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OKRs für Startups -- Ziele setzen, die dein Team wirklich voranbringen

Felix Lenhard 10 min Lesezeit
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OKRs für Startups -- Ziele setzen, die dein Team wirklich voranbringen

"Wir müssen alle an einem Strang ziehen." Diesen Satz höre ich von fast jedem Gründer im Burgenland. Aber wenn ich dann frage "Und was genau ist euer wichtigstes Ziel für dieses Quartal?", wird es oft still.

OKRs -- Objectives and Key Results -- können das ändern. Nicht als bürokratisches Monster, sondern als schlankes System, das auch in einem kleinen Startup funktioniert.

Was sind OKRs -- und was nicht?

OKR steht für Objectives and Key Results. Das Konzept wurde von Andy Grove bei Intel entwickelt und später von John Dörr bei Google eingeführt.

Die Idee ist simpel:

  • Objective: Was wollen wir erreichen? (qualitativ, inspirierend)
  • Key Results: Woran erkennen wir, dass wir es erreicht haben? (quantitativ, messbar)

Ein Beispiel

Objective: Unsere Kunden lieben unser Produkt

Key Results:

  1. NPS steigt von 30 auf 50
  2. Churn-Rate sinkt von 8% auf 4%
  3. 5 Kunden-Testimonials für die Website eingeholt

Siehst du den Unterschied zu klassischen Zielen wie "Umsatz um 20% steigern"? OKRs verbinden eine inspirierende Richtung mit konkreten, messbaren Ergebnissen.

Was OKRs NICHT sind

OKRs sind...OKRs sind NICHT...
RichtungsweisendEine To-do-Liste
Ambitioniert (70% Erreichung = gut)Performance-Reviews
Transparent für alleGeheime Management-Ziele
QuartalsweiseJahrespläne in Stein gemeisselt
Bottom-up und Top-downReine Top-down-Vorgaben

Warum OKRs gerade für Startups funktionieren

Als Gründerin oder Gründer im Burgenland hast du besondere Herausforderungen:

  1. Begrenzte Ressourcen: Du kannst dir nicht leisten, an den falschen Dingen zu arbeiten. OKRs erzwingen Fokus.

  2. Schnelle Veränderungen: Quartalsweise OKRs lassen sich schneller anpassen als Jahrespläne.

  3. Kleine Teams: In einem 3-5-Personen-Team kann jeder die OKRs kennen und mittragen.

  4. Alignment: Wenn alle wissen, was das Ziel ist, braucht es weniger Abstimmung im Alltag.

  5. Motivation: Ambitionierte Ziele motivieren mehr als "Business as usual". Mehr dazu in unserem Beitrag über Motivation ohne grosses Budget.

OKRs aufsetzen: Schritt für Schritt

Schritt 1: Company OKRs definieren

Setz dich mit deinen Mitgründern zusammen und beantworte eine Frage: Was ist das Wichtigste, das wir in den nächsten 3 Monaten erreichen müssen?

Regeln:

  • Maximal 3 Objectives
  • Pro Objective 2-4 Key Results
  • Objectives sind inspirierend, nicht technisch
  • Key Results sind messbar -- mit Zahl oder Ja/Nein

Schlechtes Objective: "Q2 Ziele erreichen" Gutes Objective: "Unser Produkt ist marktreif und die ersten zahlenden Kunden sind begeistert"

Schlechtes Key Result: "Marketing verbessern" Gutes Key Result: "200 qualifizierte Leads über die Website generiert"

Schritt 2: Team/Persönliche OKRs ableiten

In einem kleinen Startup brauchst du vielleicht keine Team-OKRs. Aber persönliche OKRs können helfen, damit jeder weiss, was er oder sie zum grossen Ziel beiträgt.

Beispiel:

Company Objective: "Unser Produkt ist marktreif und die ersten zahlenden Kunden sind begeistert"

  • Entwickler-OKR: "Key Features sind stabil und performant"

    • KR1: Alle 5 Kern-Features implementiert und getestet
    • KR2: Ladezeit unter 2 Sekunden
    • KR3: Zero kritische Bugs im Produktionsbetrieb
  • Marketing-OKR: "Unsere Zielgruppe kennt uns und will unser Produkt"

    • KR1: 500 Newsletter-Abonnenten
    • KR2: 50 Demo-Anfragen
    • KR3: 3 Medienberichte in österreichischen Fachmedien

Schritt 3: Check-ins einrichten

OKRs ohne regelmässige Check-ins sind wertlos. Plane:

  • Wöchentlich (15 Minuten): Kurzer Status-Update zu den Key Results. Ampelsystem: Grün (on track), Gelb (Risiko), Rot (off track).
  • Monatlich (60 Minuten): Tiefere Analyse. Müssen wir Prioritäten verschieben? Sind die OKRs noch relevant?
  • Quartalsende (halber Tag): Bewertung und neue OKRs für das nächste Quartal.

