Zum Inhalt springen

Praktika und Lehrlinge im Startup

Felix Lenhard 10 min Lesezeit
Zurück zum Blog

Praktika und Lehrlinge im Startup

Praktikanten und Lehrlinge sind für Startups eine unterschätzte Talentquelle. Sie bringen frische Perspektiven, sind motiviert und -- wenn du es richtig machst -- können sie zu deinen besten Vollzeit-Mitarbeitern werden. Gleichzeitig gibt es in Österreich zahlreiche Förderungen und rechtliche Rahmenbedingungen, die du kennen musst. Dieser Beitrag gibt dir alles, was du brauchst.

Warum Praktikanten und Lehrlinge im Startup Sinn machen

Die Vorteile

Talent-Pipeline aufbauen

  • Du lernst potenzielle Mitarbeiter kennen, bevor du dich langfristig bindest
  • Sie lernen dein Startup kennen, bevor sie sich langfristig binden
  • Das ist quasi ein verläagertes, bezahltes Vorstellungsgespräch

Frische Perspektiven

  • Junge Menschen hinterfragen Dinge, die du längst als selbstverständlich ansiehst
  • Sie bringen aktuelle Trends und Wissen aus der Ausbildung mit
  • Gen Z hat oft ein intuitives Verständnis für digitale Produkte

Kosteneffizient

  • Praktikanten kosten deutlich weniger als Vollzeitkräfte
  • Förderungen reduzieren die Kosten weiter
  • Der ROI ist positiv, wenn du es richtig machst

Employer Branding

  • Gute Praktika sprechen sich herum -- an der Uni, in der Community
  • Ehemalige Praktikanten werden zu Botschaftern deines Startups
  • Du baust früh Beziehungen zu Hochschulen und Schulen auf

Die Risiken (und wie du sie minimierst)

  • Zeitaufwand für Betreuung: Ja, Praktikanten brauchen Betreuung. Plane das ein
  • Qualitätsschwankungen: Nicht jeder Praktikant ist ein Diamant. Strukturierte Auswahl hilft
  • Wissensverlust nach Abgang: Dokumentiere alles (siehe Post 483)
  • Rechtliche Fallstricke: In Österreich gibt es klare Regeln -- halte dich daran

Praktika in Österreich -- der rechtliche Rahmen

Pflichtpraktikum vs. freiwilliges Praktikum

In Österreich gibt es einen wichtigen Unterschied:

Pflichtpraktikum (Ferialpraktikum im Rahmen der Ausbildung)

  • Teil des Lehrplans einer Schule oder Hochschule
  • Kein Arbeitsverhältnis im klassischen Sinn
  • Kein Anspruch auf Bezahlung (aber empfohlen!)
  • Kein Urlaubsanspruch
  • Unfallversicherung über die Schule/Uni

Freiwilliges Praktikum (Ferialarbeit)

  • Reguläres Arbeitsverhältnis
  • Kollektivvertragliches Mindestgehalt gilt
  • Anspruch auf anteiligen Urlaub
  • Volle Sozialversicherungspflicht
  • Arbeitsrechtliche Bestimmungen gelten voll

Empfehlung: Zahle immer -- auch bei Pflichtpraktika. Ein unbezahltes Praktikum ist weder fair noch gut für dein Employer Branding. Rechne mit mindestens 800 bis 1.200 EUR brutto pro Monat für Pflichtpraktika und dem KV-Mindestgehalt für freiwillige Praktika.

Dauer und Timing

  • Sommerpraktika: Juli bis September (6 bis 12 Wochen) -- der Klassiker
  • Semester-Praktika: Ein ganzes Semester (4 bis 6 Monate) -- mehr Tiefe
  • Werkstudenten: Laufend neben dem Studium (10-20 Stunden/Woche) -- nachhaltigste Option

Wichtige gesetzliche Vorgaben

  • Arbeitszeit: Für unter 18-Jährige gelten besondere Bestimmungen (max. 8 Stunden/Tag, keine Nachtarbeit)
  • Anmeldung: Freiwillige Praktikanten müssen bei der Sozialversicherung angemeldet werden -- am besten VOR dem ersten Arbeitstag
  • Arbeitsvertrag: Ein schriftlicher Vertrag ist Pflicht (bei freiwilligen Praktika)
  • Zeugnis: Am Ende muss ein Praktikumszeugnis ausgestellt werden

Lehrlingsausbildung im Startup

Die Lehre hat in Österreich eine lange Tradition -- und sie kann auch für Startups funktionieren.

