Prokrastination überwinden
Du weisst genau, was du tun musst. Der Förderantrag für die aws liegt seit drei Wochen auf deinem Schreibtisch. Das Pitch Deck für den Investorentermin müsste längst fertig sein. Die schwierige Konversation mit deinem Co-Gründer steht seit Wochen aus.
Und trotzdem sitzt du da und scrollst durch LinkedIn. Oder du räeumst zum dritten Mal diese Woche deinen Schreibtisch auf. Oder du machst "noch schnell" die Buchhaltung -- obwohl die nicht dringend ist.
Willkommen in der Welt der Prokrastination. Du bist nicht allein -- und du bist nicht faul. In diesem Beitrag erkläre ich, warum Gründer besonders anfällig für Prokrastination sind und was du dagegen tun kannst.
Prokrastination verstehen
Was Prokrastination NICHT ist
Prokrastination ist nicht:
- Faulheit (faule Menschen wollen nichts tun -- Prokrastinierer wollen, können aber nicht anfangen)
- Schlechtes Zeitmanagement (du kannst die beste GTD-Methode der Welt haben und trotzdem prokrastinieren)
- Ein Charakterfehler (es ist ein emotionales Regulationsproblem)
Was Prokrastination IST
Prokrastination ist das freiwillige Aufschieben einer beabsichtigten Handlung, obwohl du weisst, dass das Aufschieben negative Konsequenzen hat.
Der Schlüssel liegt im Wort "freiwillig". Du entscheidest dich aktiv dafür, etwas anderes zu tun -- etwas, das sich kurzfristig besser anfühlt.
Die Forschung von Timothy Pychyl und anderen zeigt: Prokrastination ist im Kern ein Emotionsregulationsproblem, kein Zeitmanagementproblem. Du schiebst eine Aufgabe nicht auf, weil du zu wenig Zeit hast, sondern weil sie unangenehme Gefühle auslöst -- Angst, Langeweile, Überforderung, Unsicherheit.
Warum Gründer besonders anfällig sind
1. Keine externe Struktur
Als Angestellter hast du einen Chef, der Deadlines setzt, und Kollegen, die auf deine Zuarbeit warten. Als Gründer setzt du dir selbst Deadlines -- und die sind viel leichter zu ignorieren.
2. Überwältigend viele Aufgaben
Wenn du 200 Dinge auf deiner Liste hast, ist die natürliche Reaktion des Gehirns: Erstarren. Du weisst nicht, wo du anfangen sollst, also fängst du gar nicht an. Die Eisenhower-Matrix kann hier helfen.
3. Angst vor dem Scheitern
Jede wichtige Aufgabe im Startup trägt das Risiko des Scheiterns. Der Förderantrag könnte abgelehnt werden. Der Pitch könnte floppen. Das neue Feature könnte kein Kunde wollen. Solange du nicht anfängst, kannst du nicht scheitern -- so die unbewusste Logik.
4. Perfektionismus
"Wenn ich es nicht perfekt machen kann, mache ich es lieber gar nicht." Dieser Gedanke ist ein Klassiiker unter Gründern. Er tarnt sich als hoher Anspruch, ist aber in Wahrheit Vermeidungsverhalten.
5. Die Illusion der "besseren Zeit"
"Ich mache das morgen, da habe ich mehr Energie/Zeit/Motivation." Spoiler: Morgen fühlt sich genauso an wie heute. Die perfekte Zeit kommt nie.
Die Prokrastinations-Gleichung
Der Forscher Piers Steel hat eine Formel entwickelt, die erklärt, wann du prokrastinierst:
Motivation = (Erwartung x Wert) / (Impulsivität x Verzögerung)
Übersetzt:
- Erwartung: Glaube ich, dass ich die Aufgabe erfolgreich erledigen kann?
- Wert: Ist die Aufgabe für mich sinnvoll und lohnend?
- Impulsivität: Wie leicht lasse ich mich ablenken?
- Verzögerung: Wie weit in der Zukunft liegt die Belohnung?
Du prokrastinierst, wenn:
- Du an deiner Fähigkeit zweifelst (niedrige Erwartung)
- Die Aufgabe langweilig oder sinnlos erscheint (niedriger Wert)
- Du leicht ablenkbar bist (hohe Impulsivität)
- Das Ergebnis weit in der Zukunft liegt (hohe Verzögerung)
Die gute Nachricht: Du kannst an jedem dieser vier Stellschrauben drehen.
Strategie 1: Die Erwartung erhöhen
Wenn du daran zweifelst, ob du eine Aufgabe bewäeltigen kannst, fängst du erst gar nicht an.
Aufgaben klein machen
Statt "Businessplan schreiben" (erschlagend): "Die Zusammenfassung des Businessplans in 30 Minuten entwerfen" (machbar).
Das ist das Prinzip der nächsten konkreten Aktion aus GTD: Was ist der allererste, kleinste Schritt?
Beispiele:
- Statt "Förderantrag einreichen" → "Förderkriterien auf aws-Website lesen (10 Min.)"
