Zum Inhalt springen

Gründen im ländlichen Raum -- eine unterschätzte Chance

Felix Lenhard 8 min Lesezeit
Zurück zum Blog

Muss ich nach Wien, um zu gründen?

Die Antwort ist Nein. Aber wenn du dich in der österreichischen Startup-Szene umhörst, könnte man einen anderen Eindruck gewinnen. Die meisten Startup-Events sind in Wien. Die meisten Medienberichte handeln von Wiener Startups. Die meisten Accelerator-Programme sind in Wien.

Und trotzdem: Einige der interessantesten Gründungen, die wir bei Startup Burgenland begleiten, kommen aus dem ländlichen Raum. Nicht trotz des ländlichen Raums -- wegen des ländlichen Raums.

Warum der ländliche Raum echte Vorteile bietet

Niedrigere Kosten

Ein Büro in Wien kostet EUR 15-25 pro Quadratmeter. Im Burgenland, in der Südsteiermark, im Waldviertel oder in Oberkärnten zahlst du einen Bruchteil davon. Manche Gründer brauchen gar kein Büro -- sie arbeiten von zu Hause, vom Coworking-Space oder vom Café aus.

Die niedrigeren Lebenshaltungskosten bedeuten auch: Du brauchst weniger Umsatz, um profitabel zu sein. Wenn deine persönlichen Kosten EUR 2.000 pro Monat statt EUR 3.500 betragen, ist die Hürde zur Vollzeit-Selbstständigkeit deutlich niedriger.

Weniger Konkurrenz, mehr Aufmerksamkeit

In Wien gibt es tausende Startups. Du bist eines von vielen. Im ländlichen Raum bist du oft eines von wenigen. Das bedeutet: Medien, Wirtschaftsförderungen und Netzwerke haben mehr Kapazität für dich. Du bekommst Aufmerksamkeit, die du in Wien erst erkämpfen müsstest.

Bei Startup Burgenland erleben wir das täglich: Gründer im Burgenland haben schnelleren Zugang zu Entscheidungsträgern, kürzere Wege zu Behörden und persönlichere Beziehungen zu Fördergebern.

Regionale Förderungen

Viele Bundesländer fördern Gründungen im ländlichen Raum gezielt:

  • Burgenland: EUR 10.000 Gründungszuschuss (nicht rückzahlbar), bis zu EUR 400.000 Eigenkapitalinvestment, 1:1 Coaching durch Startup Burgenland
  • Kärnten: Spezifische Gründungsförderungen über die KWF
  • Steiermark: SFG-Programme für innovative Gründungen
  • Niederösterreich: tecnet equity und accent Inkubator
  • Oberösterreich: tech2b und Innovationsförderungen

Diese Förderungen gibt es zusätzlich zu den bundesweiten Angeboten von AWS und FFG. Du kannst sie kombinieren -- und so eine Finanzierungsbasis schaffen, die ohne Investoren auskommt.

Nähe zum Problem

Viele der dringendsten Probleme, die gelöst werden müssen, existieren im ländlichen Raum: Logistik und letzte Meile, Digitalisierung traditioneller Branchen, erneuerbare Energien, Agrotech, Tourismus-Technologie, Gesundheitsversorgung in unterversorgten Gebieten.

Wenn du diese Probleme aus erster Hand kennst, weil du dort lebst, hast du einen Vorteil gegenüber einem Gründer in Wien, der sie nur aus Studien kennt.

Lebensqualität

Gründen im ländlichen Raum bedeutet auch: kürzere Pendelwege, mehr Natur, weniger Hektik. Das klingt nach einem weichen Faktor, ist aber für die langfristige Durchhaltefähigkeit relevant. Gründen ist ein Marathon, kein Sprint. Und auf dem Land läuft es sich oft leichter.

Welche Herausforderungen gibt es?

Ehrlich gesagt: Es gibt reale Nachteile, die du kennen solltest.

Talentsuche

Die größte Herausforderung im ländlichen Raum ist das Recruiting. Wenn du qualifizierte Mitarbeiter brauchst -- besonders im Tech-Bereich --, ist der Pool im ländlichen Raum kleiner als in Wien oder Graz.

Lösungsansätze:

  • Remote-first: Stelle Mitarbeiter ein, die von überall arbeiten. Die Pandemie hat gezeigt, dass das funktioniert. Viele qualifizierte Fachkräfte bevorzugen mittlerweile Remote-Arbeit -- und sind bereit, für ein interessantes Unternehmen am Land zu arbeiten, solange sie nicht täglich pendeln müssen.
  • Regionale Talente: Fachhochschulen wie die FH Burgenland, die FH Joanneum in der Steiermark oder die FH Kärnten bilden Absolventen aus, die gerne in der Region bleiben. Nutze Praktikums- und Diplomarbeitsprogramme als Recruiting-Kanal.
  • Rückkehrer: Viele junge Menschen verlassen den ländlichen Raum für Studium und Karriere -- aber ein überraschend hoher Anteil kommt zurück, wenn es attraktive Jobangebote gibt.

Infrastruktur

Breitband-Internet ist in manchen ländlichen Gebieten immer noch ein Problem. Das wird besser -- der Breitbandausbau ist politische Priorität --, aber es ist nicht überall gelöst.

Wenn dein Geschäftsmodell auf schnelles Internet angewiesen ist, prüfe die Verfügbarkeit an deinem Standort, bevor du dich festlegst. In den meisten Bezirkshauptstädten und größeren Gemeinden ist die Versorgung mittlerweile gut.

Netzwerk

In Wien triffst du zufällig Gründer im Café. Im ländlichen Raum musst du aktiver netzwerken. Das bedeutet: Fahre zu Events, nutze Online-Communities, besuche Coworking-Spaces.

