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Wie du dein Canvas in 90 Minuten erstellst

Felix Lenhard 8 min Lesezeit
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Warum 90 Minuten die richtige Zeitspanne sind

Die meisten Gründer verbringen entweder zu wenig oder zu viel Zeit mit ihrem Canvas. Zu wenig: fünf Minuten Brainstorming, ein paar Stichwörter, fertig. Zu viel: wochenlange Recherche, endlose Überarbeitungen, Perfektion als Ausrede für Aufschieben.

90 Minuten sind der Sweet Spot. Genug Zeit, um jedes Feld ernsthaft zu durchdenken. Wenig genug, um nicht in Detailplanung abzudriften. Bei Startup Burgenland haben wir dieses Format über Jahre verfeinert -- in unseren Coaching-Sessions in Eisenstadt, in Workshops und in Einzelarbeit mit Gründerinnen und Gründern.

In diesem Post bekommst du den genauen Ablaufplan: Minute für Minute, Feld für Feld. Du kannst ihn alleine verwenden, im Gründerteam oder als Workshop-Format mit mehreren Teilnehmern.

Was du brauchst

Material

  • Lean Canvas oder Business Model Canvas als Vorlage -- ausgedruckt auf A3 oder größer (A1 für Team-Workshops)
  • Post-its in mindestens zwei Farben (eine für Fakten, eine für Annahmen)
  • Stifte -- dick genug, dass man die Schrift aus Entfernung lesen kann
  • Timer -- dein Handy reicht
  • Kein Laptop. Ernsthaft. Der Laptop verleitet dich zum Recherchieren, und Recherche ist in diesen 90 Minuten verboten

Wenn du digital arbeitest: Miro, FigJam oder ein einfaches Google Spreadsheet funktionieren. Aber physisch ist besser -- die Haptik der Post-its zwingt dich zu Kürze.

Welches Canvas?

Wenn du noch keine zahlenden Kunden hast: Lean Canvas. Wenn du ein laufendes Geschäft optimierst: Business Model Canvas. Der Ablauf funktioniert für beide -- die Feldnamen ändern sich, der Prozess bleibt gleich.

Unsicher? Lies Lean Canvas vs. Business Model Canvas: Wann brauchst du was? für die Entscheidungshilfe.

Der 90-Minuten-Ablauf

Phase 1: Problem und Kunde (25 Minuten)

Minuten 0-10: Problem definieren

Starte mit der Frage: Welches Problem löst du? Schreib es nicht als Feature-Beschreibung, sondern als Schmerz, den dein Kunde empfindet.

Methode: Jeder im Team (oder du alleine) schreibt auf Post-its -- ein Problem pro Post-it, maximal sieben Wörter. Drei Minuten stilles Schreiben. Dann aufkleben und clustern.

Ziel: Ein bis drei klar formulierte Probleme, die auf dem Canvas stehen.

Minuten 10-20: Kundensegment eingrenzen

Wer hat dieses Problem am stärksten? Nicht die breiteste Zielgruppe, sondern die spezifischste. Die Menschen, die bereit wären, sofort für eine Lösung zu zahlen.

Frage dich: "Wenn ich morgen fünf Leute anrufen müsste, die dieses Problem haben -- wen würde ich anrufen?" Das sind deine Early Adopters.

Minuten 20-25: Bestehende Alternativen

Wie lösen diese Menschen das Problem heute? Excel? Zettelwirtschaft? Ein Konkurrenzprodukt? Gar nicht? Die bestehende Lösung ist dein Benchmark. Wenn du sie nicht kennst, kennst du deinen Markt nicht.

Phase 2: Wertversprechen und Lösung (20 Minuten)

Minuten 25-35: Unique Value Proposition

Das ist die härteste Übung. In einem einzigen Satz: Warum bist du besser als alles, was es gibt?

Bei uns im Coaching verwenden wir dafür eine einfache Formel:

"Wir helfen [Zielgruppe], [Ergebnis zu erreichen], ohne [größter Einwand]."

Schreib drei Varianten. Wähle die stärkste. Die anderen hebst du auf -- sie werden später nützlich für Marketing-Texte.

Minuten 35-45: Lösung skizzieren

Jetzt erst kommt dein Produkt. Maximal drei Kernfunktionen oder -leistungen. Nicht die komplette Produktvision, sondern die Minimum-Version, die das Problem löst.

Ich habe das beim 360 Innovation Lab hundertfach erlebt: Teams, die mit zwanzig Features starten, liefern nie. Teams, die mit drei starten, lernen schnell. Beschränke dich bewusst.

