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Wettbewerbsanalyse systematisch durchführen -- Ein Leitfaden für Startups

Felix Lenhard 10 min Lesezeit
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Wettbewerbsanalyse systematisch durchführen -- Ein Leitfaden für Startups

"Wir haben keine Wettbewerber." -- Wenn du diesen Satz schon einmal gesagt hast, lass mich dir sagen: Das ist fast nie wahr. Und es ist einer der Sätze, die Investoren am meisten abschrecken. Jedes Problem, das dein Startup löst, wird bereits auf irgendeine Art und Weise gelöst -- und sei es durch Excel-Tabellen, manuelle Prozesse oder einfach Nichtstun.

Eine gründliche Wettbewerbsanalyse hilft dir nicht nur, deine Konkurrenz zu verstehen, sondern auch dein eigenes Angebot zu schärfen. In den Grundlagen der Marktanalyse haben wir das Thema bereits angerissen. Jetzt gehen wir in die Tiefe.

Warum eine systematische Wettbewerbsanalyse?

Eine Ad-hoc-Google-Suche nach deinen Wettbewerbern reicht nicht aus. Du brauchst einen systematischen Ansatz, weil:

  • Du blinde Flecken vermeidest: Wettbewerber können aus unerwarteten Richtungen kommen
  • Du Chancen erkennst: Die Schwächen deiner Wettbewerber sind deine Chancen
  • Du dich differenzierst: Nur wenn du weisst, was andere machen, kannst du dich abheben
  • Du vorbereitet bist: Investoren werden dich nach deinen Wettbewerbern fragen -- garantiert

Schritt 1: Wettbewerber identifizieren

Direkte Wettbewerber

Das sind Unternehmen, die ein ähnliches Produkt an eine ähnliche Zielgruppe verkaufen. So findest du sie:

  • Google-Suche: Suche nach den Keywords, für die du ranken willst
  • App Stores: Wenn du eine App baust, schau dir die Suchergebnisse im App Store und bei Google Play an
  • Branchenverzeichnisse: Die WKO führt Verzeichnisse nach Branchen
  • Startup-Datenbanken: Crunchbase, AngelList, die aws Startup-Datenbank
  • Social Media: Suche auf LinkedIn, Twitter und in relevanten Facebook-Gruppen
  • Messen und Events: Besuche Branchenmessen und Startup-Events in Österreich

Indirekte Wettbewerber

Diese Unternehmen lösen das gleiche Problem deiner Kunden, aber mit einem anderen Ansatz:

  • Alternative Lösungen: Wenn du eine digitale Lösung anbietest, sind analoge Lösungen deine indirekten Wettbewerber
  • Angrenzende Märkte: Unternehmen aus verwandten Branchen, die in deinen Markt expandieren könnten
  • DIY-Lösungen: Kunden, die das Problem selbst lösen (z.B. mit Excel statt mit deiner Software)

Potenzielle zukünftige Wettbewerber

Denk auch an Unternehmen, die noch nicht in deinem Markt sind, aber eintreten könnten:

  • Grosse Technologieunternehmen, die in neue Märkte expandieren
  • Internationale Startups, die den österreichischen Markt noch nicht bedienen
  • Bestehende Unternehmen, die ihr Angebot erweitern könnten

Schritt 2: Informationen sammeln

Für jeden identifizierten Wettbewerber sammelst du Informationen in diesen Kategorien:

Unternehmensprofil

  • Gründungsjahr und Standort
  • Teamgrösse
  • Finanzierung (falls bekannt -- Crunchbase ist hier hilfreich)
  • Geschäftsmodell und Ertragsmodell

Produkt und Angebot

  • Welche Produkte und Dienstleistungen bieten sie an?
  • Was sind die Kernfunktionen?
  • Welche Preise verlangen sie?
  • Wie positionieren sie sich? (Premium, Budget, Mittelfeld)

Kunden und Markt

  • Wer ist ihre Zielgruppe?
  • Welche Kundenreferenzen oder Case Studies haben sie?
  • In welchen Märkten sind sie aktiv?
  • Wie gross ist ihre Kundenbasis (falls bekannt)?

Marketing und Vertrieb

  • Welche Marketingkanäle nutzen sie?
  • Wie stark ist ihre Online-Präsenz?
  • Welche Content-Strategie verfolgen sie?
  • Wie funktioniert ihr Vertrieb?

Stärken und Schwächen

  • Was machen sie besonders gut?
  • Wo gibt es Beschwerden oder negative Bewertungen?
  • Was fehlt in ihrem Angebot?
  • Wie schnell entwickeln sie sich weiter?

