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Kosten-Optimierung in der Cloud

Felix Lenhard 12 min
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Kosten-Optimierung in der Cloud

Du hast dein Startup auf AWS oder Azure aufgebaut, die ersten Startup-Credits sind aufgebraucht -- und jetzt kommt der Schock: Die monatliche Rechnung ist deutlich höher als erwartet. 500 EUR hier, 800 EUR dort. Und du fragst dich: Wofür eigentlich?

Das ist ein klassisches Startup-Problem. Cloud-Kosten sind intransparent, schwer vorherzusagen und neigen dazu, still und leise zu wachsen. Aber die gute Nachricht: Mit den richtigen Strategien kannst du deine Kosten um 30-70 Prozent senken -- oft innerhalb weniger Stunden.


Warum Cloud-Kosten explodieren

Die typischen Kostenfallen

  1. Vergessene Ressourcen: Testserver, die seit Monaten laufen, ohne dass jemand sie nutzt
  2. Übergrösse Instanzen: Du zahlst für 16 GB RAM, brauchst aber nur 4 GB
  3. Fehlende Reservierungen: On-Demand-Preise statt günstigerer Reserved Instances
  4. Daten-Transfer: Kosten für ausgehenden Traffic werden oft übersehen
  5. Managed Services: Jeder einzelne Service kostet wenig, aber in Summe läppert es sich
  6. Fehlende Budgetlimits: Niemand bemerkt den Kostenanstieg, bis die Rechnung kommt

Ein typisches Beispiel

Ein österreichisches Startup hatte folgende monatliche AWS-Rechnung:

ServiceKostenTatsächliche Nutzung
EC2 (3 Instanzen)210 EUR1 wird nicht genutzt
RDS (db.r5.large)180 EURBraucht nur db.t3.medium
S345 EUR30% der Daten werden nie abgerufen
NAT Gateway95 EUROft übersehen!
CloudWatch Logs60 EURÜberflüssige Logs
Gesamt590 EUR

Nach der Optimierung:

ServiceKostenWas geändert wurde
EC2 (2 Instanzen)90 EURNicht genutzte Instanz gelöscht, Reserved Instances
RDS (db.t3.medium)45 EURRichtige Grösse gewählt
S320 EURLifecycle Policies, Intelligent Tiering
NAT Gateway0 EURDurch VPC Endpoint ersetzt
CloudWatch Logs10 EURRetention auf 14 Tage
Gesamt165 EUR72% gespart

Strategie 1: Richtige Grösse wählen (Right-Sizing)

Die meisten Cloud-Instanzen sind übergrösst. Du hast bei der Einrichtung "zur Sicherheit" eine grössere Instanz gewählt -- und nie wieder darauf geschaut.

So findest du die richtige Grösse

  1. Metriken prüfen: Schau dir die CPU- und Memory-Auslastung der letzten 30 Tage an
  2. Peaks identifizieren: Wie hoch ist die maximale Auslastung?
  3. Headroom einplanen: 20-30% Puffer über dem Peak ist ausreichend
  4. Downgrade durchführen: Wechsle auf die nächstkleinere Instanz

AWS-Beispiel

# CPU-Auslastung der letzten 7 Tage pruefen
aws cloudwatch get-metric-statistics \
  --namespace AWS/EC2 \
  --metric-name CPUUtilization \
  --dimensions Name=InstanceId,Value=i-1234567890abcdef0 \
  --start-time 2029-01-25T00:00:00Z \
  --end-time 2029-02-01T00:00:00Z \
  --period 3600 \
  --statistics Average Maximum

Faustregel: Wenn deine durchschnittliche CPU-Auslastung unter 20% liegt, ist deine Instanz zu gross.

AWS Compute Optimizer

AWS bietet mit dem Compute Optimizer ein kostenloses Tool, das dir Empfehlungen für die richtige Instanzgrösse gibt. Aktiviere es unter AWS Console > Compute Optimizer.


