Warum du nicht in einen überfüllten Markt einsteigen solltest
Stell dir zwei Szenarien vor.
Szenario 1: Du gründest ein Startup im Bereich Essenslieferung. Dein Markt: Wien. Deine Konkurrenz: Mjam, Lieferando, Wolt und ein Dutzend lokale Anbieter. Alle kämpfen um dieselben Restaurants, dieselben Kunden, dieselben Kuriere. Der Preis ist der einzige Unterscheidungsfaktor. Die Margen sind dünn. Jeder Euro Kundengewinnung wird von der Konkurrenz überboten.
Szenario 2: Du gründest ein Startup, das Direktvermarkter im Burgenland und in der Steiermark dabei unterstützt, ihre Produkte digital zu vermarkten und regional zu liefern. Es gibt keinen etablierten Anbieter. Die Zielgruppe ist klar und erreichbar. Du löst ein reales Problem, für das noch niemand eine gute Lösung hat.
Welches Szenario hat bessere Chancen?
Die Antwort ist offensichtlich. Und genau das ist der Kern der Blue-Ocean-Strategie: Statt in einem überfüllten Markt (einem "roten Ozean") um Marktanteile zu kämpfen, findest oder erschaffst du einen neuen Markt (einen "blauen Ozean"), in dem du ohne direkte Konkurrenz operierst.
Was ist die Blue-Ocean-Strategie?
Die Blue-Ocean-Strategie ist eines der bekanntesten Strategie-Frameworks weltweit. Es wird an Business Schools, in Konzernen und in Startup-Programmen gleichermaßen eingesetzt. Das Konzept ist einfach:
Rote Ozeane sind bestehende Märkte mit klaren Grenzen, bekannten Spielregeln und etablierten Wettbewerbern. Unternehmen kämpfen um bestehende Nachfrage. Der Wettbewerb ist intensiv, die Margen schrumpfen, und das Wasser wird bildlich gesprochen rot -- vom Blut der Konkurrenten, die sich gegenseitig auffressen.
Blaue Ozeane sind neue oder unerschlossene Markträume, in denen Nachfrage geschaffen statt umkämpft wird. Der Wettbewerb ist irrelevant, weil es keine direkten Konkurrenten gibt. Die Margen sind höher, das Wachstum ist schneller, und du definierst die Spielregeln selbst.
Die wichtigste Erkenntnis: Blaue Ozeane entstehen meistens nicht durch technologische Durchbrüche. Sie entstehen durch eine neue Kombination von Wert für den Kunden. Die Technologie ist oft schon da -- was fehlt, ist die richtige Verbindung zwischen Kundenbedürfnis und Angebot.
Warum ist das für Startups relevant?
Weil Startups im roten Ozean fast immer verlieren.
Denk darüber nach: In einem etablierten Markt hast du als Startup jeden Nachteil. Weniger Kapital, weniger Bekanntheit, weniger Kunden, weniger Erfahrung. Du versuchst, mit einem Taschenmesser gegen Panzer zu kämpfen.
Aber in einem blauen Ozean dreht sich das Verhältnis um. Hier zählt nicht Größe, sondern Geschwindigkeit. Nicht Budget, sondern Kreativität. Nicht Bekanntheit, sondern Relevanz. Und genau das sind die Stärken eines Startups.
Bei Startup Burgenland sehen wir dieses Muster immer wieder: Die Startups, die in einer Nische starten, in der es keine direkten Wettbewerber gibt, haben eine deutlich höhere Überlebensrate als die, die versuchen, einen etablierten Player frontal anzugreifen.
Das Vier-Aktionen-Framework
Das Herzstück der Blue-Ocean-Strategie ist das Vier-Aktionen-Framework. Es hilft dir, ein Angebot zu entwerfen, das sich fundamental von der Konkurrenz unterscheidet -- nicht durch mehr Features, sondern durch eine andere Zusammensetzung.
