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Strategie für Startups: Warum du einen Plan brauchst, der sich ändern darf

Felix Lenhard 8 min Lesezeit
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Braucht ein Startup überhaupt eine Strategie?

Die Antwort, die du wahrscheinlich erwartest: Ja. Die Antwort, die ehrlicher ist: Ja -- aber nicht die Art von Strategie, die dir in einem BWL-Lehrbuch erklärt wird.

Bei Startup Burgenland arbeiten wir seit Jahren mit Gründerinnen und Gründern, die zwei Extreme leben. Die einen stürzen sich ohne Plan ins Abenteuer und hoffen, dass sich unterwegs alles ergibt. Die anderen verbringen Monate mit Businessplänen, Marktanalysen und Strategiedokumenten, ohne jemals einen Kunden zu kontaktieren.

Beide Wege führen in die Sackgasse. Was funktioniert, ist der Weg dazwischen: Ein Plan, der klar genug ist, um dir Orientierung zu geben -- aber flexibel genug, um sich an die Realität anzupassen.

Dieser Post zeigt dir, was Startup-Strategie wirklich bedeutet, warum sie sich grundlegend von operativer Effizienz unterscheidet und wie du eine strategische Position findest, die dein Startup nicht einengt, sondern voranbringt.

Was ist der Unterschied zwischen operativer Effizienz und Strategie?

Das ist eine Frage, die wir in unseren Coaching-Sessions in Eisenstadt immer wieder stellen -- und die fast jeder Gründer zunächst falsch beantwortet.

Operative Effizienz heißt: Dasselbe tun wie deine Mitbewerber, aber besser. Schneller liefern, günstiger produzieren, weniger Fehler machen. Das ist wichtig. Aber es ist keine Strategie.

Strategie heißt: Bewusst andere Dinge tun als deine Mitbewerber -- oder dieselben Dinge auf grundlegend andere Weise tun.

Warum ist das wichtig? Weil operative Verbesserungen kopierbar sind. Wenn du einen Prozess optimierst, kann dein Mitbewerber denselben Prozess optimieren. Best Practices verbreiten sich. Mit der Zeit sehen alle Unternehmen in einer Branche gleich aus. Das nennt man Wettbewerbskonvergenz -- und sie ist der Tod jedes Vorsprungs, der nur auf Effizienz beruht.

Ein Beispiel: Stell dir vor, du gründest ein Startup im Bereich Handwerker-Vermittlung in Österreich. Wenn deine Strategie darin besteht, "die beste Plattform zu bauen" -- dann ist das operative Effizienz, keine Strategie. Jeder andere Anbieter kann auch eine gute Plattform bauen.

Wenn deine Strategie aber darin besteht, dich ausschließlich auf einen bestimmten Bereich zu konzentrieren -- etwa Installateurbetriebe im ländlichen Raum, die du über lokale Innungen erreichst und deren spezifische Planungsprobleme du löst -- dann hast du eine strategische Position. Du tust etwas anderes als der breite Marktplatz, und dieses "anders" ist schwer zu kopieren.

Wie findest du eine strategische Position als Startup?

Eine strategische Position entsteht aus einer von drei Quellen -- und oft aus einer Kombination:

1. Angebotsbasierte Positionierung

Du bietest einen bestimmten Ausschnitt der Branchenleistungen an und machst das mit besonderen Aktivitäten richtig gut. Du bedienst verschiedene Kundengruppen, aber nur in einem bestimmten Bereich.

Beispiel: Ein Startup aus unserem Coaching hat sich darauf spezialisiert, Förderdokumentation für technologieorientierte KMU zu erstellen. Nicht Steuerberatung allgemein, nicht Buchhaltung, nicht Consulting -- nur Förderdokumentation. Diese Fokussierung hat ihnen erlaubt, den Prozess so effizient zu gestalten, dass breitere Beratungsunternehmen nicht mithalten konnten.

2. Bedürfnisbasierte Positionierung

Du bedienst die meisten oder alle Bedürfnisse einer bestimmten Kundengruppe. Der Schlüssel: Es reicht nicht, eine Kundengruppe zu identifizieren -- die Aktivitäten, die nötig sind, um diese Gruppe gut zu bedienen, müssen sich von denen für andere Gruppen unterscheiden.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Gründerteam hat eine Plattform für Betriebsnachfolge im ländlichen Raum aufgebaut. Die Bedürfnisse dieser Zielgruppe -- Diskretion, persönliche Beziehung, regionale Kenntnis, rechtliche Komplexität -- erfordern völlig andere Aktivitäten als eine Standard-Unternehmensbörse. Deshalb ist die Position verteidigbar.

3. Zugangsbasierte Positionierung

Du erreichst Kunden, die andere nicht erreichen -- durch Geografie, Unternehmensgröße oder andere Faktoren, die einen anderen Zugang erfordern.