Welche Lehrberufe kommen für Startups in Frage?

  • Informationstechnologie -- Coding: 3 Jahre
  • Applikationsentwicklung -- Coding: 4 Jahre
  • IT-Systemtechnik: 3,5 Jahre
  • E-Commerce-Kaufmann/-frau: 3 Jahre
  • Medienfachmann/-frau: 3,5 Jahre
  • Büro-/Verwaltungsassistenz: 3 Jahre

Voraussetzungen für die Lehrlingsausbildung

Um Lehrlinge ausbilden zu dürfen, brauchst du:

  1. Ausbildungsberechtigung: Dein Betrieb muss als Lehrbetrieb zugelassen sein
  2. Ausbilder: Mindestens eine Person mit Ausbilderqualifikation (Ausbilderfortbildung oder Meisterprüfung)
  3. Ausbildungsplan: Ein strukturierter Plan, der alle Inhalte des Berufsbilds abdeckt
  4. Anmeldung: Bei der Lehrlingsstelle der Wirtschaftskammer

Tipp: Die Ausbilderfortbildung (ca. 40 Stunden) ist eine Investition, die sich lohnt. Du lernst dabei auch viel über Führung und Didaktik.

Förderungen für Lehrlinge

Österreich fördert die Lehrlingsausbildung grosszügig:

  • Basisförderung: 3 Lehrlingseinkommen pro Lehrjahr (bei regulärem Ausbildungsverlauf)
  • Zwischen- und überbetriebliche Ausbildung: Förderung für externe Kurse
  • Ausgezeichnete und gute Lehrabschlüsse: Prämie bei Erfolg
  • Gleichmässige Verteilung der Lehrlingsausbildung: Förderung für neue Lehrbetriebe
  • Coaching und Beratung für Lehrlinge: Förderung für begleitende Massnahmen

Die genauen Förderhöhen ändern sich regelmässig -- aktuelle Informationen findest du bei der Wirtschaftskammer Burgenland oder beim Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft.

Lehrlingsentschädigung

Die Lehrlingsentschädigung ist im Kollektivvertrag geregelt. Richtwerte (variiert nach KV):

LehrjahrMonatliche Entschädigung (ca.)
1. Lehrjahr800-1.000 EUR
2. Lehrjahr1.000-1.200 EUR
3. Lehrjahr1.200-1.500 EUR
4. Lehrjahr1.400-1.700 EUR

Das perfekte Praktikumsprogramm aufbauen

Phase 1: Vorbereitung (4 Wochen vorher)

Rolle definieren:

  • Was soll der Praktikant konkret tun?
  • Welche Projekte kann er übernehmen?
  • Wer betreut ihn?
  • Welche Skills sollte er mitbringen?

Stellenausschreibung erstellen:

Gute Praktikumsausschreibungen betonen:

  • Konkretes Projekt oder konkrete Aufgaben
  • Was der Praktikant lernen wird
  • Team und Kultur
  • Dauer und Vergütung (sei transparent!)

Beispiel: "Du unterstützt unser Marketing-Team bei der Entwicklung einer Social-Media-Strategie für den österreichischen Markt. Am Ende deines Praktikums hast du eine eigenständige Kampagne konzipiert und umgesetzt -- mit echtem Budget und echten Ergebnissen."

Phase 2: Auswahl (2 Wochen)

Auch bei Praktikanten lohnt sich ein strukturierter Auswahlprozess. Aber halte ihn schlank:

  1. Bewerbungsunterlagen sichten (CV und kurzes Motivationsschreiben)
  2. 20-Minuten-Call (Motivation, Erwartungen, kulturelle Passung)
  3. Kleine Aufgabe (z.B. "Analysiere unsere Website und nenne 3 Verbesserungsvorschläge")
  4. Entscheidung innerhalb einer Woche

Worauf achten:

  • Neugierde und Lernbereitschaft (wichtiger als Vorerfahrung)
  • Eigeninitiative
  • Kommunikationsfähigkeit
  • Begeisterung für dein Produkt/deine Mission

Phase 3: Onboarding (Woche 1)

Der erste Tag entscheidet über die Motivation für das gesamte Praktikum.