Strategie 2: Reserved Instances und Savings Plans

Wenn du weisst, dass du eine Ressource mindestens ein Jahr brauchst, kannst du mit Reservierungen 30-60% sparen.

AWS Savings Plans

TypErsparnisFlexibilität
Compute Savings Plan (1 Jahr)30-40%Hoch -- gilt für EC2, Fargate, Lambda
Compute Savings Plan (3 Jahre)50-60%Hoch
EC2 Instance Savings Plan40-50%Nur für bestimmte Instanzfamilie
Reserved Instance30-60%Am wenigsten flexibel

Empfehlung für Startups

Starte mit einem 1-Jahres Compute Savings Plan für deine Basis-Workloads. Das gibt dir Flexibilität (du kannst die Instanzfamilie wechseln) bei guter Ersparnis.

Wichtig: Reserviere nur, was du wirklich dauerhaft brauchst. Für variable Workloads nutze On-Demand oder Spot Instances.

Hetzner -- Schon günstig, aber trotzdem sparen

Bei Hetzner gibt es keine Reserved Instances, aber die Preise sind bereits so niedrig, dass das weniger ins Gewicht fällt. Trotzdem:

  • Monatspreise statt Stundenpreise: Wenn du eine Instanz den ganzen Monat lauefst, zahlst du bei Hetzner automatisch den Monatspreis (Deckel)
  • Server-Auktionen: Gebrauchte Dedicated Server zu Schnäppchenpreisen

Strategie 3: Spot Instances und Preemptible VMs

Spot Instances sind überschüssige Kapazitäten, die Cloud-Provider mit bis zu 90% Rabatt anbieten. Der Haken: Sie können jederzeit beendet werden.

Geeignet für

  • Batch-Processing (Datenverarbeitung, Report-Generierung)
  • CI/CD Builds
  • Testing und QA
  • Nicht-kritische Background Jobs

Nicht geeignet für

  • Web-Server, die ständig erreichbar sein müssen
  • Datenbanken
  • Alles, was Zustandsspeicher benötigt

Beispiel: CI/CD mit Spot Instances

# GitHub Actions mit selbst gehosteten Spot Runners
# 70-90% guenstiger als GitHub-hosted Runners

Strategie 4: Storage-Kosten optimieren

Storage wird oft übersehen, aber die Kosten summieren sich.

S3 Lifecycle Policies

Verschiebe alte Daten automatisch in günstigere Speicherklassen:

{
    "Rules": [
        {
            "ID": "MoveToInfrequentAccess",
            "Status": "Enabled",
            "Transitions": [
                {
                    "Days": 30,
                    "StorageClass": "STANDARD_IA"
                },
                {
                    "Days": 90,
                    "StorageClass": "GLACIER"
                }
            ],
            "Expiration": {
                "Days": 365
            }
        }
    ]
}

Speicherklassen im Vergleich

KlasseKosten (pro GB/Monat)Use Case
S3 Standard0,023 USDHäufig abgerufene Daten
S3 Infrequent Access0,0125 USDMonatlich abgerufene Daten
S3 Glacier0,004 USDArchivierung
S3 Glacier Deep Archive0,00099 USDLangzeit-Archivierung

S3 Intelligent Tiering

Wenn du nicht weisst, wie oft Daten abgerufen werden, nutze Intelligent Tiering. AWS verschiebt Daten automatisch in die günstigste Klasse.


Strategie 5: Datenbank-Kosten senken

Die Datenbank ist oft der teuerste einzelne Posten in deiner Cloud-Rechnung.

