Erstes Vertriebsteam aufbauen -- wann, wen und wie du deine ersten Sales-Mitarbeiter einstellst
Du bist als Gründer bisher selbst im Vertrieb unterwegs und es läuft ganz gut. Dein Sales Funnel funktioniert, du hast deine ersten 20-50 Kunden gewonnen und dein CRM ist ordentlich gefüllt. Aber du merkst: Du bist am Limit. Jede Stunde, die du im Vertrieb verbringst, fehlt dir für Produktentwicklung, Strategie oder Führung.
Es ist Zeit, dein erstes Vertriebsteam aufzubauen. Und genau darum geht es in diesem Beitrag.
Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Nicht zu früh und nicht zu spät -- das klingt wie eine Binsenweisheit, ist aber entscheidend.
Zu früh ist schädlich
Wenn du dein erstes Vertriebsteam aufbaust, bevor du selbst einen funktionierenden Vertriebsprozess etabliert hast, passiert Folgendes:
- Du kannst deine Sales-Mitarbeiter nicht anleiten
- Du weisst nicht, ob schlechte Ergebnisse am Mitarbeiter oder am Prozess liegen
- Du verbrennst Geld für Gehälter ohne klaren ROI
- Frustrierte Mitarbeiter kündigen schnell
Zu spät ist auch schädlich
Wenn du zu lange wartest, passiert das:
- Du bist als Gründer permanent überlastet
- Leads bleiben liegen und gehen verloren
- Dein Wachstum stagniert
- Du wirst zum Bottleneck deines eigenen Unternehmens
Die 5 Anzeichen, dass es Zeit ist
- Du hast einen wiederholbaren Vertriebsprozess: Du weisst genau, wie du vom Erstkontakt zum Abschluss kommst (siehe Vertriebsstrategie für Startups)
- Deine Pipeline ist voller als du abarbeiten kannst: Du hast mehr Leads als Zeit
- Dein Produkt hat Product-Market-Fit: Kunden kaufen wiederholt und empfehlen dich weiter
- Du hast ein Sales Playbook: Dein Prozess ist dokumentiert und übertragbar
- Du hast Budget: Du kannst mindestens 6 Monate Gehalt plus Nebenkosten finanzieren
Welche Rollen brauchst du zuerst?
Die typische Reihenfolge
| Phase | Rolle | Aufgabe | Wann |
|---|---|---|---|
| 1 | Sales Development Representative (SDR) | Lead-Qualifizierung, Terminvereinbarung | Erste Einstellung |
| 2 | Account Executive (AE) | Demos, Verhandlung, Abschluss | Wenn SDR genügend qualifizierte Leads liefert |
| 3 | Customer Success Manager | Onboarding, Retention, Upselling | Wenn Kundenbestand wächst |
| 4 | Sales Manager / Head of Sales | Teamführung, Strategie, Coaching | Ab 3-4 Vertriebsmitarbeitern |
| 5 | Sales Operations | CRM-Pflege, Reporting, Prozesse | Ab 5-6 Vertriebsmitarbeitern |
Option A: Starte mit einem SDR
Geeignet wenn:
- Du selbst weiterhin die Abschlüsse machst
- Dein Hauptengpass bei der Lead-Generierung liegt
- Dein Produkt erklärungsbedürftig ist und du als Gründer besser verkaufst
Aufgaben des SDR:
- Leads recherchieren und qualifizieren
- Kaltakquise per Telefon und E-Mail
- Termine für dich (als Closer) vereinbaren
- CRM pflegen
Option B: Starte mit einem Account Executive
Geeignet wenn:
- Du genug Leads hast, aber sie nicht abschliessen kannst
- Dein Vertriebsprozess klar dokumentiert ist
- Du dich auf andere Aufgaben konzentrieren musst
Option C: Der "Full-Stack Sales Rep"
Geeignet wenn:
- Dein Vertriebsprozess noch nicht komplex ist
- Du jemanden brauchst, der alles kann (Lead-Gen bis Abschluss)
- Dein Budget nur für eine Person reicht
Meine Empfehlung für österreichische Startups: Starte mit einem Full-Stack Sales Rep oder SDR. In Österreich sind die Vertriebsprozesse oft persönlicher und weniger segmentiert als in den USA.
