Impact-Messung für Social Startups -- So misst du deine gesellschaftliche Wirkung
Als Social Entrepreneur willst du die Welt verändern. Aber woher weisst du, ob du tatsächlich etwas bewirkst? Die Impact-Messung ist eines der zentralen Themen für Social Startups -- und gleichzeitig eines der schwierigsten. In diesem Beitrag zeigen wir dir, welche Methoden und Frameworks es gibt und wie du die passende Impact-Messung für dein Startup findest.
Warum Impact-Messung so wichtig ist
Bevor wir in die Methoden einsteigen, lass uns klären, warum Impact-Messung überhaupt wichtig ist. Es geht nicht nur darum, schöne Zahlen für Investoren zu produzieren. Impact-Messung hat mehrere zentrale Funktionen:
1. Steuerung deines Unternehmens
Wenn du nicht weisst, welche Wirkung du erzielst, kannst du dein Unternehmen nicht effektiv steuern. Impact-Daten helfen dir, Entscheidungen zu treffen und Ressourcen sinnvoll einzusetzen.
2. Kommunikation mit Stakeholdern
Fördergeber, Investoren und Partner wollen wissen, was du mit ihrem Geld bewirkst. Solide Impact-Daten sind die Grundlage für überzeugende Kommunikation. Besonders wenn du Förderungen oder Impact Investing nutzen willst, brauchst du belastbare Zahlen.
3. Legitimation und Glaubwürdigkeit
In einer Zeit, in der "Social Washing" ein zunehmendes Problem ist, hilft dir eine saubere Impact-Messung, deine Glaubwürdigkeit zu untermauern.
4. Lernen und Verbessern
Durch die systematische Messung deiner Wirkung kannst du aus Fehlern lernen und dein Modell kontinuierlich verbessern.
Die Grundlagen der Impact-Messung
Die Wirkungslogik (Theory of Change)
Am Anfang jeder Impact-Messung steht die Wirkungslogik -- auch Theory of Change genannt. Sie beschreibt den kausalen Zusammenhang zwischen dem, was du tust, und der Wirkung, die du erzielen willst.
Die Wirkungslogik besteht aus fünf Ebenen:
1. Input (Ressourcen) Was setzt du ein? Geld, Zeit, Personal, Know-how, Infrastruktur.
2. Aktivitäten Was tust du konkret? Welche Programme, Dienstleistungen oder Produkte bietest du an?
3. Output (Leistungen) Was produzierst du? Anzahl der Teilnehmer, verkaufte Produkte, durchgeführte Workshops.
4. Outcome (Wirkung) Was verändert sich bei deiner Zielgruppe? Neue Fähigkeiten, verändertes Verhalten, verbesserte Lebensqualität.
5. Impact (Gesellschaftliche Wirkung) Welche langfristigen Veränderungen bewirkst du auf gesellschaftlicher Ebene?
Der Unterschied zwischen Output und Impact
Einer der häufigsten Fehler bei der Impact-Messung: Outputs werden mit Impact verwechselt.
Beispiel:
- Output: "Wir haben 500 Menschen in einem Berufsqualifizierungsprogramm geschult."
- Outcome: "300 Teilnehmer haben nach dem Programm einen Job gefunden."
- Impact: "Die Langzeitarbeitslosigkeit in der Region ist um 5% gesunken."
Der Output allein sagt noch nichts über die tatsächliche Wirkung aus. Erst wenn du den Outcome und idealerweise den Impact messen kannst, weisst du, ob dein Programm wirklich funktioniert.
Frameworks für die Impact-Messung
Es gibt zahlreiche Frameworks und Standards für die Impact-Messung. Hier stellen wir dir die wichtigsten vor:
1. Social Return on Investment (SROI)
Der SROI ist einer der bekanntesten Ansätze. Er versucht, den gesellschaftlichen Mehrwert in Geldeinheiten auszudrücken.
So funktioniert es:
- Du identifizierst alle Stakeholder und die Veränderungen, die dein Projekt bei ihnen bewirkt
- Du bewertest diese Veränderungen in Euro
- Du setzt den Wert ins Verhältnis zu deinem Investitionsaufwand
Beispiel: Ein SROI von 3:1 bedeutet, dass für jeden investierten Euro ein gesellschaftlicher Wert von 3 EUR geschaffen wird.
