Financial Model
Anleitung & Strukturdokumentation – Dein Guide zum professionellen Finanzmodell
1. Einleitung
Warum jedes Startup ein Finanzmodell braucht
Ein Finanzmodell ist weit mehr als eine Pflichtübung für Investor:innen-Gespräche. Es ist dein wichtigstes Steuerungsinstrument. Es beantwortet drei zentrale Fragen: Wie viel Geld brauche ich?, Wann wird mein Startup profitabel? und Welche Hebel beeinflussen mein Ergebnis am stärksten?
Ob du eine Förderung bei der aws oder FFG beantragst, mit Business Angels in Wien sprichst oder bei einem VC in Graz pitchst – ein durchdachtes Finanzmodell zeigt, dass du dein Geschäft verstehst und strategisch denkst.
Wer dieses Template nutzen sollte
- Pre-Seed & Seed Startups, die sich auf Investor:innen-Gespräche oder Förderanträge vorbereiten
- Gründer:innen im Accelerator, die ihre Unit Economics verstehen wollen
- Bestehende Startups, die ihr erstes Finanzmodell von einem einfachen Budgetplan auf ein professionelles Modell upgraden wollen
Was du brauchst, bevor du startest
Du solltest zumindest eine erste Preisvorstellung haben. Auch wenn sich der Preis noch ändert – ohne Pricing-Annahme kein Revenue Model.
Wie groß ist dein adressierbarer Markt (TAM/SAM/SOM)? Wie sehen typische Conversion Rates in deiner Branche aus? Wie hoch ist der durchschnittliche Churn?
Welche Rollen brauchst du wann? Personalkosten sind in der Regel der größte Kostenblock – hier genau zu sein, macht den Unterschied.
SaaS, Marketplace oder B2B Services? Dieses Template deckt alle drei Varianten ab. Wähle die, die deinem Modell am nächsten kommt.
2. Übersicht der Tab-Struktur
Das Financial Model besteht aus 6 Tabs, die aufeinander aufbauen. Die Tabs 2, 3 und 6 werden manuell befüllt – Tab 1, 4 und 5 berechnen sich automatisch daraus.
3. Tab-für-Tab Dokumentation
Zweck
Das Dashboard ist dein Cockpit. Es fasst die wichtigsten Kennzahlen aus allen anderen Tabs zusammen und gibt dir (und deinen Investor:innen) sofort einen Überblick über die finanzielle Lage deines Startups.
Aufbau
4 KPI-Karten im oberen Bereich:
| KPI | Quelle | Beschreibung |
|---|---|---|
| MRR / Monatsumsatz | Tab 2 | Monthly Recurring Revenue bzw. monatlicher Umsatz |
| Burn Rate | Tab 5 | Durchschnittlicher monatlicher Netto-Geldabfluss |
| Runway | Tab 5 | Verbleibende Monate bis das Geld aufgebraucht ist |
| Headcount | Tab 3 | Aktuelle Teamgröße (inkl. Gründer:innen) |
3 Charts darunter:
- Revenue-Entwicklung: Monatlicher Umsatz über den gesamten Planungszeitraum (Balkendiagramm)
- Cash-Verlauf: Kontostand über Zeit, inkl. Funding-Injektionen (Liniendiagramm)
- Kosten-Aufschlüsselung: Anteil der Kostenkategorien am Gesamtbudget (Kreisdiagramm)
Zweck
Hier modellierst du deine Umsatzentwicklung über 60 Monate (5 Jahre). Die Spalten laufen von Monat 1 bis Monat 60, gruppiert nach Jahren. Wähle die Variante, die deinem Geschäftsmodell am nächsten kommt.
Spaltenstruktur
SaaS-Variante: Recurring Revenue
Das klassische SaaS-Modell basiert auf monatlichen Abonnements in verschiedenen Preisstufen. Der Schlüssel liegt im Zusammenspiel von Neukundengewinnung, Churn (Abwanderung) und Upgrades.
Pricing Tiers (Zeilen):
Kundenentwicklung pro Tier:
MRR-Berechnung:
Marketplace-Variante: Transaktionsbasiert
Bei Marktplätzen generierst du Umsatz durch eine Provision (Take Rate) auf jede Transaktion. Die Herausforderung liegt im Chicken-and-Egg-Problem: Du brauchst sowohl Käufer:innen als auch Verkäufer:innen.