Gehälter und Kosten in Österreich
Gehaltsvergleich Sales-Rollen in Österreich (2026)
| Rolle | Fixgehalt brutto/Jahr | Variable Komponente | Gesamtverdienst (bei Zielerreichung) |
|---|---|---|---|
| SDR (Junior) | 28.000-35.000 EUR | 5.000-10.000 EUR | 33.000-45.000 EUR |
| SDR (Senior) | 35.000-42.000 EUR | 8.000-15.000 EUR | 43.000-57.000 EUR |
| Account Executive (Junior) | 35.000-45.000 EUR | 10.000-20.000 EUR | 45.000-65.000 EUR |
| Account Executive (Senior) | 45.000-60.000 EUR | 15.000-30.000 EUR | 60.000-90.000 EUR |
| Sales Manager | 55.000-75.000 EUR | 15.000-25.000 EUR | 70.000-100.000 EUR |
| Head of Sales | 70.000-90.000 EUR | 20.000-40.000 EUR | 90.000-130.000 EUR |
Hinweis: In Österreich sind 14 Monatsgehälter üblich (Urlaubs- und Weihnachtsgeld). Die Angaben oben sind Jahresbruttogehälter inklusive Sonderzahlungen.
Gesamtkosten für den Arbeitgeber
Vergiss nicht die Lohnnebenkosten! In Österreich liegen sie bei ca. 30-32 Prozent des Bruttogehalts.
Beispielrechnung für einen SDR:
| Kostenart | Monatlich | Jährlich |
|---|---|---|
| Bruttogehalt (inkl. Sonderzahlungen) | 2.500 EUR | 35.000 EUR |
| Lohnnebenkosten (ca. 31 Prozent) | 775 EUR | 10.850 EUR |
| Variable Vergütung (bei Zielerreichung) | 625 EUR | 8.750 EUR |
| Arbeitsplatz + Tools | 300 EUR | 3.600 EUR |
| Einarbeitung (anteilig, 3 Monate) | 200 EUR | 2.400 EUR |
| Gesamtkosten | ca. 4.400 EUR | ca. 60.600 EUR |
Die Break-Even-Frage: Dein SDR muss genug Umsatz generieren, um seine Kosten zu decken. Bei Gesamtkosten von ca. 60.000 EUR und einer Bruttomarge von 70 Prozent muss er also ca. 86.000 EUR Umsatz pro Jahr bringen -- das sind ca. 7.150 EUR pro Monat.
Wo findest du die richtigen Leute?
Recruitingkanäle für Sales-Positionen in Österreich
| Kanal | Kosten | Qualität | Geschwindigkeit |
|---|---|---|---|
| LinkedIn Jobs | 200-500 EUR pro Anzeige | Hoch | Mittel (2-4 Wochen) |
| karriere.at | 500-1.500 EUR pro Anzeige | Hoch | Mittel |
| willhaben.at Jobs | 200-400 EUR | Mittel | Schnell |
| Persönliches Netzwerk | 0 EUR | Sehr hoch | Variabel |
| Empfehlungsprogramm | 500-2.000 EUR Prämie | Sehr hoch | Variabel |
| Headhunter | 15-25 Prozent des Jahresgehalts | Hoch | Langsam (4-8 Wochen) |
| AMS Jobbörse | 0 EUR | Variabel | Schnell |
| FH-Karrieremessen | 200-500 EUR (Standgebühr) | Gut (Juniors) | Mittel |
Worauf du im Bewerbungsprozess achten solltest
Die 5 wichtigsten Eigenschaften eines guten ersten Sales-Mitarbeiters:
-
Unternehmerisches Denken: In einem Startup muss der Sales Rep eigenständig arbeiten können. Keine Corporate-Mentalität.
-
Lernbereitschaft: Dein Produkt und Markt verändern sich ständig. Der ideale Kandidat lernt schnell und passt sich an.
-
Resilienz: Vertrieb heisst Ablehnung. Dein erster Sales Rep muss damit umgehen können.
-
Kommunikationsfähigkeit: Sowohl am Telefon als auch per E-Mail und persönlich.
-
Kultureller Fit: Passt die Person zu deinem Team und deinen Werten?
Interview-Leitfaden
Fragen, die du stellen solltest:
| Bereich | Frage | Worauf du achtest |
|---|---|---|
| Erfahrung | "Erzähl mir von deinem erfolgreichsten Deal." | Struktur, Zahlen, Lessons Learned |
| Resilienz | "Erzähl mir von einer Situation, in der du wiederholt abgelehnt wurdest." | Umgang mit Rückschlägen |
| Eigeninitiative | "Wie würdest du in den ersten 30 Tagen bei uns vorgehen?" | Proaktivität, Denkweise |
| Produktverständnis | "Erkläre mir unser Produkt so, wie du es einem Kunden erklären würdest." | Vorbereitung, Kommunikation |
| Motivation | "Warum ein Startup und nicht ein etabliertes Unternehmen?" | Echte Motivation vs. Standardantwort |
| Praxis | "Führe ein Rollenspiel: Du rufst mich kalt an." | Vertriebsskills in der Praxis |
Mein Tipp: Lass den Kandidaten immer ein Rollenspiel machen. Das zeigt mehr als jeder Lebenslauf.