Vorteile:
- Leicht verständlich für Nicht-Experten
- Gut geeignet für die Kommunikation mit Investoren und Fördergebern
- Ermöglicht Vergleiche zwischen verschiedenen Projekten
Nachteile:
- Monetarisierung von sozialer Wirkung ist oft problematisch
- Aufwendig in der Durchführung
- Gefahr der Vereinfachung komplexer Zusammenhänge
2. Impact Reporting and Investment Standards (IRIS+)
IRIS+ ist ein vom Global Impact Investing Network (GIIN) entwickeltes System von Kennzahlen. Es bietet einen standardisierten Katalog von über 400 Indikatoren.
Vorteile:
- Internationaler Standard, der von vielen Impact-Investoren genutzt wird
- Umfassender Katalog von Indikatoren
- Kostenlos verfügbar
Nachteile:
- Kann für kleine Startups überdimensioniert sein
- Erfordert Auswahl der relevanten Indikatoren
Wenn du Impact Investing anstrebst, solltest du dich mit IRIS+ vertraut machen, da viele Investoren diese Standards verwenden.
3. Sustainable Development Goals (SDGs)
Die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen bieten einen globalen Rahmen, an dem du deine Wirkung ausrichten kannst.
Vorteile:
- Weltweit anerkannt und verstanden
- Guter Rahmen für die strategische Ausrichtung
- Relevant für EU-Förderungen
Nachteile:
- Zu breit für die operative Impact-Messung
- Keine konkreten Messmethoden
4. Social Impact Navigator
Der Social Impact Navigator wurde speziell für den deutschsprachigen Raum entwickelt und bietet einen praxisorientierten Ansatz.
Vorteile:
- Speziell für den DACH-Raum entwickelt
- Praxisorientiert und gut dokumentiert
- Kostenlos verfügbar
Nachteile:
- Weniger international bekannt als IRIS+
- Weniger standardisiert
5. Impact Management Project (IMP)
Das IMP bietet einen Rahmen, der fünf Dimensionen von Impact definiert:
- What: Welche Veränderung bewirkst du?
- Who: Wer profitiert davon?
- How much: Wie gross ist die Wirkung?
- Contribution: Was ist dein Beitrag (vs. was wäre ohnehin passiert)?
- Risk: Wie sicher ist die Wirkung?
Praktische Umsetzung der Impact-Messung
Jetzt wird es konkret. Wie setzt du Impact-Messung in deinem Startup um?
Schritt 1: Wirkungslogik entwickeln
Starte mit deiner Theory of Change. Nutze dafür am besten den Social Business Model Canvas, um dein Modell zu strukturieren.
Stelle dir folgende Fragen:
- Welches Problem löst du?
- Wer ist deine Zielgruppe?
- Was genau tust du?
- Welche Veränderungen erwartest du bei deiner Zielgruppe?
- Welche gesellschaftlichen Veränderungen erwartest du langfristig?
Schritt 2: Indikatoren definieren
Wähle für jede Ebene deiner Wirkungslogik messbare Indikatoren. Halte es am Anfang einfach -- drei bis fünf Kernindikatoren sind besser als 50, die du nicht messen kannst.
Beispiele für Indikatoren:
Für ein Bildungs-Startup:
- Output: Anzahl der Teilnehmer, Anzahl der Kursstunden
- Outcome: Abschlussquote, erworbene Kompetenzen (gemessen durch Tests)
- Impact: Beschäftigungsquote der Absolventen nach 12 Monaten
Für ein Umwelt-Startup:
- Output: Tonnen recyceltes Material, Anzahl der teilnehmenden Haushalte
- Outcome: Reduktion des Restmülls pro Haushalt
- Impact: CO2-Einsparung in der Region
Schritt 3: Datenerhebung planen
Überlege dir, wie du die Daten erheben willst:
- Quantitative Daten: Zahlen, die du automatisch oder durch Zählen erfassen kannst
- Qualitative Daten: Interviews, Befragungen, Fallstudien
- Sekundärdaten: Bereits vorhandene Statistiken und Studien
Wichtig: Plane die Datenerhebung von Anfang an in deine Prozesse ein. Nachträglich Daten zu sammeln ist deutlich aufwendiger.
