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Branchenspezifische Genehmigungen und Lizenzen

Felix Lenhard 12 min
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Branchenspezifische Genehmigungen und Lizenzen

Du hast dein Gewerbe angemeldet -- aber reicht das schon? In vielen Branchen brauchst du darüber hinaus spezielle Genehmigungen, Lizenzen oder Zulassungen. Dieser Beitrag gibt dir einen umfassenden Überblick über die wichtigsten branchenspezifischen Anforderungen in Österreich.

Warum branchenspezifische Regulierung?

Die allgemeine Gewerbeordnung deckt die Grundlagen ab, aber viele Branchen unterliegen zusätzlichen Spezialgesetzen. Der Grund: In bestimmten Bereichen -- etwa Finanzen, Gesundheit oder Lebensmittel -- gibt es besondere Risiken für Verbraucherinnen und Verbraucher, die über das normale Mass hinausgehen.

Für dich als Gründerin oder Gründer bedeutet das: Du musst nicht nur die allgemeinen gewerberechtlichen Voraussetzungen erfüllen, sondern auch branchenspezifische Hürden nehmen. Das kostet Zeit und Geld -- aber es schützt auch dein Business, weil es eine klare Spielfeldmarkierung gibt.

FinTech und Finanzdienstleistungen

Finanzmarktaufsicht (FMA)

Die FMA ist die zentrale Aufsichtsbehörde für Finanzmärkte in Österreich. Wenn dein Startup im Finanzbereich tätig ist, führt fast kein Weg an der FMA vorbei.

Zahlungsdienstleistungen

Wenn dein Startup Zahlungsdienstleistungen anbietet, brauchst du eine Konzession nach dem Zahlungsdienstegesetz (ZaDiG). Es gibt verschiedene Kategorien:

  • Zahlungsinstitut: Volle Konzession für Zahlungsdienstleistungen. Mindestanfangskapital je nach Tätigkeit zwischen 20.000 und 125.000 EUR.
  • E-Geld-Institut: Konzession für die Ausgabe von E-Geld. Mindestanfangskapital 350.000 EUR.
  • Kontoinformationsdienstleister: Registrierung bei der FMA, kein Mindestkapital erforderlich.

Crowdfunding

Seit der EU-Crowdfunding-Verordnung (ECSPR) brauchen Crowdfunding-Plattformen eine Zulassung der FMA. Die Verordnung gilt für Schwarmfinanzierungsdienstleistungen bis zu einem Volumen von 5 Millionen EUR pro Angebot.

Kryptoassets

Mit der EU-Verordnung über Märkte für Kryptoassets (MiCA) gibt es seit 2024 einen einheitlichen europäischen Rechtsrahmen. In Österreich ist die FMA die zuständige Behörde. Krypto-Dienstleister brauchen eine Zulassung.

Versicherungsvermittlung

Wenn dein InsurTech-Startup Versicherungen vermittelt, brauchst du eine Gewerbeberechtigung als Versicherungsvermittler und musst dich bei der FMA registrieren.

Praxistipp für FinTechs

Die FMA bietet eine sogenannte FinTech-Kontaktstelle an. Hier kannst du vorab klären, welche Regulierung für dein Geschäftsmodell gilt. Das ist ein kostenloses Angebot, das du unbedingt nutzen solltest, bevor du grössere Investitionen tätigst.

HealthTech und Medizin

Medizinprodukte

Wenn dein Startup ein Medizinprodukt entwickelt -- dazu können auch Apps und Software zählen -- unterliegt es der EU-Medizinprodukteverordnung (MDR). Wichtige Punkte:

  • Klassifizierung: Medizinprodukte werden in Klassen eingeteilt (I, IIa, IIb, III). Die Klasse bestimmt das Konformitätsbewertungsverfahren.
  • CE-Kennzeichnung: Ohne CE-Kennzeichnung darfst du dein Produkt nicht in der EU vermarkten.
  • Benannte Stelle: Für Produkte ab Klasse IIa brauchst du eine Bewertung durch eine Benannte Stelle.
  • Klinische Bewertung: Du musst klinische Daten vorlegen, die die Sicherheit und Leistungsfähigkeit deines Produkts belegen.

Software als Medizinprodukt (SaMD)

Immer mehr HealthTech-Startups entwickeln Software, die als Medizinprodukt eingestuft wird. Das betrifft zum Beispiel:

  • Diagnose-Apps
  • Therapie-Apps (Digitale Gesundheitsanwendungen)
  • Software zur Auswertung medizinischer Bilddaten
  • Algorithmen zur Risikoberechnung bei Krankheiten

Die Einstufung als Medizinprodukt hängt davon ab, ob die Software einen medizinischen Zweck verfolgt. Reine Fitness-Tracker oder allgemeine Wellness-Apps fallen in der Regel nicht darunter.