Tipps

  1. Richtige Grösse: Prüfe die CPU- und Memory-Auslastung deiner RDS-Instanz
  2. Multi-AZ nur wenn nötig: Multi-AZ verdoppelt die Kosten. Für ein Startup in der Frühphase reicht Single-AZ mit Backups
  3. Aurora Serverless v2: Skaliert automatisch und du zahlst nur für die tatsächliche Nutzung
  4. Selbst hosten: Auf Hetzner kostet eine PostgreSQL-Instanz auf einer VM 6 EUR statt 45+ EUR bei RDS

Vergleich: Managed vs. Self-Hosted

KriteriumRDS (AWS)Self-Hosted (Hetzner)
Kosten45-180 EUR/Monat6-25 EUR/Monat
WartungAutomatischDu bist verantwortlich
BackupsAutomatischDu musst sie einrichten
UpdatesAutomatischDu musst sie durchführen
SkalierungEinfachAufwändiger

Empfehlung: Starte self-hosted und wechsle zu Managed, wenn dein Team wächst und die Datenbank geschäftskritisch wird.


Strategie 6: Netzwerk-Kosten minimieren

Netzwerk-Kosten sind die versteckteste Kostenfalle in der Cloud.

NAT Gateway (AWS)

Ein NAT Gateway kostet 32 EUR/Monat plus Datenverarbeitungsgebühren. Für ein Startup oft unnötig.

Alternativen:

  • VPC Endpoints für AWS-Services (S3, DynamoDB, etc.)
  • NAT Instance statt NAT Gateway (günstiger, aber weniger zuverlässig)

Data Transfer

Ausgehender Traffic kostet bei AWS und Azure 0,09 USD/GB. Bei Hetzner ist ein grosszügiges Traffic-Kontingent inklusive.

Tipps:

  • CDN nutzen (Cloudflare ist kostenlos)
  • Bilder komprimieren und in modernen Formaten (WebP, AVIF) ausliefern
  • API-Responses mit Gzip/Brotli komprimieren
  • Unnötige Daten aus API-Responses entfernen

Strategie 7: Kosten-Monitoring einrichten

Du kannst nicht optimieren, was du nicht misst.

AWS Cost Explorer

Der AWS Cost Explorer ist kostenlos und gibt dir einen Überblick über deine Ausgaben:

  1. Öffne AWS Console > Billing > Cost Explorer
  2. Analysiere Kosten nach Service, Region und Tag
  3. Erstelle ein monatliches Budget mit Alerts

Budgetlimits setzen

# AWS Budget erstellen (CLI)
aws budgets create-budget \
  --account-id 123456789012 \
  --budget '{
    "BudgetName": "Monatliches-Limit",
    "BudgetLimit": {
      "Amount": "200",
      "Unit": "USD"
    },
    "TimeUnit": "MONTHLY",
    "BudgetType": "COST"
  }' \
  --notifications-with-subscribers '[{
    "Notification": {
      "NotificationType": "ACTUAL",
      "ComparisonOperator": "GREATER_THAN",
      "Threshold": 80,
      "ThresholdType": "PERCENTAGE"
    },
    "Subscribers": [{
      "SubscriptionType": "EMAIL",
      "Address": "gruender@dein-startup.at"
    }]
  }]'

Empfohlene Alerts

SchwelleAktion
50% des BudgetsInfo-E-Mail
80% des BudgetsWarnung per Slack
100% des BudgetsAlert per Telefon
120% des BudgetsAutomatische Massnahmen

Strategie 8: Startup-Programme nutzen

AWS Activate

  • Bis zu 100.000 USD an Credits
  • Verfügbar über Acceleratoren wie Startup Burgenland
  • 1-2 Jahre gültig

Microsoft for Startups

  • Bis zu 150.000 USD an Azure-Credits
  • Inklusive GitHub Enterprise, Visual Studio, LinkedIn
  • Besonders gut für B2B-Startups

Google for Startups

  • Bis zu 100.000 USD an Google Cloud-Credits
  • Gute AI/ML-Services inklusive

Hetzner

Kein offizielles Startup-Programm, aber die Preise sind so niedrig, dass du kaum Credits brauchst.