Für österreichische Startups ist das besonders relevant: Der Zugang zu Landwirten im Südburgenland funktioniert anders als der zu Tech-Firmen in Wien. Wer den ländlichen Raum versteht, hat einen Zugangsvorteil, den ein Wiener Startup nicht ohne Weiteres kopieren kann.

Warum sind Trade-offs der Kern jeder Strategie?

Hier wird es für viele Gründer unbequem: Strategie bedeutet nicht nur, etwas zu tun. Strategie bedeutet vor allem, etwas bewusst nicht zu tun.

Trade-offs entstehen aus drei Gründen:

Widersprüchliche Positionierung: Wenn du dich als Premium-Anbieter positionierst, kannst du nicht gleichzeitig der Billigste sein. Wenn du für den ländlichen Raum optimierst, bist du für die urbane Zielgruppe suboptimal. Die Marke, die Kommunikation, das Kundenerlebnis -- alles wird unklar, wenn du beides gleichzeitig versuchst.

Unvereinbare Aktivitäten: Verschiedene Positionen erfordern verschiedene Fähigkeiten, verschiedene Prozesse, verschiedene Systeme. Ein Concierge-Service für Unternehmenskunden erfordert andere Aktivitäten als eine Self-Service-Plattform für Endverbraucher. Beides gleichzeitig zu betreiben, bedeutet, dass du für beides nicht optimal aufgestellt bist.

Begrenzte Steuerungsfähigkeit: Wenn du dich für eine Richtung entscheidest, werden Prioritäten klar. Wenn du versuchst, allen alles zu bieten, wird nichts klar -- und dein Team weiß nicht, welche Entscheidungen richtig sind.

Wir sehen das regelmäßig bei den Startups, die wir begleiten: Die erfolgreichsten sind diejenigen, die klar sagen können, was sie nicht tun. Nicht weil sie es nicht könnten, sondern weil sie sich bewusst dagegen entschieden haben.

Ein Gründer hat das einmal treffend formuliert: "Seit ich weiß, was wir nicht machen, weiß mein Team endlich, was wir machen."

Wie funktioniert ein Aktivitätensystem -- und warum macht es dich schwer kopierbar?

Einzelne Aktivitäten können kopiert werden. Eine Preispolitik, ein Feature, ein Vertriebskanal -- jeder Mitbewerber kann das nachbauen.

Was schwer kopiert werden kann, ist ein System von Aktivitäten, die sich gegenseitig verstärken. Dieses Zusammenspiel hat drei Ebenen:

Konsistenz: Jede Aktivität passt zur Gesamtstrategie. Dein Marketing, dein Produkt, dein Vertrieb, dein Pricing -- alles zieht in dieselbe Richtung. Vorteile addieren sich, statt sich gegenseitig aufzuheben.

Verstärkung: Aktivitäten machen sich gegenseitig stärker. Dein Content-Marketing generiert Leads, die dein Vertriebsteam qualifiziert, was zu zufriedenen Kunden führt, die als Referenzen dein Content-Marketing verstärken. Jedes Element im System macht die anderen wertvoller.

Optimierung: Aktivitäten sind so aufeinander abgestimmt, dass Redundanzen eliminiert werden. Dein Onboarding-Prozess ist so gut, dass du keinen separaten Support brauchst. Dein Produktdesign ist so intuitiv, dass du keine Schulungen anbieten musst.

Hier liegt die Mathematik des Wettbewerbsvorteils: Wenn die Wahrscheinlichkeit, eine einzelne Aktivität nachzuahmen, bei 90% liegt, dann ist die Wahrscheinlichkeit, ein System von zehn Aktivitäten nachzuahmen, nur noch 35%. Je mehr Aktivitäten in deinem System zusammenspielen, desto sicherer ist deine Position.

Das ist der Grund, warum es wenig bringt, einzelne Features eines erfolgreichen Mitbewerbers zu kopieren. Du kopierst Teile, ohne das System zu verstehen -- und das System ist der eigentliche Vorteil.

Warum muss sich ein Startup-Plan ändern dürfen?

Jetzt kommt der Teil, der Strategie für Startups besonders macht: Alles oben Gesagte gilt -- aber du musst bereit sein, es anzupassen.

Das klingt widersprüchlich, ist es aber nicht. Der Unterschied liegt in der Ebene:

Was sich ändern darf: Deine konkreten Aktivitäten, dein Produkt, deine Kundensegmente, dein Preismodell, dein Vertriebskanal.

Was stabil bleiben sollte: Dein strategischer Kern -- die grundlegende Art, wie du Wert schaffst und dich vom Markt unterscheidest.

In unserem 1:1 Coaching in Eisenstadt arbeiten wir mit einem einfachen Prinzip: Deine Vision ist der Fixstern. Deine Strategie ist der Kompass. Dein Plan ist die Karte -- und Karten werden aktualisiert.

Konkret heißt das: Wenn du dich als Premium-Anbieter für eine Nische positionierst, dann bleibt das. Welche Nische genau, welcher Preis genau, welcher Kanal genau -- das darf sich ändern, sobald du neue Erkenntnisse hast.