Quellen für Wettbewerbsinformationen

In Österreich stehen dir zahlreiche Quellen zur Verfügung:

QuelleWas du findestKosten
FirmenbuchUnternehmensregistrierung, GeschäftsführerTeilweise kostenlos
WKO Firmen A-ZBasisdaten österreichischer UnternehmenKostenlos
CrunchbaseStartup-Daten, FinanzierungsrundenFreemium
SimilarWebWebsite-Traffic und -QuellenFreemium
Trustpilot / Google ReviewsKundenbewertungenKostenlos
LinkedInTeamgrösse, MitarbeiterprofileKostenlos
GlassdoorArbeitgeberbewertungen, GehälterKostenlos

Mehr zu den besten Tools und Methoden für die Wettbewerbsrecherche erfährst du in unserem Beitrag zu Competitive Intelligence Tools und Methoden.

Schritt 3: Wettbewerber analysieren und vergleichen

Die Wettbewerbsmatrix

Erstelle eine Matrix, in der du deine Wettbewerber anhand der wichtigsten Kriterien vergleichst:

KriteriumDein StartupWettbewerber AWettbewerber BWettbewerber C
PreisEUR EUREUR EUR EUREUREUR EUR
Funktionsumfang7/109/105/106/10
Benutzerfreundlichkeit9/106/108/107/10
Kundenservice8/105/107/106/10
Marktpräsenz ATGeringHochMittelGering
TechnologieModernLegacyModernMittel

Die Positionierungslandkarte

Eine Positionierungslandkarte (Perceptual Map) hilft dir, die Wettbewerber visuell zu verorten. Wähle zwei Dimensionen, die für deine Kunden wichtig sind:

  • Preis (niedrig bis hoch) vs. Funktionsumfang (einfach bis umfassend)
  • Innovation (traditionell bis innovativ) vs. Zielgruppe (KMU bis Enterprise)
  • Lokaler Fokus vs. Internationaler Fokus

Zeichne ein Koordinatensystem und positioniere jeden Wettbewerber darin. So erkennst du schnell, wo es Lücken im Markt gibt -- und genau dort könnte deine Chance liegen.

Porters Five Forces

Für eine tiefere strategische Analyse empfehle ich dir Porters Five Forces. Diese Methode analysiert die fünf Wettbewerbskräfte, die deine Branche prägen. Wir haben dazu einen eigenen ausführlichen Beitrag: Porter's Five Forces für Startups.

Schritt 4: Wettbewerbsvorteile herausarbeiten

Basierend auf deiner Analyse kannst du nun deine Wettbewerbsvorteile definieren. Frage dich:

Wo bist du besser?

  • Hast du eine überlegene Technologie?
  • Bist du schneller oder günstiger?
  • Kennst du die österreichischen Kundenbedürfnisse besser?
  • Hast du Zugang zu Ressourcen, die andere nicht haben?

Wo bist du anders?

  • Bedienst du eine Nische, die andere übersehen?
  • Hast du ein innovatives Geschäftsmodell?
  • Bist du näher am Kunden (z.B. durch lokale Präsenz im Burgenland)?

Was ist schwer zu kopieren?

Dein Wettbewerbsvorteil ist nur dann nachhaltig, wenn er schwer zu imitieren ist:

  • Netzwerkeffekte: Je mehr Nutzer du hast, desto wertvoller wird dein Produkt
  • Datenvorsprung: Du sammelst einzigartige Daten, die den Wert deines Produkts steigern
  • Regulatorische Vorteile: Du hast Zertifizierungen oder Lizenzen, die schwer zu bekommen sind
  • Teamexpertise: Dein Team hat einzigartige Fähigkeiten oder Branchenkenntnis
  • Marke und Community: Du hast eine starke Marke oder treue Community aufgebaut

Schritt 5: Wettbewerbsstrategie definieren

Basierend auf deiner Analyse entscheidest du, wie du dich im Wettbewerb positionierst:

Kostenführerschaft

Du bietest die günstigste Lösung an. Das funktioniert, wenn du einen strukturellen Kostenvorteil hast -- z.B. durch Automatisierung oder ein effizienteres Geschäftsmodell.

Differenzierung

Du bietest etwas Einzigartiges, für das Kunden bereit sind, mehr zu zahlen. Das kann überlegene Qualität, besserer Service oder innovative Features sein.

Nischenstrategie

Du fokussierst dich auf ein spezifisches Segment, das von den grossen Anbietern nicht gut bedient wird. Für österreichische Startups ist das oft der vielversprechendste Weg.

Für alternative strategische Ansätze empfehle ich dir unseren Beitrag zur Blue Ocean Strategy für Gründer -- dort geht es darum, wie du Wettbewerb ganz vermeiden kannst.