Tipp: Bewerbe dich bei allen Programmen gleichzeitig. Die Credits sind nicht exklusiv -- du kannst Credits von allen Providern nutzen.


Das monatliche Kosten-Review

Richte einen festen Termin ein -- zum Beispiel jeden ersten Montag im Monat -- für ein Kosten-Review:

Deine Schritt-für-Schritt-Checkliste

  1. Gesamtkosten prüfen: Wie haben sich die Kosten im Vergleich zum Vormonat entwickelt?
  2. Top-5-Services: Welche Services kosten am meisten? Ist das gerechtfertigt?
  3. Ungenutzte Ressourcen: Gibt es Server, Datenbanken oder Storage, die nicht genutzt werden?
  4. Right-Sizing: Sind Instanzen richtig dimensioniert?
  5. Neue Optimierungen: Gibt es neue Einsparpotenziale?

Der österreichische Kontext

Förderungen für Cloud-Kosten

Die FFG (Forschungsförderungsgesellschaft) und die aws (Austria Wirtschaftsservice) bieten Förderungen, die auch Cloud-Kosten abdecken können:

  • aws Preseed und Seedfinancing: Cloud-Kosten als Teil der Betriebsausgaben förderfähig
  • FFG Basisprogramm: Für F&E-intensive Startups, Cloud-Kosten als Sachkosten
  • Digitalisierungsförderung des Landes Burgenland: Infrastrukturkosten oft förderfähig

Steuerliche Aspekte

Cloud-Kosten sind Betriebsausgaben und voll absetzbar. Achte auf korrekte Rechnungen (viele Cloud-Provider stellen Rechnungen ohne österreichische USt aus -- du musst Reverse Charge anwenden).


Quick-Win-Checkliste

Hier sind die Massnahmen, die du heute umsetzen kannst:

  • Budgetlimits und Alerts einrichten (30 Minuten)
  • Ungenutzte Ressourcen identifizieren und löschen (1 Stunde)
  • Instanzgrössen überprüfen und anpassen (1 Stunde)
  • S3 Lifecycle Policies aktivieren (30 Minuten)
  • Cloudflare als CDN einrichten (30 Minuten)
  • CloudWatch Log Retention auf 14 Tage setzen (15 Minuten)
  • NAT Gateway durch VPC Endpoints ersetzen (1 Stunde)
  • Bei Startup-Programmen bewerben (1 Stunde)

Geschätzte Ersparnis: 30-70% deiner aktuellen Cloud-Kosten.


Fazit

Cloud-Kosten müssen nicht aus dem Ruder laufen. Mit den richtigen Strategien und einem regelmässigen Review kannst du deine Ausgaben signifikant senken -- ohne die Leistung zu beeinträchtigen.

Die wichtigsten Hebel: Right-Sizing, Reserved Instances, Storage-Optimierung und das Löschen ungenutzter Ressourcen. Und vergiss nicht die Startup-Programme -- 100.000 USD an kostenlosen Credits können dein Startup in der Frühphase enorm entlasten.

Jeder Euro, den du bei der Infrastruktur sparst, ist ein Euro, den du in dein Produkt und deine Kunden investieren kannst. Und als Startup zählt jeder Euro.


Startup Burgenland unterstützt dich

Du willst deine Cloud-Kosten optimieren und brauchst eine externe Perspektive? Bei Startup Burgenland helfen wir dir, Einsparpotenziale zu identifizieren und die richtigen Optimierungsstrategien umzusetzen. Wir haben Zugang zu den wichtigsten Startup-Programmen und können dir helfen, Credits zu beantragen.

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Weiterführende Artikel


Dieser Beitrag ist Teil der Serie "Cloud und Infrastruktur" im Startup Burgenland Blog. In dieser Serie behandeln wir alle technischen Themen rund um Hosting, Deployment und Skalierung -- speziell für österreichische Startups und Gründer.


Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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