit einem anderen Naturell. Ein Mentor, der beide Perspektiven kennt. Ein Coach, der die richtigen Fragen stellt.
Bei Startup Burgenland sehen wir uns als genau diesen Sparring-Partner. Wenn ein Gründer zu viel träumt, fragen wir: "Was hast du diese Woche konkret gemacht?" Wenn ein Gründer zu viel arbeitet, ohne Richtung, fragen wir: "Wo willst du in einem Jahr stehen?"
Von der Theorie in die Praxis
Nimm dir 20 Minuten und beantworte zwei Fragen schriftlich:
- Meine Vision in einem Satz: "In drei Jahren ist [konkretes Ergebnis] Realität."
- Mein pragmatischer nächster Schritt: "Diese Woche werde ich [konkretes Resultat] erreichen."
Wenn du beides formulieren kannst -- Vision und nächsten Schritt -- hast du die Balance. Wenn nicht, weißt du, woran du arbeiten musst.
Und wenn du dich fragst, wie du deine Strategie regelmäßig überprüfst, ohne den Fokus zu verlieren: Lies Von der Canvas zum echten Business für den Übergang von Planung zu Umsetzung.
Weiterführende Artikel
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- Die Kunst der strategischen Entscheidung: Weniger ist mehr
- OKRs für Startups: Ziele setzen, die wirklich funktionieren
- Wettbewerbsstrategie nach Porter -- angepasst für österreichische Startups
Startup Burgenland verbindet Vision mit Umsetzung: individuelles 1:1 Coaching, EUR 10.000 Gründungszuschuss ohne Eigenkapitalabgabe und Zugang zu einem Netzwerk aus über 40 begleiteten Startups. Kein Batch, flexibler Einstieg, echte Begleitung.
Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.