Schritt 4: Baseline erheben
Bevor du mit deinem Programm startest, erhebe eine Baseline -- also den Ausgangszustand. Ohne Baseline kannst du später nicht nachweisen, dass sich etwas verändert hat.
Schritt 5: Regelmässig messen und berichten
Setze einen festen Rhythmus für die Impact-Messung:
- Monatlich: Outputs tracken
- Quartalsweise: Outcome-Indikatoren überprüfen
- Jährlich: Impact-Analyse durchführen und Impact-Bericht erstellen
Häufige Fehler bei der Impact-Messung
Fehler 1: Zu viele Indikatoren
Weniger ist mehr. Konzentriere dich auf die Indikatoren, die wirklich zählen. Du hast als Startup begrenzte Ressourcen -- verschwende sie nicht mit der Messung von Dingen, die niemanden interessieren.
Fehler 2: Nur Outputs messen
Wie oben beschrieben: Outputs allein sagen nichts über deine Wirkung. Versuche immer, auch Outcomes zu messen.
Fehler 3: Kausalität ignorieren
Nur weil sich etwas verändert hat, heisst das nicht, dass du dafür verantwortlich bist. Versuche, andere Einflussfaktoren zu berücksichtigen.
Fehler 4: Negative Wirkungen ausblenden
Jede Intervention kann auch unbeabsichtigte negative Wirkungen haben. Sei ehrlich und messe auch das, was nicht so gut läuft.
Fehler 5: Impact-Messung als Last statt als Chance sehen
Impact-Messung ist kein bürokratischer Aufwand, sondern ein Werkzeug, das dir hilft, besser zu werden. Nutze die Ergebnisse aktiv für die Steuerung deines Unternehmens.
Tools und Ressourcen für die Impact-Messung
Digitale Tools
- SoPact: Online-Plattform für Impact-Messung und -Management
- Salesforce Nonprofit: CRM mit Impact-Messung für gemeinnützige Organisationen
- Google Forms / Typeform: Für einfache Umfragen zur Wirkungsmessung
- Excel / Google Sheets: Für den Anfang oft völlig ausreichend
Beratung und Unterstützung
In Österreich gibt es mehrere Organisationen, die dich bei der Impact-Messung unterstützen:
- Das Social Entrepreneurship Network Austria bietet Workshops und Beratung
- Die WU Wien hat Expertise im Bereich Wirkungsmessung
- Impact Hub Vienna organisiert regelmässig Events zum Thema
Impact-Messung und Finanzierung
Die Impact-Messung ist nicht nur ein internes Steuerungsinstrument -- sie ist auch entscheidend für deine Finanzierung.
Fördergeber erwarten Wirkungsnachweise
Wenn du Förderungen beantragst, musst du in der Regel darlegen, welche Wirkung du erzielen willst und wie du sie messen wirst. Je besser deine Impact-Messung, desto überzeugender dein Förderantrag.
Impact-Investoren brauchen Daten
Impact-Investoren wollen nicht nur wissen, dass du Gutes tust -- sie wollen Daten sehen. IRIS+-Indikatoren und SROI-Berechnungen sind für viele Investoren Standard.
Stiftungen achten auf Wirkung
Auch Stiftungen legen zunehmend Wert auf Wirkungsnachweise. Ein guter Impact-Bericht kann den Unterschied machen zwischen einer Förderung und einer Absage.
Fazit: Starte einfach und wachse
Impact-Messung muss nicht perfekt sein, um nützlich zu sein. Starte mit einer einfachen Wirkungslogik und wenigen Kernindikatoren. Sammle Erfahrungen, lerne dazu und verfeinere dein System über die Zeit.
Das Wichtigste ist, dass du überhaupt anfängst. Denn nur was du misst, kannst du verbessern.
Im nächsten Beitrag unserer Serie schauen wir uns die konkreten Förderungen für Social Enterprises in Österreich an. Bleib dran!
Startup Burgenland unterstützt dich
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Dieser Beitrag ist Teil der Serie "Finanzierung für Social Startups", in der wir alle relevanten Aspekte der Finanzierung und Entwicklung von Social Enterprises in Österreich behandeln.
Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.