Wie du diese Meetings effizient gestaltest, erfährst du in unserem Post über Meetings die nicht nerven.

Schritt 4: Scoring

Am Ende des Quartals bewertest du jedes Key Result:

ScoreBedeutung
0,0 - 0,3Nicht erreicht -- Warum? Was lernen wir?
0,4 - 0,6Fortschritt, aber Ziel verfehlt
0,7 - 0,8Sweet Spot -- ambitioniert und fast erreicht
0,9 - 1,0Erreicht -- War das Ziel ambitioniert genug?

Wichtig: OKRs sind NICHT an Boni oder Gehälter gekoppelt. Sonst werden die Ziele konservativ gesetzt -- und der ganze Zweck geht verloren.

OKR-Vorlage für dein Startup

Hier ist eine Vorlage, die du sofort nutzen kannst:

=== Q2 2027 OKRs -- [Startup-Name] ===

COMPANY OBJECTIVE 1: [Inspirierendes Ziel]
  KR 1.1: [Messbare Kennzahl] -- Aktuell: X / Ziel: Y
  KR 1.2: [Messbare Kennzahl] -- Aktuell: X / Ziel: Y
  KR 1.3: [Messbare Kennzahl] -- Aktuell: X / Ziel: Y

COMPANY OBJECTIVE 2: [Inspirierendes Ziel]
  KR 2.1: [Messbare Kennzahl] -- Aktuell: X / Ziel: Y
  KR 2.2: [Messbare Kennzahl] -- Aktuell: X / Ziel: Y

--- Persoenliche OKRs ---

[Name]: [Objective]
  KR: [Messbar] -- Status: [Gruen/Gelb/Rot]

Du brauchst kein teures Tool. Ein Google Sheet oder sogar ein physisches Board im Büro reicht für den Anfang.

Typische OKR-Fehler in Startups

Fehler 1: Zu viele OKRs

Drei Objectives mit je drei Key Results = 9 Dinge, auf die du dich fokussierst. Das ist schon viel. Ich sehe Startups mit 5 Objectives und je 5 Key Results -- das sind 25 Prioritäten. Und 25 Prioritäten bedeuten: keine Priorität.

Fehler 2: OKRs als To-do-Liste

"Feature X bauen" ist kein Key Result. Das ist eine Aufgabe. Ein Key Result wäre: "Feature X wird von 50% der Nutzer aktiv verwendet." Der Unterschied: OKRs messen Ergebnisse, nicht Aktivitäten.

Fehler 3: Set and forget

OKRs aufschreiben und dann drei Monate lang nicht anschauen ist schlimmer, als gar keine OKRs zu haben. Es erzeugt Zynismus.

Fehler 4: Objectives ohne Emotion

"Revenue steigern" ist kein inspirierendes Objective. "Unsere Kunden können gar nicht anders als uns weiterzümpfehlen" -- das motiviert.

Fehler 5: Nur Top-down

Wenn die Gründerin alle OKRs vorgibt, ist das Buy-in des Teams gering. Idealerweise kommen 60% bottom-up und 40% top-down.

OKRs im österreichischen Startup-Kontext

In Österreich -- und besonders im Burgenland -- gibt es kulturelle Besonderheiten, die du beachten solltest:

Ambitionierte Ziele vs. österreichische Vorsicht

Die OKR-Philosophie sagt: "Moonshots! 70% Erreichung ist gut!" Das kann im österreichischen Kontext Unbehagen auslösen. Wir sind kulturell eher risikoavers und setzen lieber realistische Ziele.

Mein Tipp: Starte mit "Rooftop Shots" statt "Moonshots". Ziele, die ambitioniert aber nicht absurd sind. Wenn das Team sich an das System gewöhnt hat, kannst du die Ambition steigern.

Förderungen und OKRs

Wenn du den burgenländischen Gründungszuschuss beantragst oder an Förderprogrammen teilnimmst, musst du oft Meilensteine definieren. OKRs können dir dabei helfen -- aber halte sie getrennt. Förder-Meilensteine sind Commitments, OKRs sind Aspirationen.

Netzwerk nutzen

Im Burgenland kennt jeder jeden. Nutze das: Finde einen OKR-Buddy -- eine andere Gründerin, mit der du quartalsweise eure OKRs besprichst. Der Blick von aussen ist Gold wert.