Tag 1 Checkliste:

  • Arbeitsplatz vorbereitet (Laptop, Zugänge, Materialien)
  • Willkommensgespräch mit dem Gründer oder der Teamleitung
  • Buddy zugewiesen (ein erfahrener Mitarbeiter als Ansprechpartner)
  • Rundgang durchs Büro und Vorstellung aller Teammitglieder
  • Praktikumsplan besprochen
  • Erste kleine Aufgabe zugewiesen

Wichtig: Lass den Praktikanten am ersten Tag nicht alleine rumsitzen. Er soll sofort das Gefühl haben, willkommen und Teil des Teams zu sein.

Phase 4: Durchführung

Die goldene Regel: Echte Arbeit, echte Verantwortung

Praktikanten wollen nicht Kaffee kochen oder Papierkram erledigen. Gib ihnen echte Projekte mit echtem Impact.

Strukturierter Praktikumsplan:

WocheFokusMeilenstein
1Onboarding, Team kennenlernenProdukt verstehen
2-3Einarbeitung in AufgabenbereichErste eigenständige Tasks
4-6Eigenes Projekt startenProjektplan erstellt
7-9Projekt umsetzenZwischenpräsentation
10-12Projekt abschliessenEndpräsentation

Betreuung:

  • Wöchentliches 1:1: 30 Minuten, festes Datum, nicht verschieben
  • Buddy-System: Ein Teammitglied als täglicher Ansprechpartner
  • Feedback: Regelmässig und konkret -- nicht erst am Schluss
  • Integration: Der Praktikant nimmt an Team-Meetings, Standups und Events teil

Phase 5: Abschluss

Endpräsentation: Lass den Praktikanten seine Ergebnisse dem ganzen Team präsentieren. Das gibt Selbstvertrauen und macht die Arbeit sichtbar.

Feedback-Gespräch:

  • Was lief gut?
  • Was hätte besser sein können?
  • Möchte der Praktikant zurückkommen?
  • Möchtest du ihn zurückhaben?

Zeugnis und Referenz:

  • Schreibe ein ehrliches, detailliertes Zeugnis
  • Biete an, als Referenz zur Verfügung zu stehen
  • Empfehle den Praktikanten in deinem Netzwerk (wenn er gut war)

Talent-Pipeline: Wenn der Praktikant gut war, halte den Kontakt:

  • LinkedIn-Verbindung
  • Regelmässige Updates über dein Startup
  • Einladung zu Events
  • Konkretes Angebot, wenn eine Stelle frei wird

Kooperationen mit Bildungseinrichtungen

FH Burgenland

Die FH Burgenland ist ein natürlicher Partner für Startups in der Region:

  • Pflichtpraktika: Viele Studiengänge verlangen Pflichtpraktika
  • Abschlussarbeiten: Bachelor- und Masterarbeiten zu startup-relevanten Themen
  • Forschungskooperationen: Gemeinsame Projekte mit Förderung (FFG-Innovationsscheck)
  • Gastvorträge: Dein Startup als Praxisbeispiel in der Vorlesung
  • Career Events: Präsenz auf Karrieremessen der FH

Weitere Hochschulen

  • TU Wien: Technische Praktika, besonders im Engineering-Bereich
  • WU Wien: BWL, Marketing, Finance-Praktika
  • FH Technikum Wien: IT und Engineering
  • Uni Graz: Verschiedene Fachrichtungen

HTLs und Berufsschulen

Für technische Startups sind HTL-Absolventen eine hervorragende Talentquelle:

  • HTL Pinkafeld: Bau, Gebäudetechnik, IT
  • HTL Eisenstadt: Verschiedene technische Richtungen
  • Kontakt: Über die Schulleitung oder direkt über Lehrkräfte

So baust du Hochschulkooperationen auf

  1. Kontakt herstellen: Email an das Career Center oder den Studiengangsleiter
  2. Angebot machen: Praktikumsplätze, Abschlussarbeiten, Gastvorträge
  3. Gastvortrag halten: 90 Minuten Praxisbericht -- so lernst du Studenten kennen
  4. Präsenz zeigen: Career Fairs besuchen, Aushang am Schwarzen Brett
  5. Alumni-Netzwerk nutzen: Hast du Teammitglieder, die dort studiert haben?