BASG (Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen)

Das BASG ist die österreichische Behörde für Arzneimittel und Medizinprodukte. Es ist zuständig für:

  • Registrierung von Medizinprodukten
  • Überwachung des Marktes
  • Vigilanz (Meldung von Vorkommnissen)

Telemedizin

Telemedizin-Startups müssen zusätzlich die ärzterechtlichen Bestimmungen beachten. In Österreich dürfen bestimmte ärztliche Leistungen nur von approbierten Ärzten erbracht werden -- auch wenn sie über eine digitale Plattform vermittelt werden.

FoodTech und Lebensmittel

Lebensmittelrecht

Das österreichische Lebensmittelrecht basiert auf EU-Verordnungen und nationalen Gesetzen. Die wichtigsten Vorschriften:

  • Lebensmittelsicherheits- und Verbraucherschutzgesetz (LMSVG): Grundlage des nationalen Lebensmittelrechts
  • EU-Basisverordnung (EG) Nr. 178/2002: Allgemeine Grundsätze der Lebensmittelsicherheit
  • Hygieneverordnungen: (EG) Nr. 852/2004 und (EG) Nr. 853/2004

Registrierung und Zulassung

Als Lebensmittelunternehmen musst du dich bei der zuständigen Lebensmittelbehörde registrieren. Im Burgenland ist das die Bezirksverwaltungsbehörde. Je nach Tätigkeit kann auch eine Zulassung erforderlich sein:

  • Registrierung: Für die meisten Lebensmittelbetriebe ausreichend
  • Zulassung: Erforderlich für Betriebe, die tierische Produkte verarbeiten (z.B. Fleisch, Milch, Fisch)

HACCP-Konzept

Jeder Lebensmittelbetrieb muss ein HACCP-Konzept (Hazard Analysis and Critical Control Points) implementieren. Das ist ein systematischer Ansatz zur Identifizierung und Kontrolle von Gefahren in der Lebensmittelkette.

Novel Food

Wenn dein FoodTech-Startup neuartige Lebensmittel (Novel Foods) auf den Markt bringen will -- etwa Insektenprotein, laborgezüchtetes Fleisch oder neue Nahrungsergänzungsmittel -- brauchst du eine Zulassung nach der EU-Novel-Food-Verordnung. Das Verfahren ist langwierig und kann 12-18 Monate dauern.

AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit)

Die AGES ist dein Ansprechpartner für Lebensmittelsicherheit in Österreich. Sie führt Kontrollen durch, beratet Unternehmen und ist an der Novel-Food-Bewertung beteiligt.

PropTech und Immobilien

Makler- und Bauträgerverordnung

Wenn dein PropTech-Startup Immobilienvermittlung oder Bauträgertätigkeiten umfasst, brauchst du ein reglementiertes Gewerbe als Immobilientreuhänder. Die Voraussetzungen:

  • Befähigungsnachweis (Studium oder Lehre plus Praxis plus Befähigungsprüfung)
  • Vermögens-Schadenshaftpflichtversicherung
  • Treuehandkonto bei einer Bank

Energieausweis

PropTech-Startups, die mit Energieausweisen arbeiten, müssen beachten: Nur befugte Personen (z.B. Baumeister, Ziviltechniker) dürfen Energieausweise ausstellen.

MobilityTech und Transport

Personenbeförderung

Wenn dein Startup Personenbeförderung anbietet, brauchst du:

  • Konzession für die gewerbsmässige Personenbeförderung
  • Fachliche Eignung (Prüfung)
  • Finanzielle Leistungsfähigkeit
  • Zuverlässigkeit

E-Scooter und Mikromobilität

E-Scooter-Sharing-Dienste unterliegen den Bestimmungen der Strassenverkehrsordnung und lokalen Verordnungen. In österreichischen Städten gelten unterschiedliche Regeln -- informiere dich bei der jeweiligen Gemeinde.

Drohnen

Drohnen-Startups müssen die EU-Drohnenverordnung beachten. Je nach Risikokategorie (offen, speziell, zulassungspflichtig) gelten unterschiedliche Anforderungen. Die zuständige Behörde in Österreich ist Austro Control.

EdTech und Bildung

Anzeige- und Bewilligungspflicht

Wenn dein EdTech-Startup formale Bildungsabschlüsse anbieten möchte, brauchst du eine Bewilligung des zuständigen Ministeriums. Für nicht-formale Bildungsangebote (z.B. Online-Kurse, Workshops) gibt es in der Regel keine besonderen Genehmigungen -- du brauchst aber möglicherweise ein Gewerbe als Unternehmensberater oder im Bereich "Lebens- und Sozialberatung".

Zertifizierungen

Wenn dein Startup Zertifikate ausstellt, solltest du prüfen, ob diese Zertifikate anerkannt werden sollen. Dafür gibt es in Österreich die Akkreditierung durch die Akkreditierung Austria.