Buyer-Seite:
Seller-Seite:
Revenue-Berechnung:
B2B-Services-Variante: Projekt- & Stundenbasiert
Bei B2B Services hängt dein Revenue direkt an der Teamkapazität. Der Schlüssel ist die Utilization Rate – also wie viel Prozent der verfügbaren Zeit tatsächlich abgerechnet werden kann.
Projektbasiertes Modell:
Stundenbasiertes Modell:
Zweck
Hier erfasst du alle laufenden Kosten deines Startups, Monat für Monat. Personalkosten machen bei den meisten Startups 60–80 % der Gesamtkosten aus – sei hier besonders genau.
Kategorie 1: Personal
Kategorie 2: Office & Infrastruktur
Kategorie 3: Marketing & Sales
Kategorie 4: Tools & Software
Kategorie 5: Recht & Steuern
Kategorie 6: Sonstiges
Zweck
Die P&L zeigt, ob dein Startup profitabel arbeitet – und wo die Margen liegen. Sie zieht Daten aus Tab 2 (Revenue) und Tab 3 (Kosten) und berechnet die Ergebniskette automatisch.
Aufbau der GuV
Typische Gross Margins nach Geschäftsmodell
| Modell | Typische Gross Margin | Anmerkung |
|---|---|---|
| SaaS | 70–85 % | Hosting-Kosten sind niedrig, Skalierung günstig |
| Marketplace | 60–80 % | Abhängig von Take Rate und Fulfillment-Beteiligung |
| B2B Services | 40–60 % | Personalintensiv, limitierte Skalierung |
Zweck
Die P&L zeigt, ob du profitabel bist. Der Cash Flow zeigt, ob du überlebst. Viele profitable Startups gehen pleite, weil ihnen das Geld ausgeht (Stichwort: Zahlungsziele, Vorfinanzierung). Dieses Tab ist dein Frühwarnsystem.
Cash In (Geldzuflüsse)
Cash Out (Geldabflüsse)
Kernkennzahlen
Zweck
Hier dokumentierst du alle Annahmen, die in dein Modell fließen. Das ist der wichtigste Tab für Investor:innen-Gespräche: Sie wollen verstehen, warum du bestimmte Zahlen annimmst, und schnell Szenarien durchspielen.
Wachstums-Annahmen
Pricing-Annahmen
Kosten-Annahmen
Steuer-Annahmen (Österreich)
4. Beispielwerte für jede Variante
Hier findest du konkrete Beispielzahlen für ein fiktives österreichisches Startup in jeder Geschäftsmodell-Variante. Die Werte sind bewusst konservativ angesetzt und dienen als Orientierung.
„DataClean“ – B2B-SaaS für automatisierte Datenbereinigung
Standort: Eisenstadt, 2 Gründer:innen, GmbH, Pre-Seed-Phase
| Kennzahl | Jahr 1 | Jahr 2 | Jahr 3 | Jahr 5 |
|---|---|---|---|---|
| Kund:innen (Ende) | 38 | 185 | 520 | 1.680 |
| MRR (Ende) | €2.660 | €13.875 | €43.160 | €152.880 |
| ARR (Ende) | €31.920 | €166.500 | €517.920 | €1.834.560 |
| Personalkosten/Monat | €7.800 | €18.200 | €35.100 | €72.800 |
| Gesamtkosten/Monat | €12.500 | €28.400 | €52.000 | €98.000 |
| Break-even | Monat 26 (Anfang Jahr 3) | |||
| Churn | 5 % | 3,5 % | 2,5 % | 2 % |
| Gross Margin | 78 % | 80 % | 82 % | 84 % |
| Funding benötigt | €250.000 Pre-Seed (Monat 1), €800.000 Seed (Monat 14) | |||
„RegioMarkt“ – Marktplatz für regionale Produzent:innen
Standort: Oberwart, 2 Gründer:innen, FlexCo, Seed-Phase
| Kennzahl | Jahr 1 | Jahr 2 | Jahr 3 | Jahr 5 |
|---|---|---|---|---|
| Aktive Käufer:innen (Ende) | 420 | 1.800 | 5.200 | 18.000 |
| Aktive Verkäufer:innen (Ende) | 45 | 120 | 280 | 650 |
