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Medizinprodukte-Verordnung MDR für Startups -- Was du wissen musst

Felix Lenhard 14 min
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Medizinprodukte-Verordnung MDR für Startups -- Was du wissen musst

Die Medical Device Regulation (MDR) -- offiziell die Verordnung (EU) 2017/745 -- ist das zentrale Regelwerk für Medizinprodukte in Europa. Für Startups ist sie Chance und Herausforderung zugleich. Einerseits schafft sie einen einheitlichen europäischen Markt. Andererseits sind die Anforderungen komplex und kostspielig.

In diesem Beitrag erkläre ich dir die MDR so, dass du als Gründer weisst, was auf dich zukommt -- und wie du die Anforderungen pragmatisch erfüllst.

Warum die MDR für dich relevant ist

Wenn dein Produkt einen medizinischen Zweck hat, ist es höchstwahrscheinlich ein Medizinprodukt im Sinne der MDR. Das betrifft nicht nur Hardware wie Blutdruckmessgeräte oder Implantate, sondern auch:

  • Software: Apps zur Diagnoseunterstützung, Therapiebegleitung oder Risikoberechnung
  • KI-Systeme: Algorithmen, die klinische Entscheidungen unterstützen
  • Wearables: Geräte, die Gesundheitsdaten erfassen und auswerten
  • Zubehör: Produkte, die zusammen mit Medizinprodukten verwendet werden

Was ist KEIN Medizinprodukt?

Nicht jede Gesundheits-App ist ein Medizinprodukt. Ausgenommen sind zum Beispiel:

  • Reine Fitness-Tracker ohne medizinischen Zweck
  • Wellness-Apps ohne diagnostischen Anspruch
  • Informationsportale ohne individuelle Empfehlungen
  • Administrative Software (Terminplanung, Abrechnung)

Die Abgrenzung ist manchmal schwierig. Im Zweifel solltest du eine Beratung beim BASG (Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen) in Anspruch nehmen.

Die wichtigsten Änderungen gegenüber der alten Richtlinie

Die MDR hat die früheren Medizinprodukte-Richtlinien (MDD, AIMDD) abgelöst. Die wesentlichen Verschärfungen:

1. Strengere Klassifizierung von Software

Unter der alten Richtlinie war Software oft in Klasse I eingestuft. Die MDR stuft Software, die diagnostische oder therapeutische Entscheidungen beeinflusst, höher ein -- oft in Klasse IIa oder IIb. Das bedeutet: Mehr Aufwand, mehr Kosten, aber auch mehr Sicherheit für Patienten.

2. Umfassendere klinische Bewertung

Du brauchst jetzt in fast allen Fällen eine klinische Bewertung. Diese muss zeigen, dass dein Produkt sicher ist und den beabsichtigten Nutzen bietet. Bei höheren Risikoklassen reicht eine Literaturrecherche oft nicht mehr aus.

3. Post-Market Surveillance

Die MDR verlangt eine aktive Marktüberwachung nach dem Inverkehrbringen. Du musst:

  • Einen Post-Market-Surveillance-Plan erstellen
  • Regelmässig Sicherheitsberichte verfassen
  • Ein Vigilanz-System betreiben
  • Bei Klasse IIa und höher jährlich einen PSUR (Periodic Safety Update Report) erstellen

4. UDI-System

Jedes Medizinprodukt braucht eine Unique Device Identification (UDI). Diese muss in der europäischen Datenbank EUDAMED registriert werden.

5. Verantwortliche Person (PRRC)

Du brauchst eine Person Responsible for Regulatory Compliance (PRRC) in deinem Unternehmen. Diese Person muss bestimmte Qualifikationen nachweisen.

Klassifizierung -- So findest du deine Risikoklasse

Die Klassifizierung ist der erste und wichtigste Schritt. Die MDR definiert 22 Klassifizierungsregeln in Anhang VIII. Für Software sind besonders relevant:

Regel 11 -- Software als Medizinprodukt

Software wird klassifiziert nach dem Zweck und den möglichen Auswirkungen:

Klasse IIa:

  • Software, die Informationen liefert, die für diagnostische oder therapeutische Entscheidungen verwendet werden
  • Beispiel: App, die Hautläsionen analysiert und eine Risiköinschätzung gibt

Klasse IIb:

  • Software, die Informationen liefert, die für Entscheidungen über Diagnose oder Therapie bei schwerwiegenden Erkrankungen verwendet werden
  • Beispiel: KI, die Krebsdiagnosen unterstützt

Klasse III:

  • Software, die bestimmungskonform dazu dient, physiologische Prozesse zu überwachen, wenn eine Abweichung zu einer unmittelbaren Gefahr führen kann
  • Beispiel: Software zur Überwachung von Intensivpatienten

Klasse I:

  • Software, die nicht unter die obigen Kategorien fällt
  • Beispiel: App zur Dokumentation von Symptomen ohne Diagnosevorschlag

Praktische Tipps zur Klassifizierung

  • Sei ehrlich bei der Zweckbestimmung: Formuliere die Zweckbestimmung (Intended Purpose) präzise. Eine vage Formulierung führt oft zu einer höheren Klassifizierung.
  • Hole dir Feedback: Besprich deine Klassifizierung mit einer Benannten Stelle oder dem BASG, bevor du viel Geld investierst.
  • Dokumentiere alles: Die Begründung deiner Klassifizierung muss nachvollziehbar dokumentiert sein.