EnergyTech und Energie

Stromhandel und -erzeugung

Energie-Startups, die Strom erzeugen, handeln oder liefern, benötigen Bewilligungen nach dem Elektrizitätswirtschafts- und -organisationsgesetz (ElWOG) bzw. den jeweiligen Landesgesetzen. Im Burgenland gilt das Burgenländische Elektrizitätswesengesetz.

Energiegemeinschaften

Seit dem Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) gibt es in Österreich die Möglichkeit, Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften (EEG) und Bürgerenergiegemeinschaften (BEG) zu gründen. Dafür gibt es spezifische rechtliche Rahmenbedingungen und Registrierungspflichten.

Kosten und Zeitrahmen

Branchenspezifische Genehmigungen sind oft deutlich aufwändiger als die einfache Gewerbeanmeldung. Hier eine grobe Orientierung:

BereichTypische KostenZeitrahmen
FMA-Konzession (Zahlungsinstitut)10.000-50.000 EUR (plus Mindestkapital)6-12 Monate
CE-Kennzeichnung Medizinprodukt Klasse I5.000-20.000 EUR3-6 Monate
CE-Kennzeichnung Medizinprodukt Klasse IIa+50.000-200.000 EUR12-24 Monate
Lebensmittelregistrierung100-500 EUR2-4 Wochen
Novel Food Zulassung50.000-200.000 EUR12-18 Monate
Immobilientreuhänder-Gewerbe2.000-5.000 EUR (plus Versicherung)1-3 Monate

Strategien für den Umgang mit Regulierung

1. Frühzeitig informieren

Je früher du weisst, welche Genehmigungen du brauchst, desto besser kannst du planen. Sprich mit der zuständigen Behörde, bevor du zu viel Zeit und Geld in die Produktentwicklung investierst.

2. Regulatory-First-Ansatz

Manche Startups entwickeln erst das Produkt und kümmern sich dann um die Regulierung. Das kann teuer werden, wenn sich herausstellt, dass das Produkt regulatorische Anforderungen nicht erfüllt. Besser: Die regulatorischen Anforderungen von Anfang an in die Produktentwicklung einbeziehen.

3. Beratung nutzen

Spezialisierte Beraterinnen und Berater und Anwältinnen und Anwälte können dir helfen, den regulatorischen Dschungel zu durchblicken. Die Investition lohnt sich fast immer.

4. Förderungen nutzen

In Österreich gibt es Förderungen, die auch die Kosten für regulatorische Massnahmen abdecken können. Das AWS bietet beispielsweise Beratungsförderungen an, und die FFG fördert klinische Studien für Medizinprodukte.

5. Regulatory Sandboxes

Für besonders innovative Geschäftsmodelle gibt es in Österreich Regulatory Sandboxes -- geschützte Räume, in denen du dein Produkt unter Aufsicht der Behörde testen kannst. Mehr dazu im letzten Beitrag dieser Serie.

Checkliste: Branchenspezifische Genehmigungen

Nutze diese Checkliste, um festzustellen, ob du branchenspezifische Genehmigungen brauchst:

  • Biete ich Finanzdienstleistungen an? -> FMA kontaktieren
  • Entwickle ich ein Medizinprodukt oder medizinische Software? -> BASG kontaktieren
  • Stelle ich Lebensmittel her oder handle damit? -> Lebensmittelbehörde kontaktieren
  • Biete ich Personenbeförderung an? -> Verkehrsbehörde kontaktieren
  • Arbeite ich mit Drohnen? -> Austro Control kontaktieren
  • Biete ich Energiedienstleistungen an? -> Energieregulator kontaktieren
  • Biete ich Immobiliendienstleistungen an? -> WKO kontaktieren
  • Biete ich formale Bildungsabschlüsse an? -> Bildungsministerium kontaktieren

Fazit

Branchenspezifische Genehmigungen sind eine der grössten Hürden für Startups -- aber auch ein wichtiger Schutz für Verbraucherinnen und Verbraucher und den Markt insgesamt. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der frühzeitigen Auseinandersetzung mit den Anforderungen und einer guten Planung.

Im Burgenland und in ganz Österreich gibt es zahlreiche Anlaufstellen, die dich bei diesem Prozess unterstützen. Nutze diese Ressourcen -- sie können dir viel Zeit und Geld sparen.


Du bist unsicher, welche Genehmigungen dein Startup braucht? Bei Startup Burgenland helfen wir dir, die richtigen Ansprechpartner zu finden und den regulatorischen Rahmen für dein Geschäftsmodell zu verstehen. Komm vorbei oder schreib uns!

Dieser Beitrag ist Teil der Serie "Regulierung und Compliance" auf dem Startup Burgenland Blog. Die Serie behandelt alle wesentlichen regulatorischen Themen, die für österreichische Startups relevant sind -- praxisnah, verständlich und mit konkreten Handlungsempfehlungen.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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