Wir haben bei Startup Burgenland über 300 Bewerbungen gescreent und über 40 Startups direkt begleitet. Die Muster sind klar: Startups, die ihren strategischen Kern beibehalten, aber ihre konkreten Pläne flexibel anpassen, haben die höchsten Erfolgsquoten.

Wie überprüfst du, ob du eine Strategie hast -- oder nur operativ effizient bist?

Hier ist ein Schnelltest, den wir in unseren Coaching-Sessions verwenden:

  1. Kannst du in einem Satz sagen, was du tust und was du bewusst nicht tust? Wenn nicht, hast du keine Strategie.
  2. Kannst du drei Trade-offs nennen, die deine Strategie erfordert? Wenn du keine Trade-offs nennen kannst, tust du vielleicht einfach alles -- und damit nichts richtig.
  3. Verstärken sich deine Aktivitäten gegenseitig? Oder könnte ein Mitbewerber jede einzelne Aktivität isoliert kopieren?
  4. Versteht dein Team die Strategie gut genug, um eigene Entscheidungen zu treffen? Wenn dein Team bei jeder Entscheidung dich fragen muss, ist die Strategie nicht klar genug.

Wenn du bei mehr als zwei dieser Fragen unsicher bist, lohnt es sich, deine Positionierung grundlegend zu überdenken. Nicht das Produkt. Nicht das Marketing. Die Position.

Die Wachstumsfalle: Warum Erfolg die Strategie gefährdet

Das klingt paradox, aber: Wachstum ist der größte Feind der Strategie.

Wenn es läuft, kommen die Ideen: Neue Kundensegmente, die man auch bedienen könnte. Neue Features, die man auch einbauen könnte. Neue Märkte, die man auch erschließen könnte. Jede einzelne Idee klingt sinnvoll. In Summe verwässern sie die Positionierung.

Der Reflex "Wir können das doch auch noch machen" ist verständlich. Aber er führt dazu, dass du irgendwann genauso aussehst wie alle anderen. Und dann kämpfst du nicht mehr über Strategie, sondern nur noch über operative Effizienz -- und das ist ein Kampf, den meistens der Größere gewinnt.

Die Alternative: Vertiefe deine Position, statt sie zu verbreitern. Frage dich: Welche Aktivitäten können wir hinzufügen, die zu dem passen, was wir bereits besonders gut machen? Welche Kunden können wir besser bedienen -- innerhalb unserer Nische, nicht außerhalb?

In unserer Erfahrung wachsen Startups schneller, wenn sie ihre Nische besser durchdringen, als wenn sie neue Märkte erschließen, in denen sie keinen besonderen Vorteil haben.

Wie baust du eine flexible Strategie auf -- Schritt für Schritt?

Hier ist der Ansatz, den wir bei Startup Burgenland verwenden:

Schritt 1: Definiere deine strategische Position

Beantworte drei Fragen:

  • Wer ist mein Kunde? (Spezifisch, nicht "alle KMU")
  • Was ist mein einzigartiger Wert? (Ergebnis, nicht Feature)
  • Was tü ich bewusst nicht? (Mindestens drei Dinge)

Schritt 2: Baue dein Aktivitätensystem

Liste alle Aktivitäten auf, die du aktuell machst. Prüfe für jede:

  • Passt sie zur Position?
  • Verstärkt sie andere Aktivitäten?
  • Könnte ein Mitbewerber sie isoliert kopieren?

Streiche Aktivitäten, die nicht zur Position passen. Auch wenn sie kurzfristig Umsatz bringen.

Schritt 3: Definiere, was fix ist und was flexibel

  • Fix: Deine strategische Position (Wer, Was, Was nicht)
  • Flexibel: Dein konkretes Angebot, dein Preis, dein Kanal, dein Produkt

Schritt 4: Review alle drei Monate

Überprüfe vierteljährlich:

  • Hat sich an meiner Position etwas geändert?
  • Passen meine Aktivitäten noch zusammen?
  • Bin ich in die Wachstumsfalle getappt?

Diese Reviews müssen nicht lang sein -- eine Stunde pro Quartal reicht, wenn du die Fragen ehrlich beantwortest.

Von der Theorie in die Praxis

Nimm dir 30 Minuten und beantworte die drei Fragen aus Schritt 1: Wer ist dein Kunde? Was ist dein einzigartiger Wert? Was tust du bewusst nicht?

Wenn du diese Fragen klar beantworten kannst, hast du eine strategische Position. Wenn nicht, hast du eine Aufgabe.

Für den Kontext, wie dein Business Model Canvas und deine Strategie zusammenhängen, lies den verlinkten Post. Wenn du tiefer in die Wettbewerbsanalyse einsteigen willst, empfehlen wir Wettbewerbsanalyse: Porters Five Forces. Und wenn du verstehen willst, was dich wirklich von deinem Mitbewerb unterscheidet, lies Dein Wettbewerbsvorteil: Was macht dich anders?.


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Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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