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Persona vs. Avatar: Was ist der Unterschied und was brauchst du?

Felix Lenhard 7 min Lesezeit
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Warum reden Gründer ständig über Personas -- und warum funktioniert das meistens nicht?

"Erstell dir eine Persona." Das ist einer der meistgegebenen Ratschläge in der Startup-Welt. In jedem Workshop, in jedem Gründungsleitfaden, in jedem Business-Model-Canvas-Template findest du die Aufforderung, deine Zielgruppe als fiktive Person zu beschreiben.

Und dann passiert das: Ein Gründerteam sitzt drei Stunden zusammen und erfindet "Sarah, 34, Marketing-Managerin in Wien, fährt gerne Fahrrad, trinkt Hafermilch und hat zwei Katzen." Alle nicken zufrieden. Das Post-it wird an die Wand geklebt. Und dann wird es nie wieder angeschaut.

Das Problem ist nicht die Idee hinter dem Konzept. Das Problem ist die Umsetzung. In den meisten Fällen basieren Personas auf Vermutungen, auf Wunschvorstellungen, auf dem, was das Team für plausibel hält. Und ein Kundenprofi, der auf Fiktion basiert, führt zu fiktiven Ergebnissen.

Bei Startup Burgenland nutzen wir im Coaching einen anderen Ansatz: Wir unterscheiden klar zwischen Persona und Avatar -- und setzen beides gezielt ein, je nach Phase des Startups. Dieser Post erklärt den Unterschied, wann du was brauchst und wie du beides praktisch baust.

Was ist eine Persona?

Eine Persona ist eine fiktive Repräsentation deiner Zielgruppe. Du beschreibst eine erdachte Person, die stellvertretend für eine Gruppe von potenziellen Kunden steht.

Typische Persona-Elemente

  • Name, Alter, Beruf, Familienstand
  • Hobbys, Interessen, Lebensstil
  • Ziele und Herausforderungen
  • Medienkonsum und Kaufverhalten
  • Ein Foto (meistens ein Stockfoto)

Wofür Personas gut sind

Personas helfen bei der Empathie. Wenn du und dein Team über "Sarah" sprecht, statt über "unsere Zielgruppe", wird die Diskussion konkreter. Personas sind ein Kommunikationswerkzeug -- sie helfen Teams, sich auf eine gemeinsame Vorstellung des Kunden zu einigen.

In der Frühphase, wenn du noch keine Kunden hast, sind Personas oft der erste Schritt. Du kannst nicht befragen, wen du noch nicht hast. Also machst du eine informierte Vermutung.

Das Problem mit Personas

Personas sind Fiction. Sie basieren auf Annahmen. Und Annahmen sind per Definition unvalidiert. Wenn du auf der Basis einer erfundenen Person Produktentscheidungen triffst, Marketing planst und Preise setzt, baust du auf Sand.

Die gefährlichste Persona ist die, an die das ganze Team glaubt, die aber niemand am Markt überprüft hat. Wir sehen das bei Startup Burgenland regelmäßig: Teams entwickeln ein Produkt für "ihren idealen Kunden" -- und stellen dann fest, dass dieser Kunde in der Realität anders tickt als auf dem Post-it.

Was ist ein Avatar?

Ein Avatar -- manchmal auch als Ideal Customer Profile (ICP) bezeichnet -- ist ein datenbasiertes Profil deines idealen Kunden. Nicht wer du dir wünschst als Kunden, sondern wer tatsächlich dein bester Kunde ist, basierend auf echten Daten.

Was einen Avatar von einer Persona unterscheidet

PersonaAvatar
BasisAnnahmen, HypothesenEchte Kundendaten
QuelleBrainstorming, WorkshopsBefragungen, Kaufdaten, Nutzungsdaten
GenauigkeitVariabel, oft niedrigHoch, weil datenbasiert
ZeitpunktVor den ersten KundenNach den ersten Kunden
NutzenEmpathie, KommunikationStrategische Entscheidungen

Der Avatar beantwortet nicht "Wer könnte unser Kunde sein?", sondern "Wer ist nachweislich unser bester Kunde -- und wie finden wir mehr davon?"

Warum ist der Avatar so viel wertvoller?