- Statt "Neuen Mitarbeiter einstellen" → "Stellenbeschreibung entwerfen (20 Min.)"
- Statt "Finanzplanung machen" → "Umsatzzahlen der letzten 3 Monate exportieren (5 Min.)"
Die 5-Minuten-Regel
Sage dir: "Ich arbeite nur 5 Minuten daran." Das ist so kurz, dass dein Gehirn keinen Widerstand aufbaut. Und meistens machst du nach 5 Minuten weiter -- weil der Anfang das Schwerste war.
Fortschritt sichtbar machen
Führe eine einfache Strichliste oder nutze ein Kanban-Board, auf dem du siehst, wie Aufgaben von "To Do" zu "Doing" zu "Done" wandern. Jeder abgeschlossene Punkt gibt dir einen kleinen Motivationsschub.
Strategie 2: Den Wert erhöhen
Wenn eine Aufgabe langweilig oder sinnlos erscheint, wird sie aufgeschoben.
Das "Warum" verbinden
Verknüpfe die Aufgabe mit deinem grösseren Ziel. Die Buchhaltung ist langweilig? Ja. Aber sie ermöglicht dir, Förderungen zu beantragen, die dein Startup retten könnten. Der Förderantrag ist mühsam? Ja. Aber 50.000 EUR Förderung würden dir erlauben, endlich deinen ersten Entwickler einzustellen.
Belohnungen setzen
Nach 90 Minuten Deep Work am Förderantrag: Ein Kaffee im Lieblingslokal. Nach der fertiggestellten Präsentation: Ein Nachmittag frei. Das ist kein Selbstbetrug -- es ist Verhaltenspsychologie.
Gamification
Mache ein Spiel daraus. Setze dir eine Stoppuhr und versuche, die Aufgabe schneller als gestern zu erledigen. Oder führe eine "Prokrastinations-Challenge" mit einem befreundeten Gründer durch: Wer schafft mehr Q2-Aufgaben (siehe Eisenhower-Matrix) in einer Woche?
Strategie 3: Die Impulsivität senken
Wenn Ablenkungen leicht verfügbar sind, wirst du abgelenkt. So einfach ist das.
Die Umgebung gestalten
Dein Wille ist begrenzt -- deine Umgebung nicht. Mache es dir so schwer wie möglich, prokrastinierend zu handeln:
- Handy: In ein anderes Zimmer legen (nicht nur stumm schalten -- es muss weg sein)
- Social Media: Browser-Extensions wie Freedom oder Cold Turkey nutzen, die Websites blockieren
- E-Mail: Nur zu festen Zeiten öffnen, Benachrichtigungen komplett ausschalten
- Arbeitsplatz: Aufgeräumter Schreibtisch, keine ablenkenden Gegenstände
Mehr zum Thema Umgebung findest du in Deep Work im Startup-Alltag.
Accountability
Sage jemandem, was du heute vorhast. Dein Co-Gründer, dein Mentor, dein Partner. "Ich werde heute bis 12 Uhr den ersten Entwurf des Förderantrags fertig haben." Die soziale Verpflichtung ist ein starker Motivator.
Noch besser: Finde einen "Accountability Partner" -- einen anderen Gründer, mit dem du dich regelmässig austauschst. Im Startup-Burgenland-Netzwerk gibt es viele Gründer, die das Gleiche durchmachen.
Die "Wenn-Dann"-Planung
Plane Ablenkungen vorher ein: "Wenn ich den Impuls verspüre, mein Handy zu checken, dann stehe ich stattdessen auf und hole mir ein Glas Wasser."
Diese Technik (Implementation Intentions) ist wissenschaftlich gut belegt und erstaunlich wirksam.
Strategie 4: Die Verzögerung reduzieren
Je weiter eine Belohnung in der Zukunft liegt, desto weniger motiviert sie dich.
Meilensteine setzen
Statt "In 6 Monaten wollen wir 100 Kunden haben" (zu weit weg): "Diese Woche spreche ich mit 5 potenziellen Kunden" (greifbar).
Zwischenergebnisse definieren
Ein grosses Projekt in wöchentliche Zwischenergebnisse aufteilen. Jedes Zwischenergebnis ist ein kleiner Erfolg, der Dopamin freisetzt und dich weitermotiviert.
Sofortige Konsequenzen schaffen
Manche Gründer überweisen einem Freund 100 EUR mit der Abmachung: "Wenn ich bis Freitag nicht X erledigt habe, spendest du das Geld an eine Organisation, die ich nicht unterstützen will." Klingt extrem, funktioniert aber.
Spezielle Prokrastinations-Szenarien für Gründer
Der schwierige Anruf
Du musst einen unangenehmen Anruf machen -- einem Kunden absagen, eine Reklamation besprechen, einen Mitarbeiter konfrontieren.
Strategie: Mache den Anruf als Erstes am Morgen. Vor dem Kaffee, vor den E-Mails, vor allem anderen. Brian Tracy nennt das "Eat the Frog" -- erledige das Unangenehmste zuerst.