Die vier Aktionen:
1. Eliminieren: Was kannst du streichen?
Welche Faktoren, die deine Branche für selbstverständlich hält, kannst du komplett weglassen?
Viele Branchen schleppen Features, Prozesse und Standards mit, die historisch gewachsen sind, aber keinen echten Wert mehr für den Kunden haben. Wenn du sie streichst, senkst du deine Kosten -- und schaffst Platz für etwas Neues.
Beispiel: Ein klassisches Beratungsunternehmen hat aufwendige Präsentationen, lange Analysephasen und mehrseitige Berichte. Ein Startup-Beratungsformat könnte das alles eliminieren und stattdessen auf schnelle, pragmatische 1:1-Sessions setzen. Weniger Overhead, mehr Ergebnis.
2. Reduzieren: Was kannst du herunterfahren?
Welche Faktoren kannst du deutlich unter den Branchenstandard senken -- weil deine Kunden sie gar nicht so stark brauchen?
Nicht alles, was die Branche bietet, ist gleich wichtig. Oft werden Dinge überliefert, die den Kunden mehr kosten als nützen. Reduziere, was weniger zählt.
Beispiel: Ein Hotel am Neusiedler See, das auf Geschäftsreisende zielt, braucht kein Spa, kein Fünf-Gänge-Restaurant und kein Animationsprogramm. Es braucht schnelles WLAN, einen ruhigen Arbeitsraum und flexible Check-in-Zeiten.
3. Steigern: Was kannst du über den Standard heben?
Welche Faktoren kannst du deutlich über den Branchenstandard heben -- weil sie deinen Kunden besonders wichtig sind?
Hier investierst du das, was du durch Eliminieren und Reduzieren gespart hast. Nicht in alles -- sondern in die Dinge, die für deine Zielgruppe den größten Unterschied machen.
Beispiel: Ein Steuerberater, der sich auf Gründer spezialisiert, könnte die Erreichbarkeit massiv steigern: Antwort innerhalb von zwei Stunden statt zwei Wochen. Für einen Gründer, der gerade eine dringende Frage zur Umsatzsteuervoranmeldung hat, ist das unbezahlbar.
4. Kreieren: Was kannst du Neues schaffen?
Welche Faktoren kannst du einführen, die es in deiner Branche noch nie gab?
Das ist der kreativste Teil. Hier schaffst du etwas, das dein Angebot einzigartig macht -- etwas, das Kunden bisher nicht einmal erwarten konnten, weil es nicht existierte.
Beispiel: Ein Agrotech-Startup im Burgenland, das Weinbauern nicht nur Software für die Dokumentation bietet, sondern gleichzeitig eine Community-Plattform, auf der sich Winzer aus der Region austauschen und gegenseitig helfen können. Dokumentation gibt es von vielen -- eine Winzer-Community als Teil des Produkts ist ein blauer Ozean.
Wie du die Strategy Canvas nutzt
Die Strategy Canvas ist ein visuelles Werkzeug, das dir hilft, deinen blauen Ozean zu identifizieren. So funktioniert es:
Schritt 1: Liste die fünf bis acht Faktoren auf, auf denen deine Branche konkurriert. Zum Beispiel für einen Buchhaltungsservice für Selbstständige: Preis, Funktionsumfang, Benutzerfreundlichkeit, persönlicher Support, Automatisierungsgrad, Branchenkenntnis, Reaktionsgeschwindigkeit, Reporting.
Schritt 2: Bewerte jeden Faktor für die bestehenden Anbieter auf einer Skala von 1 bis 5. Du wirst sehen: Die meisten Anbieter haben ähnliche Profile. Alle sind mittelmäßig in allem.
Schritt 3: Zeichne dein eigenes Profil -- mit dem Vier-Aktionen-Framework. Eliminiere, reduziere, steigere, kreiere. Dein Profil muss sich deutlich von den anderen unterscheiden. Wenn es dem Branchendurchschnitt ähnelt, bist du im roten Ozean.