Diversity bei Praktikanten und Lehrlingen

Praktika und Lehrstellen sind eine perfekte Gelegenheit, Diversity in deinem Startup zu fördern (mehr dazu in Post 485):

  • Aktiv ansprechen: Suche gezielt an Schulen und Unis mit diversem Publikum
  • Barrieren abbauen: Flexible Zeiten für Studierende mit Betreuungspflichten
  • Mädchen in der Technik: Programme wie "FIT -- Frauen in die Technik" nutzen
  • Integrationsprogramme: Praktika für Menschen mit Migrationshintergrund
  • Inklusion: Praktikumsplätze für Menschen mit Behinderung -- es gibt Förderungen

Typische Fehler vermeiden

Fehler 1: Praktikanten als billige Arbeitskräfte

Wenn dein Praktikumsprogramm nur darin besteht, Routinearbeit billig zu erledigen, wird es scheitern. Praktikanten reden -- und schlechte Erfahrungen sprechen sich schnell herum.

Fehler 2: Keine Betreuung

"Da ist dein Laptop, da ist Slack, viel Spass" -- so geht es nicht. Jeder Praktikant braucht einen Buddy und regelmässige Gespräche mit dem Vorgesetzten.

Fehler 3: Zu viel erwarten

Praktikanten sind keine Senior-Mitarbeiter. Erwarte nicht, dass sie vom ersten Tag an selbständig arbeiten. Investiere in Einarbeitung und Betreuung.

Fehler 4: Rechtliches ignorieren

In Österreich gibt es klare Regeln für Praktika und Lehre. Halte dich daran -- sonst drohen Nachzahlungen, Strafen und Reputationsschäden.

Fehler 5: Keinen Plan haben

Ein Praktikum ohne klaren Plan ist Zeitverschwendung -- für dich und den Praktikanten. Definiere vorher Projekte, Meilensteine und Lernziele.

Checkliste: Praktikumsprogramm

  • Rechtlichen Rahmen geklärt (Pflichtpraktikum vs. freiwillig)
  • Budget kalkuliert (Vergütung + Betreuungszeit)
  • Projekte und Aufgaben definiert
  • Betreuer und Buddy bestimmt
  • Stellenausschreibung erstellt und veröffentlicht
  • Auswahlprozess definiert
  • Onboarding-Checkliste vorbereitet
  • Praktikumsplan erstellt (Woche für Woche)
  • Feedback-Termine eingetragen
  • Vertrag vorbereitet
  • Sozialversicherungs-Anmeldung geplant

Fazit

Praktika und Lehrlinge sind eine der besten Möglichkeiten, früh Talente für dein Startup zu gewinnen. Der Aufwand ist überschaubar, die Förderungen in Österreich sind grosszügig, und die Chance auf langfristige Mitarbeiter ist hoch.

Der Schlüssel zum Erfolg: Biete echte Arbeit, echte Verantwortung und echte Betreuung. Dann werden deine Praktikanten zu Botschaftern deines Startups -- und die besten von ihnen kommen als Vollzeit-Mitarbeiter zurück.

Im letzten Beitrag dieser Serie geht es um Diversity Recruiting im Startup -- ein Thema, das auch bei der Gestaltung deines Praktikumsprogramms eine wichtige Rolle spielt.


Du willst dein Startup im Burgenland gründen oder weiterentwickeln? Bei Startup Burgenland unterstützen wir dich mit Beratung, Netzwerk und Förderungen. Melde dich jetzt für ein unverbindliches Erstgespräch an!

Dieser Beitrag ist Teil der Serie Talentmanagement und Weiterbildung, in der wir alle Aspekte moderner Personalentwicklung für Startups behandeln.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

Erstgespräch vereinbaren

Du überlegst zu gründen oder bist schon mittendrin? Schreib uns ein formloses E-Mail -- wir melden uns innerhalb weniger Tage.

E-Mail schreiben