Phase 3: Kanäle, Einnahmen, Kosten (20 Minuten)

Minuten 45-52: Kanäle

Wie erreichst du deine ersten zehn Kunden? Nicht deine ersten tausend -- deine ersten zehn. In der Frühphase funktionieren fast immer:

  • Persönliches Netzwerk
  • LinkedIn-Direktnachrichten
  • Branchenveranstaltungen (WKO, Fachgruppen, regionale Meetups)
  • Empfehlungen von bestehenden Kontakten

In Eisenstadt und dem gesamten Burgenland funktioniert persönlicher Kontakt oft besser als jede digitale Kampagne. Die Region ist klein genug, dass du die relevanten Leute persönlich treffen kannst. Nutz das.

Minuten 52-60: Einnahmequellen

Wie verdienst du Geld? Definiere:

  • Das Preismodell (Einmalzahlung, Abo, Lizenz, Provision)
  • Einen ersten Preispunkt (muss nicht final sein -- aber eine Zahl hilft beim Denken)
  • Die Zahlungsfrequenz

Wenn du unsicher bist: Schau, was vergleichbare Lösungen kosten. Nicht um den gleichen Preis zu verlangen, sondern um ein Gefühl für die Zahlungsbereitschaft deiner Zielgruppe zu bekommen.

Minuten 60-65: Kostenstruktur

Was kostet es, dieses Geschäft zu betreiben? Die drei bis fünf größten Kostenblöcke reichen. In der Frühphase sind das typischerweise: deine eigene Zeit, Entwicklung oder Dienstleistungserbringung, und Marketing.

Vergiss die SVS-Mindestbeiträge nicht -- in Österreich zahlst du als Selbstständiger ab dem ersten Tag. Und die Steuerberatung: ein guter Steuerberater in der Region kostet EUR 100-200 pro Monat, spart dir aber ein Vielfaches.

Phase 4: Kennzahlen und Vorteil (15 Minuten)

Minuten 65-75: Schlüsselkennzahlen

Woran misst du, ob dein Geschäftsmodell funktioniert? Definiere zwei bis vier Kennzahlen. In der Frühphase:

  • Wie viele Gespräche mit potenziellen Kunden hast du geführt?
  • Wie viele davon würden kaufen?
  • Wie hoch ist die Conversion von Test zu Bezahlung?
  • Wie oft nutzen zahlende Kunden das Produkt?

Keine Vanity Metrics. Keine Instagram-Follower. Keine Website-Besucher. Nur Zahlen, die dir sagen, ob dein Modell tragfähig ist.

Minuten 75-85: Unfairer Vorteil

Was hast du, das niemand kopieren kann? Branchenexpertise, Netzwerk, proprietäre Daten, Standortvorteil, bestehende Kundenbeziehungen?

Wenn dieses Feld leer bleibt -- kein Problem. Aber notiere dir, dass du daran arbeiten musst. Ein Geschäft ohne unfairen Vorteil ist angreifbar.

Phase 5: Review und Priorisierung (5 Minuten)

Minuten 85-90: Das Canvas lesen

Tritt einen Schritt zurück. Lies das Canvas von links nach rechts, von oben nach unten. Stelle dir drei Fragen:

  1. Ergibt es eine Geschichte? Problem, Lösung, Kunde, Kanal, Geld -- hängt alles zusammen?
  2. Was ist die riskanteste Annahme? Markiere sie. Das ist dein erster Testpunkt.
  3. Was fehlt? Welches Feld konntest du nicht sinnvoll ausfüllen? Das zeigt dir, wo du noch recherchieren musst.

Fertig. 90 Minuten. Ein Canvas. Eine klare Übersicht deines Geschäftsmodells -- mit allen Annahmen sichtbar gemacht.

Solo vs. Team: Was funktioniert besser?

Solo-Arbeit

Wenn du alleine gründest, funktioniert der 90-Minuten-Ablauf genauso -- du überspringst nur die Diskussionsphasen. Die Gefahr: Du bist in deiner eigenen Denk-Bubble gefangen.

Tipp: Nachdem du fertig bist, zeige dein Canvas jemandem, der nichts mit deiner Idee zu tun hat. Einer Freundin, einem Kollegen, deiner Partnerin. Erkläre es in fünf Minuten. Wo stockst du? Wo stellt die andere Person Fragen? Das sind die schwachen Stellen.