Der Förderantrag
70 Seiten, komplizierte Formalitäten, unklare Kriterien -- kein Wunder, dass Förderanträge aufgeschoben werden.
Strategie: Zerlege den Antrag in tägliche 45-Minuten-Blöcke. Tag 1: Kriterien lesen. Tag 2: Gliederung erstellen. Tag 3: Zusammenfassung schreiben. Und so weiter. In zwei Wochen ist er fertig -- ohne Stress.
Die strategische Planung
"Ich müsste mal eine richtige Strategie machen" -- dieser Satz wird seit Monaten gesagt, aber nie umgesetzt.
Strategie: Buche einen halben Tag in einem externen Raum (Bibliothek, Cafe, Co-Working-Space). Weg von deinem normalen Arbeitsplatz, weg von den üblichen Ablenkungen. Plane es als "Meeting mit dir selbst" im Kalender. Nutze Timeboxing für die einzelnen Themenblöcke.
Die unangenehme E-Mail
Die Antwort an den unzufriedenen Kunden, die Absage an den Bewerber, die Nachfrage beim Investor -- bestimmte E-Mails kosten überproportional viel Überwindung.
Strategie: Schreibe die E-Mail als Entwurf, ohne den Anspruch, sie sofort zu senden. Oft ist das Formulieren leichter, wenn der Druck des Sendens wegfällt. Lasse den Entwurf 30 Minuten liegen, dann überarbeite und sende ihn.
Prokrastination vs. strategisches Aufschieben
Nicht jedes Aufschieben ist Prokrastination. Manchmal ist es klug, Dinge bewusst später zu tun:
- Du wartest auf mehr Informationen, bevor du eine Entscheidung triffst
- Du priorisierst eine wichtigere Aufgabe -- und diese hier kann tatsächlich warten
- Du merkst, dass die Aufgabe eigentlich gar nicht gemacht werden muss
Der Unterschied: Strategisches Aufschieben ist eine bewusste Entscheidung. Prokrastination ist eine unbewusste Vermeidung. Frage dich: "Schiebe ich das auf, weil es sinnvoll ist -- oder weil es sich unangenehm anfühlt?"
Zum Thema bewusstes Priorisieren und auch bewusstes Nein-Sagen empfehle ich dir den Beitrag Nein sagen lernen als Gründer.
Der Umgang mit Rückfällen
Du wirst rückfällig werden. Das ist normal und kein Grund, aufzugeben.
Selbstmitgefühl statt Selbstkritik
Die Forschung zeigt: Menschen, die sich nach dem Prokrastinieren selbst beschimpfen ("Ich bin so undiszipliniert!"), prokrastinieren beim nächsten Mal MEHR. Menschen, die sich selbst vergeben ("Das war menschlich, morgen mache ich es besser"), prokrastinieren WENIGER.
Sei freundlich zu dir selbst. Du baust ein Startup auf -- das ist schwer genug.
Die 3-3-3-Methode als Minimum
Wenn gar nichts geht, mache wenigstens:
- 3 Stunden Deep Work an deiner wichtigsten Aufgabe
- 3 kurze Aufgaben (je unter 15 Minuten)
- 3 Aktivitäten für dein Wohlbefinden (Spaziergang, Gespräch, Pause)
Das ist ein guter Tag, auch wenn er nicht perfekt war.
Das Prokrastinations-Tagebuch
Wenn du ein Muster erkennst, hilft ein kurzes Tagebuch:
- Was habe ich aufgeschoben?
- Was habe ich stattdessen getan?
- Welches Gefühl hat das Aufschieben ausgelöst? (Erleichterung? Schuld?)
- Was war der eigentliche Grund? (Angst? Langeweile? Überforderung?)
Nach zwei Wochen siehst du Muster -- und kannst gezielt an den Ursachen arbeiten.
Zusammenfassung
Prokrastination ist kein Zeichen von Faulheit oder mangelnder Disziplin. Es ist ein emotionales Regulationsproblem, das du mit den richtigen Strategien in den Griff bekommst:
- Erwartung erhöhen: Aufgaben klein machen, die 5-Minuten-Regel nutzen
- Wert erhöhen: Das "Warum" verbinden, Belohnungen setzen
- Impulsivität senken: Umgebung gestalten, Ablenkungen eliminieren
- Verzögerung reduzieren: Meilensteine setzen, sofortige Konsequenzen schaffen
Und vor allem: Sei nachsichtig mit dir selbst. Jeder Gründer prokrastiniert. Der Unterschied liegt darin, wie du damit umgehst.
Starte mit einer einzigen Strategie -- der 5-Minuten-Regel ist ein guter Anfang. Probiere sie heute noch aus. Du wirst überrascht sein, wie oft 5 Minuten zu einer Stunde werden.
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Dieser Beitrag ist Teil der Serie "Zeitmanagement und Selbstorganisation" auf dem Startup Burgenland Blog. Entdecke weitere Beiträge zu den Themen Mindset, Resilienz und Gründer-Alltag.
Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.