Der Weg zur CE-Kennzeichnung

Die CE-Kennzeichnung ist dein Ticket zum europäischen Markt. Hier der typische Ablauf:

Phase 1: Planung (2-4 Monate)

  1. Zweckbestimmung definieren: Was soll dein Produkt genau tun? Für wen?
  2. Klassifizierung durchführen: Welche Risikoklasse?
  3. Regulatorische Strategie festlegen: Welche Normen und Standards gelten?
  4. Ressourcenplanung: Budget, Team, Zeitplan

Phase 2: Qualitätsmanagement aufbauen (3-6 Monate)

  1. QMS nach ISO 13485 implementieren: Prozesse definieren, dokumentieren, leben
  2. Design-Control einrichten: Strukturierter Entwicklungsprozess
  3. Risikomanagement nach ISO 14971 aufsetzen: Risiken identifizieren, bewerten, minimieren
  4. PRRC benennen: Verantwortliche Person für die Einhaltung der regulatorischen Anforderungen

Phase 3: Technische Dokumentation erstellen (4-8 Monate)

Die Technische Dokumentation ist das Herzstuck deiner Zulassung. Sie umfasst:

  • Produktbeschreibung und Zweckbestimmung
  • Design- und Herstellungsinformationen
  • Risikomanagement-Akte
  • Klinische Bewertung
  • Gebrauchsanweisung und Kennzeichnung
  • Verifizierungs- und Validierungsergebnisse
  • Post-Market-Surveillance-Plan

Phase 4: Klinische Bewertung (2-12 Monate)

Je nach Risikoklasse und Produktart:

  • Klasse I: Oft reicht eine Literaturrecherche
  • Klasse IIa: Literaturrecherche plus eigene klinische Daten
  • Klasse IIb/III: In der Regel klinische Studien erforderlich

Phase 5: Audit durch Benannte Stelle (3-6 Monate)

Ab Klasse IIa brauchst du eine Benannte Stelle (Notified Body):

  1. Benannte Stelle auswählen: In Österreich ist die TÜV Austria eine Option
  2. Antrag stellen: Inklusive aller Dokumentation
  3. Audit vorbereiten: Die Benannte Stelle prüft dein QMS und deine Dokumentation
  4. Audit durchführen: Vor-Ort-Prüfung und Dokumentenreview
  5. Mängel beheben: Eventuelle Abweichungen korrigieren
  6. Zertifikat erhalten: QMS-Zertifikat und ggf. Baumusterprüfzertifikat

Phase 6: CE-Kennzeichnung und Registrierung (1-2 Monate)

  1. Konformitätserklärung ausstellen
  2. CE-Kennzeichnung anbringen
  3. In EUDAMED registrieren
  4. Beim BASG melden

Kosten und Zeitplanung

Hier eine realistische Einschätzung für Startups:

Klasse I Software

PostenKosten (EUR)
QMS-Aufbau5.000 -- 15.000
Technische Dokumentation10.000 -- 25.000
Klinische Bewertung5.000 -- 15.000
Beratung5.000 -- 15.000
Gesamt25.000 -- 70.000
Zeitrahmen6 -- 12 Monate

Klasse IIa Software

PostenKosten (EUR)
QMS-Aufbau und Zertifizierung20.000 -- 40.000
Technische Dokumentation20.000 -- 50.000
Klinische Bewertung15.000 -- 40.000
Benannte Stelle15.000 -- 30.000
Beratung10.000 -- 30.000
Gesamt80.000 -- 190.000
Zeitrahmen12 -- 18 Monate

Klasse IIb/III

Hier sprechen wir schnell von 200.000 bis 500.000 EUR und 18 bis 36 Monaten. Das ist für ein frühes Startup oft nur mit signifikanter Finanzierung machbar.