Ein konkretes Beispiel aus dem Coaching
Ein Gründer in unserem Programm wollte einen Buchhaltungsservice für Selbstständige in Österreich starten. Der rote Ozean: klassische Steuerberater und Online-Buchhaltungstools wie ProSaldo oder sevDesk.
Seine Strategy Canvas:
- Eliminiert: Persönliche Beratungstermine (zu teuer, zu langsam)
- Reduziert: Funktionsumfang (nur das, was Selbstständige mit der Kleinunternehmerregelung brauchen -- nicht alles, was eine GmbH braucht)
- Gesteigert: Reaktionsgeschwindigkeit (Antwort per Chat innerhalb von 30 Minuten)
- Kreiert: Proaktive Finanz-Alerts ("Achtung: Deine SVS-Nachzahlung wird voraussichtlich EUR X betragen. Leg jetzt EUR Y pro Monat zur Seite.")
Das Ergebnis: Ein Angebot, das sich fundamental von klassischen Steuerberatern und von generischen Buchhaltungstools unterscheidet. Keine Konkurrenz im klassischen Sinn -- ein eigener Markt.
Warum der österreichische Markt perfekt für Blue Oceans ist
Österreich hat eine Eigenschaft, die Blue-Ocean-Strategien besonders begünstigt: Der Markt ist klein genug, dass große Player Nischen ignorieren -- und groß genug, dass diese Nischen tragfähige Geschäfte ermöglichen.
In einem Markt mit 9 Millionen Menschen gibt es unzählige Segmente, die für internationale Konzerne zu klein sind, aber für ein österreichisches Startup mit schlanken Strukturen perfekt.
Wo wir blaue Ozeane in Österreich sehen
Agrotech: Die österreichische Landwirtschaft ist hochspezialisiert -- Weinbau, Bio-Landwirtschaft, Almwirtschaft. Jede dieser Nischen hat spezifische Probleme, die globale Agrar-Software nicht löst. Ein Startup, das sich auf biologischen Weinbau im Burgenland konzentriert, hat keine Konkurrenz -- weil es für globale Anbieter zu nischig ist.
Regionale Gesundheitsversorgung: Die medizinische Versorgung in ländlichen Regionen -- vom Südburgenland bis ins Waldviertel -- hat andere Probleme als Wien oder Graz. Telemedizin, mobile Pflegedienste, Gesundheitsmonitoring für ältere Menschen: Das sind Märkte, die von den großen Health-Tech-Playern kaum adressiert werden.
Tourismus in Nebensaisons: Der österreichische Tourismus wird dominiert von Winter (Ski) und Sommer (Seen, Wandern). Aber die Zwischensaisons -- Frühling und Herbst -- sind für viele Regionen eine Herausforderung. Wer Konzepte entwickelt, die die Nebensaison beleben (Kulinarik-Tourismus, Wellness-Retreats, Workation-Angebote), betritt einen Markt mit wenig Wettbewerb.
Nachfolge und ReStartUp: Betriebsnachfolge ist ein massives, wachsendes Problem in Österreich. Tausende KMUs suchen Nachfolger. Wer in diesem Bereich innovative Lösungen entwickelt -- Matching-Plattformen, Übergangscoaching, digitale Übergabeprozesse -- findet einen blauen Ozean. Nicht umsonst haben wir bei Startup Burgenland das ReStartUp-Format genau für dieses Thema entwickelt.
Die häufigsten Fehler bei der Blue-Ocean-Strategie
Fehler 1: Den blauen Ozean mit einem kleinen Markt verwechseln
Ein blauer Ozean ist nicht einfach ein leerer Markt. Er ist ein Markt, der wächst oder der durch dein Angebot erst entsteht. Wenn du eine Nische findest, die seit zehn Jahren unverändert ist und niemanden interessiert -- ist das kein blauer Ozean. Das ist ein ausgetrockneter Teich.
Frage dich: Warum gibt es hier keinen Wettbewerb? Weil niemand das Problem lösen konnte? Oder weil das Problem nicht groß genug ist? Nur die erste Antwort deutet auf einen blauen Ozean hin.