Team-Arbeit (2-4 Personen)

Im Team funktioniert der Workshop am besten. Jeder schreibt zuerst alleine Post-its, dann diskutiert ihr. Regel: Jede Diskussion hat ein Zeitlimit. Wenn ihr euch nicht einigt, schreibt beide Varianten auf und testet sie.

Bei Startup Burgenland moderieren wir diese Sessions regelmäßig für Gründerteams. Die häufigste Überraschung: Co-Founder, die glauben, dass sie das gleiche Geschäftsmodell im Kopf haben, stellen beim Canvas-Workshop fest, dass sie komplett unterschiedliche Vorstellungen haben. Das ist kein Problem -- das ist der Wert der Übung.

Workshop mit mehreren Teams

Wenn du ein Canvas-Workshop für mehrere Startups oder Gründungsinteressierte organisierst (z.B. an einer FH, bei einem WKO-Event oder in einem Co-Working-Space):

  • Gruppengröße: 3-5 Personen pro Canvas
  • Moderation: Einer moderiert, die anderen arbeiten
  • Zeitdisziplin: Timer sichtbar für alle. Keine Diskussion über das Zeitlimit hinaus.
  • Pitch am Ende: Jedes Team pitcht sein Canvas in 2 Minuten. Das zwingt zur Klarheit.

Was passiert nach den 90 Minuten?

Das Canvas ist der Anfang, nicht das Ende. Die nächsten Schritte:

In den ersten 48 Stunden

  1. Fotografiere oder speichere dein Canvas. Du wirst es überarbeiten -- aber die erste Version ist wertvoll als Referenz.
  2. Markiere die riskanteste Annahme. Was ist die eine Sache, die stimmen muss, damit dein Geschäft funktioniert?
  3. Plane deine ersten fünf Kundengespräche. Nicht um zu verkaufen, sondern um zu lernen.

In der ersten Woche

  1. Führe mindestens drei Kundengespräche. Frage nach dem Problem, nicht nach deiner Lösung.
  2. Überarbeite das Canvas basierend auf dem, was du gelernt hast.

Im ersten Monat

  1. Wiederhole den Zyklus. Canvas ausfüllen, testen, überarbeiten. Bei uns im Coaching machen Startups das alle zwei bis vier Wochen.

Häufige Fragen zum Canvas-Workshop

"Muss ich vorher recherchieren?"

Nein. Das Canvas basiert auf deinem aktuellen Wissen. Die Recherche kommt danach -- gezielt, auf die Felder beschränkt, bei denen du unsicher bist. Wenn du vorher recherchierst, verlierst du dich in Details und füllst das Canvas nie aus.

"Was, wenn ich nicht alle Felder ausfüllen kann?"

Dann lässt du sie leer. Ein leeres Feld ist eine ehrliche Aussage: "Das weiß ich noch nicht." Das ist wertvoller als eine erfundene Antwort.

"Brauche ich eine spezielle Vorlage?"

Nein. Du kannst das Canvas auf einem Whiteboard, einem Flipchart oder einem Blatt Papier zeichnen. Die Struktur ist wichtiger als das Format. Aber wenn du eine Vorlage willst: Es gibt hunderte kostenlose Lean-Canvas- und BMC-Vorlagen online.

"Kann ich das Canvas auch am Laptop machen?"

Kannst du. Solltest du nicht. Am Laptop öffnest du Google, dann LinkedIn, dann den Browser -- und 90 Minuten später hast du kein Canvas, sondern 47 offene Tabs. Papier und Post-its zwingen dich zur Fokussierung.

Der nächste Schritt

Blockiere dir 90 Minuten in deinem Kalender. Nicht "irgendwann diese Woche" -- einen konkreten Termin. Besorge Post-its und Stifte. Druck eine Canvas-Vorlage aus. Und dann: Timer starten.

Wenn du den detaillierten Feldführer brauchst, lies Lean Canvas für die Validierungsphase -- eine praktische Anleitung. Und wenn du nach dem Workshop wissen willst, welche Fehler du im Canvas vermeiden solltest, lies Die häufigsten Canvas-Fehler und wie du sie vermeidest.

Du brauchst kein perfektes Canvas. Du brauchst ein ehrliches. Und das bekommst du in 90 Minuten.


Startup Burgenland bietet individuelles 1:1 Coaching für Gründerinnen und Gründer -- inklusive Canvas-Workshops, Validierungsbegleitung und Netzwerkzugang. Flexibler Einstieg, kein Batch-Programm, vom Erstgespräch bis zum Scale-up. Schreib uns ein formloses E-Mail.

Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.

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