Die 80/20-Regel der Kunden

In fast jedem Geschäft generieren die oberen 20 Prozent der Kunden rund 80 Prozent des Umsatzes. Die unteren 80 Prozent erzeugen mehr Aufwand als Ertrag. Der Avatar identifiziert die Merkmale der oberen 20 Prozent -- und gibt dir die Möglichkeit, gezielt mehr von genau diesen Kunden zu gewinnen.

Stell dir vor, du ersetzt nach und nach die unteren 80 Prozent durch Kunden, die den oberen 20 Prozent ähneln. Dein Umsatz vervielfacht sich -- ohne dass du dein Produkt änderst. Du änderst nur, wen du ansprichst.

Echte Daten schlagen Vermutungen

Ein Avatar basiert auf vier Dimensionen realer Daten:

1. Demografie: Alter, Standort, Branche, Unternehmensgröße, Rolle. Nicht geraten, sondern erhoben.

2. Geschäftsdaten: Umsatz, Mitarbeiterzahl, Preisniveau, Wachstumsrate. Bei B2C: Einkommen, Ausgabeverhalten, Lebensphase.

3. Ziele und Schmerzen: Was wollte der Kunde erreichen, als er bei dir gekauft hat? Was war der Auslöser? Was hat ihn vorher davon abgehalten?

4. Kaufverhalten: Wie hat der Kunde dich gefunden? Was hat er vor dem Kauf konsumiert? Wie lange hat er gebraucht, um sich zu entscheiden? Wer oder was hat seine Entscheidung beeinflusst?

Besonders die vierte Dimension -- das Kaufverhalten -- liefert Gold. Wenn du weißt, dass deine besten Kunden im Durchschnitt zwei ausführliche Blogposts und ein Erstgespräch gebraucht haben, bevor sie gekauft haben, dann baust du genau diesen Weg in deinen Vertriebsprozess ein.

Wie erstellst du einen Avatar in der Praxis?

Schritt 1: Befrage deine bestehenden Kunden

Du brauchst keine hundert Kunden. Schon fünf bis zehn sorgfältige Gespräche liefern Muster. Frag nach allen vier Dimensionen:

  • Was ist dein Hintergrund? (Demografie)
  • Wie sah dein Geschäft / deine Situation aus, bevor du unser Produkt genutzt hast? (Geschäftsdaten)
  • Was war der Moment, in dem du entschieden hast, dass du eine Lösung brauchst? Was wolltest du erreichen? (Ziele und Schmerzen)
  • Wie hast du uns gefunden? Was hast du dir vorher angeschaut? Was hat dich überzeugt? Was hat dich fast abgehalten? (Kaufverhalten)

In Österreich hast du hier einen strukturellen Vorteil: Die Distanzen sind kurz, die Beziehungen persönlicher als in großen Märkten. Ein Anruf oder ein Kaffee in Eisenstadt, Graz oder Wien -- und du hast ein Gespräch, das dir mehr strategische Klarheit gibt als jede Marktstudie.

Schritt 2: Sortiere nach Wert

Nicht alle Kunden sind gleich wichtig. Sortiere deine Kunden nach:

  • Höchster Umsatz
  • Längste Nutzungsdauer
  • Wenigster Support-Aufwand
  • Höchste Zufriedenheit
  • Meiste Weiterempfehlungen

Die Kunden, die in mehreren Kategorien oben stehen, sind dein Avatar.

Schritt 3: Finde die Gemeinsamkeiten

Was haben deine besten Kunden gemeinsam? Suche nach drei bis fünf Merkmalen, die sie teilen und die sie von deinen durchschnittlichen Kunden unterscheiden. Das können sein:

  • Branche oder Nische
  • Unternehmensgröße oder Umsatzklasse
  • Bestimmte Herausforderung oder Auslöser
  • Bevorzugter Entscheidungsweg
  • Region oder Standort

Diese drei bis fünf Merkmale sind dein Avatar. Nicht zehn, nicht zwanzig -- drei bis fünf. Je weniger Kriterien du brauchst, desto klarer ist dein Avatar.

Schritt 4: Setze den Avatar in Aktion um

Jetzt kommt der entscheidende Schritt, den die meisten überspringen: Du richtest dein gesamtes Marketing und deinen Vertrieb auf den Avatar aus.