| Monatl. GMV (Ende) | €53.550 | €229.500 | €663.000 | €2.295.000 |
| Take Rate | 12 % | 14 % | 15 % | 15 % |
| Net Revenue/Monat (Ende) | €6.426 | €32.130 | €99.450 | €344.250 |
| Break-even | Monat 22 (Mitte Jahr 2) | |||
| Funding benötigt | €150.000 Pre-Seed (Monat 1), €500.000 Seed (Monat 10) | |||
„GreenAudit“ – ESG-Beratung für KMU
Standort: Graz, 2 Gründer:innen, GmbH, bootstrapped
| Kennzahl | Jahr 1 | Jahr 2 | Jahr 3 | Jahr 5 |
|---|---|---|---|---|
| Abrechenbare MA | 2 | 4 | 7 | 14 |
| Utilization Rate | 60 % | 70 % | 75 % | 78 % |
| Stundensatz (Durchschn.) | €110 | €120 | €130 | €145 |
| Revenue/Monat (Ende) | €21.120 | €53.760 | €109.200 | €251.328 |
| Revenue/Jahr | €178.000 | €520.000 | €1.180.000 | €2.850.000 |
| Gross Margin | 48 % | 52 % | 55 % | 58 % |
| Break-even | Monat 8 (Ende Jahr 1) | |||
| Funding benötigt | €50.000 eigene Einlage – bootstrapped | |||
5. Häufige Fehler beim Financial Modelling
Diese Fehler sehen wir bei StartUp Burgenland immer wieder. Vermeide sie, und dein Modell wird deutlich überzeugender.
„Ab Monat 12 geht es steil nach oben“ – aber warum? Jeder Wachstumssprung braucht einen konkreten Treiber: mehr Marketing-Budget, ein neues Produkt-Feature, ein Partnership. Unbegründete Sprünge zerstören deine Glaubwürdigkeit.
Ein:e Entwickler:in mit €4.000 brutto kostet dich nicht €4.000, sondern ca. €5.200 pro Monat (×1,30). Dazu kommen 13. und 14. Gehalt. Auf Jahressicht: €4.000 × 14 × 1,30 = €72.800 – nicht €48.000.
Deine GmbH zahlt €2.000 KöSt pro Jahr – auch wenn du €200.000 Verlust machst. Bei der FlexCo sind es €500/Jahr. Das klingt nach wenig, kann aber im Cash Flow überraschen, wenn man es nicht einplant.
Du sammelst 20 % USt von deinen Kund:innen ein – das ist durchlaufender Posten, kein Umsatz. Die Zahllast (Eingenommene USt minus Vorsteuer) muss regelmäßig ans Finanzamt abgeführt werden. Plane das in den Cash Flow ein.
„Der Markt ist €5 Mrd. groß, wir holen uns 1 %“ ist keine Prognose. Modelliere bottom-up: Wie viele Leads generierst du, wie hoch ist die Conversion, wie viel zahlt ein:e Kund:in? Das ist glaubwürdig.
Ohne Churn im Modell wachsen deine Kund:innenzahlen nur nach oben. Das ist unrealistisch. Selbst bei exzellenten Produkten verlierst du monatlich 2–5 % deiner Kund:innen. Modelliere den Churn von Tag 1.
aws- und FFG-Förderungen sind keine garantierten Einnahmen. Plane sie im optimistischen Szenario ein, aber dein Base Case sollte auch ohne Förderung funktionieren. Außerdem kommen Fördergelder oft 3–6 Monate nach Zusage.
Server-Ausfälle, Rechtsstreitigkeiten, ein:e Schlüsselmitarbeiter:in kündigt – es kommt immer etwas. Plane mindestens 10 % Buffer auf deine Gesamtkosten ein. Das ist kein Pessimismus, sondern Realismus.
Die P&L zeigt Erträge und Aufwände – der Cash Flow zeigt, wann Geld tatsächlich fließt. Du kannst auf dem Papier profitabel sein und trotzdem kein Geld am Konto haben (z. B. weil Kund:innen 60 Tage später zahlen). Beide Perspektiven brauchen ein eigenes Tab.