OKRs für verschiedene Startup-Phasen

PhaseTypische ObjectivesBesonderheiten
Pre-Seed"Problem validiert, erste Lösung steht"Max. 1-2 OKRs, sehr flexibel
Seed"Product-Market-Fit gefunden"Fokus auf Kunden-Metriken
Growth"Skalierung läuft, Unit Economics stimmen"Team-OKRs werden wichtiger
Scale-up"Marktführer in unserer Nische"Abteilungs-OKRs nötig

Tools für OKR-Tracking

Für den Anfang reichen einfache Tools:

  • Google Sheets: Kostenlos, flexibel, jeder kennt es
  • Notion: Schön und anpassbar, kostenlos für kleine Teams
  • Trello: Visuell, einfach zu bedienen

Ab 15-20 Mitarbeitern kannst du über spezialisierte Tools nachdenken:

  • Weekdone: Ab ca. 90 EUR/Monat für kleine Teams
  • Perdoo: Speziell für OKRs, gute Auswertungen
  • Gtmhub (Quantive): Enterprise-Level, erst ab Skalierung relevant

Praxisbeispiel: OKRs bei einem burgenländischen AgriTech-Startup

Ein Startup aus Guessing, das IoT-Sensoren für Weinbauern entwickelt, hat OKRs so eingeführt:

Quartal 1 -- Company OKRs:

Objective 1: "Weinbauern im Burgenland kennen und wollen unser Produkt"

  • KR1: 30 Weinbauern haben eine Live-Demo gesehen
  • KR2: 10 LOIs (Letters of Intent) unterschrieben
  • KR3: 1 Artikel in "Der Winzer" (österreichisches Fachmagazin)

Objective 2: "Unser Sensor liefert zuverlässige Daten im Feld"

  • KR1: 5 Sensoren laufen 90 Tage ohne Ausfall
  • KR2: Datengenauigkeit bei Bodenfeuchte >95%
  • KR3: Batterielaufzeit mindestens 6 Monate

Ergebnis nach Q1:

  • Objective 1: Score 0,7 (21 Demos, 8 LOIs, Artikel platziert)
  • Objective 2: Score 0,5 (3 von 5 Sensoren stabil, Genauigkeit 92%, Batterie hält 4 Monate)

Das Team lernte: Die Technologie braucht noch Arbeit, aber der Markt ist da. Q2 OKRs wurden entsprechend angepasst.

OKRs und Unternehmenskultur

OKRs sind nicht nur ein Planungstool -- sie formen auch deine Kultur:

  • Transparenz: Wenn alle OKRs sichtbar sind, entsteht automatisch Offenheit (siehe auch unseren Beitrag zu Startup-Kultur)
  • Eigenverantwortung: Team-Mitglieder definieren ihre eigenen OKRs mit
  • Lernkultur: Quartals-Reviews fördern Reflexion
  • Fokus: Wenige, klare Ziele verhindern Verzettelung

Dein OKR Quick-Start: Diese Woche anfangen

Du willst OKRs einführen? Hier ist dein Plan für diese Woche:

Montag (1 Stunde): Lies diesen Artikel und "Measure What Matters" von John Dörr (oder das Zusammenfassung-Video auf YouTube, 15 Minuten).

Dienstag (30 Minuten): Schreib alleine 2-3 mögliche Objectives auf. Frage: Was muss sich in den nächsten 3 Monaten ändern, damit unser Startup erfolgreich ist?

Mittwoch (90 Minuten): Workshop mit dem Team. Stellt gemeinsam 2-3 Objectives auf und definiert Key Results.

Donnerstag (30 Minuten): Persönliche OKRs ableiten. Jeder im Team definiert 1-2 eigene OKRs.

Freitag (15 Minuten): Erstes Weekly Check-in. OKRs vorstellen, Ampelstatus setzen.

Das war's. Kein monatelanger Einführungsprozess. Einfach anfangen und in jedem Quartal besser werden.

Fazit

OKRs sind kein Allheilmittel. Aber sie sind das beste System, das ich kenne, um ein kleines Team auf gemeinsame Ziele auszurichten -- ohne Bürokratie, ohne komplizierte Tools, ohne teures Consulting.

Starte klein. Starte diese Woche. Und denk dran: 70% Zielerreichung ist kein Scheitern -- es ist der Sweet Spot.

Dein nächster Schritt

Bei Startup Burgenland unterstützen wir dich bei der strategischen Ausrichtung deines Startups -- von der Zielsetzung bis zur Umsetzung. Hol dir jetzt den Gründungszuschuss und mach deine Zielplanung zum Wettbewerbsvorteil.


Dieser Beitrag ist Teil der Serie "Führung und Kultur" auf Startup Burgenland. Alle Beiträge findest du in unserem Blog.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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