Die Einarbeitung -- die ersten 90 Tage
Die 30-60-90-Tage-Methode
Tage 1-30: Lernen und Verstehen
- Produkt im Detail kennenlernen
- 5-10 Kundengesprächen beiwohnen (als Zuhörer)
- CRM-System und Tools lernen
- Sales Playbook studieren
- Markt und Wettbewerb verstehen
- Erste eigene Leads recherchieren
Ziel nach 30 Tagen: Der Mitarbeiter kann das Produkt erklären und hat den Vertriebsprozess verstanden.
Tage 31-60: Anwenden mit Unterstützung
- Erste eigene Anrufe und E-Mails (mit Coaching)
- Begleitet eigene Erstgespräche
- Feedback nach jedem Kundengespräch
- Erste eigene Pipeline aufbauen
- Wöchentliche 1:1-Gespräche mit dir
Ziel nach 60 Tagen: Der Mitarbeiter führt selbstständig Erstgespräche und hat eine erste Pipeline.
Tage 61-90: Eigenständigkeit aufbauen
- Volle Eigenverantwortung für den Vertriebsprozess
- Eigene Deals verhandeln und abschliessen
- KPIs werden gemessen und besprochen
- Kontinuierliches Coaching, aber weniger Handholding
Ziel nach 90 Tagen: Der Mitarbeiter arbeitet weitgehend eigenständig und erreicht mindestens 50 Prozent der Ziel-KPIs.
Vergütungsmodelle für Sales-Mitarbeiter
Die Grundstruktur: Fix + Variabel
In Österreich ist eine Mischung aus Fixgehalt und variabler Vergütung üblich. Die Aufteilung hängt von der Rolle ab:
| Rolle | Fix-Anteil | Variabel-Anteil | Typisch |
|---|---|---|---|
| SDR | 70-80 Prozent | 20-30 Prozent | Pro qualifiziertem Termin oder Lead |
| Account Executive | 50-70 Prozent | 30-50 Prozent | Pro Abschluss oder Umsatz |
| Sales Manager | 60-70 Prozent | 30-40 Prozent | Team-Ziele + eigene Deals |
Variable Vergütungsmodelle
Modell 1: Provision auf Umsatz
Variable Verguetung = Umsatz x Provisionssatz
Beispiel: 100.000 EUR Umsatz x 5 Prozent = 5.000 EUR Provision
Modell 2: Stufenprovision
| Zielerreichung | Provisionssatz |
|---|---|
| 0-80 Prozent | 3 Prozent |
| 80-100 Prozent | 5 Prozent |
| 100-120 Prozent | 7 Prozent |
| Über 120 Prozent | 10 Prozent |
Modell 3: Bonus bei Zielerreichung
100 Prozent Zielerreichung = 100 Prozent Bonus
Darunter: Anteilig oder kein Bonus (Schwellenwert festlegen)
Darueber: Beschleuniger (z.B. 120 Prozent des Bonus)
Wichtige rechtliche Aspekte in Österreich
- Angestelltengesetz (AngG): Dein Sales-Mitarbeiter ist in der Regel Angestellter, nicht freier Dienstnehmer
- Kollektivvertrag: In vielen Branchen gibt es Mindestgehälter -- prüfe den relevanten KV
- Provision und 13./14. Gehalt: Variable Vergütung muss klar geregelt sein (ob sie in Sonderzahlungen einfliessen oder nicht)
- Kündigung: Kündigungsfristen beachten (ab 6 Wochen bis 5 Monate je nach Dienstzeit)
- Dienstzettel: Pflicht ab dem ersten Tag -- alle Konditionen schriftlich festhalten
Kultur und Führung im Vertriebsteam
Eine gesunde Vertriebskultur aufbauen
- Transparenz: Teile Zahlen und Ziele offen mit dem Team
- Feiern: Erfolge sichtbar machen und gemeinsam feiern
- Lernen aus Fehlern: Keine Blame-Culture -- jeder Deal, der verloren geht, ist eine Lernchance
- Zusammenarbeit: Vertrieb ist kein Einzelsport im Startup -- fördere den Austausch
Regelmässige Meetings
| Meeting | Frequenz | Dauer | Inhalt |
|---|---|---|---|
| Daily Standup | Täglich | 10 min | Was habe ich gestern gemacht? Was mache ich heute? Wo brauche ich Hilfe? |