Pragmatische Strategien für Startups

Strategie 1: Zweckbestimmung clever formulieren

Die Zweckbestimmung bestimmt die Klassifizierung. Überlege dir genau, welche Claims du machst:

  • "Unterstützt Ärzte bei der Dokumentation" (wahrscheinlich kein Medizinprodukt)
  • "Unterstützt Ärzte bei der Diagnose" (wahrscheinlich Medizinprodukt Klasse IIa)

Aber Achtung: Formuliere die Zweckbestimmung nicht künstlich eng, nur um die Regulierung zu umgehen. Das kann nach hinten losgehen.

Strategie 2: Modularer Aufbau

Trenne regulierte und nicht-regulierte Funktionen in deinem Produkt. So kannst du den nicht-regulierten Teil schneller auf den Markt bringen und den regulierten Teil parallel entwickeln.

Strategie 3: Fachberater früh einbinden

Ein erfahrener Regulatory-Affairs-Berater spart dir am Ende Geld, weil du keine teuren Fehler machst. Rechne mit 150 bis 250 EUR pro Stunde für spezialisierte Berater.

Strategie 4: Predicate Devices nutzen

Wenn es bereits ähnliche zugelassene Produkte gibt, kannst du deine klinische Bewertung teilweise auf deren Daten stützen (Äquivalenzbewertung). Das spart Zeit und Geld.

Strategie 5: Förderungen nutzen

Die FFG fördert auch regulatorische Aktivitäten im Rahmen von F&E-Projekten. Prüfe, ob deine QMS-Einführung oder klinische Bewertung förderfähig ist.

Häufige Stolpersteine

Die Benannte Stelle findet man nicht

Es gibt derzeit zu wenige Benannte Stellen in Europa. Die Wartezeiten betragen oft 6 bis 12 Monate. Stelle deinen Antrag früh -- am besten, bevor deine technische Dokumentation komplett ist.

Software-Updates und die MDR

Jedes signifikante Software-Update kann eine neue Konformitätsbewertung erfordern. Plane deine Release-Zyklen entsprechend und definiere klar, was ein "signifikantes" Update ist.

Legacy-Produkte

Wenn du ein bestehendes Produkt hast, das unter der alten MDD zugelassen war, musst du es auf die MDR umstellen. Die Übergangsfristen wurden mehrfach verlängert, aber die Uhr tickt.

EUDAMED ist noch nicht vollständig

Die europäische Datenbank EUDAMED ist noch nicht in vollem Umfang in Betrieb. Das ändert aber nichts an deinen Verpflichtungen -- du musst dich trotzdem vorbereiten.

Ressourcen und Hilfe

Behröden und Institutionen

  • BASG: Kostenlose Erstberatung möglich -- nutze das
  • AGES: Informationen zu klinischen Studien
  • Wirtschaftskammer Österreich: Brancheninformationen und Netzwerk

Normen und Standards

  • ISO 13485: Qualitätsmanagementsysteme für Medizinprodukte
  • ISO 14971: Risikomanagement für Medizinprodukte
  • IEC 62304: Software-Lebenszyklus für Medizinprodukte-Software
  • IEC 62366: Gebrauchstauglichkeit von Medizinprodukten
  • ISO 27001: Informationssicherheit (oft relevant bei Gesundheitsdaten)

Netzwerke und Communities

  • MedTech Europe: Europäischer Branchenverband
  • AUSTROMED: Österreichischer Medizinprodukte-Verband
  • Health Hub Vienna: Innovationshub für HealthTech

Deine Checkliste

Hier eine kompakte Checkliste, die du abarbeiten kannst:

  • Zweckbestimmung definiert und dokumentiert
  • Klassifizierung durchgeführt und begründet
  • Regulatorische Strategie festgelegt
  • Budget und Zeitplan erstellt
  • QMS-Verantwortlichen benannt
  • ISO 13485 beschafft und gelesen
  • PRRC identifiziert oder geplant
  • Benannte Stelle recherchiert (ab Klasse IIa)
  • Fördermöglichkeiten geprüft
  • Regulatory-Affairs-Berater kontaktiert

Fazit

Die MDR ist kein unüberwindbares Hindernis für Startups -- aber du musst sie ernst nehmen und früh einplanen. Die Kosten und der Zeitaufwand sind real, und es gibt keine Abkürzungen. Aber wenn du den Prozess strukturiert angehst, die richtigen Partner findest und von Anfang an regulatorisch denkst, kannst du dein HealthTech-Produkt erfolgreich auf den europäischen Markt bringen.

Denke daran: Die CE-Kennzeichnung ist nicht nur eine Pflicht -- sie ist auch ein Qualitätssiegel, das Vertrauen schafft bei Ärzten, Patienten und Investoren.

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Dieser Beitrag ist Teil der Serie "HealthTech und MedTech" im Bereich Geschäftsmodell und Strategie. Im nächsten Beitrag widmen wir uns dem Thema Digital Health Apps -- von der Idee bis zum Launch.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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