Die gute Nachricht: Die Startup-Infrastruktur im ländlichen Raum wächst. Coworking-Spaces entstehen in immer mehr Bezirkshauptstädten. Regionale Startup-Events bringen Gründer zusammen. Und Programme wie Startup Burgenland schaffen Netzwerke, die über die Landesgrenzen hinausreichen.

Welche Geschäftsmodelle funktionieren im ländlichen Raum besonders gut?

Digital-first-Modelle

Wenn dein Geschäftsmodell digital ist -- SaaS, E-Commerce, digitale Dienstleistungen --, ist dein Standort irrelevant. Du verkaufst an Kunden in ganz Österreich, im DACH-Raum oder weltweit. Dein Büro im Burgenland ist kein Nachteil -- es ist ein Kostenvorteil.

Regionale Spezialisierung

Manche Geschäftsmodelle funktionieren gerade wegen des ländlichen Standorts:

  • Agrotech: Sensoren, Software und Automatisierung für die Landwirtschaft. Im Burgenland mit seinen Weinbaugebieten und landwirtschaftlichen Flächen ein natürliches Spielfeld.
  • Tourismus-Tech: Digitale Lösungen für Hotels, Pensionen und touristische Attraktionen. In Tirol, Salzburg, der Steiermark und im Burgenland gibt es genug Kunden, die diese Lösungen brauchen.
  • Erneuerbare Energien: Solar, Wind, Biomasse -- der ländliche Raum hat die Fläche und die Ressourcen.
  • Gesundheitsversorgung: Telemedizin, digitale Gesundheitslösungen, mobile Pflege -- alles Bereiche, in denen der ländliche Raum den größten Bedarf hat.

Handwerk und Produktion

Wenn du ein physisches Produkt herstellst, brauchst du Platz. Und Platz ist im ländlichen Raum günstiger und verfügbarer als in der Stadt. Ein Produktionsbetrieb in Eisenstadt, Oberwart oder Güssing kostet einen Bruchteil eines vergleichbaren Standorts in Wien.

Betriebsnachfolge

Im ländlichen Raum suchen besonders viele Betriebe eine Nachfolge. Handwerk, Gastronomie, Handel, Dienstleistung -- überall gibt es Unternehmer, die in den nächsten Jahren in Pension gehen und keinen Nachfolger haben. Bei Startup Burgenland begleiten wir das über unser ReStartUp-Programm.

Wie du im ländlichen Raum gründest -- der praktische Weg

Schritt 1: Prüfe die Infrastruktur

  • Internet-Geschwindigkeit an deinem Standort testen
  • Coworking-Spaces und Büro-Optionen recherchieren
  • Erreichbarkeit für Kunden bewerten (brauchst du physische Kundennähe?)

Schritt 2: Nutze regionale Förderungen

  • Kontaktiere die Wirtschaftsagentur deines Bundeslandes
  • Informiere dich beim WKO-Gründerservice
  • Prüfe, ob dein Bundesland spezifische Startup-Programme hat (im Burgenland: Startup Burgenland)

Schritt 3: Baue dein Netzwerk auf

  • Besuche regionale Startup-Events
  • Nutze Coworking-Spaces als Treffpunkt
  • Vernetze dich online mit Gründern in deiner Region
  • Wenn du im Burgenland oder in der Nähe bist: Melde dich bei uns für ein Erstgespräch

Schritt 4: Starte lean

Die niedrigeren Kosten im ländlichen Raum sind dein Vorteil -- nutze ihn. Starte mit geringen Fixkosten, teste dein Geschäftsmodell schnell und wachse organisch. Die Kleinunternehmerregelung (keine USt bis EUR 55.000) und das Gründerprivileg (reduzierte SVS-Beiträge) machen den Einstieg einfach.

Was wir bei Startup Burgenland daraus gelernt haben

Wir sind selbst ein Programm im ländlichen Raum. Eisenstadt ist nicht Wien. Und genau das ist unser Vorteil.

Unsere Startups bekommen persönlichere Betreuung, schnelleren Zugang zu Entscheidungsträgern und eine engere Community als in anonymen Großstadt-Programmen. Die 48% Ansiedlungsquote im Burgenland zeigt: Der ländliche Raum kann Startups halten -- wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Gleichzeitig sind wir nicht isoliert. Unser Netzwerk reicht nach Wien, Graz und darüber hinaus. Startups im Burgenland können den ländlichen Standort als Basis nutzen und trotzdem den DACH-Raum bedienen.

So gehst du jetzt weiter

Du musst nicht nach Wien ziehen, um zu gründen. Prüfe, ob dein Standort die Infrastruktur bietet, die du brauchst. Informiere dich über regionale Förderungen. Und dann starte -- dort, wo du bist.

Wenn du wissen willst, was wir aus gescheiterten Startups gelernt haben, lies den nächsten Post: Was wir von gescheiterten Startups lernen können. Und wenn du dich fragst, ob ein Side Business der richtige Einstieg für dich ist, lies Side Business statt Vollzeit-Gründung -- ein unterschätzter Weg.

Weiterführende Artikel


Startup Burgenland zeigt: Ländlicher Raum und Startup schließen sich nicht aus. 1:1 Coaching, EUR 10.000 Gründungszuschuss und ein Netzwerk, das über das Burgenland hinausreicht. Schreib uns ein formloses E-Mail.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

Erstgespräch vereinbaren

Du überlegst zu gründen oder bist schon mittendrin? Schreib uns ein formloses E-Mail -- wir melden uns innerhalb weniger Tage.

E-Mail schreiben