Fehler 2: Blue Ocean als "billiger"-Strategie missverstehen
Blue Ocean heißt nicht: Alles weglassen und den Preis senken. Es heißt: Anders zusammensetzen. Du eliminierst und reduzierst, was weniger wichtig ist -- und steigerst und kreierst, was mehr wert ist. Das Ergebnis kann ein höherer Preis sein, nicht ein niedrigerer.
Fehler 3: Den roten Ozean als Feind betrachten
Rote Ozeane sind nicht schlecht. Sie beweisen, dass ein Markt existiert und Kunden bereit sind zu zahlen. Viele erfolgreiche Startups starten bewusst in einem roten Ozean und schaffen dann einen blauen, indem sie das Angebot neu zusammensetzen. Der rote Ozean ist dein Ausgangspunkt, nicht dein Endpunkt.
Wie du deinen blauen Ozean findest
Hier ist ein Prozess, den wir bei Startup Burgenland empfehlen:
Schritt 1: Analyse des roten Ozeans. Wer sind die bestehenden Anbieter? Worauf konkurrieren sie? Was bieten sie alle an? Was fehlt? Erstelle eine Strategy Canvas.
Schritt 2: Nicht-Kunden identifizieren. Wer nutzt die bestehenden Lösungen nicht -- obwohl er das Problem hat? Warum nicht? Zu teuer? Zu kompliziert? Nicht relevant genug? Diese Nicht-Kunden sind deine größte Chance.
Schritt 3: Vier-Aktionen-Framework anwenden. Eliminieren, Reduzieren, Steigern, Kreieren. Entwirf ein Angebot, das sich fundamental vom Branchendurchschnitt unterscheidet.
Schritt 4: Testen. Zeig dein neues Angebot zehn potenziellen Kunden (idealerweise Nicht-Kunden der bestehenden Lösungen). Verstehen sie den Unterschied? Ist er relevant für sie? Würden sie zahlen?
Schritt 5: Iterieren. Dein erster Entwurf wird nicht perfekt sein. Das ist normal. Passe an, teste wieder, passe wieder an.
Von der Theorie in die Praxis
Nimm deine aktuelle Startup-Idee und erstelle eine einfache Strategy Canvas:
- Liste fünf Faktoren auf, auf denen deine Branche konkurriert
- Bewerte die bestehenden Anbieter auf jedem Faktor (1-5)
- Wende das Vier-Aktionen-Framework an: Was eliminierst du? Was reduzierst du? Was steigerst du? Was kreierst du?
- Zeichne dein eigenes Profil ein
Wenn dein Profil dem Branchendurchschnitt ähnelt, bist du im roten Ozean. Wenn es sich deutlich unterscheidet, hast du den Anfang eines blauen Ozeans.
Das ist eine Übung, die 30 Minuten dauert und dir mehr strategische Klarheit gibt als ein hundert Seiten langer Business Plan.
Wenn du die Grundlagen der Ideenfindung noch einmal lesen willst, starte mit Wo gute Geschäftsideen wirklich herkommen. Und wenn du wissen willst, wie du bewertest, ob dein Problem groß genug ist, lies Wie du systematisch Probleme findest, die es wert sind, gelöst zu werden.
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Startup Burgenland unterstützt Gründerinnen und Gründer dabei, ihre einzigartige Marktposition zu finden -- mit individuellem 1:1 Coaching, das auf deine Situation zugeschnitten ist. Egal ob du im Burgenland, in Wien oder anderswo in Österreich gründest. Schreib uns ein formloses E-Mail für dein Erstgespräch.
Über den Autor: Felix Lenhard ist Program Director und Startup Coach bei Startup Burgenland. Zuvor Managing Director beim 360 Innovation Lab, Innovation Manager bei RHI Magnesita und Serial Entrepreneur mit internationalen Exits. Über 15 Jahre Erfahrung in Innovation und Unternehmensaufbau.