Wenn du in 6 Monaten auf dein Modell schaust und nicht weißt, warum du 15 % Churn angenommen hast, ist das Modell wertlos. Jede Annahme gehört in Tab 6 – mit Begründung und Quelle (z. B. „Branchenbenchmark“, „eigener Test“, „Gespräch mit 10 Kund:innen“).
6. Checkliste vor dem Investor:innen-Gespräch
Gehe diese 10 Punkte durch, bevor du dein Finanzmodell präsentierst. Hake ab, was passt – und arbeite nach, was fehlt.
-
Annahmen sind dokumentiert und begründet
Jede Wachstums-, Pricing- und Kostenannahme steht in Tab 6 mit einer nachvollziehbaren Begründung (Benchmark, Marktdaten, eigener Test). -
Bottom-up Revenue-Modell
Dein Umsatz ergibt sich aus konkreten Treibern (Kund:innen × Preis × Conversion), nicht aus einer Top-down-Marktannahme. -
Alle österreichischen Steuern berücksichtigt
KöSt (23 %), Mindest-KöSt, Lohnnebenkosten (~30 %), USt-Voranmeldung, SVS-Beiträge für Geschäftsführer:innen. Alles drin? -
Cash Flow spiegelt die Realität wider
Zahlungsziele sind berücksichtigt, Förderungen kommen zeitverzögert, 13./14. Gehalt sind eingeplant, USt-Zahllast ist drin. -
Runway ist berechnet und markiert
Du weißt, wann dir das Geld ausgeht (ohne neues Funding). Dieser Zeitpunkt ist im Dashboard klar erkennbar. -
Hiring Plan ist realistisch und getimt
Jede neue Stelle hat einen Startmonat. Personalkosten steigen nicht sprunghaft ohne Erklärung. Die Hiring-Timeline passt zur Funding-Timeline. -
Unit Economics sind sauber
Du kennst deine CAC (Customer Acquisition Cost), LTV (Lifetime Value) und die LTV:CAC-Ratio. Ziel: mindestens 3:1. -
Szenarien sind vorbereitet
Du kannst mindestens ein Bear Case (pessimistisch) und ein Bull Case (optimistisch) neben dem Base Case zeigen. Idealerweise schaltbar über Tab 6. -
Das Modell ist konsistent
Alle Tabs ziehen aus denselben Annahmen. Es gibt keine Widersprüche zwischen P&L, Cash Flow und Dashboard. Revenue in Tab 2 = Revenue in Tab 4. -
Du kannst jede Zahl erklären
Der ultimative Test: Investor:in zeigt auf eine beliebige Zelle und fragt „Woher kommt diese Zahl?“ Wenn du nicht sofort antworten kannst, musst du das Modell besser verstehen.
7. Ressourcen & nächste Schritte
Weitere StartUp Burgenland Templates
| Template | Beschreibung |
|---|---|
| Runway & Burn Rate Calculator | Interaktiver Rechner für deine Liquiditätsplanung – wie lange reicht dein Geld? |
| Startup Kosten-Rechner | Alle Gründungskosten in Österreich auf einen Blick – von Notar bis SVS. |
| Förderungen Cheat Sheet | Überblick über aws, FFG und weitere Förderprogramme für österreichische Startups. |
| Legal Cheat Sheet | GmbH, FlexCo, Einzelunternehmen – welche Rechtsform passt zu dir? |
| Lean Canvas & Business Model Canvas | Strategische Planungstools für dein Geschäftsmodell. |
| Metrics Cheat Sheet | Die wichtigsten Startup-Kennzahlen – von MRR bis Net Promoter Score. |
Empfohlene nächste Schritte
Starte mit deinen Annahmen. Recherchiere Benchmarks für deine Branche und halte alles schriftlich fest.
Wähle deine Variante (SaaS, Marketplace, B2B) und modelliere die Umsatzentwicklung bottom-up.
Personalkosten zuerst, dann alle anderen Kategorien. Vergiss den 10 %-Buffer nicht.
Stimmen die automatisch berechneten KPIs? Ergibt der Runway Sinn? Ist der Break-even-Zeitpunkt realistisch?
Lass dein Modell von unseren Coaches challengen – bevor es Investor:innen tun.
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