  • Deine Werbung spricht die Sprache deines Avatars, nicht die eines generischen Kunden
  • Dein Content adressiert die Probleme deines Avatars, nicht die der breiten Masse
  • Dein Vertriebsprozess repliziert den Kaufweg deiner besten Kunden für alle neuen Interessenten
  • Du sagst Nein zu Kunden, die nicht zum Avatar passen

Der letzte Punkt ist der härteste. Aber jedes Mal, wenn ein Startup bei uns im Coaching den Mut hat, Kunden abzulehnen, die nicht zum Avatar passen, steigt der Umsatz. Das klingt paradox, ist aber konsistent: Weniger falsche Kunden bedeutet mehr Kapazität für richtige Kunden.

Wann brauchst du was?

Persona-Phase: Vor den ersten Kunden

Wenn du noch ganz am Anfang stehst, hast du keine Daten. Dann ist eine Persona dein Startpunkt. Aber behandle sie als Hypothese, nicht als Wahrheit. Deine Persona ist eine Landkarte, die du gezeichnet hast, bevor du das Gelände gesehen hast. Sie hilft bei der Orientierung, aber sie wird Fehler enthalten.

Regel: Validiere deine Persona innerhalb der ersten zehn Kundengespräche. Nicht in sechs Monaten -- in den ersten Wochen.

Avatar-Phase: Nach den ersten Kunden

Sobald du fünf bis zehn zahlende Kunden hast, wechselst du zur Avatar-Methode. Jetzt hast du echte Daten, echte Muster, echte Erkenntnisse. Dein Avatar ersetzt nicht die Persona -- er validiert oder korrigiert sie.

Bei Startup Burgenland empfehlen wir: Spätestens nach dem fünften Kunden solltest du deinen Avatar definiert haben. Und dann alle sechs Monate überprüfen, ob er noch stimmt.

Der kleine Markt macht es einfacher

In Österreich brauchst du keine Big-Data-Analyse, um deinen Avatar zu finden. Du brauchst zehn gute Gespräche. Im Burgenland, in der Steiermark, in Wien -- deine Kunden sind erreichbar. Du kannst sie anrufen, einladen, besuchen. Nutze diese Nähe. In einem Markt wie den USA wäre diese Art der persönlichen Kundenforschung deutlich teurer und aufwändiger.

Die häufigsten Fehler bei Persona und Avatar

Fehler 1: Die Persona nie aktualisieren. Eine Persona vom Gründungstag hat mit der Realität nach einem Jahr oft nichts mehr zu tun. Wenn du sie nicht regelmäßig mit echten Daten abgleichst, arbeitest du mit einer veralteten Fiktion.

Fehler 2: Den Avatar zu breit definieren. "Unser Avatar ist jedes KMU in Österreich." Das ist kein Avatar. Das ist eine Marktbeschreibung. Drei bis fünf spezifische Merkmale -- nicht weniger.

Fehler 3: Den Avatar erstellen, aber nicht danach handeln. Der Avatar ist nur wertvoll, wenn er Entscheidungen beeinflusst. Wenn du ihn erstellst und dann weiterhin jeden Kunden annimmst, hast du dir die Arbeit umsonst gemacht.

Fehler 4: Demografie mit Bedürfnis verwechseln. Zwei 35-jährige Selbstständige in Wien können komplett unterschiedliche Bedürfnisse haben. Was zählt, ist nicht nur wer der Kunde ist, sondern was er glaubt, was er fühlt und was ihn antreibt. Die besten Avatare kombinieren demografische Daten mit Daten über Überzeugungen und Verhalten.

Der nächste Schritt

Wenn du noch keine Kunden hast: Erstelle eine Persona basierend auf deinen besten Vermutungen. Aber plane jetzt schon die fünf Gespräche, die diese Vermutungen überprüfen werden. Sprich mit echten Menschen, die dein Problem haben könnten. Diese Woche.

Wenn du bereits Kunden hast: Nimm dir eine Stunde und sortiere sie. Wer sind deine besten drei? Was haben sie gemeinsam? Das ist der Anfang deines Avatars.

Wenn du verstehen willst, wie du noch tiefer in die Bedürfnisse deiner Zielgruppe eindringst, lies den nächsten Post: Wie du herausfindest, was deine Kunden wirklich wollen. Und für die Grundlagen der Positionierung: Dein USP in einem Satz.

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Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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