| Pipeline Review | Wöchentlich | 30 min | Deals durchgehen, Prognosen aktualisieren, Engpässe identifizieren |
| 1:1 Coaching | Wöchentlich | 30 min | Individuelles Feedback, Entwicklung, Karriere |
| Team Meeting | Monatlich | 60 min | Ergebnisse, Learnings, Strategie-Updates |
| Quarterly Review | Quartalsweise | 2 Stunden | Zielerreichung, Strategieanpassung, Teamplanung |
Sales Coaching -- so entwickelst du dein Team
- Zuhören statt Sagen: Begleite Calls und Meetings als Zuhörer, gib danach Feedback
- Fragen statt Antworten: "Was hättest du anders machen können?" statt "Du hättest X machen sollen"
- Positive Verstärkung: Lobe spezifische Verhaltensweisen, nicht nur Ergebnisse
- Rollenspiele: Regelmässig üben -- Einwände, Preisverhandlung, Discovery-Calls
- Daten nutzen: Nutze CRM-Daten für objektives Coaching, nicht Bauchgefühl
Skalierung -- vom ersten zum fünften Sales Rep
Phase 1: Der erste Sales Rep (Mitarbeiter 1)
- Du coachst persönlich
- Enger Kontakt, tägliches Feedback
- Fokus auf Prozessvalidierung
- Du bist noch der beste Verkäufer im Team
Phase 2: Das erste Paar (Mitarbeiter 2)
- Gesunder Wettbewerb entsteht
- Ihr könnt voneinander lernen
- Erste Arbeitsteilung möglich (z.B. SDR + AE)
- Du beginnst, weniger selbst zu verkaufen
Phase 3: Das erste Team (Mitarbeiter 3-5)
- Du brauchst einen Team Lead oder wirst selbst zum Sales Manager
- Standardisierte Prozesse und Meetings
- Sales Metrics werden entscheidend
- Einarbeitungsprozess muss skalierbar sein
Wann solltest du einen Head of Sales einstellen?
- Ab 3-4 Vertriebsmitarbeitern
- Wenn du als Gründer keine Zeit mehr für Sales Coaching hast
- Wenn du den nächsten Wachstumsschritt planst
- Wenn du Erfahrung brauchst, die du selbst nicht hast
Häufige Fehler beim Aufbau des ersten Vertriebsteams
-
Den falschen Profil-Typ einstellen: Keine erfahrenen Enterprise-Seller für ein frühes Startup -- du brauchst Hands-on-Leute, die anpacken
-
Zu wenig Einarbeitungszeit geben: Plane mindestens 3 Monate ein, bevor du volle Ergebnisse erwartest
-
Kein klares Sales Playbook haben: Dein erster Sales Rep braucht eine klare Anleitung -- er kann nicht raten
-
Variable Vergütung zu kompliziert gestalten: Halte es einfach -- der Mitarbeiter muss auf einen Blick sehen, wie er sein Ziel erreicht
-
Zu schnell skalieren: Validiere den Prozess mit 1-2 Reps, bevor du auf 5-10 skalierst
-
Nur auf Erfahrung achten: In einem Startup zählen Einstellung, Lernbereitschaft und Eigeninitiative mehr als 10 Jahre Erfahrung
Fazit
Dein erstes Vertriebsteam aufzubauen ist einer der wichtigsten Meilensteine in der Geschichte deines Startups. Mach es richtig, indem du erst deinen eigenen Vertriebsprozess meisterst, dann die richtigen Leute findest und ihnen die Werkzeuge gibst, um erfolgreich zu sein.
Denk daran: In Österreich ist der Arbeitsmarkt für gute Sales-Leute kompetitiv. Biete nicht nur ein gutes Gehalt, sondern auch eine spannende Mission, Entwicklungsmöglichkeiten und ein gutes Arbeitsumfeld. Die besten Vertriebler wollen nicht nur verkaufen -- sie wollen Teil von etwas Grossem sein.
Dein nächster Schritt
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Dieser Beitrag ist Teil der Serie "Vertrieb und Sales" auf Startup Burgenland. Alle Beiträge findest du in unserem Blog.
Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.