Schritt 6: Monitoring einrichten

Die Wettbewerbsanalyse ist kein einmaliges Projekt. Du musst deine Wettbewerber kontinuierlich beobachten:

Was du monitoren solltest

  • Produktänderungen: Neue Features, Preisänderungen, neue Produkte
  • Marketingaktivitäten: Neue Kampagnen, Content, Social-Media-Präsenz
  • Strategische Entscheidungen: Neue Märkte, Partnerschaften, Übernahmen
  • Teamveränderungen: Neue Führungskräfte, Wachstum oder Schrumpfung
  • Kundenfeedback: Neue Bewertungen und Beschwerden

Wie du monitorst

  • Google Alerts: Kostenlos und einfach -- richte Alerts für jeden Wettbewerber ein
  • Social Listening: Verfolge Erwänungen deiner Wettbewerber in sozialen Medien
  • Newsletter abonnieren: Melde dich für die Newsletter deiner Wettbewerber an
  • Review-Monitoring: Beobachte neue Bewertungen auf Trustpilot, Google und Co.
  • Job-Postings: Die Stellenausschreibungen deiner Wettbewerber verraten viel über ihre Strategie

Praktisches Template: Wettbewerber-Steckbrief

Erstelle für jeden wichtigen Wettbewerber einen Steckbrief mit folgender Struktur:

Wettbewerber: [Name]
Website: [URL]
Gruendung: [Jahr]
Standort: [Stadt/Land]
Teamgroesse: [ca. Mitarbeiter]
Finanzierung: [Bekannte Runden/Summen]

PRODUKT
- Kernprodukt: [Beschreibung]
- Preismodell: [Details]
- Zielgruppe: [Wer]
- USP: [Was macht sie einzigartig]

STAERKEN
1. [Staerke 1]
2. [Staerke 2]
3. [Staerke 3]

SCHWAECHEN
1. [Schwaeche 1]
2. [Schwaeche 2]
3. [Schwaeche 3]

BEDROHUNG FUER UNS
- Hoch / Mittel / Gering
- Begruendung: [Warum]

UNSERE VORTEILE GEGENUEBER DIESEM WETTBEWERBER
1. [Vorteil 1]
2. [Vorteil 2]
3. [Vorteil 3]

Typische Fehler bei der Wettbewerbsanalyse

Den Wettbewerb ignorieren

"Wir machen etwas völlig Neues, es gibt keine Wettbewerber." -- Selbst wenn das stimmt (was selten der Fall ist), gibt es immer Substitute und Alternativen. Ignoriere den Wettbewerb nicht.

Zu viele Wettbewerber analysieren

Fokussiere dich auf die 5-8 relevantesten Wettbewerber. Eine oberflächliche Analyse von 50 Wettbewerbern bringt weniger als eine tiefe Analyse der wichtigsten.

Nur auf das Produkt schauen

Wettbewerb findet nicht nur auf Produktebene statt. Schau dir auch Marketing, Vertrieb, Kundenservice und Geschäftsmodell an.

Die eigenen Schwächen ausblenden

Sei ehrlich: Wo sind deine Wettbewerber stärker als du? Nur wenn du das anerkennst, kannst du daran arbeiten.

Statische Betrachtung

Wettbewerber entwickeln sich weiter. Was heute eine Schwäche ist, kann morgen eine Stärke sein. Halte deine Analyse aktuell.

Wettbewerbsanalyse im österreichischen Kontext

Als Startup in Österreich solltest du einige Besonderheiten beachten:

  • Lokale Champions: In vielen Branchen gibt es starke österreichische Anbieter, die den lokalen Markt dominieren. Unterschätze sie nicht.
  • DACH-Perspektive: Viele deutsche Wettbewerber sind auch in Österreich aktiv. Berücksichtige den gesamten DACH-Raum.
  • Netzwerke nutzen: In Österreich kennt jeder jeden. Nutze dein Netzwerk, um informell mehr über Wettbewerber zu erfahren.
  • Regionale Stärke: Als burgenländisches Startup hast du vielleicht einen Vorteil bei lokalen Kunden und Partnern -- nutze ihn.

Fazit

Eine systematische Wettbewerbsanalyse ist keine optionale Übung -- sie ist ein zentraler Bestandteil deiner Marktanalyse und deiner Strategie. Nimm dir die Zeit, deine Wettbewerber gründlich zu analysieren, deine Vorteile herauszuarbeiten und dein Monitoring einzurichten.

Die Erkenntnisse aus der Wettbewerbsanalyse fliessen direkt in deine SWOT-Analyse ein und helfen dir, eine starke Buyer Persona zu entwickeln. Im nächsten Beitrag tauchen wir tiefer in Porters Five Forces ein -- ein mächtigeres Framework für die strategische Branchenanalyse.


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Dieser Beitrag ist Teil der Serie "Marktanalyse und Wettbewerb" im Bereich Geschäftsmodell und Strategie. Alle Beiträge der Serie findest du in unserer Blog-Übersicht.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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